Wenn einer alleine ein barrierefreies CMS schreibt

Thomas Buntin ist ein Azubi, bereitet sich gerade auf seine mündliche Prüfung vor, und – gewissermaßen nebenbei – er schreibt an einem barrierefreien Content-management-System (CMS).

Diese „Nebentätigkeit“ kam allerdings nicht von ungefähr. Thomas lernt „Informatikkaufmann“ an der Deutschen Blindenstudienanstalt hier in Marburg. Letztes Jahr im Juli suchte er einen Praktikumsplatz für 17 Wochen. Und da hat ihm der Arbeitskreis barrierefreies Internet, dessen Vorsitzender ich bin, und der gerade keine vorzeigbare Internetseite hat, was sich in diesem Beitrag erklären wird, einen angeboten. – Also einen Praktikumsplatz, meine ich. – Wir kamen auf die Idee, für unsere Seite, die nicht mehr den Richtlinien der Barrierefreiheit entsprach, ein neues Layout zu erstellen, und eine Möglichkeit zu finden, dass jeder Mitarbeiter des Vereins selbstständig barrierefreie Seiten eingeben kann. Wir beauftragten ihn also, uns in diesen 17 Wochen einen Contentmanager zu schreiben, mit dem man dynamische Webseiten idiotensicher erstellen kann. Ich muss sagen, er ist ganz schön weit gekommen!

Barrierefrei sind Internetseiten dann, wenn sie für alle Menschen, seien sie alt, behindert in jedweder Form, oder in sonst einer Weise eingeschränkt, voll zugänglich sind. Das schließt Blinde Menschen, Rollstuhlfahrer, Gehörlose und Menschen mit Lernschwächen ein. Damit hat man ganz schön viele Aufgaben zu lösen, denn jede Gruppe hat besondere Bedürfnisse. Es ist kaum möglich, allen in einer standardisierten Form gerecht zu werden, aber man kann und sollte sich sehr weit annähern. Schlimm ist nur, dass man heute, wenn man eine Seite produziert, die nicht in jedem Detail den – allerdings interpretierbaren – gesetzlichen Vorgaben entspricht, die aber durchaus gut les- und bedienbar ist, binnen weniger Stunden von den konkurrierenden Selbsthilfegruppen und Firmen in Grund und Boden verdammt wird. Damit helfen diese Leute dem eigentlichen Ziel nicht, sondern sie schrecken ab. Also mache ich mir auch Sorgen über unser CMS, wenn es erscheint. Obwohl sich ein junger Programmierer allein viele Wochen und Monate hingesetzt hat, sich zum Programmierexperten für barrierefreies Internet autodidaktisch ausgebildet hat, wird irgendwer ein Quäntchen finden, das er kritisieren kann, und schon wird das ganze Produkt, ohne dass es richtig betrachtet worden ist, verteufelt.

Thomas Buntin quälen solche politischen Gedanken nicht. Er setzte sich letzten August an den Computer und programmierte drauflos. Das CMS ist für kleine und mittelständische Organisationen gedacht, die eine Seite erzeugen wollen, keine Ahnung von HTML haben, nicht ständig am Layout herumbasteln, aber ein ansprechendes Design haben wollen. Das bedeutet, um dieses CMS zu installieren, braucht man keine Setup-Datei zu editieren. Man läd das CMS auf den Server und besucht eine bestimmte Internetseite, wo man die Grundeinstellungen wie Datenbankparameter und Homepagelayout eingibt, auch ob man eine Rubrik „Presse“ oder „Termine“ braucht, ja wieviele Rubriken bzw. Kategorien man überhaupt haben will, wie das Impressum aussehen soll und so weiter. Aus diesen Informationen werden dann die Inhalte der Datenbank generiert, die Homepage wird erstellt, auch die Musterseiten für die Unterkategorien werden jetzt erst dynamisch erstellt. Dann erst fängt man an, Benutzer einzugeben, Rechte zu vergeben und ähnliches. Natürlich in einem Passwortgeschützten internen Bereich mit einem internen Diskussionsboard und internen E-Mailnachrichten an Administratoren. Die Eingabe bei der Administration, das Schreiben und Lesen, also auch die Ausgabe, sind nach unserem Wissensstand weitgehend barrierefrei. Ein paar notwendige Kleinigkeiten fehlen noch, wie zum Beispiel die Sprachauszeichnung fremdsprachiger Wörter für Sprachausgaben. Das CMS, das unter www.ortsverband.hu-marburg.de in seiner noch nicht fertigen Form zu sehen ist, hat Thomas Buntin in diesen 17 Wochen technisch allein programmiert. Ziel ist es, dieses Projekt noch in diesem Sommer abzuschließen, und ich hoffe, dass Thomas das nach seiner mündlichen Prüfung am 28. Juni auch wird leisten können. Ein solches CMS, wenn es wirklich barrierefrei werden wird, wäre bestimmt eine gute Idee für kleine Vereine und Organisationen, die niemanden haben, der sich in einigermaßen barrierefreier Programmierung auskennt. Und das Beste wird sein, dass es dieses Produkt trotz der monatelangen Qual von Thomas Buntin, der oft 12 oder 14 Stunden am Tag an dem Projekt gearbeitet hat, umsonst gibt. Eine Spende für den Arbeitskreis barrierefreies Internet wäre nett, denn dann könnten wir Thomas wenigstens seine Ausgaben vergüten.

Tja, und weil an dem Produkt noch gearbeitet wird, und weil es sich erst lohnt, eine Präsenz aufzusetzen, wenn ein „Stable Release“ raus ist, hat der AkbI, so die Abkürzung des Arbeitskreises barrierefreies Internet, derzeit keine vorzeigbare Internetseite. Aber ich hoffe, dass sich das in wenigen Monaten ändern wird.

Copyright © 2005, Jens Bertrams.

Flattr this!

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
Dieser Beitrag wurde unter Behinderung, Computer und Internet, Leben veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.
Nach oben

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.