9 Tage im Sommer, oder: Die internetlose, die schreckliche Zeit

Kennen Sie das auch? Sie wollen den Internet- und Telefonanbieter wechseln und stellen plötzlich fest, dass Sie aus dem alten Vertrag erst in anderthalb Jahren herauskommen? Sie machen alles klar, und dann vergessen Sie im Alltag den Termin der Umschaltung in anderthalb Jahren. Und plötzlich ist er da und reißt sie mitten aus dem vernetzten Leben.
So geschah es mir am 1. August 2010 um 23:12 Uhr. Plötzlich stand ich ohne Internet da.Im März 2009 hatten meine Liebste und ich den Internet- und Telefonanbieter wechseln wollen. Telefon war kein Problem, aber aus dem Internetvertrag kamen wir nicht raus. Er verlängerte sich immer wieder automatisch um 2 Jahre, der nächste Termin war ende Juli 2010. Zwar fanden wir das gar nicht komisch, weil es auch zusätzliche Kosten bedeutete, aber wir murrten und gaben für diesen Zeitpunkt die Umschaltung in Auftrag und kündigten beim alten Anbieter. Und dann lebten wir weiter. Ich erinnere mich noch dunkel, dass ich dachte, dass man es ja so hinbiegen könne, dass der Anbieterwechsel in unseren Sommerurlaub fiele. Und mit der Zeit geriet der Termin nach und nach außer Sicht.

Als ich am Sonntagabend, dem 1. August 2010, an meinen Rechner ging, um vor der Nachtruhe noch einmal Mails abzugreifen, erhielt ich eine Fehlermeldung, und sofort begriff ich, dass der Anbieterwechsel eingeleitet worden war. Am nächsten Morgen erkundigte sich meine Liebste beim neuen Internetprovider, wie lange es bis zur Freischaltung dauern werde? 9 Tage, bis zum 11. August, wurde uns beschieden. – 9 Tage ohne Internet. – Wie sollte ich das bloß aushalten?

Am nächsten Morgen, wohl gemerkt ein Urlaubstag, setzte ich mich wie immer an meinen Rechner. Meine Hand zuckte, ich war schon fast dabei, den Browser aufzurufen, Mails abzuholen, als mir klar wurde, dass diese seit Jahren eingespielten Tätigkeiten heute und in den folgenden Tagen sinnlos bleiben mussten. Was also tun? Die Nachrichten lesen, mich informieren, mir Gedanken über große Fragen der Zeit machen, Mails der Ohrfunkkollegen studieren, all das war mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass im ersten Moment eine totale Leere von mir Besitz ergriff. Ich kam nicht auf die Idee, das immer noch in meinem Zimmer befindliche Radio einzuschalten, um mich mit meinen Nachrichten zu versorgen, stattdessen stöberte ich in meinen Verzeichnissen mit Hörbüchern und Hörspielen oder Musik herum. Ich wählte ein Verzeichnis mit Samplern aus, stellte meinen Mediaplayer auf Random ein und lauschte der Musik. Es dauerte eine Weile, bis ich mein Informationsbedürfnis vergaß oder zurückdrängte. Ohnehin hatte ich Urlaub, die Welt, so stellte ich fest, drehte sich auch ohne mich. Alles, was mir bis zur letzten Minute so wichtig erschienen war, wurde nach und nach unbedeutend. Ich verstand langsam, dass es völlig egal war, ob ich über ein Thema bescheid wusste, ob ich “auf dem laufenden” war, ob ich über etwas schrieb, oder ob ich Musik hörte, gute Bücher las oder Freunde besuchte.

9 Tage lang musste ich ohne das Netz der Netze auskommen. Ich spürte deutlich, wie sehr ich vom allgemeinen Nachrichtenfluss abgeschnitten war. Aber wenn es mir besonders wichtig gewesen wäre, hätte ich das Radio eingeschaltet. Das habe ich nicht getan, nicht ein einziges mal. Und es hat sich nicht schlecht angefühlt, obwohl ich vorher ganz natürlich dachte, ohne das Netz nicht auskommen zu können, nicht am Leben teilhaben zu können. Meine Liebste ging ganz bewusst noch einen Schritt weiter und genoss ausdrücklich die netzlose Zeit. Ich hingegen stellte mit Verwunderung fest, wie sehr man zum Sklaven der Informationsgesellschaft werden kann.

Information bedeutet in meinem Leben hektik und arbeit, selbst wenn ich Urlaub habe. Ich kann es nicht ablegen, am Ball bleiben, alles mitkriegen zu wollen. Das war schon immer so. Früher habe ich viel telefoniert, Radio gehört und ab 1996 eben im Internet recherchiert. Aber wie entspannend waren für mich die Wochen, wo all dies nicht möglich war, Wochen im Sommer, die ich in Holland verbrachte, wo ich mich wohl und zuhause fühlte. Ich hatte auch dort ein Radio, aber es wurde hauptsächlich zum Hören von Musik verwendet. Natürlich hörte ich auch aktuelles aus Holland und der Welt, aber ich musste und wollte damit nichts machen, es nicht verarbeiten. Und ich hatte kein Telefon. Es war ein herrliches Gefühl.

Ganz so stellte sich das Gefühl jetzt in diesen 9 Tagen nicht ein. Ich wusste von Anfang an, wie begrenzt die Zeit war, aber ich habe mal wieder eine Ahnung davon gespürt. Wie sehr nehmen wir uns selbst im Alltagsstress oft die Möglichkeit, ruhig zu genießen und klar zu denken? Wie sehr sind wir von den ständigen Eilmeldungen der Medien eingefangen? Wie sehr fehlt zumindest mir oft die Ruhe, um Gedanken von guter Qualität reifen zu lassen und zu erarbeiten? Ein internetfreier Tag in der Woche wird da wohl nichts helfen, aber mehr Selbstbestimmung könnte die Lösung sein.

Am Abend des 10. August 2010 war ich bei einem Freund zu Besuch. Ich kam weit nach Mitternacht zurück. Ganz gelassen stellte ich fest, dass es wieder eine Internetverbindung gab. Ich holte Mail ohne sie zu lesen, damit mein Postfach nicht überlief, dann ging ich schlafen. Erst am nächsten Morgen widmete ich mich langsam den aufgelaufenen Nachrichten: In aller Ruhe, ohne Hast. Und ich bin immer noch nicht fertig damit.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

Ein Kommentar zu 9 Tage im Sommer, oder: Die internetlose, die schreckliche Zeit

  1. Das Nest sagt:

    Also ich finde einen internetfreien Tag in der Woche eine geniale Idee! ist, wenn man für ein Internet-Radio arbeitet, vielleicht nicht ganz so einfach, aber andererseits: Wie oft hängt der Schwierigkeitsgrad einer Situation in der hauptsache davon ab, wie wichtig sie uns wirklich ist! Wenn wir etwas *wirklich* wollen, geht es meistens auch! ich glaube, ich versuche das mal einzurichten, obwohl ich insgesamt relativ gemäßigt mit dem Netz umgehe. ich brauchte nicht “bewußt einen schritt weiter zu gehen”, um die netzlose Zeit zu genießen. Das kam von ganz allein! Wie du es da schreibst mit der Abhängigkeit Deinerseits vom Internet, finde ich das richtig erschreckend und bin froh, dahin noch nicht gekommen zu sein. Es ist viel schöner, Freunde zu treffen, menschen zu begegnen und klare Gedanken zu denken, finde ich.

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