Schuldig im Sinne der Anklage
Persönliche Gedanken.
Ich frage mich, wieviele Deutsche wohl in diesen Minuten vor 60 Jahren vor dem Radio saßen und die öffentliche Verlesung des Urteils im Nürnberger Kriegsverbrechertribunal erwarteten. Leider findet man kaum noch Zeitzeugen, die davon berichten können.
Ich kann mir ein Leben in diesem Zerbombten, von Hunger und Not gepeinigten Nachkriegsdeutschland nicht vorstellen, schon gar nicht in diesem ersten wirklich heftigen Jahr 1946, wo die ersten Menschen an Hunger und Kälte starben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie tief gedemütigt sich die Menschen fühlen mussten, die in gutem Glauben an eine Führung gelebt hatten, die sie aus den schlimmen Zeiten nach dem Versailler Vertrag hinauszuführen versprochen hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, wieviele Deutsche wirklich Scham empfanden über das, was in den 218 Tagen des nürnberger Prozesses ans Tageslicht gekommen war und seither unendlich oft, manchmal gebetsmühlenartig, wiederholt worden ist. Terror, Barbarei und Monstrosität kamen dort in einem Ausmaß ans Licht, das vor unserer technisch so entwickelten Zeit kaum denkbar gewesen ist. Doch heute denke ich daran, wie wohl die Bewohner dieses Landes, die unterlegenen Deutschen, diesen Tag erfahren haben mögen, als die Alliierten die Urteile über die führenden Nationalsozialisten sprachen, soweit diese sich nicht durch Flucht oder Selbstmord der Verantwortung entzogen hatten. Von allen hatten sie Selbstaufgabe bis zum letzten Blutstropfen verlangt, sie selbst aber machten sich davon. Auch viele Deutsche müssen sich betrogen gefühlt haben. Und das, obwohl die Behauptung, die Deutschen hätten von den Greueltaten des Regimes gar nichts gewusst, nachweislich falsch ist. In meiner eigenen Familie, die diese Behauptung übrigens immer wieder wiederholte, gab es Leute, die für eine gewisse Zeit in Konzentrationslagern gesessen haben, und von denen es später hieß, sie hätten darüber nie ein Wort gesprochen. Selbst wenn das stimmt, konnte man daraus ersehen, dass es schrecklich gewesen sein muss. Und ebenfalls in der Familie gab es einen Mann, der eine geistige Behinderung hatte und von den Nazis umgebracht wurde, obwohl in seinem Totenschein Lungenentzündung mit Todesfolge stand. Und meine Familie hat gewusst, dass er umgebracht wurde. Trotzdem konnten dieselben Leute immer wieder behaupten, dass man von den Greueltaten nichts gewusst habe. Sie haben die Synagogen brennen sehen, sie haben gewusst, dass jüdische Mitbürger verschwanden, zumindest außer Landes getrieben wurden, und das geben sie zu, trotzdem behaupten sie: “Die allermeisten Menschen haben von den Verbrechen nichts gewusst.” Und noch eine seltsame Gedächtnisspaltung scheint es zu geben: Obwohl das ganze Leben geregelt war, obwohl man seine eigentlich sozialdemokratische Gesinnung – zumindest was meine Familie betrifft – nicht offen zeigen durfte, sagten gerade die Leute, die damals Jugendliche waren, es sei die beste Zeit ihres Lebens gewesen. Nicht des Regimes wegen, sondern der Aktivitäten bei den Jungmädeln wegen, der gemeinsamen Wandertage, des Osterfeuers und der vielen Lieder wegen, die man gemeinsam gesungen, der vielen Streiche wegen, die man gemeinsam gespielt habe. Und es habe ein Ton zwischen Jugendlichen und Erwachsenen geherrscht, der durch Respekt gekennzeichnet gewesen sei, ohne der Jugend ihre Streiche und ihren Schabernack zu verwehren. Und selbst im Kriege, sagten dieselben Leute, habe unter den Nachbarn und Freunden sehr viel Zusammenhalt geherrscht, viel mehr als heute. Und im nächsten Atemzug erzählten sie von einem Nachbarn, der ein rechter Fanatiker und Denunziant gewesen sei, vor dem man sich habe in Acht nehmen müssen. Und sie erzählten, dass die Kettenhunde, also die SS, kurz vor Kriegsende Kanonen auf unsere Siedlung gerichtet habe, um zu verhindern, dass die Leute auf eigene Faust vor den Amerikanern kapitulierten, durch weiße Betttücher im Fenster.
Dieses in sich so gespaltene Volk musste heute vor 60 Jahren das Urteil über Jene entgegennehmen, die es in den Krieg getrieben und zu Mördern gemacht hatten, unwürdig, vor die Augen der Welt zu treten. Was mag wohl in ihnen vorgegangen sein?
Dank der “Volksempfänger” gab es viele Radios in Deutschland, meine eigene Familie hatte keinen, sie war stolz darauf, ein altes Grundig-Gerät zu besitzen. Ich frage mich, ob meine Mutter mit ihren 17 Jahren am Radio saß. Ein Jahr und einige Monate zuvor noch hatte sie am Tag der Kapitulation unserer Heimatstadt Solingen die Jungmädeluniform getragen und ihr Führerbild kostbar gehütet, obwohl ihre Mutter, meine Oma, es am liebsten schon von Anfang an zerrissen und zerstört hätte. Sie nämlich war, wie ihre ganze Familie, Kommunistin. Ich frage mich, ob mein Vater mit seinen knapp 16 Jahren am Radioempfänger gesessen hat. Ein Jahr und ein paar Monate zuvor hatte er noch als Luftwaffenhelfer geholfen, das Landgut von Robert Ley im Oberbergischen auszuräumen und Akten zu vernichten. Er war damals vierzehn gewesen, und es war ihm abenteuerlich vorgekommen. Sein Vater hatte ihm angeboten, Dokumente verschwinden zu lassen, die man nachher legal verkaufen könnte, und die einen großen Wert für die Wissenschaft besitzen würden. Mein Vater hatte, sehr zu seinem späteren Leidwesen, abgelehnt. Ich frage mich, was meine kommunistische Oma an diesem Tag dachte. Vielleicht gar nichts? Vielleicht war sie nur bemüht, ihre drei Kinder durchzubringen? Vielleicht machte ihr mehr Sorgen, dass ihr jüngster Sohn mit seinen 3 Jahren in dieser Zeit wenig Chancen hatte.
Was mag wirklich in diesen Deutschen vorgegangen sein, die dann tatsächlich am Radio saßen und zuhörten. Fühlten sie sich mit auf der Anklagebank? Wir wissen alle, dass es eine kollektive Verarbeitung der Nazi-herrschaft und der Nazi-Greuel nicht gab. Wir wissen alle, dass viele ihre individuelle Verantwortung dadurch leugneten, dass sie sich zu bloßen Befehlsempfängern stempelten. Aber wieviele werden in diesen Stunden vor 60 Jahren ihren inneren Dialog ausgefochten haben? Wieviele Menschen werden sich die Frage nach ihrer persönlichen Schuld gestellt haben? Wie meine Großtante, die NS-Frauenschaftsleiterin in einem Ort in Süddeutschland gewesen war. Man hatte sie 1945 sogar festgenommen, aber es wird in unserer Familie berichtet, dass die Bevölkerung dieses kleinen Ortes ihre Freilassung gefordert hat, mit Erfolg, weil sie immer nur Gutes getan haben soll. Und sie habe mehrere behinderte Mädchen dadurch vor der Deportation geschützt, dass sie sie in ihr Haus als Hausmädchen aufgenommen habe. Ich habe diese Großtante später kennengelernt. Sie gehörte einer reichen Familie an, war warmherzig, gütig, sehr einfach auf ihre Art, äußerst beliebt und sehr sozial. Ich kann mir aus meiner heutigen Sicht nicht vorstellen, dass diese Frau eine bösartige Ideologie unterstützte. Und doch hat sie einen Posten übernommen in dem System. Plötzlich waren alle Helden, selbst die, die in dem System arbeiteten und eine gewisse Machtposition erreicht hatten. Was wird diese Großtante gedacht haben, die übrigens zu unserer Familie, obwohl dort Kommunisten waren, meine Oma war ihre Schwägerin, immer den engsten Kontakt hielt. Wird sie das Urteil begrüßt oder missbilligt haben? Ich habe sie nie gefragt, und jetzt ist sie schon seit 21 Jahren tod. Es wird sie mit Sicherheit gegeben haben, die Leute, die sich mit dem NS-Staat arrangierten, ohne der Ideologie viel abzugewinnen. Aber waren es wirklich fast alle? Das kann ich nicht glauben, denn sonst wären die fürchterlichen Greuel dieser Zeit nicht möglich gewesen.
Die Spaltung in unserem Volk, die kaum merkliche Spaltung im eigenen Gedächtnis und in den Familienerinnerungen, sie ist bis heute vorhanden. Auch ich liebe meine Eltern und Großeltern, ich bewahre ihre Erinnerung. Aber ich möchte auch sehen, was sie im dritten Reich getan, wem sie gedient und was sie unterlassen haben. Ich verlange nicht von ihnen, Helden zu sein, denn ich weiß nicht, ob ich in dieser Situation ein Held gewesen wäre. Vielleicht ein Geheimer, in meinen Gedanken.
Vielleicht wäre die Spaltung in Deutschland nicht so groß, vielleicht wäre die Verdrängung nicht so stark, vielleicht wäre die Akzeptanz des Geschehenen viel weiter verbreitet, wenn die Deutschen endlich sagen würden: Jawohl, wir haben in diesem System mitgearbeitet. Wir waren keine Helden. Wir sind weder gemeinsam noch jeder für sich aufgestanden, denn wir wollten unser Leben und unsere Familien retten. Wir haben zugelassen, dass diese Clique an die Macht kam, und dann waren wir nicht heldenhaft genug, dagegen aufzustehen, obwohl wir die Greuel, die dort waren, gesehen haben. Wir waren feige, unseres eigenen Lebens und unserer Sicherheit wegen, und wegen unserer Familien. Wenn die Menschen von damals das zugeben könnten, dann wäre ich auch bereit zuzugeben, dass ich nicht weiß, ob ich in derselben Situation und unter denselben Umständen anders gehandelt hätte. Es ist nämlich leicht, später aus geschichtlicher Entfernung zu urteilen. Und dann erst ist man nämlich in der Lage, denen Respekt zu zollen, die trotz der Umstände, trotz der Gefahr für Leib, Leben und Familie, aufstanden und unbeugsam ihren Willen kundtaten, dass sie ein solch unmenschliches Regime nicht unterstützen wollten. Die Anderen aber, die zu feige oder zu ängstlich waren, würden sich dann schämen, und um dies nicht ertragen zu müssen, sagen sie nicht einmal, dass sie angst hatten. Stattdessen leugnen sie, etwas bemerkt und gesehen zu haben, leugnen zum Teil sogar die Tatsachen, oder sie sagen, dass es in ihrer Umgebung ganz anders gewesen sei. Man muss ihnen aber nur zuhören um zu erkennen, dass sie mehr wussten, als sie behaupten. Denn irgendwann erzählen sie doch.
Diese gespaltene Generation hörte heute vor 60 Jahren das Urteil über die Kriegsverbrecher, und morgen vor 60 Jahren erfuhr sie, dass viele der Führer sterben würden. Wie mag es bei ihnen angekommen sein? Vermutlich ebenso gespalten wie alles andere auch. Bestimmt haben sie gedacht, dass diese Verbrecher es aus menschlichen Gründen verdienten, verurteilt zu werden, angesichts der Toten, der Bilder aus den Konzentrationslagern. – Gleichzeitig werden sie vermutlich gedacht haben, dass mit ihnen alles verurteilt wurde, was sie selbst, also die einfachen Deutschen, ausmachte. Mit den Verbrechern wurde Deutschland verurteilt. Mit den Nazigrößen verurteilte man die persönliche Jugend der Radiohörerin, die Osterfeuer und die Wandertage, die Singkreise, die Strick- und Kaffeekränzchen, den Respekt vor dem Alter und die Disziplin der Jugend, die ehrliche Arbeit und die heimliche Hilfe für Bedrohte. Ich nehme an, dass es deshalb mehr Sympathie für die Kriegsverbrecher gab, als es angemessen war, und auch mehr Sympathie, als die Meisten ganz tief in ihrem Innern fühlten. Sie fühlten sich mit verurteilt, denke ich. Eine gespaltene Generation eben.
Ich hätte gern an einem Radiogerät gesessen, heute vor 60 Jahren. Denn wie oft auch noch das Wort “Siegerjustiz” über deutsche Lippen kam, so war es doch der Anfang einer Aufarbeitung, die lange dauerte und immer noch andauert, und die uns schwerer fallen wird von Generation zu Generation, und je weniger Zeugnisse es von denen gibt, die wirklich dabei waren.
Copyright 2006, Jens Bertrams.