Ende einer steilen Karriere – Zum Rücktritt von Margot Käßmann

Zum Rücktritt von Margot Käßmann vom EKD-Ratsvorsitz habe ich für ohrfunk.de folgenden Kommentar veröffentlicht:

Ich bin kein Christ, ich habe sogar vor mehr als 3 Jahren dem Christentum öffentlich entsagt. Zu oft und zu viel hatte für mich Religion mit Macht zu tun, und mit einer Schicksalsergebenheit, die nur auf das Leben nach dem Tode abzielt. Mit Gottgefälligkeit und eben dieser Schicksalsergebenheit kann man vieles rechtfertigen, Fanatismus und Lethargie, Arroganz und Gleichgültigkeit, Sünde und Moralismus.

Und dann las ich die Neujahrsbotschaft der neuen EKD-Ratspräsidentin Margot Käßmann. Nicht, dass sie mich zum Christentum zurückgeführt hätte wie den verlorenen Sohn. Aber diese Neujahrsbotschaft war aktuell, der Welt zugewandt und trotzdem von tiefem Glauben geprägt. Mit einem Wort, sie war Authentisch, und das hat mich beeindruckt. Dem sinnentlehrten Mantra „alles wird gut“ einer bekannten Fernsehmoderatorin hielt sie die Meinung entgegen: „Wir haben allen Grund zu erschrecken“. Faszinierend war für mich, dass sie sich kritisch mit der Jahreslosung „euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt an mich“ auseinandersetzte. Wir hätten allen Grund zu erschrecken, sagte sie, denn nichts sei gut in Sachen Klima, in Sachen Kinderarmut im eigenen Land, in Sachen Leistungsdruck und in Sachen Afghanistan. Und diese Meinung, dass eben nichts gut sei, dass es Gründe gebe zu erschrecken, brachte ihr viel Kritik ein. Dabei verströmte die hannoversche Landesbischöfin und EKD-Ratspräsidentin schon beim bloßen Lesen trotz allem eine große Zuversicht, die man ihr abnimmt, wenn man sich näher mit ihr befasst. Margot Käßmann hat sich immer für Wahrhaftigkeit in der Kirche eingesetzt. Sie sprach über ihre Scheidung und sagte, dass daran immer beide Partner schuld seien. Sie sprach öffentlich über ihre Krebserkrankung, und darüber, dass es ihr gelungen war, die Krankheit zu besiegen. Sie wollte eine moderne Kirche, ermutigte die Gläubigen zur Einmischung in aktuelle Fragen, setzte sich für Benachteiligte ein. All dies machte sie schon vor Amtsantritt zum Aushängeschild des deutschen Protestantismus.

Und nun ist Margot Käßmann zurückgetreten, nach nur 4 Monaten im Amt. Nach einer Festveranstaltung wurde sie letzten Samstag im Zentrum von Hannover mit ihrem Dienstwagen von der Polizei gestoppt, als sie mit 1,54 Promille Alkohol im Blut eine rote Ampel überfahren hatte. Noch eine menschliche Schwäche, diesmal war es eine zu viel.

Natürlich reagierten einige Medien mit Häme, denn die EKD-Ratspräsidentin sollte schließlich ein Vorbild für mehr als 20 Millionen Protestanten sein. Allerdings frage ich mich, ob wir ein solches Vorbild wirklich brauchen? Sie hat sich eine Verfehlung geleistet, eine übrigens, die eigentlich nichts mit ihrem Amt zu tun hatte. Je reifer eine Gesellschaft ist, desto mehr kann sie auch ihre öffentlichen Personen als Menschen sehen, auch die, die sich religiös betätigen.

Neben den Medien werden sich auch die Kollegen von der katholischen Fraktion gefreut haben. Endlich mal ein Tag, an dem nicht über den Kindesmissbrauch an Jesuitenschulen berichtet wurde. Im Gegensatz zu Frau Käßmann, die ihren Fehler sofort öffentlich als ihre Schuld unumwunden zugab, gibt es Leitfäden in der katholischen Kirche, die Missbrauchsvorwürfe so lange wie möglich unter den Teppich kehren wollen. Nur bei intern erwiesener Schuld eines Priesters sollen staatliche Stellen überhaupt informiert werden. Dies offenbart einen ganz anderen Umgang mit Schwerverbrechen, die in einigen Schulen vorkamen, als die schonungslose Offenheit, die Frau Käßmann an den Tag legte. Von vorbehaltloser Aufklärung und gar personellen Konsequenzen ist bei der katholischen Kirche wenig zu spüren. Frau Käßmann, immerhin die Hoffnungsträgerin der evangelischen Kirche in Deutschland, hat ihr Amt praktisch sofort zur Verfügung gestellt. Neben der menschlichen Schwäche, die wohl jedem Menschen innewohnt, besitzt sie auch menschliche Größe, was sie so beliebt macht.

In mir, aber das sei nur am Rande erwähnt, spielen sich noch ganz andere Gedanken ab: Unter welchem Druck steht so eine Person wie Frau Käßmann, was verlangt die Öffentlichkeit ihr ab, dass sie in einem Maße zur Flasche greift, wie es über 1,5 Promille vermuten lassen?

Ich bin kein Christ, und ich werde auch keiner mehr. Die katholische Kirche sagt mir deutlich, warum. Aber ich bedaure, dass Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit verhindern, dass die evangelische Kirche den Weg ins 21. Jahrhundert so konsequent weitergehen kann wie bislang. Frau Käßmann ist jetzt nur noch einfache Pastorin, und vielleicht tut ihr das gut. Hoffentlich hilft ihr selbst, was sie immer gern sagt: „Du kannst nie tiefer fallen, als in Gottes Hand.“ „Alles wird gut?“ nein, aber „euer Herz erschrecke nicht.“

© 2010 Jens Bertrams

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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