Barrierefrei ist „in“ im Internet?

Zum Thema „Barrierefreiheit im Internet“ widersprechen sich im Augenblick mal wieder kräftig die Meldungen.

Während die Selbsthilfe und die zugeschalteten Firmen beklagt, dass sich auf diesem Sektor so gut wie gar nichts mehr tut, schreiben die Focus-Netnews im Brustton der Überzeugung, Barrierefreiheit sei „in“ im Internet. Wieso sie gerade jetzt darauf kamen, ist mir schleierhaft, und es wird in dem Artikel auch nicht erwähnt. Neben der Eigenwerbung, dass sie sich selbst als praktisch barrierefreie Site bezeichneten, worauf ich nicht eingehen will, zählten sie einige der wichtigsten Dinge auf, die man bei einer nutzbaren Seite beachten soll. Darunter aber auch interessante Dinge wie die Lesbarkeit für „Textbrowser“. Das habe ich ja schon jahrelang nicht mehr gehört, und Franz-Josef Hanke, der immer noch mit Lynx und Nettamer durchs Internet surft, wird es ihnen danken. Ich fühle mich in die Zeit von 1998 zurückversetzt, als ich mit ihm den „Arbeitskreis barrierefreies Internet (AkbI) gründete, und als wir das Thema als erste in Deutschland auf den Tisch brachten, und zwar mit unserem zweimal ausgelobten Preis, dem „gordischen Webknoten“. Im Archiv des Bundestages, im Archiv des WDR und an manchen anderen Stellen des Webs gibt es bestimmt noch Artikel darüber. Seit langer Zeit habe ich nicht mehr gehört, dass man auf „Textbrowser“ Rücksicht nehmen soll, denn weniger als 1 Prozent der Webuser nutzen diese altertümlichen Internetfahrzeuge noch. Aber ich fand es fast schon rührend nostalgisch, das noch einmal zu lesen. Denn tief in meinem Herzen bin ich auch dafür, dass man Seiten immer noch mit Lynx ansehen können soll.

Ich habe heute gehört, dass die Werbeindustrie bei einem Gutachten schlecht abgeschnitten hat. Wenn man eine Internetseite erstellt und dabei den doppelten finanziellen Aufwand als üblich betreibt, kann man in der Regel 1,4 Prozent mehr Käufer anwerben. Zu Deutsch: Wenn man in mehr Gimmix, in noch mehr Flash, in rotierende Doppelhelixe und was der Dinge mehr sind investiert, damit die User auf die tollen Animationen und Videosequenzen klicken, bringt das am Ende nicht so viel mehr Geld, dass es den Aufwand lohnen würde. Das ist für mich das stichhaltigste Argument, zurückzugehen zu einer mehr inhaltsorientierten Webseitengestaltung auch in der Wirtschaft.

Heute bin ich lang kein Experte mehr auf dem Gebiet, zumindest nicht in technischer Hinsicht. Ich habe aufgehört, HTML und CSS und Java zu büffeln, mein Gehirn ist nicht gemacht für die Feinheiten von PHP und MySQL, aber politisch stehe ich zu jenen, und vertrete das auch vehement, die ein barrierefreies Internet für Alle fordern. Dabei steht für mich nicht mehr die unbedingte Einhaltung jedes Gummiparagraphen einer hinterm grünen Schreibtisch entwickelten Richtlinie im Vordergrund, obwohl ich die Verordnung über die barrierefreie Informationstechnik wirklich gutheiße, sondern eine praxisnahe Programmierung von Internetseiten, die auch von alten und behinderten Menschen ohne Probleme genutzt werden können. – Jawohl, wenn möglich auch von solchen, die einen textbasierten Internetbrowser benutzen!

Copyright © 2005, Jens Bertrams – Vorsitzender des Arbeitskreis barrierefreies Internet (AkbI e. V.)

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

5 Kommentare zu Barrierefrei ist „in“ im Internet?

  1. Carola Heine sagt:

    An dem „Lesbarkeit für Textbrowser“ bin ich vermutlich schuld. Natürlich nicht, weil ich das so gesagt habe (habe ich nämlich nicht), sondern weil ich einen Textbrowser verwendet habe, um aufzuzeigen, wie ein „abgespeckter“ Browser auf einem Mobilgerät zB eine Seitenstruktur „wahrnimmt“ und wie ungünstig es dann sein kann, verschachtelte Tabellen zu verwenden.

    Ich habe mich auch gewundert über diesen Artikel und seine Aussagen über Barrierefreiheit und schreibe gleich noch eine Mail deswegen an den Verfasser (das sollte ich wohl, denn ich habe die Templates für die Site gemacht).

  2. Ja, der Brief an den Autor wäre vermutlich nicht schlecht:-). Aber ich wollte es ja nicht kommentieren.
    Übrigens: Schöne und humorvolle Site, das moving Target.

  3. Carola Heine sagt:

    Danke dir, das freut mich 🙂

    Ich habe an die Euro-Focus-Redaktion gemailt und warte jetzt, ob man zu der Mail noch Fragen hat. So muss ein Tag wirklich nicht anfangen, ich erhole mich erst ganz langsam *g* und danke dir für die sachliche Reaktion.

    Ein Gutes hat die Sache, ich habe dieses Blog gefunden, das mir sonst entgangen wäre. Herzliche Grüße! Carola

  4. Freut mich, dass dir mein blog gefällt. Wenn die Redaktion lesenswert antwortet, kannst du es ja noch mal bekannt geben.

    Gute Erholung:-)

    Jens

  5. Carola Heine sagt:

    Es gab einige Mails hin und her und ich glaube, dass man gesehen hat: Der Artikel lag daneben, das passte alles nicht so richtig und nun wurde er entfernt. Ich denke, man war einfach begeistert davon, eine modernisierte Website zu haben (nach 7 Jahren mit einer schwer frame- und scriptlastigen Seite) und ist etwas übers Ziel hinausgeschossen.

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