Als ich vor ein paar Tagen mein Blog mit dem Artikel “Reider heißt jetzt Twigs” umbenannte, fiel mir wieder der Begriff “Reider” ein, der für mich eine ganz andere Bedeutung hat als die Süßigkeit. Meine Eltern waren Reider und Ausmacher, Berufsgruppen, die es nur in Solingen gab und selten heute noch gibt. Viel weiß ich nicht mehr darüber, aber was ich weiß, lohnt, aufgeschrieben zu werden, denn ich habe noch keine Beschreibung dieses Berufes im Internet gefunden, und schon gar keine aus den siebziger Jahren.
Vor einer ganzen Weile meldete sich ein Solinger bei mir, der meine Seite gesehen hat. Er erzählte, dass er in unserer Hofschaft groß geworden sei, er habe dort oft seine Großeltern besucht, die mir allerdings bekannt waren, sie wohnten mit uns im selben Haus. Die Welt in Solingen ist klein. Er erzählte, dass er als kleiner Junge oft auch in unserer Küche gesessen und zugeschaut habe, wie die Frauen der Familien unserer Nachbarschaft Rasierklingen abpackten und dabei miteinander die Neuigkeiten aus unserer Siedlung austauschten. Das habe ich nicht mehr erlebt, aber es scheint mir in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, ich kann sie mir gut vorstellen, wie sie in unserer Wohnküche um einen Tisch saßen, zu sechst vielleicht, damit alle Stühle besetzt waren, Packpapier, eine Kiste mit Rasierklingen, alles da. Und ich kann mich an andere Zeiten erinnern, in den siebziger Jahren, als meine Eltern zusammen mit meinen Geschwistern abends auf unserem Küchentisch hunderte von Messern ausbreiteten, um sie zuerst mit Kitt, dann mit Verdünnung zu bearbeiten. Ich begriff, dass das zur Arbeit meiner Eltern gehörte, und dass selbst abends um acht Uhr, wenn sie von der Arbeit nach hause kamen, ihr Tagwerk manchmal noch nicht beendet war. Es war die Zeit, wo sie morgens um halb vier losgefahren sind in ihren Betrieb, um Messer in sogenannter Heimarbeit herzustellen, obwohl sie nicht zu hause arbeiteten. Bezahlt wurde nach Stückzahl, Lohnarbeit hieß das. Und die teuren Messer, die man dann im Geschäft oder bei großen Firmen kaufen konnte, waren mit billiger Vergütung in Auftragslohnarbeit oft von uns hergestellt worden, in einem kleinen Kellerloch im solinger Stadtteil Ohligs.
Es war ein Hinterhof in der ohligser Rheinstraße. Neun Stufen stieg man hinab bis zu einer Holztür, und wenn man die aufgeschlossen hatte, ging es noch weitere drei Stufen nach unten. Sofort war der Staub da, der sich in die Kleidung setzte, den man riechen konnte. Eine trübe Funzel erhellte einen viereckigen Raum mit zwei Türen. Eine führte in einen kleinen Lagerraum, den ich nie betreten habe, die andere in den Flur unseres Betriebes. Von dort gingen wieder zwei Türen ab. Rechts in einen Waschraum, und links in ein sogenanntes Büro. Überall war der Staub. Ging man geradeaus, öffnete sich der Gang in den eigentlichen Arbeitsraum, wo mich immer die typischen Geräusche empfingen. Hämmern, Sägen, Bohren und Pliesten, also Schleifen. Hier wurden Messer hergestellt.
Angeliefert wurden in großer Zahl Hefte oder Schalen und Klingen. Nägel, Nieten und sonstige Kleinigkeiten wurden von uns gekauft. Hefte sind praktisch fertige Messergriffe, Schalen nennt man die Halbgriffe, die zu beiden Seiten auf die Klingen geschlagen werden müssen. Unsere Aufgabe bestand nun darin, aus diesen Einzelteilen ein verkaufsfertiges Messer zu produzieren. Hier geht es nicht um Taschenmesser, sondern um Messer mit Holzgriff, also die edleren Teile der Besteckfertigung, allerdings auch einfache Küchenmesser. Je nachdem, ob man mit Schalen oder Heften arbeitete, musste man unterschiedliche Arbeitsgänge durchführen. Für die Vollständigkeit und Korrektheit der folgenden Beschreibung übernehme ich ausdrücklich keine Gewähr. Ich habe das nur als kleines Kind erlebt, und ich selbst habe mich nur als Besucher im Betrieb aufgehalten.
Hefte wurden zuerst eingeschnitten. Es wurde also eine schlitzartige Öffnung für die Klinge geschaffen, in die diese dann eingeführt wurde. Um Heft und Klinge zusammenzuhalten, wurden sie zusammengenagelt. Dazu wurden Löcher vorgebohrt, der oberste Rand etwas versenkt, damit die Köpfe der Nieten und Nägel hineinpassten und nicht oben herausstanden, und dann wurde genagelt. Vorher mussten die Nägel und Nieten auf die richtige Größe geschnitten werden. Messer mit Schalen musste man nicht einschneiden, weil die Schalen zu beiden Seiten aufgesetzt und dann zusammengenagelt wurden. Diesen Vorgang nennt man das Reiden, und daher die Berufsbezeichnung “Reider”. Wer allerdings glaubt, damit sei das Messer fertig, der täuscht sich. Heft und Klinge werden dann noch bearbeitet. Zunächst wird das Heft gepliestet, geschliffen, damit es sich glatt anfühlt. Dann folgen mehrere Arbeitsgänge, um das noch zu verfeinern: Scheuern, Feinpliesten, und schließlich das Polieren, was den Messern ein besonders schönes Aussehen geben soll. Bei aller Sorgfalt kann es vorkommen, dass die in die Hefte versenkten Nieten und Nägel immer noch einen kleinen Spielraum haben, vor allem oben am Rand. Mit Kitt werden diese feinen Ritzen dann verschlossen, und anschließend entfernt man mit Verdünnung den überflüssigen Kitt wieder. Dann erst sind die Messer fertig und können verpackt werden. Diese letzten Arbeitsschritte haben meine Eltern und meine Geschwister, die natürlich mit in unserem Familienbetrieb arbeiteten, oft zuhause gemacht. Das alles gehört zum sogenannten “Ausmachen”. Reider und Ausmacher nannte sich das Handwerk.
Es gab Zeiten, da arbeiteten meine Eltern, mein Schwager und mein Bruder bis zu 16 Stunden am Tag im Betrieb. Das hing ganz von der Auftragslage ab. Als Lohnarbeiter, der eine ganze Familie zu ernähren hatte, musste man auch in den siebziger Jahren ganz schön ranklotzen. Nur ganz selten arbeiteten bei uns Menschen von außerhalb der Familie mit. Wer nämlich einen acht-Stunden-Tag haben wollte bei voller Bezahlung, der war für unseren kleinen Familienbetrieb schlicht zu teuer.
Den Staub wurde man trotz großer Ventilationsanlage nie so richtig los. Das Leben spielte sich rund um den Betrieb ab. Ohne den “Kotten”, wie so ein Kleinbetrieb in Solinger Mundart heißt, gab es für die Familie keine Lebensgrundlage.
Schade, dass ich mich nicht viel früher mit der Arbeit meiner Eltern befasst habe. Als ich klein war, habe ich ein paar Fragen gestellt, und so weiß ich wenigstens ein paar Kleinigkeiten. Dann, als ich 15 war und mir das gern genauer angesehen hätte, ging ich nach Marburg zur Schule und schob es immer weiter auf, mir mal in unserem Betrieb die Arbeitsabläufe von a bis z anzusehen und einzuprägen. Vier Jahre später verstarb mein Vater, der das alles mir bis ins kleinste hätte erklären können. Danach ging es mit unserem Kotten rapide bergab. Mein Bruder starb, meine Mutter fiel aus, mein Schwager und meine Schwester konnten den Betrieb nicht mehr halten und mussten ihn aufgeben. Schon seit ende der achtziger Jahre wurde die Auftragslage immer schlechter.
Das ist der Grund, warum ein eigentlich schwärmerisch-nostalgisch-romantisch gedachter Verklärungsbericht so prophan ausgefallen ist. Ich hätte lieber genauere Beschreibungen von Arbeitsabläufen und Werkzeugen geliefert, kann mich aber selbst nur noch an wenige Einzelheiten erinnern, beispielsweise an die Knippe, eine fußbetriebene Kneifzange, mit der die Nägel geschnitten wurden. Ich weiß noch, wo in unserem Betrieb die einzelnen Geräte standen, aber angesehen habe ich sie mir nie. Ich weiß, dass meine Eltern immer stöhnten, wenn sie die Geräte auf ein neues Zöpken, eine neue Messersorte, umstellen mussten. Dicke von Nieten, Nägeln und Einschnittlänge, Länge von Klinge und Heft. Das Umstellen war offenbar eine schwierige Feinarbeit bei den Geräten, die wir hatten. Sie waren auch nicht die modernsten, stammten schon ende der sechzigerJahre, als wir sie kauften, aus zweiter Hand und waren schon gebraucht.
Heute gibt es kaum noch Messerreider und Ausmacher in Heim- und Lohnarbeit. Die großen Firmen haben die Fertigung in die eigenen Hände genommen und führen sie nun maschinell durch, was man oft auch an der Qualität der Messer merkt, nebenbei gesagt. Es gab eine Zeit, in der wir, gerade weil wir von Hand arbeiteten, in Solingen sehr gefragt waren bei den großen Firmen. Heute ist das anders geworden.
Die Mundart und die alte Handwerkskultur sterben aus in Solingen. Noch ist ein Rest davon zu sehen, aber viel ist nicht mehr übrig. Sollte jemand eine genauere Beschreibung von Reiden und Ausmachen liefern können, würde ich mich sehr freuen. Aber welcher “aul Solijer” (alter Solinger) hat schon Internet oder gar ein Blog?:-)
Halt: Eine Ausnahme gibt es, und wer sich mal mehr über Solingen ansehen will, der sollte Mein Solingen von Hans-Georg Wencke unbedingt besuchen.
Copyright 2006, Jens Bertrams.

Trotz der fehlenden Kenntnisse über Werkzeuge und so war das für mich ein sehr, sehr anrührender Bericht, und auch eine fremde Welt. Das geht vielleicht vielen jüngeren auch so. Komt eigentlich der “Zöpkes-markt” – oder wie auch immer man den schreibt, auch von den Messern? Danke für einen Einblick in eine vergessene Welt!
Ja, der Zöpkesmarkt kommt genau daher. Eine alljährliche solinger Tradition, die es allerdings erst seit 1969 gibt.
Hallo Jens,
ein schöner Bericht. Man kann sich förmlich in die Zeit zurückversetzen. Ein paar Betriebe in Solingen gibt es ja zum Glück noch, die sich Manufactur nennen. Die könnten bestimmt einiges zu diesen alten Handwerksberufen wie Ausmacher und Reider sowie Bliester beisteuern.
Mit freundlichen Grüssen
Jörg
Danke für den Artikel, der mir sehr geholfen hat. Gestern traf ich mit einer Cousine zusammen, die den mir bis dato unbekannten Beruf meines Großvaters nannte.
“Reider”
der Beruf war im Bereich Gevelsberg und Ennepe auch bekannt und geläufig. Der Reider fertigte die Kappen für Macheten und andere gehämmerten Werkzeuge, die von Gevelsberg in die Tropen etc. gehandelt wurden.
Vielen Dank für diese anschauliche Schilderung! In einem Text stieß ich auf den “Arbeitsmesserreider”, mit dem ich zunächst nichts anfangen konnte. Jetzt wohl, und das Lesen war zudem sehr interessant.