Wie Marie Antoinette – Was Hat Angela Merkel mit der französischen Königin gemeinsam?

Kleine Meldungen bleiben oft unwidersprochen, obwohl sie wirklich falsch sind, und im Land erhebt sich kein aufschrei. So geschehen, als die Kanzlerin sich mit der Situation der Hartz-IV-Empfänger auseinandersetzte.

Wir brauchen in Deutschland keine Sozialtarife, auch angesichts der höheren Energie-, Heiz- und Stromkosten. Das hat Angela Merkel sinngemäß in einem Bild-Interview gesagt. Und als Begründung fügte sie hinzu, dass die Strom- und Heizrechnungen bei Hartz-Empfängern ja von den Jobcentern und den Arges voll übernommen würden. Die Medienlandschaft nahm diese Äußerung unkommentiert auf. Dass der Regierungssprecher einen Tag später in einer Randnotiz mitteilte, die verehrte Frau Bundeskanzlerin habe ihre Worte vielleicht etwas falsch formuliert, wurde von den Medien kaum beachtet. Und es war auch kein „vielleicht“. Während die Heizkosten bei Hartz-IV-Empfängern bis zu einer gewissen Pauschale übernommen werden, müssen die Betroffenen die Stromkosten vollständig selbst aufbringen. Aber wir brauchen keine Sozialtarife in Deutschland.

Mich erinnert das irgendwie immer an Marie Antoinette. Ihr wisst doch: Diese österreichische Kaisertochter Maria Antonia, die nach Frankreich geschickt wurde, um dort Ludwig XVI. zu heiraten, den König, der in der Zeit der französischen Revolution lebte. Während der Hof in Versailles in Saus und Braus lebte, hungerte die pariser Bevölkerung. Eines Tages auf der Straße hörte die Königin die Proteste. „Warum schreien die Leute so?“ fragte sie. „Sie haben kein Brot, Majestät“, antwortete ihr einer vom Hofstaat. Darauf die Königin: „Dann sollen sie Kuchen essen.“ … So hält es eben auch unsere verehrte Frau Merkel, die von den wirklichen Verhältnissen in unserem Land nichts versteht. Woche für Woche schleicht sich ein Freund von mir, ein abgemagerter Doktor der Humanbiologie und diplomierter Physiker, zur Marburger Tafel, um sich dort etwas zu essen zu holen. Kinder müssen ebenfalls dorthin. Jeder achte Deutsche lebt unterhalb der Armutsgrenze von 781 Euro, gerade auch wegen der Billigjobs, die uns sinkende Arbeitslosenzahlen bescheren. Sinkende Arbeitslosenzahlen mit immer mehr Menschen, die mit harter Arbeit schlechter leben als ohne. Anstatt die Löhne auf ein lebenswürdiges Maß zu erhöhen, ebenso wie die Sozialleistungen, wird beides eingefroren oder gekürzt. Eine Freundin zog in eine neue Wohnung. Bei der Einrichtung, die sie sich aus teilweise vom Jobcenter finanzierten Mitteln kaufen durfte, war z. B. *ein Stuhl* dabei. Gnädigerweise darf sie sitzen, aber keine Gäste empfangen.

Eine andere Freundin hat zwei Kinder und musste jetzt ALG II beantragen. Sie erhält natürlich für diese Kinder insgesamt 308 Euro Kindergeld. Dieses Kindergeld wurde ihr von ihrem eigenen ALG II abgezogen. So erhält sie nun 39 Euro Regelsatz Hartz IV für sich selbst, plus Miete, plus 308 Euro Kindergeld, plus rund 200 Euro Hartz-Zuschuss für die Kinder. Sie selbst hat aber keinen Anspruch auf Unterhalt zum Leben. Die Kinder dürfen also leben, sie selbst muss mit 39 Euro im Monat auskommen. In welcher Art von Sozialstaat leben wir eigentlich?

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel sich so wenig um die Verhältnisse in unserem Land kümmert, wie das dereinst Marie Antoinette getan hat, dann können wir ihr nur wünschen, dass die Geschichte sich nicht wiederholt.

Marie Antoinette wurde am 16. Oktober 1793 vom republikanisch gewordenen Frankreich enthauptet.

© 2008, Jens Bertrams.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

5 Kommentare zu Wie Marie Antoinette – Was Hat Angela Merkel mit der französischen Königin gemeinsam?

  1. Sammelmappe sagt:

    Danke, Jens für diesen Artikel!

    Manuelles Trackback zum Unterschichtenblog:
    http://hartz.blogg.de/eintrag.php?id=1021#kommentare

  2. Korkie sagt:

    Hälst du es für repräsentativ einen Diplom-Physiker in der dargestellten Situation als Beispiel zu nennen? Nichtrepräsentative Beispiele sind zu nichts gut, ausser natürlich man möchte die Sichtweise der Leser auf die Wirklichkeit verzerren.

    Und zu der armen Freundin mit ihren 2 Kindern: Wie das Geld nun benannt wird, was eine bedürftige Familie bekommt, ist doch wohl völlig egal… Bedeutet Kindergeld, dass dieses Geld nur für den Lebensunterhalt der Kinder bestimmt ist ? Fakt ist: Sie bekommen 547€+ Miete pro Monat. Das ist nicht viel, aber sie werden wohl kaum verhungern und wohl in der Lage sein die Haushaltskosten zu bewältigen.

  3. Lieber Jens,
    ich habe mich direkt nach diesem Vorfall gefragt, ob die Bundeskanzlerin dumm oder dreist ist: Hat sie es nicht gewusst, oder hat sie bewusst falsch vereinfacht?
    In jedem Fall scheint mir die Haltung der Angela Merkel symptomatisch für den Umgang vieler Politiker mit den Armen und der Armut: Das ist alles halb so schlimm!
    Zumindest, solange man selber nicht betroffen ist!
    fjh

  4. thomas sagt:

    warum kinder. zumindest sozial orientierte personen werden eingeschraenkt. unterwirft man sich nicht dem diktat der marktwirtschaftlichkeit, muessen andere moeglichkeiten gegegen sein. gibt es die? ich bin gespannt. immerhin: in der vorindustriellen gesellschaft ist der kinderwunsch stark. und auch von der industrie gefordert. in china ohne viele menschen zu produzieren , undenkbar anhand der produktionskosten. hierzulande hingegen kann der einzelne arbeitnehmer gluecklich sein (im vergleich zum chinesischen) und nachwuchs, wenn ueberhaupt, soll oberhalb des proletats angesiedelt werden. glueck auf

  5. @Korkie: Ich kann nicht repräsentativ sein, nicht in diesem Blog. Ich kann nur beschreiben, was ich sehe. Und: Findest du, dass eine dreiköpfige Familie mit heranwachsenden Kindern mit 567 Euro, denn die sind es genau, gut leben kann? Lebensmittel für drei Personen, die Kinder sind immerhin 11 und 13 Jahre alt und vderbrauchen ihren Teil und müssen noch wachsen. Telefon, wenigstens eine Haftpflichtversicherung, die bei Kindern einfach sein muss, Kleidung, und auch noch, zumindest für die Kinder, Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, also mal was mit Klassenkameraden unternehmen usw? Und es geht mir auch um das Prinzip das dahinter steckt. Man will doch mehr Kinder in diesem Land. Dann muss man aber einer Familie auch ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Ohne eigenes Verschulden, weil einfach nicht genug Arbeit selbst für studierte Kräfte da ist, kommt man als allein erziehende Mutter in diese Situation, muss dann offiziell von 39 bzw. – wir wollen ehrlich sein, 43 Euro leben und sich noch zynische Kommentare anhören. Danke.

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