Soll man die Bürger überhaupt noch Wählen lassen?

Alle Nase lang ist heute von Politikverdrossenheit die Rede.
Ursachenforschung wird betrieben, es wird darüber gewettert, Studien zu
diesem Thema entstehen. Aber ist „Politikverdrossenheit“ eigentlich
überhaupt das richtige Wort?

Was bedeutet denn Verdrossenheit? Bedeutet es
nicht eigentlich, daß jemand nach langem Kampfe, nach wirklichem Engagement
einfach irgendwann mal genug hat? Wie viele Bürger unseres und vieler
anderer Länder könnten so was von sich ernsthaft behaupten? Ich vermute sehr
wenige.

Dann kenne ich das Wort „verdrossen“ noch aus einer alten Kindercassette.
„Sie saß verdrossen und verbiestert am Fenster“, wobei „verdrossen“ so im
Zusammenhang von langweilig oder gelangweilt zu verstehen war. Ist unsere
Politik heute so langweilig? Ich finde nicht. Die Zeichen stehen auf Sturm,
und man muß schon genau aufpassen, um den Anschluß an den Zug nicht zu
verpassen. Reformen jagen Deformen, und es ist schon eine ordentliche
Portion an Denksport notwendig, um keinen Bequemlichkeitsspeck anzusetzen.
Gut, solcherlei Sport ist nicht so angesagt in unserer
Fit-und-Fun-Gesellschaft wie nordic walking oder Aqua-Aerobik. Ist es das,
was verdrossen macht? Die Mühe, sich mit der Politik zu befassen? Nun, wenn
man Leute befragt, bekommt man diese Antwort jedenfalls nicht. Da hört man:
„da kann man doch sowieso nix machen“ und „die verarschen einen“ und „da
blickt doch keiner durch. die machen doch, was sie wollen.“ Aber versucht
jemand, wirklich durchzublicken? Hört jemand freiwillig Radio 5 oder
Deutschlandfunk, wo es doch FFH und HR4 und all das gibt, wo man Nachrichten
light bekomt? Wer weiß noch, was ein Petitionsausschuß ist? Ach ja! Ich
vergaß! Die Zeit haben ja nur arbeitslose Hartz-IV-Empfänger und
Herumlungerer wie ich! Tschuldigung! Nehme alles zurück!

Folgerichtig geht es dann bei Wahlen, seien es Europa- oder
Bundestagswahlen, auch nicht mehr um Inhalte, sondern um Denkzettel für
unausgegorene, aber hochgeschätzte Bauchgefühle von im-Stich-gelassen-werden
und Unzufriedenheit. Nix gegen so ein Gefühl, aber dann könnte man ja auch
mal gegen Hartz IV auf die Straße gehen oder gar eine inhaltliche Debatte zu
einzelnen Fragen hierzu besuchen! Wer weiß denn noch wirklich, welche Partei
zu welchem Thema was sagt? Und vor allem warum? Was sagt jemand vor, was
nach einer Wahl?

Ich gebe zu: All das *ist* schrecklich schwierig, und auch ich stehe oft
davor wie die Kuh vorm Berge. Aber wir werden nicht das richtige wählen,
wenn wir unsere Unwissenheit trotzig vor uns hertragen und Quittungen
verteilen, wie es sich grade „gut anfühlt“. Schade, daß es fürs Wählen
keinen Führerschein gibt, so einen Schein in politischer allgemeinbildung.

entschuldigt meinen Frust, aber manchmal stelle ich mir schon die Frage, ob
es nicht statt „soll ich wählen“ „darf ich bei meinem bewußten Unwissen
überhaupt wählen?“ heißen sollte.

Na denn mal nix für ungut!

Das Nest

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