Mein persönlicher Jahresausklang beginnt – über unser Jahresfest

Gestern habe ich den folgenden Artikel schon auf meinem anderen Blog veröffentlicht. Für meine Stammleser hier möchte ich ihn aber auch zugänglich machen. Während ich hier mit Schnee auf meine Freunde warte, veröffentliche ich diesen Beitrag auch hier.

Noch knapp 3 Tage, dann ist die magische Woche wieder beendet, und mein persönliches Jahr 2009 auch. Zeit also, sich auf die Tage zu freuen, an denen Weihnachten und Silvester auf einen Tag fallen.

Morgenabend, am Freitag also, wird es so weit sein. Den ganzen Tag über werden vorbereitungen laufen, Essen wird zubereitet werden, Lieder werden zusammen gesucht, Playlisten und Ablaufpläne erstellt und gedruckt. Und morgenabend, so zwischen 6 und 7, werden sie alle bei uns auftauchen, unsere engsten Freunde, um den ersten Abend des Jahresendwochenendes mit uns zu genießen. meine Liebste richtet in diesem Jahr unser Jahresfest aus, und darum werden sie alle 8 morgen abend an unseren Wohnzimmertischen sitzen und mit uns Schimarrao trinken, brasilianischen Matetee. Es ist der erste, inzwischen zur Tradition gewordene Programmpunkt eines Wochenendes, auf das ich mich seit Wochen freue. Nur die Geschehnisse um den Ohrfunk haben in den letzten Tagen die Vorfreude etwas getrübt, weil sich mein Kopf und meine Seele noch nicht auf das eingelassen haben, was da morgen zum 25. mal seinen Anfang nehmen wird.

Wie gesagt: Sie kommen zwischen 6 und 7 Uhr. Es sind unsere allerengsten Freunde, mit denen uns schon so etwas wie familiäres Zusammengehörigkeitsgefühl verbindet. 2 Programmierer, der eine aus Wuppertal, der andere aus Worms, und mehrere Leute, die in Marburg leben: ein Schriftsteller, eine Dolmetscherin und Übersetzerin mit ihrem Mann, eine gelernte Erzieherin und 2 Radiomacher. Wir werden uns begrüßen und dann an den Tisch setzen, wo unsere Dolmetscherin ihren Matetee und die zugehörigen Utensilien auspacken wird. Nachdem das Gefäß mit dem Tee zum ersten mal die Runde gemacht hat, wie eine Friedenspfeife bei den alten Indianern, werde ich aufstehen und die Bowle ansetzen, die wir Samstagabend gemeinsam trinken werden. Der Rest dieses Freitags ist gemütliches Plaudern, und es wird auch nicht so spät werden, denn am Samstag beginnt der Tag sehr sehr früh.

Angefangen hat all das, als ich noch in der Schule war. Meine damals besten Freunde und ich gründeten im August 1985 als Teil einer politischen Staatssimulation die sogenannte „Deutsch-Niederländische Medienstiftung (DNMS)“. Diese „Organisation“ hatte die Aufgabe, für unseren Kreis eine wöchentliche Hitparade zu erstellen. Jeder von den Beteiligten gab einmal in der Woche, am Samstagmittag nämlich, seine persönlichen Top 10 ab, und einer von uns rechnete daraus die Wochenliste nach einem einfachen Punktesystem aus. Der Samstagnachmittag wurde genutzt, um die Wochenhitparade auszuspielen, und wer von den Beteiligten Lust hatte, der kam eben einfach dazu und hörte zu, erzählte etwas zu seiner Musik und genoss den Nachmittag. Am dritten Advent des Jahres 1985 fand dann die erste Jahreshitparade statt, und die 25 beliebtesten Plätze wurden ausgespielt. So lernten wir nicht nur die Musik der Anderen ganz gut kennen, wir hatten auch Zeit, uns wärhend der Musik darüber zu unterhalten, warum wir die Lieder gewählt hatten, was uns persönlich bewegte, und welchen Stellenwert die Musik in unserem Leben einnahm. So lernten wir einander besser kennen, und die wöchentlichen Veranstaltungen der DNMS wurden zum Treffpunkt unseres Freundeskreises. So sehr setzte sich das in unserem Leben fest, dass wir bis heute nicht damit aufgehört haben. Einige der Leute, die dabei waren, haben gewechselt, aber vor allem in den ersten Jahren. Danach blieb die Gruppe im wesentlichen konstant, und unsere Gemeinschaft wurde enger, weit über die Musik hinaus. Wir sind ein Freundeskreis, ganz egal, wie weit wir voneinander entfernt sind. Die Hitparade ist uns geblieben, auch wenn die Staatssimulation längst verschwunden ist. Und jedes Jahr am dritten Advent, oder manchmal auch am vierten, wie dieses Jahr zum Beispiel, spielen wir unsere Jahreshitparade aus. Waren es bei der ersten Jahresliste 1985 nur sechs Stunden, die mein Freund und ich brauchten, die Top 25 zu spielen, so brauchen wir heutzutage mit 8 Leuten ein ganzes Wochenende. Und zur Musik ist viel mehr hinzugekommen, denn wir berichten einander über unser Jahr, wir lassen es gemeinsam ausklingen und revue passieren.

Der Samstag wird für mich zwischen 5 und 6 Uhr beginnen. Denn dann werde ich mit meiner Liebsten zusammen Brötchen schmieren, damit wir ab 8 Uhr gemeinsam frühstücken können. Beim Frühstück stimmen wir uns auf das kommende Großereignis ein, und wenn alles funktioniert, sind wir guter Stimmung, wenn um 10 Uhr zunächst das Lied „Arrival“ von ABBA, und dann die „Toccata“ von Skyy erklingt. Damit beginnt jedes Jahr unsere Jahreshitparade, und wir spielen immer noch die Top 25 des Jahres. Früher haben wir das ganze mit Papier und Bleistift ausgerechnet, auch die Wochenhitparaden. Inzwischen haben wir natürlich ein extra dafür geschriebenes, aufwendiges Computerprogramm, das von einem unserer Mitglieder geschaffen wurde und ständig weiterentwickelt wird. Es verwaltet nicht nur die Platzierungen, sondern auch die Audiodateien, aus denen sich die Hitparade zusammensetzt. Dieses Programm ist eine absolute Meisterleistung, und wäre es nicht auf die Bedürfnisse genau unseres Kreises zugeschnitten, unser Freund könnte es als professionelle Software verkaufen. Neben der Software haben wir natürlich in diesen Zeiten eine Mailingliste, über die wir auch während des Jahres Kontakt halten, egal, ob sich Leute von uns in Portugal, Brasilien, Irland, Spanien oder Deutschland aufhalten. Und auf unserem FTP-Server kann jeder von uns die Lieder ablegen, die er oder sie in die Hitparade gewählt hat. Insofern sind wir modern geworden, trotzdem ist unsere Lust auf das Jahresfest, wie wir unsere Adventsveranstaltung nennen, nicht geringer geworden.

Den Tag über läuft die Musik, und zwischendrin erzählt jeder von uns sein oder ihr Jahr. Bis zum Abendessen wollen wir in der Regel bis zum Platz 11 der Hitparade vorgedrungen sein, und im Grunde sollte man drei von vier Quartalen des Jahres schon erzählt haben. Hin und wieder kommt es aber vor, dass ein Thema mehr Raum braucht, dass jemand ausführlicher und intensiver über etwas sprechen möchte. Natürlich ist dafür Zeit und Raum, denn wir sind ja vor allem eines: Sehr Enge Freunde, fast so etwas wie eine Familie. Wir kennen einander, und wir reden miteinander.

In den letzten Jahren ist es schon fast eine Tradition geworden, dass es als Hauptmahlzeit Reitersuppe gibt. Eine einfache, aber leckere Suppe mit Hack, Paprika, Zwiebeln, Pilzen, Ananas und solchen Dingen. Außerdem werden einige von uns wieder leckere Salate gemacht haben. Und vermutlich werden wir beim oder nach dem Essen ausgelassen lachen und singen, manchmal auch Weihnachtslieder. Und dann wird die Bowle angebrochen, die ich jedes Jahr nach einem Rezept meiner Mutter mache, die vor 7 Jahren verstarb, vorher aber 13 Jahre lang ebenfalls Mitglied dieses Kreises gewesen ist. Nicht nur, weil sie meine Mutter war, sondern weil meine Freunde und sie sich gegenseitig ins Herz geschlossen hatten. Zur Erinnerung an sie mache ich jedes Jahr ihre Pfirsichbowle, die sie auch immer zur Jahreshitparade machte, als sie noch daran teilnahm.

In den ersten Jahren waren wir meistens nur zu dritt oder zu viert, die wirklich bei der Jahresliste dabei waren. Listen abgegeben haben auch damals oft mehr Leute, aber zur Jahresendveranstaltung traf sich meist nur ein kleiner, verschworener Kreis. Darum brauchten wir auch nur einen Tag für das Jahresfest. Außerdem wurde noch nicht so viel erzählt wie heute. Die Vorbereitung allerdings war mindestens ebenso intensiv wie heutzutage. Damals aber vor allem deshalb, weil die Jahresliste mühsam von Hand ausgerechnet und mehrfach überprüft werden musste. Dafür haben wir uns am Anfang, als wir noch in der Schule waren, keine Sorgen ums Essen machen müssen. Das änderte sich, als alle von uns die Schule verlassen hatten. Wir stellten fest, dass wir mit der ganzen Vorbereitung, die damals noch neben der Hitparade am selben Tag lief, 2 Tage benötigten. So entwickelte sich das ganze zu einem gemeinsamen Wochenende, das oft bis spät in die Nacht zum Montag andauert. Inzwischen werden die Essensvorberreitungen Freitags gemacht und abgeschlossen, damit es an den beiden Haupttagen keine Hektik und kein Gewusel gibt.

Auch der Sonntag beginnt früh. Ich habe es in den letzten Jahren einmal erlebt, dass ich mit einem meiner Freunde Samstagsnachts die Bowle fast leer gemacht habe, und am nächsten Morgen fiel das Aufstehen schwer. Aber es hilft nichts: Die Top 10 wollen ja auch noch gespielt werden. Während der Samstagabend oft mit „Martins ganz einsame Weihnachten“ von Dieter Krebs endet, beginnt der Sonntagmorgen oft mit „there’s a river“ von Steve Winwood. Diese halben Traditionen hat irgendwer mal angefangen, ohne zu erwarten, dass alle anderen es in den nächsten Jahren ähnlich machen würden. Aber wenn uns etwas besonders gut gefallen hat, haben wir es übernommen, und manche Dinge sind so zu ganz eigenen Traditionen geworden. Und so vergeht der Sonntag, oft mit noch etwas weniger Musik als der Samstag, mit noch etwas ausführlicheren Erzählungen, weil einem oft die Zeit, die noch nicht so lange her ist, deutlicher im Gedächtnis geblieben ist. Für das leibliche Wohl ist gesorgt, denn es ist genug übriggeblieben am Vortag, wir sind noch nie in Nöte geraten in dieser Hinsicht.

Am Sonntagnachmittag kommt irgendwann der Moment, der in jeder, absolut jeder Jahreshitparade, bei absolut jedem Jahresfest gleich ist, ganz egal, wer von uns das Fest ausrichtet. Wenn der Platz 2 gespielt und der Schnelldurchlauf der Plätze 25 bis 2 noch einmal verlesen ist, ertönt ein Teil der Wassermusik von Georg Friedrich Händel, die Fanfare für unseren Jahressieger. Im Anschluss wird der Platz 1 der jahreshitparade gespielt. Und während dieses Liedes füllt einer von uns die Gläser und stellt sie auf dem Tisch bereit. Und wenn der Platz 1 verklungen ist, heben wir unsere Gläser mit einem leckeren Likör und stoßen auf das neue Jahr an, natürlich begleitet von ABBA’s „Happy new year“. Für uns, diese kleine, verschworene Gemeinschaft enger Freunde, ist das Jahr damit zuende. Natürlich gehen die Meisten von uns hin und feiern das Kalenderweihnachten und das Kalendersilvester, wie wir oft sagen, aber das eigentliche Jahresende ist an diesem Sonntagnachmittag, wo wir gemeinsam auf das neue Jahr anstoßen. Einige von uns, darunter auch ich, müssen aufpassen, wenn wir in den Tagen darauf in Gesprächen mit Anderen vom „letzten Jahr“ sprechen und eigentlich das noch nicht ganz abgelaufene Jahr meinen. Und konsequenterweise kann man nach der Jahreshitparade Samstags wieder eine Wochenhitparade abgeben, zum Beispiel am zweiten Weihnachtstag. Aber selbstverständlich zählt der entsprechende Samstag für die Hitparade bereits zum Jahr 2010. Wenn wir also angestoßen haben, befinden wir uns in unserem persönlichen Jahr 2010. Manchmal führt das zu seltsamen Dingen. Im Jahre 2005 war eine von uns ein ganzes Jahr in Brasilien. Sie flot im Januar 2005 und kehrte im Januar 2006 zurück. Daher verschoben wir das Jahresfest und natürlich auch die Jahreshitparade 2005 auf mitte Februar 2006, damit unsere Freundin auch anwesend sein konnte. Aus diesem Grunde hat mein persönliches Jahr 2005 14, das Jahr 2006 aber nur 10 Monate. Diesmal aber geht alles glatt, nur 6 Tage werden wir dieses Jahr überziehen, weil wir uns ausnahmsweise am 4. statt am 3. Advent treffen.

Nachdem wir alle vermutlich vom Gesamteindruck des zurückliegenden Jahres gesprochen haben werden, und nachdem die Gedanken über die nähere Zukunft ausgetauscht sind, erklingt das Lied „Töne sind verklungen“ von Peter Maffay. Es stammt aus dem zweiten Teil des Tabaluga-Mehrteilers: Tabaluga und das leuchtende Schweigen. Es beschreibt in wunderschönen Worten, dass eben nach einem Ende nicht alles vorbei ist. „Die Freunde sind gegangen, doch die Freundschaft lebt weiter“, singt er unter Anderem, und wir spielen es eigentlich immer als letztes Lied des sogenannten traditionellen Teils unserer Jahreshitparade. Mit der Toccata endet unser Jahresfest dann, wie es anderthalb Tage zuvor begonnen hat. Dass wir dann meistens noch zusammensitzen und essen und trinken ist klar, denn die Reste müssen ja noch vertilgt werden. Und oft wird auch noch zusammen aufgeräumt, wobei unsere Programmierrer dann oft schon wieder ihren Zug kriegen müssen, damit sie am nächsten morgen frisch und ausgeruht an ihrer Arbeitsstelle erscheinen können.

Nach einem Jahresfest fühle ich mich eigentlich immer gestärkt fürs nächste Jahr mit all seinen Höhen und Tiefen. Und ich weiß, dass schon die Welt untergehen muss, zumindest die persönliche, um das nächste Jahresfest zu verhindern. Dieses Jahr ist es das 25., und das will schon etwas heißen. Ich kann nur jedem meiner Leser und jeder meiner Leserinnen wünschen, dass er oder sie, ja dass ihr alle in eurem Leben gute Freunde habt, auf die ihr euch verlassen könnt.

Ich wünsche auch euch allen ein ruhiges, friedliches und schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2010.

© 2009, Jens Bertrams

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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