E-mailloser Freitag in Flandern und den Niederlanden

Den folgenden Kommentar habe ich heute für die Sendung „17-20, der Soundtrack zum Tag“ geschrieben und veröffentlicht.

Wenn ich mich morgens an meinen Schreibtisch setze, checke ich als erstes meine neuen E-Mails, damit ich immer auf dem Laufenden bin, was sich während meiner Abwesenheit vom Computer ereignet hat. Das aber ist grund falsch, zumindest sagt das der belgische Kommunikationsspezialist Gunnar Michielssen. Daher hat er für den heutigen Tag zum zweiten mal den E-Maillosen Freitag in Flandern und den Niederlanden ausgerufen. Privatpersonen, aber vor allem Arbeitnehmer sollen einen Tag lang keine E-Mails lesen und damit für einen besseren Umgang mit dem neuen Medium eintreten. Denn pro Tag werden weltweit rund 40 Milliarden E-Mails versendet, also 6 im Durchschnitt von absolut jedem Erdenbürger. Rund 90 Prozent des E-Mailaufkommens besteht aus Spam, also unerwünschten Werbemails. Das ist aber nicht der Hauptgrund für Michielssens Initiative. Jedes Checken neuer Nachrichten hält einen Arbeitnehmer rund 2 Minuten lang von seiner wichtigen Arbeit ab, selbst wenn das Lesen der E-Mails nur wenige Sekunden dauert, sagt der Kommunikationsexperte. Wer jede viertel Stunde nach E-Mails schaue, sei bis zu 30 Minuten pro Tag von seiner eigentlichen Arbeit abgelenkt. Am Schlimmsten sei es aber, auf jedes Signal des E-Mailprogramms unverzüglich zu reagieren, das eine neu eingetroffene Nachricht anzeigt. Vorsichtigen Schätzungen zufolge könnte die Arbeitsablenkung jeden Betrieb pro Arbeitnehmer und Jahr 3000 Euro kosten, das sind rund 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den Niederlanden, und die Qualität der persönlichen Kundenbetreuung leide erheblich. Denn dauerndes E-Mail-Lesen erzeugt Druck, man wird getrieben, anstatt seinen Arbeitstag selbst zu kontrollieren, sagt Michielssen. Der E-Maillose Freitag, mit dem Firmen in den USA übrigens durchaus bereits positive Erfahrungen gemacht haben, kann natürlich nur ein erster Schritt sein. „Wer einen Tag lang sein Outlook oder Lotus Notes nicht aufruft, lernt an diesem Tag eine Lektion, die er auch den Rest des Jahres nicht mehr vergessen wird“, erklärt der kommunikationsspezialist überzeugt. E-Mails sind nach Michielssens Ansicht nämlich schnell geschrieben und verschickt, auch wenn der Inhalt nicht besonders wichtig ist. Daher sollte man seiner Meinung nach immer den Vergleich mit dem Telefon ziehen und sich die Frage stellen: „Würde ich meinen Kollegen für diese Mitteilung auch anrufen?“ Wenn nicht, sei auch das Versenden der E-Mail überflüssig.

Natürlich will Gunnar Michielssen die Zeit nicht zurückdrehen und die E-Mail abschaffen. Es geht ihm lediglich darum, auch für E-Mails eine eigene Kommunikationskultur zu entwickeln. Einen Leitfaden, wie man mit seinen Mails sinnvoll umgehen sollte, hat er bereits geschrieben. Zu seinen 10 Geboten zählen Ratschläge wie: „Rufe deine E-Mails nur drei mal am Tag ab, und das erste mal erst, wenn du deine vorrangige Arbeit erledigt hast.“ Oder: „Schreibe das Wichtigste in die Betreffzeile, sodass der Empfänger die Mail möglicherweise gar nicht mehr öffnen muss, um das Wichtigste zu erfahren“, oder: „leere deine Inbox drei mal pro Tag, sie ist keine Todo-Liste“, und schließlich: „Verschicke keine dringenden Nachrichten. Damit verpflichtest du andere Menschen, ständig ihre Inbox zu kontrollieren. Wenn es so wichtig ist, dass es nicht ein paar Stunden warten kann, nutze das Telefon.“

Mit Sicherheit hat Gunnar Michielssen durch seine Initiative zum Nachdenken angeregt. Ich kenne das Gefühl auch, von den noch zu bearbeitenden E-Mails getrieben und gehetzt zu sein. Ob Michielssens Vorstoß allerdings Erfolg beschieden sein wird, darf man durchaus bezweifeln. Denn in der Regel wird ein Telefonanruf von den Meisten Arbeitnehmern als viel störender empfunden als eine E-Mail. Und zwar mit der durchaus interessanten Begründung, dass man sich bei der E-Mail ja aussuchen könne, wann man sie lese. Gut wäre, wenn man diesen Überlegungen dann auch Taten folgen lassen würde.

© 2009 ohrfunk.de

Autor: Jens Bertrams

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

3 Kommentare zu E-mailloser Freitag in Flandern und den Niederlanden

  1. Sammelmappe sagt:

    Ich kann mich dieser Argumentation nicht anschließen und fühle mich durchaus in der Lage zu entscheiden, ob ich für einen Kontakt zum Telefonhörer greife oder ob ich mich für eine E-Mail entscheide. Eine E-Mail dokumentiert einen Vorgang und hilft mit, dass die Empfängerin oder der Empfänger eben nicht abrupt gestört wird, sondern sich auf den Inhalt konzentrieren kann. Mensch bestimmt selbst, wann die Mail beantwortet wird.
    Gegen ein Telefonat ab und zu ist auch nichts einzuwenden, denn es fördert den persönlichen Kontakt, gerade bei Menschen, die man nur ab und an persönlich sieht oder vielleicht sogar nie.

    Und wer checkt schon alle paar Minuten seine E-Mail? Verliebte Menschen. Das mag sein und das soll auch so sein.
    Im normalen Arbeitsalltag gehört es zu den üblichen Kompetenzen, Prioritäten zu setzen. Das Telefon ist in vielen Fällen jedenfalls immer noch mehr ein „Zeitfresser“.

  2. Pingback: Sammelmappe » E-Mail-freier Tag

  3. Das Nest sagt:

    ich kenne glaub ich mehr Menschen als nur verliebte, die ihren Rechner so eingestellt haben, daß er alle fünf MInuten Mails holt, und wenn sie am Rechner sitzen, egal, was sie gerade tun, dann gucken sie auch „mal eben“ nach, was gekommen ist. Mich zumindest würde das enorm aus der KOnzentration reißen. ich habe für mich keine Regel erstellt im sinne von „dreimal am Tag“, aber eingepegelt haben sich Abstände von so vier bis fünf Stunden. bin ich an einem Tag hektisch, weil ich auf etwas bestimmtes warte oder so, dann hole ich auch öfter mail, kann sie dann aber auch nicht liegenlassen, selbst wenn das erwartete nicht dabei war. Und schon habe ich Druck. Wohl dem, der bei solchen Dingen zu 100 Prozent diszipliniert sein kann. Meist klapppt es aber bei mir.

    Was mich wieder mal sehr nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, daß es wie so oft wirtschaftliche Erwä´gungen waren, die diesen Denkprozeß in Gang gebracht haben: wie viel Zeit kosten E-mails und die Beschäftigung damit den Arbeitgeber, wie viel kostbarer Arbeitseinsatz geht verloren? Und am Ende steht natürlich wieder das liebe Geld. Aber was macht es psychisch unter Umständen mit Menschen, E-Mails, Twitternachrichten, SMS und so weiter hinterherzuhecheln? ich bin niemand, der das alles verdammt: ich schreibe und lese viele E-mails, twittere, und wie ich mit SMS umgehen würde, weiß ich nicht, weil icht die technischen Mittel habe derzeit, um welche zu schreiben oder zu empfangen. ich weiß nur, daß manche Leute, die ich kenne, wie Junkies an diesen Dingen hängen, und auch Jens und ich müssen uns immer wieder mal dran erinnern, und es ist im Moment mal wieder enorm eingerissen, vielleicht mal keine Mails zu holen, bevor wir nicht wenigstens einen ersten Kaffee getrunken und eine Kleinigkeit zusammen gefrühstückt haben. Der Streß, der Druck, beginnen manchmal, bevor wir überhaupt die augen auf haben. Da sehe ich Gefahren, die jenseits der Wirtschaft liegen. außerdem ist es viel schwieriger, einem stimmlichen Gegenüber, und sei es nur am Telephon, konzentriert und „sozial verträglich“ seine Meinung zu sagen. wie viel leichter kann es sein, seinen Ärger in eine Mail zu tippen, die man dann fix abschickt und mit der man sich dann nicht mehr auseinandersetzen muß? natürlich kann ein Brief auch vorteile haben, eine Mail, meine ich jetzt. GEdanken können vielleicht wie früher in den alten Briefen, sogar länger bearbeitet und ausformuliert werde. Nur – wenn wir ehrlich sind -: wer nutzt seine E-Mails so? Wer durchdenkt sie lang und breit? In der Regel werden sie doch schnell abgeschickt, gerade *wenn* Zeit und Geld gespart werden sollen. Und Stück für Stück verlernen wir, auf direkte antworten zu reagieren und auf die Gefühle, die sie bei uns auslösen und denen wir uns nicht mehr aussetzen, wenn wir nur noch per mail verkehren statt am Telephon. Das sind die Gefahren, die ich sehe.

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