Big Brother in der Pizza

Den folgenden Kommentar habe ich nachdenklich und kopfschüttelnd am 11. Dezember geschrieben und in „17-20, der Soundtrack zum Tag“ auf ohrfunk.de veröffentlicht.

Vor 2 Wochen habe ich über den E-Mailfreien Freitag gesprochen, und heute erzähle ich Ihnen etwas übers Essen. Und wieder sind die Niederlande Vorreiter. Beim Essen? Nein, beim Online bestellen.

Vielleicht kennen Sie das ja auch: Sie haben hunger, aber keine Lust, etwas zu kochen. Also rufen Sie den Bestellservice Ihrer Wahl an und lassen sich ein wundervolles Abendmahl kommen. Oder, wenn Sie ganz auf der Höhe der Zeit sein wollen, dann gehen Sie auf die Internetseite ihres Lieferdienstes, geben Ihre Bestellung auf und erhalten die beruhigende Meldung: „Bestellung aufgenommen“. Wenn das Essen dann 2 Stunden später immer noch nicht da ist, greifen Sie dann wohl doch zum Telefonhörer und beschweren sich. Vermutlich ist Ihre gute Stimmung dann dahin. Und wenn dann noch die Antwort kommt: „tut mir leid, unsere Internetbestellung funktioniert schon seit einigen Tagen nicht mehr“, ist der Abend vermutlich gelaufen.

Das aber muss nicht so sein, fand der Internetunternehmer Jitse Groen, und er erfand einen neuen Dienst: Thuisbezorgd.nl. 200 Restaurants in den Niederlanden haben sich dem neuen System angeschlossen, und nach und nach sollen es noch mehr werden. Teilnehmende Restaurantbesitzer loben den neuen Dienst als extrem kundenfreundlich. Und so funktionierts: Sie geben per Internet oder, noch hipper, per IPhone Ihre Bestellung auf und können dann auf der Internetseite des Bringdienstes verfolgen, was mit Ihrem Essen geschieht. Dabei beschränkt sich das Ganze nicht wie zum Beispiel bei Paketdiensten darauf, zu ermitteln, wann das Essen in den Ofen kommt, wann es das Restaurant verlässt und wann es bei Ihnen ankommt, sondern man kann via GPS den gesamten Weg der Mahlzeit bis auf Ihren Küchentisch online verfolgen. Sowohl das Restaurant, als auch der Lieferservice sind mit Hilfe eines Trackingsystems ans GPS-Netz angeschlossen. Und wenn das bestellte Essen noch einen Kilometer von Ihnen entfernt ist, erhalten Sie eine SMS, dass Sie sich an den Tisch setzen können. Allerdings müssen Sie dann eine Minute später wieder aufstehen, um den Pizzakurier herein zu lassen.

Jitse Groen, der Erfinder dieses Systems, sieht die Vorteile in der Sicherheit, die der Kunde hat, dass seine Bestellung aufgenommen wurde, bearbeitet wird und binnen einer bestimmten Frist, die man auch ständig auf dem Bildschirm ablesen kann, ausgeliefert werden wird. Kein unsicheres Warten mehr: Werde ich heute Abend verhungern?

Im ersten Moment, als ich über dieses neue System las, musste ich lachen. Was für eine Spielerei. Aber das lachen verging mir, auch wenn eine gewisse technische Faszination blieb. Ich frage mich, in welcher Welt wir leben? Muss ein Kunde wirklich genau nachverfolgen können, wo seine Pizza ist? Möglicherweise noch, welche Adresse vor ihm bedient wird? Müssen Kundenfreundlichkeit und Kundensicherheit einen gläsernen Menschen hervorbringen? Und, denken wir mal einen Schritt weiter: Wenn es möglich ist, einen Mann vom Pizzaservice auf seinem Weg auf wenige Meter genau zu verfolgen, wie leicht ist es dann möglich, jeden von uns auf unseren Wegen zu verfolgen? Wie leicht kann man herausfinden, wer sich wo, wann und wie lange aufgehalten hat? Wie leicht ist es für wen auch immer möglich, Schlüsse daraus zu ziehen?

In Australien gibt es eine Jugendherberge als „Big Brother House“. Dort kann jeder, der will, via Internet ein Zimmer beobachten, in dem bis zu 14 junge Menschen schlafen. Natürlich wissen diese Personen, dass sie ständig beobachtet werden, und offiziell wird mit der Möglichkeit geworben, dass Angehörige ihre Liebsten via Internet sehen und eine Weile lang beobachten können. Aber es handelt sich auch um voyeurismus. Und wenn man kein Vertrauen mehr darin hat, dass Internetbestellungen in den entsprechenden Restaurants auch angenommen und bearbeitet werden, dann gibt es eine einfache Möglichkeit, auf Nummer sicher zu gehen. Wählen Sie einfach die Telefonnummer des Bringdienstes Ihres Vertrauens und lassen Sie sich von einer menschlichen Stimme die Annahme Ihrer Bestellung bestätigen. Guten Appetit.

© 2009, ohrfunk.de

Autor: Jens Bertrams

Flattr this!

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
Dieser Beitrag wurde unter Computer und Internet, Die Niederlande veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.
Nach oben

Comments

Ein Kommentar zu Big Brother in der Pizza

  1. Pingback: Twitter Trackbacks for Mein Wa(h)renhaus » Big Brother in der Pizza [jens-bertrams.de] on Topsy.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.