Traumzeit: Ein barrierefreier Abenteuerpark

Wenn ich in den letzten Jahren meine Träume morgens beim Aufwachen noch wusste, waren sie schrecklich. Gestern blieb mir zum ersten mal ein spannender und lustiger Traum mit ansätzen zur Barrierefreiheit im Gedächtnis!

Meine liebste Bianca und ich wurden von Freunden aufgefordert, doch mal den neuen Abenteuer- und Erlebnispark zu besuchen. Der sei sogar gut auf die Bedürfnisse Blinder und Sehbehinderter eingestellt. Hin komme man entweder mit einem Boot, mit dem man eine viertel oder eine halbe Stunde über das Meer zu der Insel fahren müsse, oder mit einer sogenannten Teleportkapsel. Ich dachte: „Na, Teleport gibt es nicht, das ist Science-Fiction.“ Aber als ich das laut sagte, versicherten mir unsere Freunde, dass es richtig spannend sei und funktioniere. In null-komma-nichts wäre man da. Und man müsse dann auf dieser Insel auf sich allein gestellt überleben. Wir stimmten dann nach kurzer Bedenkzeit zu, so was mal auszuprobieren.

Als wir dann am Startpunkt ankamen, mussten wir mehrfach unterschreiben, dass wir das wirklich wollten. Es klang gefährlich, und mir wurde mulmig. Dann wurde Bianca zuerst in die Teleportkapsel geschickt, während ich mit einem kleinen Rucksack voller Lebensmittel ausgerüstet wurde. Dann ging auch ich in die Kapsel, ungefähr eine knappe Stunde nach Bianca. Man erklärte mir noch, dass ich den Bewohnern der Insel in Gesprächen nur die relevanten, also notwendigen, Dinge sagen sollte. Wenn ich einem Bäcker begegnete, sollte ich mich auf die Tatsache beschränken, dass ich Brot brauche. Daraus schloss ich, dass die Leute auf der Insel Roboter oder computergenerierte Leute waren. Ich wurde in eine enge, ganz mit Gummi ausgelegte Kapsel gezwängt, fest verankert, einen Helm auf, dann ging die Tür zu und los gings. Totale Beschleunigung, aber nur wenige Sekunden. Dann machte es Plopp, und die Kapsel ging wieder auf und ich befand mich am Strand der Abenteuerinsel. Kein Teleport also, eher eine Art Katapultflug, der genau gezielt war. Ich also raus. In der Nähe hörte ich einen Stock, und ich war erleichtert, dass Bianca auf mich gewartet hatte, oder doch zumindest rechtzeitig zurückgekehrt war. Ich wollte mir in der brütenden Hitze meine Ausrüstung ansehen, denn ich hatte Butter und Schmelzkäse, aber der Rucksack hielt kühl wie ein kühlschrank. Bloß ich kam kaum dazu, mich richtig umzugucken, denn schon hörten wir riesige Pfoten über den Boden traben, und einn Klingelndes Halsband oder eine Kette oder so machten uns auf die Anwesenheit eines großen Tieres aufmerksam. Sehr barrierefrei, die Raubtierchen! Ein ängstlicher Ruf von Bianca, da hatte mich das Biest schon erreicht. Zwar biss es mir in den Arm, aber mit interessanter Langsamkeit. Ich konnte es anfassen und mir angucken. Fast so groß wie ich war es.
„Wie sieht es aus?“ fragte Bianca hektisch.
„Wie ein Riesenhund“, entgegnete ich. Plötzlich war Bianca trotz der lebensgefährlichen Situation ganz ruhig.
„Ach das“, sagte sie und schoss offenbar eine Waffe ab. Es gab ein leises, dumpfes Geräusch, woraufhin der Hund „Au!“ rief. Aber nicht, als ob es ihn wirklich schmerzte. Bianca schoss noch zwei mal, und beide male sagte der Riesenhund: „Au!“ Und dann legte er sich friedlich vor unsere Füße und rollte sich zusammen.

Und ich wurde wach und musste lachen. Ich hoffe, ihr versteht das.

Copyright © 2006, Jens Bertrams.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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