Mein letzter Eurovision Song Contest

Hallo, zusammen!

Also eigentlich wollte ich mir den früheren Grand Prix D’Eurovision, heute nur Eurovision Song Contest genannt, in diesem Jahr nicht wieder antun. Dennoch habe ich es gestern noch einmal getan, weiß aber jetzt aber auch eindeutig, warum ich mir den letztes Jahr schon eigentlich zum letzten Mal angesehen haben wollte. Warum habe ich es mir dennoch angesehen?

Zunächst einmal war da die Frage, was die Teilnehmerländer nach dem monstermäßigen Siegertitel „ardrock Hallelluja“ im letzten Jahr aufbieten würden? Dann war da die Diskussion um die Existenz oder Nichtexistenz eines kulturellen Ostblocks, in dem sich ehemalige Sowjetrepubliken und die aus Jugoslawien hervorgegangenen Einzelstaaten gegenseitig die höchsten Punktzahlen zuschieben. Letzthin wollte ich wissen, wie weit eine ohne großes technisches Bremborium und schrilles Outfit auskommende Nummer, wie Roger Ciceros „Frauen regiern die Welt“ in dieser Form und Ausprägung des früheren Schlagerwettbewerbes kommen kann.

Nun, wie oben geschrieben bin ich jetzt der Überzeugung, dass der Eurovision Song Contest mich am 12. Mai 2007 zum letzten Mal als Zuschauer gewonnen hat. Denn:

Zunächst einmal galt bei der in Helsinki durchaus unterhaltsam moderierten und vom finnischen Publikum euphorisch mitgetragenen Veranstaltung vordringlich der optische Eindruck, wie Tanz und Kleidung. Da ich zu 100 % sehbehindert bin konnte ich diese Aspekte des Wettbewerbs nicht erfassen. Blieb mir also die Musik. Musik? Früher hatten Grand-Prix-Titel das Zeug zu internationalen Evergreens, und die WDR2-Aftershow-Party mit früheren Grand-Prix-Titeln bestätigte das schmerzhaft. Doch bei diesem und dem vorangegangenen Liederwettstreit traten Interpret’innen an, die live leicht neben der Tonlage bishin zu schauderhaft gesungen haben, kamen Stücke zum Vortrag, die wohl nicht nur meiner Meinung nach eher auf irgendwelche Abtanz-und-trink-Parties gehören oder bedienten lediglich westliche Standardpopelemente, hätten also auch ohne die große Schau, der wohl wieder 100 Millionen Zuschauer in Europa beigewohnt haben, die internationalen Verkaufslisten beleben können. Da war ein schönes Irish Folk Stück eben aus Irland, einem Rekordsieger des Grand Prix, bei dem die Sängerin entweder eine schlechte Tagesform erwischt hatte oder live eben nicht so gut singen konnte, wie es der Melodie nach richtig toll gewesen wäre. Da waren ausschließlich für die Show zusammengecastete Bands und Einzelinterpreten, die die Veranstaltung als vermeintliches Sprungbrett für eine große Karriere nutzen wollten bzw. als Wettstreiter ihrer Heimatländer antraten, sich das Prestige zu verdienen, den Liederwettbewerb im nächsten Jahr ausrichten zu dürfen. Wenn das die Gewinner des zwei Tage zuvor abgelaufenen Halbfinales waren, bei dem von den 42 angetretenen Ländern die besten 20 ausgewählt wurden, zu denen dann noch gesetzte Länder wie Deutschland, Großbritannien und Spanien und wohl auch Frankreich hinzukamen, dann möchte ich gerne wissen, was an den Stücken, die es nicht geschafft haben, besser oder schlechter gewesen sein soll. Obwohl, ich kann es mir denken. Aber dazu gleich noch.

Natürlich gab es unter den 08/15-Stücken, die bestimmt nicht in dreißig oder vierzig Jahren noch als Grand-Prix-Evergreens gespielt werden hervorstechende Stücke, die doch noch was mit besonderer Musik zu tun hatten. Die Vertreterin aus Georgien brachte zwar einen nach westlichen Standards komponierten Titel, der jedoch durch Rhytmik und Arrangement aus den Standard-Sachen herausragte. Da waren die Vertreterinnen Bulgariens, die mit Perkussionsinstrumenten und einer meiner Meinung nach hörbaren Mischung aus Trance und Folklore und auch ohne Studiotechnik sphärisch herüberkommenden Gesang zu meinen Favoriten geworden sind, und ohne jetzt irgendwie auf Nationalstolz festgenagelt werden zu wollen, auch und vor allem die Swing-Nummer „Frauen regieren die Welt“ von Roger Cicero hob sich überdeutlich von den restlichen Finalteilnehmern ab, was in früheren Zeiten durchaus zu einer hohen bis sehr hohen Platzierung gereicht hätte. Aber:

Eine Übereinkunft der ehemaligen Ostblockländer, sich gegenseitig die höchsten Punkte zuzuschieben gebe es nicht, so haben Fachleute im Vorfeld immer wieder beteuert. Sogesehen habe ich gestern keinen realen Wettbewerb, sondern einer Fiktion zugehört. Denn wenn es diese Allianz nicht gibt, wieso hatte nicht nur ich den sehr starken Eindruck, daß sich ehemalige Sowjetrepubliken und die aus Jugoslawien hervorgegangenen Einzelstaaten doch die meisten Punkte zugeschustert haben? Wie kommt dann eine Top 15 zu stande, in der ausschließlich die Vertreter aus diesen Ländern aufgeführt sind? Hinzu kommt noch, daß das Ritual der Auswertung, das heutzutage per Televoting von den Fernsehzuschauern vorangetragen wird, nur noch die drei höchstplatzierten Länder der bekanntgegebenen Listen live stattfindet, und die hinteren sieben in einem Augenblick auf den Bildschirm geklatscht werden. Also, wenn es Ostallianz oder dergleichen gibt, war das gestern also nur ein gut inszenierter Fake, eine Vortäuschung falscher Tatsachen. Und falls es wider alle Beteuerungen doch eine solche gutnachbarliche Übereinkunft ehemaliger Ostblockländer gibt, war’s auch ein Fake. Dann ist nämlich klar, daß Länder wie Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Belgien oder die Niederlande, Luxemburg, Österreich oder Italien diese größte Medienschau der europäischen Rundfunkunion mehr gewinnen können, unabhängig davon, ob sie jetzt mit hervorragend gesungenen und gespielten Liedern aufwarten oder wie gestern leider auch zu hören war, mit unzureichenden Titeln zwischen unterstem Standard und mittlerer Katastrophe präsent waren. Hinzu kommt wie oben auch schon erwähnt, daß die Lieder alle nicht mehr das Format haben, daß der frühere Grand Prix gefordert hat.

Dass die Serbische Interpretin Marija Serifovic mit ihrer zugegeben doch sehr schön klingenden Ballade „Molitva“ den Zirkus im nächsten Jahr in Belgrad gastieren lässt halte ich deshalb noch für legitim, weil die Interpretin nicht nur aus den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken viele Punkte bekam, sondern auch aus Ländern wie Spanien und anderen westeuropäischen Teilnehmerländern. doch wie ebenfalls oben schon erwähnt führte dieses Lied mehr als 15 Titel aus Osteuropa an, und es wirkte nicht nur auf mich so, daß sich da einige Landesvölker drauf geeinigt haben, sich gegenseitig Punkte zu geben, teils weil Bevölkerungsanteile aus Russland auch in der Ukraine leben, teils weil die Künstler aus diesen Ländern in ihren Nachbarländern sehr viel bekannter sind als es in Westeuropa der Fall ist, aber wohl auch, um es irgendwie hinzubekommen die Schau im nächsten Jahr in einem osteuropäischen Land stattfinden zu lassen, ob in der Ukraine, Weißrussland oder eben Russland. Auch daß alle 42 angetretenen Nationen die Ergebnisse ihrer Abstimmung per Telefon und SMS einbringen konnten brachte die Phalanx des ehemaligen Ostblocks nicht zum wanken.

Roger Ciceros Beitrag erreichte zwar nur den 19. Platz, bekam aber knapp 50 Punkte zusammen, eine Leistung, von der die Vertreter Irlands und Großbritanniens nicht einmal mehr träumen konnten, und das will was heißen.

In der der großen Schau folgenden Party auf dem ersten wurde die Veranstaltung und die dabei gezeigten Titel, Personen und Aufmachungen weiterdiskutiert. Viele waren sich einig, dass irgendwas an den Abstimmungsregeln gemacht werden soll. Tja, aber was? Der beim Vorentscheid nicht zum Zuge gekommene deutsche Liedermacher und Rocksänger Heinz-Rudolf Kunze, der als Gast zu dieser Fernsehparty geladen wurde sagte, er sei empört über diese Abstimmung, wie sie zu Stande gekommen sei und hob hervor, dass ja jetzt wohl alle mitbekommen hätten, „welche Seilschaften“ es beim Eurovision Song Contest gebe. Er bekundete, froh zu sein, dass er nicht wegen der Teilnahme an diesem Spektakel seine Tournee unterbrechen mußte und hob hervor, dass Roger Ciceros Titel seiner Meinung nach der Beste Beitrag gewesen sei, weil hier „Handgemachte Musik und Gesang“ gezeigt worden sei. Der Deutsche Swing-Star selbst sagte in einem später per Live-Schaltung geführten Interview, er sei schon enttäuscht, weil er an und für sich zumindest mit einer Platzierung unter den ersten 10 gerechnet habe. Gut, im Grunde hat das jeder angetretene Interpret. Aber das Herkunftsland war ja dann wohl schon wichtig.

Gratuliere ich also jetzt einmal fair der serbischen Interpretin Marija zum Gewinn des 52. Grand Prix, öhm, Eurovision Song Contest. Es war der für lange zeit letzte Siegertitel, den ich mir live bei der Schau angehört habe. Ich werde mir diesen Quatsch nicht noch einmal angucken. Allerdings werde ich mir wohl die auf CD zusammengetragenen Titel besorgen, hoffentlich alle 42, um auch zu hören, ob es bei manchen Titeln mit einer perfekt ausgearbeiteten Studiofassung noch was zu retten gab (Irland).

Für alle die, die eine eher sachlichere Berichterstattung, aber auch Schlaglichter der Veranstaltung wie Video-Clips oder dergleichen nachlesen, sehen oder hören wollen empfehle ich an dieser Stelle noch die vom NDR bereitgestellte Seite www.eurovision.de und wünsche euch allen einen schönen Sonntag. Wer in Bremen wohnt darf ja heute einen neuen Landtag wählen.

Mit freundlichen Grüßen

© Thorsten Oberbossel

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Comments

4 Kommentare zu Mein letzter Eurovision Song Contest

  1. Matze sagt:

    Wir Deutschen sind leider schlechte Verlierer. Würde die ARD es wagen, renommierte Bands wie MIA oder Wir sind Helden ins Rennen zu schicken, gäbe es vielleicht eine Chance.
    Als die ARD-Musiker beim Grandprix nichts gewannen, kam aus Deutschland der Einwand, dass liege daran, dass sie auf Deutsch singen müssten. Das war seinerzeit Pflicht: man singt in der Muttersprache. Und wurde abgeschafft auf Bestreben der ARD.
    Hat nichts genützt. Die ARD-Musiker begannen auf Englisch zu singen, mit noch schlechteren Resultaten als früher. (Cicero immerhin auf Deutsch, aber Swing, naja.)
    Und nun soll die Ostblock-Connection schuld sein. Dabei wurde längst ausgerechnet: wenn man die Stimmen der Ostblockländer weglässt, kommt auf den meisten Plätzen kaum ein anderes Ergebnis heraus.
    Cicero hat seine Stimmen von der Mitteleuropa-Connection (den Nachbarstaaten Deutschlands mit anscheinend ähnlichem Geschmack.)

  2. daniel sagt:

    wow könnt ihr aber neidisch sein

  3. daniel sagt:

    wow könnt ihr aber neidisch sein.ja aber was wollt ihr denn jetzt von uns das ihr immer gewinnt .wir haben den sieg ehrlischgewonnen

  4. claudia sagt:

    Weil sich hier schon so lange nichts mehr tut, hinterlasse einfach mal liebe Grüße. Ich hoffe es geht dir gut!

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