Das Ende einer Epoche

Ich kenne das Gefühl gut: Wiedereinmal geht in meinem Leben ein langer Weg, ein schöner Abschnitt zuende. Schade, dass es immer so weh tun muss.

Ich kann mich noch an jenen Tag erinnern, diesen 04.04.1982, als ich mit meiner Familie zum ersten mal den Boden von Heelderpeel betrat. Während die Briten beschlossen, eine Flotte in den Südatlantik zu senden, um die von Argentinien besetzten Falklandinseln zurückzuerobern, besuchten wir unsere Freunde auf deren Wunsch auf diesem niederländischen Campingplatz. Mich empfing als erstes Sand, feiner Sand, der auch einen Teil des Geruchs ausmachte. Mitten im Hochwald gelegen, von Stille und Schönheit umgeben, lag dieser wundervolle Ort da. Überall hörte man im Frühling und Sommer die Leute an ihren Häusern arbeiten, hörte man Radios mit langsam vertraut werdenden Sprechern, Jingles, Musiksendungen und Werbespots. Abends prasselten die Lagerfeuer, nachts in der Dunkelheit rauschten die Bäume im Wind, morgens liefen die Eichhörnchen über unser Dach und jagten ihren Eicheln und Nüsschen nach, und wir konnten es hören. Und wenn der Regen fiel, ergab es eine wunderschöne, heimelige Kulisse. Wie viele Tage haben wir im Sommer auf unserer Terrasse gesessen, geschrieben, Musik gehört, unsere Nachbarn unterhalten. Wie oft saßen wir abends am selben Ort, von Freunden umgeben, singend und lachend. Wie oft hörte man die Geräusche, die beim Bau eines Häuschens, oder bei Ausbesserungsarbeiten, nun einmal entstehen. Wie oft liefen die Kinder mit ihren Badesachen hinunter zum See. Und wie oft saß ich selbst in einem Schlauchboot auf dem Wasser und genoss das Treiben um mich her. Alles war so selbstverständlich, wie hätte es jemals enden können?

 

Wir hatten unser Haus einst für 1250 Mark gekauft, es bestand nur aus Zeltplane über einem Metallgerüst und hatte so um die 30 Quadratmeter, eher weniger. Mein Vater baute es aus. Großer Wohnraum, zwei Schlaf- und Wohnräume, ein Bad, ein Flur und die kleine Küche, rund 70 Quadratmeter in L-Form, und ein Keller, weil wir über den Hang hinweg gebaut hatten.

 

Der Tod war es, der unsere Runde dezimierte. Mein Vater, mein Bruder und der Mensch, der uns nach Holland geholt hatte, sie starben kurz hintereinander. Meine Mutter versuchte, das Häuschen zu erhalten, es war selbst gebaut, es erinnerte an die letzten Jahre mit meinem Vater. Vor fast vier Jahren starb auch sie, und Bianca und ich erbten das Häuschen. Jetzt sind die Schäden so groß, dass wir sie mit unseren Einkünften nicht mehr beheben können, und zur Familie, zu dem, was davon übrig ist, gibt es keinen Kontakt mehr. Es ist niemand mehr da, der uns helfen könnte. Freunde von uns haben es gewollt, aber ihnen fehlte das handwerkliche Können, und uns fehlte das Geld. Man kann sich nun einmal keinen Luxus leisten als Hartz-Empfänger.

 

Was dieses Haus immer ausgemacht hat, war der Friede, den es ausstrahlte. Dort konnte ich zu mir selbst finden, Ruhe geradezu atmen. Kein Telefon und kein Internet war dort, und ich konnte nach herzenslust Radio hören und musste mir hin und wieder mal keine Gedanken um alltägliche Verantwortung machen. Es fühlte sich immer so an, als sei eine Zentnerlast von mir genommen, wenn ich dort war.

 

Jetzt ist eine Wand kaputt, das Dach sackt ab, Feuchtigkeit hat Einzug gehalten, und es fehlen ein paar Tausend Euro. Nach 24 Jahren habe ich mich entschieden, unser Häuschen abreißen zu lassen. Es tut mir entsetzlich weh, aber manchmal muss man sehr unpopuläre Entscheidungen fällen.

 

Copyright 2006, Jens Bertrams.


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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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