Gedenken an den Beginn des zweiten Weltkrieges

den folgenden Beitrag habe ich am 03.09.2009 für ohrfunk.de verfasst und in der Sendung „17-20, der Soundtrack zum Tag“ veröffentlicht.

In den letzten Tagen, vor allem am 1. September, wurde immer wieder an den Beginn des 2. Weltkrieges vor 70 Jahren erinnert. Polen war zwar nicht das erste opfer nationalsozialistischer Gewalt, aber es war ein besonders tragisches, denn zum vierten Mal in seiner Geschichte wurde Polen unter seinen östlichen und westlichen Nachbarn, in diesem Falle die Sowjetunion und Hitlerdeutschland, aufgeteilt. Trotzdem ist es nur bedingt richtig, vom 1. September 1939 als dem Beginn des 2. Weltkrieges zu sprechen. 2 Tage lang versuchten der belgische König, der amerikanische Präsident, der Papst und sogar der italienische Duce noch, den Ausbruch eines allgemeinen Krieges zu verhindern. Erst durch die Kriegserklärung Großbritanniens und Frankreichs an Deutschland am 3. September 1939 wurde der Krieg um Polen zu einem allgemeinen europäischen Krieg, der sich dann zum Weltkrieg ausweitete. Neuere historische Forschungen belegen eindeutig, dass Adolf Hitler zu diesem Zeitpunkt auf einen allgemeinen Krieg nicht vorbereitet war. Dasselbe galt für Frankreich. Durch intensive Korrespondenz mit Eduard Daladier und Neville Chamberlain, den Premierministern Frankreichs und Großbritanniens, hoffte Hitler, den drohenden Kriegsausbruch verhindern zu können. Es ging ja nur um ein kleines Fleckchen Erde, das nachweislich zu Deutschland gehörte, um die freie Hafenstadt Danzig.

Nach dem ersten Weltkrieg war Danzig von Deutschland getrennt und zu einem selbstständigen Staat unter dem Schutz des Völkerbundes gemacht worden. 95 Prozent der Einwohner waren Deutsche, Polen hatte in Danzig einige Sonderrechte. Ostpreußen gehörte zwar zum deutschen Reich, hatte aber keine direkte Verbindung mit dem Mutterland und wurde durch einen zu Polen gehörenden Korridor von Deutschland abgeschnitten. Nach und nach hatte sich Deutschland alle Gebiete unter den Nagel gerissen, in denen Deutsche lebten: Österreich, das Sudetenland, das Memelgebiet. Außerdem war die Tschechoslowakei zerschlagen und unter die interessierten Staaten aufgeteilt worden. Nun richtete Hitler sein Augenmerk auf Danzig. Er war offenbar der Überzeugung, die westlichen Demokratien würden auch weiterhin nachgeben und zusehen, wie er seinen Willen durchsetzte. Zunächst versuchte er es mit Verhandlungen, aber mit Forderungen, auf die Polen nicht eingehen konnte. Rückkehr Danzigs zum deutschen Reich und eine exterritoriale Schienen- und Straßenverbindung durch den Korridor nach Ostpreußen. Polen, zwischen Deutschland und der Sowjetunion in einer schwierigen Lage, war sich sicher, dass Deutschland keinen Krieg beginnen würde, weil die Sowjetunion das nicht dulden würde. Außerdem hatten Großbritannien und Frankreich mit Polen einen Beistandspakt geschlossen. Die Führung des Landes, allen voran Außenminister Oberst Beck, wähnte sich sicher und lehnte Deutschlands Forderungen ab. Doch der Beistandspakt der Westmächte war mehr ein symbolischer Akt. Frankreich war für einen Krieg noch nicht gerüstet, und Großbritannien konnte kaum Truppen ins Krisengebiet verlegen, weil man dazu an Deutschland vorbei musste. Eine reine Marineunterstützung, die zudem die Gewässer der neutralen Länder Dänemark und Norwegen berührt hätte, kam auch kaum in Frage. Und was die Sowjetunion betraf, so schaffte es Hitler, mit Stalin einen Nichtangriffspakt zu schließen. Der sowjetische Führer ging gern darauf ein, wurde doch in einem geheimen Zusatzprotokoll geregelt, dass er das Baltikum und die Osthälfte Polens erhalten sollte. Dieser Pakt schlug ein wie eine Bombe, aber von dem Zusatzprotokoll wurde offiziell nichts bekannt. Lediglich ein amerikanischer Diplomat wurde in Moskau von einem deutschen Kollegen informell darüber unterrichtet und meldete den Inhalt auch sogleich an die amerikanische Regierung weiter. Warum Präsident Roosevelt das Zusatzprotokoll nicht veröffentlichte, bleibt bis heute ein Rätsel. Möglicherweise hoffte er, das Zusatzprotokoll durch echte Verhandlungen unwirksam machen zu können. Wie dem auch sei: Durch das deutsch-sowjetische Abkommen fühlte sich Hitler nun stark genug, seine Gangart gegenüber Polen zu verschärfen. Großbritannien versuchte, Hitle zu Verhandlungen zu zwingen, und weil der deutsche Führer zumindest anfänglich darauf einging, mahnte die britische Regierung auch die Polen, an den Verhandlungstisch zu kommen. Aber gleichzeitig versicherte man der polnischen Regierung die uneingeschränkte britische Unterstützung. So versuchte Polen, die Krise mit einer Hinhaltetaktik zu entschärfen. Es nützte nichts. Hitler war offenbar der Ansicht, die Westmächte würden nur mit Protestnoten reagieren. Selbst nachdem er Polen am 1. September 1939 angegriffen hatte, stellten die Westmächte ein Ultimatum und versuchten, Deutschland noch zu Verhandlungen zu zwingen. Als Hitler das Ultimatum abschlägig beschied, erklärten Frankreich und Großbritannien am 3. September 1939 dem deutschen Reich den Krieg. Hitler, Goebbels und Göring sollen, so ein militärischer Beobachter an diesem Morgen, entsetzt gewesen sein, als ihnen klar wurde, dass nun der zwei-Fronten-Krieg begann, den sie immer hatten vermeiden wollen. Polen half die britisch-französische Kriegserklärung nichts, es wurde das erste Opfer deutscher Blitzkriegstaktik.

Wer sich übrigens genauer über die oft verkürzt dargestellte Entwicklung hin zum zweiten Weltkrieg informieren will, dem seien das britische Blaubuch und das französische Gelbbuch empfohlen, in denen sämtliche diplomatischen Vorgänge und Briefwechsel in den letzten Monaten vor dem Krieg genau verzeichnet sind. Im Internet kann man das ganze, allerdings auf englisch, auf der Seite des Avalon-Projekts bei der Yale law School in den USA nachlesen.

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Autor: Jens Bertrams

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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