Sind die Computerspiele wirklich Schuld? – ein nachdenklicher Streifzug
Was kann einen jungen Mann von 18 Jahren dazu bewegen, in seine alte Schule zu gehen, mit einer Waffe um sich zu schießen, mehrere Menschen zu verletzen und sich dann selbst umzubringen? Die Computerspiele, sagen die Politiker, aber stimmt das wirklich?
Durch einen Beitrag von Christiane Link bin ich darauf aufmerksam geworden, dass es auch viele in der Blogosphäre gibt, die sich mit dem Amoklauf von Emsdetten auseinandersetzen. Bis dahin habe ich die Debatte um das Verbot von Ego-Shootern und Killerspielen nur mäßig verfolgt. Der oben verlinkte Beitrag vermittelt allerdings einen guten Einblick in das, was im Netz derzeit zu diesem Thema geschrieben wird. Offenbar verschwinden nach und nach alle Hinweise auf den Täter, Bastian B., und auf die Aktivitäten, die seinem Amoklauf vorausgingen. Diese Aktivitäten bieten ein ganz anderes Bild des Täters, als es die Medien zeichnen. Ein Abschiedsbrief und ein Hilferuf des Täters aus dem Jahre 2004 zeigen einen verunsicherten, gemobbten jungen Mann, dem niemand Verständnis entgegenbringt. Aus Angst wurde Wut, schreibt er in seinem Hilferuf. Ich kenne das aus meiner eigenen Schulzeit. Oft hatte ich Angst vor älteren, stärkeren Schülern. Ich war ihnen unterlegen, schwach, Hilflos. Das Lehrpersonal und die Betreuer in unserem Internat halfen uns Kindern in der Regel nicht. Rangkämpfe mussten wir unter uns selbst ausfechten. Es gab eine Zeit, da habe ich angefangen, mit Aggression auf meine Situation zu reagieren. In meinem Letzten Schuljahr auf der Blindenschule in Düren habe ich auch begonnen, kleinere Mitschüler, die mich ärgerten, schlecht zu behandeln. Ich habe ihnen Gott sei dank nicht wirklich etwas angetan, aber einmal habe ich einen Jungen auf den Boden geschupst. Er hat sich nicht wirklich weh getan, aber ein Lehrer sah es, und ich wurde verwarnt, und mir ging schon in diesem Moment auf, was ich da tat. Ich wollte auch endlich einmal Macht fühlen, und ich wollte mich rächen für alles, was mir in den letzten 9 Jahren angetan worden war. Gut, ich kriegte die Kurve, andere vielleicht nicht, weil sie keine Hilfe haben. manche mögen ihre Aggression auch in Computerspielen ausleben. Das ist aber ein weit verbreitetes Phänomen, und dass die Häufigkeit von Computerspielen unter jugendlichen Amokläufern noch lang kein Indiz für die Computerspiele als Ursache ist, hat Channelhopping in diesem Beitrag überzeugend dargelegt. Für Politiker ist es wichtig, einen Schuldigen zu finden. Nur dann können sie auf einfache Weise klar machen, dass sie etwas tun, dass sie handeln und durchgreifen. In unserer heutigen Zeit, wo Reaktionen auf Ereignisse sofort sichtbar gemacht werden müssen, um von den Medien transportiert werden zu können, hilft es überhaupt nichts, die psychischen Probleme eines Menschen zu analysieren, der einen Amoklauf unternimmt. Damit kann man dem Fernsehen nichts anbieten, denn dann gibt es keine schnellen Lösungen. Und was noch schlimmer ist, man müsste Gesellschaftskritik üben, auch an der Politik, auch an den Medien, die Informationen nur noch in kleinen, griffigen Häppchen vermitteln wollen. Und weil Politiker eine solch griffige Formel für die Aufpolierung ihres Images brauchen, sind es nun einmal die Computerspiele. Darin schwingt hintergründig auch die Angst vor dem Internet, vor der Netzdemokratie mit, dieser Bewegung von unten, die jetzt durch neue Gesetze massiv eingeschränkt werden soll, indem Weblogs und Podcasts künftig einer journalistischen Sorgfaltspflicht unterliegen sollen und nur noch die objektive Wahrheit verbreiten dürfen. Wer legt aber fest, was Wahrheit ist?
Wie die oben genannten Links zeigen, hat Bastian B. schon im Juni 2004 um Hilfe ersucht, nachdem er grundlos, wie er sagte, in seiner Schule geschlagen worden war und weil er sitzengeblieben war seine Freunde verloren hatte. Er hatte nicht vor, damit allein zu bleiben, er unternahm etwas, um seine Situation zu verändern. woran liegt es, dass es letztlich nichts genutzt hat? Ist es einer Gleichgültigkeit in unserer Gesellschaft geschuldet? Bastian B. war am Ende ein junger Mann, der zu einem brutalen Täter wurde, der offenbar kein Mitleid kannte. Für ihn war dies eine Reaktion auf eine mitleidlose Umwelt, wie Marcel Bartels in diesem Blogeintrag darstellt. Für mich ergibt sich daraus die Notwendigkeit, dass wir uns einmal mit unseren Schulen genauer auseinandersetzen, und nicht nur im Hinblick auf die Pisa-Studie und möglichst große Effizienz. Wir müssen uns darüber klar werden, wie wir unsere Kinder in den Schulen behandeln, und wie sie sich selbst behandeln. Dem darf man nicht tatenlos zuschauen.
Mein Neffe erzählte immer, dass die Schüler seiner Klasse manchmal ganze Morgende allein waren, dass kein Lehrer auftauchte, dass sie sich selbst überlassen blieben. Irgendwomit musste man sich ja die Zeit vertreiben. Und wie ich das aus meiner eigenen Schulzeit kenne, war dies die Zeit, in der man Frust und Aggressionen abbauen konnte. Mobbing? Ja, das kenne ich. Ich habe es selbst oft in meiner Schule erlebt, wenn auch nicht so extrem, dass mir ein Amoklauf in den Sinn gekommen wäre. Aber Verzweiflung und Wut haben sich auch bei mir breit gemacht. Kinder können zueinander manchmal ganz schön gemein sein, gerade dann, wenn keine freundliche Führung durch das zuständige Personal erfolgt. Aber bei Lehrermangel und Kosteneinsparungspolitik, bei einer Politik, die alles und jedes nur noch an der Wirtschaftlichkeit ausrichtet, kann sich nichts ändern. Der Mensch sollte im Mittelpunkt der Politik stehen, der Mensch und seine Bedürfnisse. Nicht mittelbar über Wirtschaft und Konjunktur, Effizienz und Gewinnmaximierung, sondern direkt und unmittelbar über die Gestaltung einer Umwelt, die es Menschen ermöglicht, ihr Leben als lebenswert zu empfinden. Schüler sollten ohne Angst zur Schule gehen können, und die Ansprechpartner dort sollten Vertrauenspersonen sein können. Das kann nur funktionieren, wenn genug Personal da ist, das sich die Verantwortung teilt. Effizienz und Marktorientierung helfen uns da nicht weiter.
Natürlich ist es wichtig, die Entwicklung auf dem Computerspielemarkt im Auge zu behalten. Als Spiegel unserer Gesellschaft machen sich immer mehr gewaltverherrlichende Spiele breit. Trotzdem denke ich, dass die Spiele in den seltensten Fällen die Ursache für ein Verhalten sind, wie es Bastian B. an den Tag gelegt hat. Wer ein ausgeglichenes, geborgenes, interessantes und erfülltes Leben lebt, der hat vielleicht gar keine Lust auf solche Spiele. Aber wer ein Ventil braucht, um Frust und Aggressionen abzulassen, auf die in der realen Umwelt niemand reagiert, der findet dieses Ventil vermutlich immer häufiger in Killerspielen. Für die Politik ist es einfach, die Computerspiele an den Pranger zu stellen. Viel schwieriger, beschämender und langwieriger wäre es, sich mit den ernsthaften Ursachen auseinanderzusetzen, der Kälte und Gleichgültigkeit unserer Gesellschaft in ihren verschiedensten Ausprägungen. Das aber wäre den Medien schwer zu vermitteln.
Dass man andererseits die Computerspiele auch nicht alle verbieten wird, schon allein aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus, steht auf einem anderen Blatt und muss hier nicht debattiert werden. Dass aber die Polizei sich zum Handlanger politisch opportuner Meinungsmache macht und die Hintergründe des Amoklaufs aus dem Netz entfernt, ist ein Skandal, über den mir derzeit noch die Worte fehlen. Aber ich habe auch so schon genug geschrieben.
Copyright 2006, Jens Bertrams.