Der Tag von Leipzig – Die „Wende“ in der DDR“

Den folgenden Erinnerungsbericht habe ich am 9. Oktober 2009 für die Sendung „17-20, der Soundtrack zum Tag“ auf ohrfunk.de geschrieben und dort veröffentlicht.

Heute vor 20 Jahren war der Tag von Leipzig. Und es ist dieser Tag, der heute mit dem Begriff „Wende in der DDR“ unmittelbar verbunden ist.

Schon seit Wochen fanden jeden Montag Demonstrationen gegen das SED-Regime statt, und von mal zu mal wurden es mehr Demonstrantinnen und Demonstranten. Darum hatte die SED-Führung einen Befehl erlassen, Großdemonstrationen nach den Friedensgebeten in Leipzig am 9. Oktober von vorneherein zu verhindern. Blutkonserven waren in den Krankenhäusern bereitgestellt, die Sicherheitskräfte waren am Bahnhof zusammengezogen worden und sollten der erwarteten Demonstration dort Einhalt gebieten. Die Staatsmacht wollte 2 Tage nach dem 40. Gründungstag der DDR zeigen, dass sie die Lage unter Kontrolle bringen konnte, wie es die chinesischen Genossen im Juni auf dem Platz des himmlischen Friedens getan hatten. In dieser Situation trafen sich drei SED-Bezirkssekretäre mit einem Kabarettisten, einem Pfarrer und dem Kapellmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, um einen Aufruf zur Besonnenheit an die Demonstrationsteilnehmer und die Sicherheitskräfte zu verfassen. Dieser Aufruf wurde über den Leipziger Stadtfunk und über Lautsprecher in der Innenstadt verbreitet. 70.000 Menschen waren zur Demonstration erschienen, und der erste Bezirkssekretär Helmut Hackenberg wollte die Verantwortung für ein Blutbad wohl nicht auf die eigenen Schultern nehmen. Angesichts des Aufrufes und des unerschrockenen aber friedlichen Demonstrationszuges, bei dem viel mehr Menschen anwesend waren als erwartet, zog er die Einsatzkräfte auf eigene Faust zurück. Es war das Signal, dass der friedliche Protest stärker ist als die bewaffnete Macht. Es war der Moment, in dem der Mut und die Hoffnung aufkeimen konnten, dass man auch gegen die waffenstarrende Staatsmacht durch friedlichen Protest etwas ausrichten, sie in ihre Schranken weisen konnte. Aus einem verzweifelten Protest ohne besondere Erfolgsaussichten wurde eine Massenbewegung unerschrockener Bürger. Es war eben „die Wende“.

© 2009, ohrfunk.de

Autor: Jens Bertrams

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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