Ein ganz normaler Tag? – Eher nicht!

Wenn ich gerade nicht blogge, was mache ich da eigentlich? Ich gebe ja zu, dass ich schon ein Internetjunkie bin, irgendwie zumindest, aber ich mache auch noch einige andere Sachen.
Radio ist bei mir in, hören und machen, aber hören in letzter Zeit seltener.

Tja und im Augenblick kann ich mich ja sowieso nicht beschweren. Weil meine Liebste noch bis Samstag in Urlaub im schönen, wenn auch saukalten Brasilien ist(die haben da nur 5 Grad oder so), habe ich hier unseren Hund, den ich, wie schon einmal geschrieben, hüten muss. Bloß gibt es dann so Tage, die einen verrückt machen. Wenn sich das Untier beim Spazierengehen grundsätzlich so verheddert in Bäumen und Sträuchern, dass ich durch die Büsche krackseln muss, um die alte Hundedame wieder zu befreien zum Beispiel. Oder an einer Wegkreuzung, an der ich einen Moment mit einem Freund stehe und mich unterhalte, zieht sie plötzlich in eine bestimmte Richtung, und ich bin etwas verwirrt, mache aber den Fehler, dem klugen Tier in die falsche Richtung zu folgen… Das sind so Sachen, die mir an ganz normalen Tagen passieren.

Oder ich gucke mal nach Musik und recherchiere nach Aufnahmen, die hier in Marburg oder meiner Heimatstadt Solingen gemacht wurden. Heute stieß ich plötzlich auf eine Live-Aufnahme der Gruppe Blackmore’s Night, die im Schloss Burg in Solingen aufgezeichnet wurde. Und plötzlich hört der Tag für mich auf, ganz normal zu sein, plötzlich hänge ich in tiefster und überwunden geglaubter Trauerarbeit…

Es ist 14 Jahre her, da wollte ich mir nach meinem bestandenen Abitur mal was ganz besonderes leisten. Ich nahm mir vor, zum Jubiläumskonzert der holländischen Gruppe BZN. Meine Mutter, Jahrgang 1929 und mit ihren 63 Jahren meistens nicht für Popmusik zu haben, wollte mich begleiten. Es wurde ein gewaltiges Fest, und wir haben viel Spaß gehabt. Die Gruppe war hervorragend, viel kreativer und interessanter als auf ihren Studio-CD’s. Ich habe es nicht bereut. Meine Mutter hielt den ganzen Abend auch bei lauten und sehr lauten Schlagzeugsoli durch, und wir fanden es beide wundervoll. Schon damals war meine Mutter ziemlich krank, und ich hatte vorher Sorge, sie könnte die Veranstaltung wegen ihres Asthmas oder so nicht durchhalten. Aber wie gesagt, es ging, und es war super. Vor allem fand ich das beachtlich, weil meine Mutter nie viel weggegangen war und sich in der Regel auf die Arbeit in ihrem Leben beschränkt hatte.

Im Juli 1999 fand in Solingen, im Schloss Burg an der Wupper, ein Konzert von Blackmore’s Night statt. Einige FReunde überlegten sich mit mir, dass dieses Konzert auch meiner Mutter gefallen könnte. Inzwischen war sie siebzig, nicht mehr gut zu fuß, aber sie hatte Lust. Also machten wir uns mit Klappstuhl per Bus auf den Weg in den Schlosshof. Wir waren so früh, dass wir gleich reingekommen wären, wir waren die ersten. Meine Mutter konnte nicht lange stehen, deshalb war das so wichtig. Aber es gab ein Problem mit den Karten einer bestimmten Verkaufsfirma, und als wir dann fast drei Stunden später endlich dran waren und im Hof, brach meine Mutter zusammen, und wir mussten vorzeitig, ohne Konzert, per Taxi nach hause. Dort angekommen ging es meiner Mutter wieder besser,, sie hatte nur was essen müssen. Wir schworen uns: „Irgendwann machen wir das noch einmal, dann klappt es.“

In den Jahren darauf erholte sich meine Mutter etwas von ihren schweren Krankheiten. Sie hatte vorübergehend im Rollstuhl gesessen im Jahre 2000, hatte sich aber selbst durch viel Übung wieder hochgerappelt und ihren Lebensmut nicht verloren. Dafür habe ich sie immer sehr bewundert, und meine Freunde und ich halfen ihr, so gut es ging. Ihr plötzlicher und unerwarteter Tod am 24. November 2002 war dann auch ein schwerer Schlag für mich. Damit verlor ich vollkommen meine Familie, und dieser Tod ging mit einer großen Tragik in meinem Leben einher, die hier nicht so wichtig ist.

Als ich heute die Aufnahme fand, schaute ich auf das Datum. 25. Juli 2002. – Vier Monate vor dem Tod meiner Mutter, zu einer Zeit also, wo wir durchaus hätten noch einmal zusammen ein solches Konzert erleben können. Aber wir haben es nicht gewusst. Diese vertane letzte Chance, diese verpasste Gelegenheit, gemeinsam etwas schönes zu erleben, Spaß zu haben und sich zu freuen, gerade weil meine Mutter in den letzten Jahren ziemlich einsam war, weil ihre Kinder entweder tot oder weit weg waren, oder nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten, diese verpasste Gelegenheit ist es, die mir so tief ins Herz schneidet. Der Verlust meiner Mutter und meiner ganzen Familie, die ich immer für das Zentrum meines Lebens gehalten habe, hat mich sehr geschmerzt, und ich habe lange gebraucht, wieder ein einigermaßen normales Leben zu führen. Ohne meine Liebste und meine Freunde wäre mir das nie gelungen. Und dann kommt nur das Datum einer Aufnahme daher, und plötzlich ist alles wieder da. Eine Familie, Menschen, die einen vorbehaltlos anerkennen, mögen und verstehen, das habe ich gerade in meiner Internats- und Studentenzeit mir immer zu erhalten gesucht, gerade weil ich oft so verdammt allein war, wenn ich für mich kämpfen oder mein Leben in den Griff kriegen wollte. Der Verlust dieses sozialen Netzes, dieser im Notfall schützenden Schale, hat mich ziemlich mitgenommen und mit Ängsten über meine Zukunft konfrontiert. Wer hilft mir, wenn ich einmal alt bin? … – Ohne Familie? … – Aber ich habe mich dem Leben zugewandt, und dann heute diese verpasste Chance. Das hat weh getan, und deshalb war heute ganz bestimmt kein normaler Tag für mich.

Copyright © 2005, Jens Bertrams.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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