Mein Freund der Kühlschrank

Wer hätte gedacht, dass ich jemals einen Nachruf auf einen Kühlschrank schreiben würde. Aber zumindest soll er mein Anlass sein, und 23 Jahre, 8 Monate und 16 Tage lang versah er seinen Dienst ohne auszufallen: Vom 17. März 1983 an, bis hin zum 3. Dezember 2006. Eine stolze Leistung.Ich weiß noch, dass wir in den ersten Wochen nur Kühlelemente hatten, die wir bei Bedarf im eiskalten Leitungswasser nachkühlten und dann wieder in die Kühltasche steckten. Es gab Lebensmittel, die so 2 Tage kühl blieben. Aber auf die Dauer war das natürlich kein Zustand. Denn die warme Jahreszeit stand bevor, wir hatten dieses kleine, 30 Quadratmeter große Häuschen anfang April gekauft. Und wenn wir im Sommer hier mehrere Wochen verbringen wollten, brauchten wir einen Kühlschrank. Zunächst tat es ein kleines Campingmodell, damit überstanden wir den Sommer 1982. Es wurde ohnehin einiges angebaut an unserem Domizil. Aus den 30 Quadratmetern wurden etwas mehr als 40, aus Nachbarn wurden Freunde, aus einem Ferienort in Holland begann, so etwas wie Heimat zu werden. Schon während der Fußballweltmeisterschaft 1982 saßen wir auf der Terrasse, ein kaltes Glas Cola vor uns, mit einem Bierdeckel gegen die Insekten geschützt, und dann genossen wir dieses furchtbare Spiel gegen Österreich… Das Leben war schön, das ewig hektische kam zur Ruhe. Meine Eltern, die sonst 15 Stunden am Tag arbeiteten, frühstückten auf unserer Terrasse mit mir mehrere Stunden, Nachbarn kamen vorbei, lehnten sich über den Zaun, unterhielten sich mit uns, saßen abends an unserem Lagerfeuer und halfen uns beim Anbau. Das Bad wurde zu Winterbeginn fertig, die Küche zu Beginn des Frühlings. Am 17. März 1983 wurde sie eingebaut. Für mich war der Tag nur deshalb bedeutsam, weil ich, damals 14jährig, einen Tag früher in die Osterferien ging, weil wir wegen des Einbaus der Küche nach Holland mussten. Und ja: Wir hatten jetzt eine echte Küche mit einem echten Kühlschrank, konnten dort Getränke kalt stellen, Fleisch aufbewahren, Milch frisch halten. Unser Haus nahm Formen an, und noch im selben Jahr bauten meine Eltern noch 2 räume an. Nun waren es rund 60 Quadratmeter, das Haus sah aus wie ein L, weiß, außen mit Schrootjes verkleidet, Holz mit abwaschbarem Plastiküberzug. Auf der Terrasse im L-Winkel wurde gesungen und gelacht, erzählt und gescherzt, Musik gemacht und Musik gehört, entspannt und manchmal auch philosophiert.

2 enge Freunde traf ich dort jahrelang Wochenend für Wochenend. Wir erlebten interessante Abenteuer, machten die Umgebung unsicher, befreiten einmal Pferde von ihrer Koppel und halfen später, sie wieder einzufangen, retteten ein kleines Wasservögelchen, das mit nassem Gefieder gestrandet war. Wir trockneten und pflegten es, bis wir es wieder in den nahen See zurückbringen konnten. Auf diesem See fuhren wir mit Schlauchbooten umher, und wir unterhielten uns viel, lernten einander kennen.

In unserer Küche wurden unendlich viele Festessen vorbereitet, in unserem Kühlschrank Fleisch gelagert für das nächste Grillfest. Und fuhren wir Sonntags nach hause, weil ich Montags wieder in die Schule musste und meine Eltern wieder ihrer Arbeit nachgingen, blieb der Kühlschrank voll, denn schon am Freitagnachmittag waren wir wieder da, fuhren absolut jedes Wochenende die 100 Kilometer hin und auch wieder zurück.

Und als ich ab Sommer 1984 in Marburg war, kam ich nur noch alle 4 Wochen, aber auch diese Wochenenden sowie alle Ferien verbrachte ich in Holland. Ich begann, die Sprache zu lernen, leider nicht das Schreiben, aber das Reden.

Im Sommer wachte ich morgens von den Eichhörnchen auf, die Eicheln und Nüsse über unser Dach kickten und damit spielten. Regnete es, so waren die Tropfen selbst an grauen Tagen anheimelnd. Im Sommer wurde draußen auf der Terrasse der Frühstückstisch gedeckt, mit den Nachbarn und Freunden unterhielt man sich über die kleine Hecke hinweg, die mehr verband als trennte. Vom Seeufer her klang schon früh das Geplansche der Kinder an warmen Tagen, und die Vogelscheuchen von den nahen Feldern waren ebenfalls zu hören. Irgendwer hatte auch am Seeufer oder auf der Terrasse immer das Radio an, leise erklang Musik. Über Tag vermischten sich Essensdüfte und Arbeitsgeräusche. Der Geruch von Gebratenem wehte einem in die Nase, das Klopfen der Hämmer und das Dröhnen von Sägen und Bohrern bewies, dass irgendwer an seinem Haus arbeitete. Abends war das Lachen fröhlicher Menschen auf ihren Terrassen oder das Singen vieler Stimmen deutlich zu hören, und ein Spaziergang war reines Glück. Wenn wir Freitagsmittags ankamen, hatten unsere Freunde im Nebenhaus schon den Kaffee für uns parat, oder wenn wir die ersten waren, stand schon eine Kanne Tee auf dem Tisch.

Der Kühlschrank hatte seinen ganz eigenen Geruch, wenn frische Milch darin lagerte, die meine Nichten vom Bauern geholt hatten, abends um sieben mit ihren Fahrrädern. Der Duft nach selbst eingelegtem Sauerbraten erfüllte das ganze haus, wenn meine Mutter lust hatte, diese besondere Köstlichkeit zu bereiten…

Natürlich gab es auch andere Ereignisse, aber sie zeigten nur noch mehr unsere Freundschaft und Verbundenheit. Als mein Vater plötzlich starb, ging der Verwalter des Campingplatzes persönlich zu unseren Freunden und erzählte es ihnen, denn niemand von uns hatte dort Telefon. Er war weiß wie die Wand, berichteten sie, es hatte ihn selbst getroffen. Als unser Freund einige Jahre später an Krebs starb, wünschte er sich noch einmal eine Woche mit uns in Holland zu verbringen. Seine Frau war Krankenschwester, wir konnten ihm den Gefallen tun. Ich habe nie wieder in meinem Leben einen Abschied wie diesen erlebt, einem Freund Lebewohl sagen, im beiderseitigen Wissen, dass er in den nächsten Tagen sterben wird. Und so war es dann auch.

Trotz vieler Verluste, trotz mancher Veränderung blieb es uns Heimat, echte, tief verwurzelte Heimat.

Erst als sich meine Familie zerstritt und meine Mutter, die selbst nie das Autofahren gelernt hatte, nicht mehr so einfach nach Holland kam, begann der Verfall. Doch selbst nach ihrem plötzlichen und frühen Tod haben meine Liebste und ich versucht, das Haus zu erhalten, diesen Quell tiefer Entspannung und wundervollen Glücks. Aber die Abstände unserer Besuche waren mittlerweile so groß geworden, dass es sich nicht lohnte, irgendetwas im Kühlschrank zu lassen. Freunde hatten wir dort keine mehr, wir waren zu selten da und die alten Freunde waren weggezogen oder tot. Trotzdem haben wir alles versucht, bis eine Wand morsch wurde und dringend hätte ausgebessert werden müssen. Für professionelle Hilfe fehlte uns das Geld, für verwandschaftliche Hilfe fehlte uns die uns freundlich gesonnene Verwandschaft. So mussten wir mit ansehen, wie alles, was meine Eltern mühsam erbaut und erdacht hatten, einem grausamen Zerfall anheim fiel. Irgendwann mussten wir uns zum Aufgeben entschließen. Dafür, dass die Verwaltung vom Campingplatz unser Häuschen abriss, dafür, dass wir wegen fehlender Transport- und Stellmöglichkeiten 90 Prozent aller Gegenstände haben dort lassen müssen, worunter auch wertvolle Gegenstände waren, haben wir auch noch viel Geld bezahlt.

Vieles ging kaputt in den letzten Monaten, aber die Küche und der Kühlschrank haben gehalten. Ich werde es nie vergessen: Der Winter und der erste Advent 2006 bildeten die Kulisse für unseren Abschied. Es war der Verlust von echter Heimat.

Und dann kommen Nächte wie diese, nächte, die mich hier allein sitzend vorfinden, und ich erinnere mich nur an ein Datum, nichts weiter. und plötzlich überfällt mich ein herzzerreißendes Heimweh, eine überwältigende und unsagbare Sehnsucht, es zerreißt mir das Herz, an diesen Verlust zu denken. Viele Verluste habe ich erlebt, man lernt, damit umzugehen. Aber manche dieser Verluste begleiten einen sein Leben lang, und diesen werde ich wohl nie ganz verwinden. Nie wird der Schmerz ganz verschwunden sein.

Mein Freund der Kühlschrank, der so viele Leckerbissen für uns bereit hielt, hat in diesen 23 Jahren sehr viel gesehen und erlebt. Heute vor 27 Jahren wurde er bei uns in Holland installiert. Eine Belanglosigkeit, die das Heimweh in meine Gedanken zurückholte.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

3 Kommentare zu Mein Freund der Kühlschrank

  1. Sammelmappe sagt:

    Du hast einen wunderschönen und gefühlsvollen Artikel geschrieben. Er ist sehr berührend.

    (Dein Header und die Sidebar sind verschunden, es ist nur noch der Text vor weißem Hintergrund zu sehen.)

  2. Susanne Aatz sagt:

    Hallo Jens! Ich habe lange nicht verstanden, warum Ihr so lange um das Haus und den Lebensort Holland gekämpft habt. Jetzt ist es mir ein wenig klarer geworden und ich kann Deine Gefühle gut verstehen! Ein schöner Nachruf!

  3. Helmut sagt:

    Hallo Jens,
    die vermeintlich belanglosen Dinge in unserem Leben machen den wohl größten Teil davon aus.

    Ich war gestern beruflich in Marburg. Da mein Kunde sich verspätete, hatte ich ein wenig Zeit im Netz zu surfen. Marburg, was lag näher als Deinen Namen zu googlen?
    Hätte mich dann fast selbst verspätet. Ich bin förmlich auf Deiner Seite hängengeblieben.
    Ist lange her, aber das Du dich so detailreich an so viele Einzelheiten erinnern kannst…..tja, und als ich dann auf die Passage „einem Freund Lebewohl sagen“ stieß, war ich sehr berührt. Ich hatte leider nicht die Gelegenheit mich so von ihm zu Verabschieden, naja die Gelegenheit hatte ich, ich konnte es nur nicht.

    Ich wünsche Dir alles Gute
    Helmut

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