Der Tote und die Blogs - Fortgang der Diskussion über den verhungerten Arbeitslosen in Speyer
Niemand muss in Deutschland verhungern, sagen nicht nur die Politiker, sondern auch Manche in der Blogosphäre. Ich hatte eine Zeit im Leben, in der ich sehr depressiv war und mich nicht traute, zum Briefkasten zu gehen, es könnte ja schlimme Post drin sein. Aus diesem Blickwinkel unter Anderem verfolge ich die teils heftigen Diskussionen in den Blogs über Speyer und die Folgen.
Nachdem mein Posting zum tragischen Tod eines jungen Arbeitslosen in Speyer von www.mein-parteibuch.com veröffentlicht worden war, hat es dort und bei Unkreativ eine interessante Debatte gegeben. Einige Leser haben, wie nicht anders zu erwarten, die neoliberale Behauptung gebetsmühlenartig wiederholt, dass in Deutschland niemand verhungern muss, und dass der Tote selbst Schuld gewesen sei, denn er habe etwas tun müssen. “Vollversorgung” sei heute nicht mehr möglich, schrieb einer, ein anderer oder eine Andere sprach von der “Dankbarkeit”, die man empfinde, wenn man durch die Hartz-Gesetze wieder etwas zu arbeiten habe. Auf der anderen Seite wird von Manchen ein Bedingungsloses Grundeinkommen gefordert, und gerade im Diskussionsfaden von Unkreativ finden sich persönliche Schicksale, zu denen mir nichts mehr einfällt: Kranken werden die Medikamente verweigert, sie werden wegen Verweigerung ebenfalls auf Nullbezug gesetzt; andere veröffentlichen Rezepte, wie man mit rund 100 Euro im Monat über die Runden kommen kann, zumindest um das Überleben zu sichern. Sie gehen sogar von 40 Euro im Monat aus, wenn es ganz schlimm kommt. Natürlich gibt es auch die, die vollmundig behaupten, der junge Mann habe einfach auf die Schreiben der Arbeitsagentur reagieren müssen, habe selbst Initiative zeigen müssen. Mit noch so sachlichen Argumenten ist diesen Menschen wohl nicht beizukommen. Einer hat dann etwas gesagt, was mich aufhorchen ließ: “Wenn man depressiv ist, dann geht man auch nicht zum Briefkasten, es könnte ja schlimme Post drin sein.” Ich fand es mutig, dass jemand so etwas geschrieben hat, denn das ist nicht einfach.
Ich habe zwei Zeiten in meinem eigenen Leben erlebt, wo ich in tiefen Depressionen steckte. Natürlich betrachte ich die Diskussion auch aus diesem Blickwinkel und bringe darum Verständnis für den jungen Mann auf, jenseits aller staatsrechtlich geforderter Sozialstaatsgarantie. Als mein Bruder vor 15 Jahren an Lungenkrebs starb, hatte ich gerade das Gymnasium verlassen und war an der Universität. Ich wollte Jura studieren, das war schon seit mehr als 10 Jahren mein Wunsch. Ich bin heute noch sicher, dass ich es fachlich gepackt hätte, aber die Anonymität als Blinder unter 400 Sehenden, von denen man auch nach Wochen kaum einen kennt, hat mich umgehauen. Da unterhält man sich mit einem Studenten, aber am nächsten Tag findet man ihn unter 400 Leuten nicht wieder, solange er einen nicht anspricht. Als dann mein Bruder gestorben war, habe ich für eine Weile gar keine Vorlesungen besucht, habe manchmal bis zu zwei Wochen nur im Bett gelegen, bin nur zum Essen aufgestanden. Ich fühlte mich dem “draußen” nicht gewachsen und habe mich vor ihm verkrochen. Es hat zweieinhalb Jahre gedauert, bis ich wieder einigermaßen auf dem Damm war, mein Studium konnte ich vergessen, ich hätte keine Förderung mehr bekommen. Das ist der Grund, warum ich heute zwar mit Abitur, aber ohne Studienabschluss dastehe.
Vor 5 Jahren, nach dem Tod meiner Mutter, der plötzlich und fürchterlich über mich und meine Liebste hereinbrach, die zu diesem Zeitpunkt eine Ausbildung in einer anderen Stadt machte und nur am Wochenende zu hause war, dasselbe Spiel. Allerdings nur ein Jahr lang, dann riss mich der Kampf um das Blindengeld hier in Hessen aus meiner Depression. Aber so etwas ist die Hölle, und man hat die ärgsten Probleme mit den alltäglichsten Verrichtungen. Aufstehen ist eine Qual, man sitzt lange vor dem Telefon und fragt sich: “Wenn ich jetzt den Menschen oder die Behörde anrufe, kriege ich dann eine patzige Bemerkung zu hören? Kann ich die dann überhaupt ertragen?” Man hat Angst vor jeder negativen Nachricht, vor jedem Wort, das weh tun kann. Es ist schwer, dagegen Mechanismen zu entwickeln.
Menschen, die das nicht kennen, können leicht darüber urteilen, und ich habe in den Blogs durchaus einige gefunden, die das tun, und die gegenteiligen Argumenten nicht zugänglich sind. Wenn es heißt, dass der junge Mann in Speyer depressiv war, dann nehme ich tatsächlich an, dass die Briefe entweder ungeöffnet waren, oder der Inhalt dieser Briefe hat eine totale Lähmung bei ihm und offenbar auch bei seiner Mutter bewirkt. Die Sorge um die notwendigsten Dinge im Leben lähmt einen Menschen mit Depressionen so sehr, dass er möglicherweise nicht in der Lage ist, sich um diese Notwendigkeiten zu kümmern. Darum erschreckt es mich zwar, aber ich kann gut nachvollziehen, warum ein Mensch sterben musste, der mit dem Druck, der auf ihm lastete, nicht mehr zurecht kam.
Ich bin selbst Hartz-Empfänger, aber es gab auch für mich in diesen Debatten Dinge, die mich erschreckt haben: Da wird ein schwerer Pflegefall als voll arbeitsfähig eingestuft, der aufgrund seiner schweren Krankheiten kaum etwas essen kann, und weil es ihm unmöglich ist, aus Gesundheitsgründen, beim Jobcenter vorzusprechen, streicht man ihm das Arbeitslosengeld. Dann auch noch das ausgezahlte Pflegegeld. Seine Frau hat Angst, dass auch ihr Man sterben wird, wie der junge Arbeitslose in Speyer.
Wo leben wir denn? Wie kann da noch jemand sagen, die Leute wären selbst schuld, sie müssten sich bemühen, eine staatliche Vollversorgung könne und dürfe es nicht geben?
Die Blogosphäre ist ein Ort vieler Meinungen. Aber es ist keineswegs so, dass die Nachricht von einem verhungerten Mann in einer reichen deutschen Stadt allgemein und uneingeschränkt Betroffenheit, Bestürzung und Widerspruchsgeist hervorgerufen hätte. Beteiligen Sie sich und setzen Sie ein Zeichen, liebe Leserin, lieber Leser: Ein Zeichen für mehr Menschlichkeit in diesem Lande. Alle drei Blogs freuen sich auf Ihre Einträge, denn jede und jeder ist gefragt.
Copyright 2007, Jens Bertrams.