Steuersündermonopoly

Den folgenden Beitrag habe ich, wie so oft, für den Ohrfunk geschrieben und dort veröffentlicht. Er ist satirischer Natur, was mir beim Auflesen sehr viel Spaß gemacht hat.

Also jetzt mal ehrlich: Die echten Steueroasen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, oder? Früher konnte jeder, der klug genug war, sein Erspartes hinter die Mauern von schweizer oder liechtensteiner Banktresoren in Sicherheit bringen, und alles war in Butter. Heute? – Schauen Sie sich doch um, über all fliegen Steuersünder-CD’s herum wie Frisbee-Scheiben, und jeder Staatsdepp versucht, sie zu fangen. Hier noch eine, und da noch eine, man weiß gar nicht mehr, wo man hinflüchten soll, um ihnen auszuweichen. Und warum sind die plötzlich so unverhofft aufgetaucht? Wer steckt dahinter? Dabei machen die Schweizer und die Liechtensteiner auch damit ein Geschäft, denn sie verkaufen die Dinger ja. Und die sind klug, man soll es gar nicht meinen: Hier eine für Bayern, hier eine für Baden-Würtemberg, und eine für den Bund ist auch noch übrig. Kaufpreis? Keine Ahnung, darüber spricht man nicht, aber die Steuersünder, die müssen sich jetzt ganz schön warm anziehen. Das Deutsche Finanzamt wird jetzt seine Bluthunde auf sie hetzen und diese unehrlichen Miesepeter durchs Dorf treiben wie den Dorftrottel nach einer schlechten Ernte. Der Staat wird sich sein Geld auf Heller und Pfennig zurückholen, zumindest das, was er den Schweizern und Liechtensteinern bezahlt hat, um hier zu hause verkünden zu können, dass er wirklich was unternimmt.

Aber halt mal: Was der Staat kann, das können die Steuersünder schon lange, glauben Sie nicht? Ich meine: Es ist ja auch wirklich ein Unding, was da vor 2 Jahren in Liechtenstein geschehen ist. Da wird eine CD mit deutschen Steuersünderdaten geklaut, und auf Umwegen gerät sie in die Hand des deutschen Finanzamtes. Das ist ein Risiko, mit dem die Steuersünder nun wirklich nicht haben rechnen können. Das macht sie doch schadenersatzberechtigt, oder sehen Sie das anders? Wenn ich wegen Unachtsamkeit meiner liechtensteiner Bank erwischt würde als deutscher Steuersünder, dann würde ich die Bank auf Schadenersatz verklagen. All das schöne Geld, das ich mir so mühsam angespart hätte, wäre mit einem mal weg! Und schuld wäre die liechtensteiner bank, die nicht richtig aufgepasst hat. Okay, so ein Diebstahl passiert halt manchmal, dann hätte sie mich wenigstens sofort informieren müssen, damit ich mich selbst beim deutschen Fiskus hätte anzeigen können, um mit einer sehr geringen Zahlung davon zu kommen.

Das dachte sich auch ein Immobilienkaufmann aus Bad Homburg, der seit den 80er Jahren Millionen an Steuern hinterzogen hat. Durch die Frisbeescheibe von Liechtenstein wurde er geschnappt und musste rund 20 Millionen Euro zahlen. Eine Bewährungsstrafe erhielt er obendrein noch, was für eine Frechheit! Dieser arme, gebeutelte Amigo ärgerte sich so über seine liechtensteiner Bank, dass er sie auf Schadenersatz verklagte. Hätte man ihm nur rechtzeitig bescheid gegeben, hätte er sich selbst stellen und mildernde Umstände in Anspruch nehmen oder von einer kurzfristigen Amnestie profitieren können. Warum es bloß für Steuersünder immer diese kurzfristigen Amnestien gibt? Gibt’s die auch, wenn ich bei Hartz 4 vergesse, das Kindergeld anzugeben? Ich frag ja nur. Aber zurück zu unserem gebeutelten Amigo. Er verklagte die liechtensteiner Fürstenbank, und das fürstliche Landgericht in Vaduz gab ihm jetzt recht. Die Bank muss ihm mehr als 7 Millionen Euro Entschädigung zahlen. Die Steuersünder in Deutschland freuen sich, denn es ist ein Präzedenzfall, und viele Andere wollten schon ähnliche Klagen anstrengen. Jetzt, so wissen sie, sind sie dran mit durchs Dorf treiben, und sie werden sich ihr Geld zurückholen, auf Heller und Pfennig! Wo kämen wir da hin, wenn der Staat einfach an das mühsam Ersparte der braven Bürger gehen könnte, das würden Sie und ich doch auch nicht wollen, oder?

© 2010

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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