Schäuble und der Islam in Deutschland – Kommentar zum Kommentar

Vor einigen Minuten ging in Berlin die zweite deutsche Islamkonferenz zuende, und der Bundesinnenminister zeigt sich hoch zufrieden, obwohl keine konkreten Vereinbarungen getroffen wurden. Man sei sich aber über die Trennung zwischen Staat und Religion einig, heißt es. Was bedeutet dies aber für die in Deutschland lebenden Moslems? Bedeutet ihnen diese Einigkeit irgendwas? Und wie wird in Deutschland und zum Beispiel auch in der Blogosphäre der Islam gesehen?

Wenn ich heutzutage einen Blogeintrag schreibe, dann kann ich mich in den meisten Fällen bei „Mein Parteibuch“ bedienen, dessen Betreiber immer einen Tick schneller ist als ich. Bei der Recherche zu diesem Eintrag stieß ich auf einen Beitrag, in dem sich einige Anmerkungen zum Thema Islam gefunden haben. Kritisiert werden dort ein Beitrag auf www.deutschland-debatte.de und ein Artikel der Tageszeitung Die Welt. Der Parteibuch-Autor hatte den Artikel der Welt als „unappetitlich“ bezeichnet und weiter ausgeführt: „Die Welt ist „kein überaus mutiges Publikationsorgan“, sondern verfolgt mit großer Härte die gleiche unappetitliche Agenda, die auch große Teile der CDU verfolgen und deren unappetitliche Weiterungen im Blog „Politically Incorrect“ nachzulesen sind. Zur Agenda gehören die unbedingte Unterstützung der US-amerikanischen und der israelischen Regierung. Dieser Agenda folgend warnen Politiker wie Wolfgang Schäuble und Medien wie die Welt ständig vor einer wie auch immer gearteten islamischen Gefahr und schüren damit die Segregation der Bevölkerung durch Anti-Islamismus. Wie das „schleichende Gift“ der Welt auf die Bevölkerung wirkt, lässt sich in den Kommentaren leicht ablesen. Die Behauptung einer „Gefährlichkeit der Ideologie Islam“ stellt das Problem auf den Kopf. Nicht der Islam ist das Problem, sondern Personen, die gewalttätige radikale Ideologien verbreiten, sind das Problem. Ob sie dieses als Islamisten, Christen, Juden oder kommunistische Atheisten tun, spielt bezüglich der Gefährlichkeit keine Rolle.“

Die erste, unwillkürliche Frage, die sich mir stellte, als ich diese Zeilen las lautete: „Ist hier wieder der typisch linke Reflex spürbar, Israel in jeder Hinsicht, immer und ohne nachzudenken zu verurteilen?“ Der Nahostkonflikt ist mit Sicherheit eine der Wurzeln der Unzufriedenheit in muslimischen Staaten, aus der auch religiöser Fanatismus erwächst. Ich weiß aber nicht, ob es in jeder Hinsicht folgerichtig ist, nur wegen ihrer unverständlichen allgemeinpolitischen Nähe zu den USA gleich anzunehmen, dass Welt und CDU nicht in der Lage sind, über den Islam in Deutschland zu reden. Davon, dass der Islam die große Gefahr in Deutschland sei, habe ich in dem Welt-Artikel auch gar nicht so viel gelesen. Erstaunt war ich über folgende Sätze: „Gleichwohl zeigt sich Schäuble zuversichtlich, „dass man bei intensiven Gesprächen trotz unterschiedlicher Auffassungen gemeinsam weiterkommt.“ Die Islam-Konferenz
habe dazu beigetragen, das Bewusstsein für die Zugehörigkeit der Muslime zu Deutschland zu stärken: „Der Islam ist ein Teil unseres Landes. Das ist jetzt
allen klar.“ Besonders „in Sicherheitsfragen haben wir eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Muslimen, wo es um die gemeinsame Verantwortung aller Bürger
in Zeiten des Terrorismus geht. Ich glaube, das Bekenntnis zur Verfassung ist bei vielen kein Lippenbekenntnis mehr.““ Ist das schlecht? Nicht nach meiner Auffassung. Und es heißt ja auch nicht, dass die Muslime mit vorgehaltener Waffe und gezücktem Schwert über ihren Häuptern gezwungen worden sind, ein Bekenntnis zum Grundgesetz abzulegen. Und lassen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, mich gleich noch eine provokante Frage hinzu stellen: Wenn es notwendig wäre, die Muslime mit vorgehaltener Waffe zu einem Bekenntnis zum Grundgesetz zu zwingen, wäre es dann nicht legitim, zu behaupten, sie stünden nicht zu unserer freiheitlichen Verfassung und stellten ein Sicherheitsrisiko dar? Gerade das tut aber der Welt-Artikel hier nicht, eher – erstaunlicherweise – im Gegenteil. Ich bin nun wahrhaftig kein Freund von Schäuble oder der Welt, wie man in meinen Postings Verfassungsbeschwerde gegen Onlinedurchsuchungen und Der Adam mit der „flotten Schreibefeder“ nachlesen kann, aber man sollte, so denke ich, etwas mehr auf die Einzelfälle schauen.

Denn eigentlich ging es in dem Weltartikel um etwas ganz anderes, und das ist, so finde ich, ein nachdenkenswertes Thema: Schäuble erklärte nämlich, der neu gegründete Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) habe nicht das Recht, für alle Muslime in der Bundesrepublik zu sprechen. Der von vier großen Muslimorganisationen gegründete Koordinierungsrat vertrete nur rund 315000 der 3,3 Millionen Muslime. Er verlangte aber, als Ansprechpartner für die Behörden angesehen zu werden. Das gilt sowohl für Fragen des muslimischen Glaubens, als auch für die Frage, ob der Islam als gesetzlich anerkannte Religionsgemeinschaft auftreten darf oder nicht. Darum, so Schäuble in der Welt, müssten sich die Muslime selbst kümmern, der Staat werde ihnen den Status nicht in die Hand legen. Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) will aber schon jetzt nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung als Gegengewicht zum Koordinierungsrat auftreten. Sie vertritt nach eigenen Angaben rund 270.000 Muslime in Deutschland, fast so viele wie der aus vier Verbänden bestehende Koordinierungsrat selbst. Nach Meinung der Türkischen Gemeinde sitzen im Koordinierungsrat vor allem „Orthodoxe Muslime“. Während die Gemeinde beispielsweise für gemeinsamen Schwimmunterricht beider Geschlechter und für ein Verzicht auf das Kopftuch im öffentlichen Dienst, vor allem an Schulen, eintritt, setzt sich der Vorsitzende des Koordinierungsrates, Köhler, für die Geschlechtertrennung beim Sportunterricht ein. Allen gemeinsam ist jedoch die Forderung nach Islamunterricht an deutschen Schulen, wobei die türkische Gemeinde der ansicht zu sein scheint, dass dieser Unterricht streng nach den Regeln auch des Grundgesetzes zu erfolgen habe.

An dieser Debatte sieht man schon, dass Schäuble mit seiner Einschätzung recht hat, dass der Koordinierungsrat nicht für alle Muslime in Deutschland sprechen kann. Wie soll das auch gehen? Der Islam ist eine im weitesten Sinne dezentrale Religion, die seit dem Ende des Kalifats keine für alle verbindliche zentrale Autorität mehr besitzt außer dem Propheten. Ob man will oder nicht muss man mit unterschiedlichen Strömungen des Islam auch in Deutschland sprechen, um überhaupt eine Mehrzahl unserer muslimischen MitbürgerInnen zu erreichen. Die türkische Gemeinde mag keine reine Religionsorganisation sein, in ihren Ansichten scheint sie der säkularen Türkei nahe zu stehen, aber auch sie sollte als Gesprächspartner angesehen werden.

Und dann muss man einen Aspekt betrachten, den viele Linke in Deutschland, zu denen ich mich übrigens auch selbst zähle, nicht gern hören: Die Muslimverbände erreichen längst nicht alle Muslime in Deutschland. Vereinbarungen mit Ihnen bilden gerade im Bereich Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe kein ausreichendes Fundament für eine wirkliche Veränderung der Situation. Es mag sein, wie der Autor von www.mein-parteibuch.com erklärt, dass in anderen Ländern wie beispielsweise in Frankreich der aufgeklärte Islam durch die staatliche Unterstützung breiteren Boden genießt, aber staatliche Unterstützung ist nicht alles. Wir können die Augen nicht davor verschließen, dass es auch in Deutschland radikale Muslime gibt, was beispielsweise die deutlich angestiegene Zahl der Ehrenmorde belegt, die zwar kein urislamisches Phänomen sind, aber in radikal-islamischen Gesellschaften und Familien durch die Umstände begünstigt werden. Wenn Schäuble und die Bundesregierung einmal mehr das „Ende der Multikultigesellschaft“ ausrufen, direkt oder indirekt, so muss man dies nicht unbedingt im Zusammenhang mit den USA oder Israel sehen. Schon vor den Anschlägen vom 11.09.2001 gab es Stimmen, die die Anhänger der multikulturellen Gesellschaft der Gleichgültigkeit bezichtigten, wie der niederländische Publizist Paul Scheffer in seinem Essay Das multikulturelle Drama (in niederländischer Sprache). Die Entwicklung von Parallelgesellschaften, aus Gleichgültigkeit, sozialen Unterschieden, Diskriminierung und Rückbesinnung auf fundamentalistische Werte geboren, fördert Radikalität. Davor die Augen zu verschließen, denke ich, wäre vielleicht politisch korrekt, aber nicht besonders hilfreich. Wir brauchen neue Instrumente zur Integration und zur Förderung gegenseitiger Toleranz. Sollte ich mir in diesem Punkt ausgerechnet mit Schäuble einig sein, was ich übrigens nicht glaube, so tut es mir leid, ist aber nicht zu ändern. Es hat keinen Sinn, immer weiter zu behaupten, es gebe kein Problem. Das Problem ist nicht, dass morgen 20 Muslime auf die Straße rennen und unschuldige deutsche Bürger niedermetzeln, das wird nicht passieren, und diese Art muslimischer Gefahr im konkreten, akkuten Sinne gibt es nicht. Aber es gibt die Gefahr, dass Menschen durch bestehende Umstände oder durch Erziehung oder aus Frust einer radikalen Auslegung des Islam in die Hände getrieben werden, mehr noch als es diese Gefahr bei den christlichen Kirchen in Deutschland gibt. In Nordirland beispielsweise würde ich die Gefahr durch christliche Fundamentalisten weitaus höher einschätzen, damit klar ist, wie ich das meine. Eine sogenannte Islamkonferenz halte ich daher grundsätzlich durchaus für sinnvoll, und auch die Aussage, dass die großen Verbände nicht das Monopol haben, für alle Muslime in Deutschland zu sprechen. Denn wenn man sich nur auf diese Verbände stützt, dann kann man beschließen, was immer man will, es wird kaum eine Wirkung haben. Dort, wo radikale Muslime in höherer Konzentration auftreten, werden gemäßigte Verbände bei den fundamentalistischen Einzelpersonen nicht anerkannt, ihre Autorität schlichtweg geleugnet. Dies gilt auch für das Verhältnis christlicher Fundamentalisten zu ihren Hauptkirchen. Es ist notwendig, das Problem „Fundamentalismus“ differenziert zu betrachten.

Religionsfreiheit ist meines Erachtens ein Sonderfall der Weltanschauungsfreiheit. In Deutschland gibt es verschiedene Weltanschauungen. Nur Religionen erhalten bis heute einen eigenen Unterricht. Ich wäre dafür, den gesamten Religionsunterricht abzuschaffen und einen allgemeinen Weltanschauungsunterricht einzuführen, der den Schülerinnen und Schülern verschiedene Weltanschauungsmodelle darstellt und erläutert. In der Freizeit kann sich der Schüler oder die Schülerin gern noch in einer einmal erkannten oder auch durch die Eltern vorgelebten Weltanschauung unterrichten lassen, aber nicht in der Schule, finde ich. Damit wäre auch das Problem des muslimischen Religionsunterrichtes gelöst. Weltanschauungsfreiheit ist ein hohes Gut und ein wichtiges Menschenrecht. Es kann nur dort an Grenzen stoßen, wo es Gewalt befürwortet, oder wo anderen Menschen oder den Mitgliedern einer Weltanschauungsorganisation Menschenrechte ganz oder teilweise abgesprochen werden. Die Gleichberechtigung der Geschlechter beispielsweise, um dieses Thema mal wieder zu bemühen, ist ein Menschenrecht. Wenn eine Religionsgemeinschaft, eine Familie, ein Stamm, eine Regierung, wer auch immer, in dieses Recht eingreift, indem man den Frauen und Mädchen verbietet, westlich zu leben, selbst wenn sie es wollen, wird dieses Menschenrecht in unzulässiger Weise verletzt. Dafür gibt es auch aus weltanschaulichen Gründen keine Rechtfertigung. Die Ordnung, die Weltanschauungsfreiheit gewährleistet, muss von den Trägern dieser Freiheit auch geachtet werden. Mehr sage ich nicht, und wenn mich das in die Nähe von Schäuble rückt, dann muss ich damit leben. Und eins weiß ich: Meine Äußerungen sind in keiner Weise eine Hetze gegen den Islam, denn ich fordere von Christen, Juden, Moslems, Atheisten, Kommunisten, Liberalen und Grünen genau dasselbe.

Copyright 2007, Jens Bertrams.


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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

7 Kommentare zu Schäuble und der Islam in Deutschland – Kommentar zum Kommentar

  1. Marcel sagt:

    Hallo Jens,

    ich will hier aus Zeitgründen nur auf einen Punkt eingehen. Du schreibst:
    „In der Freizeit kann sich der Schüler oder die Schülerin gern noch in einer einmal erkannten oder auch durch die Eltern vorgelebten Weltanschauung unterrichten lassen, aber nicht in der Schule, finde ich.“

    Das ist ein riesiger Denkfehler.

    Viele der Freizeit-Religionslehrer, die Schülern, deren Eltern das Bedürfnis haben, ihren Kindern islamischen Religionsunterricht zu erteilen, den Islam in Koranschulen vermitteln, stammen aus der tiefsten weltanschaulichen Steinzeit.

    Um zu verhindern, dass es solchen steinzeitlichen Islam-Lehrern oder ebenso steinzeitlich geprägten Großeltern in der Familie gelingt, die Ideologie der Steinzeit in die Köpfe muslimischer Kinder zu bringen, ist islamischer Religionsunterricht in Schulen mit vielen muslimischen Schülern sehr hilfreich.

    Zum einen sinkt dadurch das Bedürfnis, in der Freizeit weiteren Islam-Unterricht durch Steinzeit-Ideologen in sogenannten Koranschulen zu erhalten, und zum anderen lassen sich in einem islamischen Religionsunterricht die Schwächen eben jener Steinzeit-Ideologien aufzeigen.

    Hier mal ein Beispiel:
    Unter Muslimen gilt es vielen als Wahrheit, dass die Wohlerzogenheit der Frauen die Ehre der Familie ist. Nun kommen Steinzeitideologen daher, und fordern unter Berufung auf den Koran, diese Ehre mit dem Schwert zu verteidigen.

    Ein fortschrittlicher Islam-Lehrer kann aber anhand des Korans nachweisen, dass der Islam die Wohlerzogenheit der Frauen sich insbesondere in Bildung verlangt. Familien, die besonders viel Ehre durch wohlerzogene Frauen möchten, müssen also für eine besonders gute Bildung der Frauen der Familie sorgen. Das heißt, Frauen müssen selbstverständlich lesen und schreiben können, Sprachen lernen, zur Schule gehen, eine Frau muss unterstützt werden, wenn der Glücksfall eintritt, dass ihre Fähigkeiten für Gymnasium und Universität reichen. Nur so macht die Ehre der Frauen auch Sinn, denn so können sie ihrer Verantwortung wirklich gerecht werden, wohlerzogene muslimische Jungen und Mädchen aufzuziehen, wenn denn dieser Fall eintritt.

    Anschließend lässt sich beispielsweise im Koran sicher nachweisen, dass die Verteidigung der Ehre mit dem Schwert die Verteidigung des Rechtes von Frauen auf Bildung mit scharfen Worten meint. So mit der Aufklärung konfrontiert, sehen die Steinzeitprediger ziemlich alt aus.

    Mit einem solchen Wissen ausgestattet, sind die Kinder, in deren Köpfen der Kampf der Kulturen tatsächlich ausgetragen wird, viel besser gewappnet, die Steinzeitideologien und ihre Vertreter zu beurteilen.

    Leider mangelt es an in Deutschland, an deutschen Hochschulen, ausgebildeten islamischen Religionslehrern. Dieser Mangel ist ein Ergebnis einer über viele Jahre verfehlten deutschen Politik, die der Ansicht war, man bräuchte Zuwanderern nur zu sagen, dass das Grundgesetz toll ist, und schon vergessen die ihre Ideologien aus der Steinzeit.

  2. @Marcel: Dein Beispiel ist beeindruckend, ich finde aber, es zieht nicht ganz. Wenn man in der Schule den sogenannten Fortschrittlichen Islam als Religionsunterricht anbietet, ansonsten aber für Mädchen z. B. Teilnahme am Schwimmunterricht vorschreibt, werden die Steinzeitanhängereltern dieses Mädchens dafür sorgen, dass außerhalb der Schule die echte Unterweisung stattfindet, und zwar nicht einmal oder höchstens zweimal in der Woche eine dreiviertel Stunde, wie es beim Religionsunterricht der Fall ist, sondern täglich oder so. Daher denke ich, dass es wichtig ist, dass man den Schülerinnen und Schülern selbst etwas in die Hand gibt, und Vielfalt könnte ja das Mittel sein, man vermitelt ihnen Informationen, an die sie sonst nicht herankommen.

    Außerdem wird es dem aufgeklärten Islam schwer fallen, die „Wohlerzogenheit der Frau“ als gebildet zu verkaufen. Denn es ist im Koran schon etwas konkreter geregelt, was darunter zu verstehen ist: (verflixt, ich kann aus technischen Gründen den Text jetzt nicht hier einfügen, sonst ist mein ganzues Geschreibsel weg): Schweigen, nicht mit den Füßen aufstampfen, ihren Schmuck nicht zeigen, ihre Blöße, auch die des Gesichts, verhüllen, nicht aus dem Haus gehen. Diese Wohlerzogenheit in Bildung umzumünzen, ist bestimmt nicht einfach.

  3. Ich hab noch mal nachgesehen: „[24:31]
    Und sprich zu den gläubigen Frauen, daß sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren und ihren Schmuck nicht zur Schau tragen sollen – bis
    auf das, was davon sichtbar sein darf, und daß sie ihre Tücher um ihre Kleidungsausschnitte schlagen und ihren Schmuck vor niemand (anderem) enthüllen
    sollen als vor ihren Gatten oder Vätern oder den Vätern ihrer Gatten oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Gatten oder ihren Brüdern oder den Söhnen
    ihrer Brüder oder Söhnen ihrer Schwestern oder ihren Frauen oder denen, die sie von Rechts wegen besitzen, oder solchen von ihren männlichen Dienern, die
    keinen Geschlechtstrieb mehr haben, und den Kindern, die der Blöße der Frauen keine Beachtung schenken. Und sie sollen ihre Füße nicht so (auf den Boden)
    stampfen, daß bekannt wird, was sie von ihrem Schmuck verbergen. Und wendet euch allesamt reumütig Allah zu, o ihr Gläubigen, auf daß ihr erfolgreich sein
    möget.“ Diese Sure wird oft herangezogen. Es gibt noch mehr, Strafsachen zum Thema „Unzucht“, was mit westlichem Verhalten gleich gesetzt wird und so weiter. Aber das soll reichen.

  4. Hallo,
    mir ist nicht ganz klar, worauf Du eigentlich hinauswillst, Jens.
    Zwei Punkte möchte ich aber anmerken:
    1. Wenn Wolfgang schäuble sich öffentlich freut, dass „die Muslime“ – wer ist das eigentlich? – sich in den Gesprächen nun zum Grundgesetz bekannt hätten, dann kann ich nur laut lachen. Schließlich betrachtet er selber doch eigenem Bekunden nach das Grundgesetz als „lästige Fessel“!
    Sein Generalangriff auf die Freiheitsrechte belegt sein durchaus ignorantes Verhältnis zu genau der Verfassung, deren Anerkennung er nun anderen abverlangt.
    2. Religionsfreiheit in positivem wie im Sinne der Abstinenz davon ist ein wichtiges Gut. Eine interessante Diskussion über Religionskritik hat der HU-Ortsverband Marburg am Dienstag (24. April) im Marburger Stadtverordneten-Sitzungssaal durchgeführt. Diese Debatte wird auch im Diskussionsforum des HU-Ortsverbands Marburg weitergeführt.
    Den Anspruch des sogenannten „Koordinierungsrats der Muslime“ (KRM) auf einen eigenen Religionsunterricht betrachten einige wie beispielsweise der – als Roman-Autor bekannte – Verfassungsrechtler Prof. Dr. Bernhard Schlink als Chance, diese Religionen und ihre Vertreter in staatliche Strukturen einzubinden und damit gewissermaßen zu „zähmen“. Religionskritische Kräfte hingegen sehen darin eine Übertragung ungerechtfertigter Kirchen-Privilegien auf weitere Priviligien-Aspiranten, die sich dann möglicherweise genauso breit machen könnten in der bundesdeutschen Gesellschaft wie die etablierten christlichen kirchen.
    Der HU-Ortsverband Marburg hat sich deswegen gegen einen konfessionellen Religionsunterricht an staatlichen Schulen und für einen neutralen „Religionskunde-Unterricht“ ausgesprochen.
    Die Trennung von Kirche und Staat ist in jedem Fall die Voraussetzung für jegliche Geistesfreiheit in einem Gemeinwesen. Sie zu schützen,erfordert auch, mit Zugeständnissen an religiöse Gruppierungen sehr sorgsam umzugehen. Ich sehe in einem Zugeständnis an die Muslime eine Zementierung der tradierten Kirchen-Privilegien über Jahre hinaus.
    Nicht zuletzt deswegen sprechen sich auch die christlichen Kirchen überwiegend für den Religionsunterricht für Muslime aus.
    Dass der KRM nur zehn bis höchstens 15 Prozent der Muslime in Deutschland erreicht, ist ein Beleg dafür, dass die meisten davon längst andere Sorgen haben als eine intensive Berufung auf den Islam. Sie kümmern sich vielmehr um den Alltag und ihre Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft.
    Indem man den Reli-Unterricht für Muslime begänne, würfe man diese Integration möglicherweise stark zurück. Weltliche Muslime könnten dann möglicherweise in die arme der Fundamentalisten getrieben werden. Allein die Fundamentalisten engagieren sich wirklich heftig für den Religionsunterricht.
    Mir scheint manchmal, sie fräßen Kreide, um ihr Ziel zu erreichen. Bei einer Konferenz der Humanistischen Union in Potsdam waren zwei Vertreter zugegen, die sich unterschiedlich klar für diese Forderung eingesetzt haben. der eine ist der Sprecher des KRM, der andere war ein Imam aus Berlin.
    Wenn ich seine Forderung nach einem getrennten Schwimm-Unterricht für Mädchen mit der Begründung, kein Mann dürfe ihre nackten Arme und Beine sehen, bedenke, dann finde ich Bernhard Schlinks Antwort auf dieses Statement bedenkenswert: Muss der Staat nicht durch ein Beharren auf seinen Positionen diesen jungen muslimischen Mädchen die Chance eröffnen, sich von ihren Vätern, Onkeln oder Familien zu emanzipieren?
    Und er meinte, sie könnten ja auch Bade-Anzüge mit langen Ärmeln und Beinen anzieen.
    Jedenfalls bin ich sehr skeptisch, was einen religiösen Unterricht an staatlichen Schulen betrifft. Ich tete für die strikte Trennung von Kirche und Staat ein.
    fjh

  5. @FJH: Ich habe nur die beiden Ausgangsartikel kommentiert und mit meinen eigenen Gedanken angereichert. Nur sines: Dass der KRM nur 10 bis 15 Prozent der Muslime erreicht, hat meines Erachtens nichts damit zu tun, dass sie andere Sorgen haben. Sie sind in kleineren Vereinen und Verbänden organisiert, die auf ihrer Selbstständigkeit beharren und sich in nichts reinreden lassen wollen. Rechtlich gesehen ist das auch ihr gutes Recht. Der Koordinierungsrat dürfte eben nicht nur auf die vier größten Verbände schwören, sondern müsste sich auch der kleineren Moscheevereine annehmen und mit der türkischen Gemeinde zusammenarbeiten, nur so als Beispiel.

  6. Bernd sagt:

    Als Schreiber des Artikels kann ich immer noch nicht verstehen, wie Marcel darauf kommt, meinen Artikel als „unappetitlich“ zu verreißen. Wenn es Marcel nicht paßt, dass ich die WELT als ein Presseorgan beschrieben hat, das den Mut hat, auf einfachte Weise Meinungen zu posten, ist das „unappetitlich“?
    Hier kommt aus meiner Sicht ein blindwütiges Verständnis auf, das einer distanzierten und emotionslosen Betrachtung nicht standhält.
    Im übrigen verweise ich auf meinen Aritekl und auch auf die begrüßenswert sachliche Fragen von Jens, die im Kommentar beantwortet wurden. Dieser Stil ist weit entfernt von „unappetitlich“ und ist einer wirklichen Diskussion würdig.
    Ich bin kein Typ, der nachtritt! Ich schätze durchaus auch die harte aber faire Diskussion, die mit „unappetitlich“ sicher nicht zu führen ist. Das ist, werd Rhetorikschulungen mitgemacht hat, die unterste Schublade derer, die nicht mehr sachlich zu argumentieren wissen: http://www.deutschland-debatte.de/2007/05/02/schaeuble-und-der-islam/, nämlich der Wechsel von der sachlichen auf die emotionale Argumentationsebene.

  7. Das Nest sagt:

    Hallo! Ein paar Anmerkungen habe ich: Dem Argument, Jens, daß, wenn wir einen islamischen Religionsunterricht an Schulen hätten, die fundamentalistischen Steinzeitlehrer in der Freizeit erst recht auf die Mädchen eindreschen würden und sie noch radikaler erzögen, kann ich nur zum Teil zustimmen. Denn einen Riesenvorteil hätte es auf jeden Fall, wenn der Unterricht in der Schule liberal wäre: Nein, mehrere vorteile gleich: die Mädchen wären nicht *allein* oder in ganz kleinen Gruppen den radikalen Unterweisungen ausgesetzt, sondern es gäbe viele andere in einem geschützten Rahmen, mit denen sie diskutieren könnten. Das halte ich für total wichtig. Da wären sie nicht nur mit gleichgesinnnten radikalen zusammen, sondern an sich schon mit unterschiedlich sozialisierten muslimischen SchülerInnen. außerdem hätten sie dann *zwei* Quellen, aus denen sie ihre meinung über ihre Religion selbst bilden könnten, nicht nur eine, wie es ist, wenn man das nur den Familien überläßt. wir machen oft den gleichen Fehler, finde ich, wie islamistische Männer: Wir fragen Frauen und Mädchen nicht, was sie wirklich wollen. wir setzen voraus, daß sie doch mit sicherheit „westlich“ leben wollen, und ich wage mal die Vermutung, für den Teil, der daran *frei* leben bedeutet, stimmt das wohl auch. Wer möchte das nicht? Über alles andere aber, wie wichtig ihnen religion oder ihr gott oder ein spirituelles Leben oder Erinnerungen aus ihrer Heimat, aus einer anderen Kultur sein mögen, wo sie da Vorteile sahen, reden wir nicht. Sei das mehr Unterstützung seitens Nachbarn oder was weiß ich. für uns ist der Westen an sich erstrebenswert, das wünschen wir den Mädchen, aber wir fragen sie nicht, was *sie* sich wünschen. wie denn auch? Wenn es so ist wie oft in den Schulen, kriegen wir sie ja kaum zu sehen oder zu sprechen. Gäbe es aber in der Schule ein Forum, Religionsunterricht, könnte es, wenn wir einen langen Atem und liberal ausgebildete Religionslehrer hätten, zu viel mehr dialog und Kontakt kommen.

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