An die Niederländer!

Nein, ihr habt mich nicht überrascht, nur enttäuscht. Aber wenn ihr genau darüber nachdenkt, ist das vielleicht noch schlimmer. Wenn es stimmt, dass ein Volk genau die Regierung bekommt, die es verdient, dann müsst ihr es aber sehr wild getrieben haben. Ich würde vorschlagen, wir setzen uns mal ein paar Minuten zusammen, und ihr hört mir mal einen Moment zu, okay?Sagt mal: Was ist euch denn jetzt wieder eingefallen? Geert Wilders, das schwarze Schaf eurer Politik, wird zum Mehrheitsbeschaffer der neuen Regierung? Findet ihr das Klug? Ich kann mir schon vorstellen, dass es gute Gründe gibt, die wir hier in Deutschland nicht so recht nachvollziehen können. Zum Beispiel mögt ihr, lieber Mark und lieber Maxime, ich spreche euch mal in guter alter Lockerheit mit „du“ an, denken, dass man mit Wilders die notwendigen Haushaltssanierungen durchziehen kann, und dass man ihn ansonsten gemeinsam in Schach halten wird. Nutzen wir doch sein Potential und bieten wir ihm gleichzeitig keine Chance, seine Politik durchzusetzen, entzaubern wir ihn bei seinen Wählern, enttäuschen wir ihre Hoffnungen, den Islam abschaffen und alle Fremden ausweisen zu können, mögt ihr denken. Da ist es doch besser, Wilders ist durch einen Koalitions- bzw. Duldungsvertrag gebunden, nicht wahr? Ja, der Gedanke ist verlockend, zumal ihr befürchten müsst, dass es nach Neuwahlen noch mehr Zulauf für ihn geben würde, was auch gilt, falls er diese Legislatur in der Opposition verbringen müsste. Ich verstehe durchaus euer Dilemma, die Anhänger dieses Typen drängen nun einmal stark an die Macht. Aber, es tut mir leid, das ist auch mit eure eigene Schuld. Wer hat denn versucht, seine Wähler zu gewinnen und gleichzeitig den Sozialstaat abzuschaffen? Oh, was das damit zu tun hat? Einiges! Wer seine eigenen Fälle davonschwimmen sieht, sucht nach einem Sündenbock. Die Muslime passen da doch gut ins Bild, zumal es unter ihnen auch noch verrückte Terroristen gibt.

Also, lieber Mark und lieber Maxime, ich kann euch schon irgendwie folgen bei euren Überlegungen, glaubt bloß nicht, dass die uns in Deutschland fremd sind. Bei uns hat man sogar mal einen zum Kanzler gemacht und geglaubt, man könne ihn in Schach halten und die übelsten Auswüchse seiner Politik durch Koalitionsabsprachen verhindern. Aber das ist schon lange her, das war 1933, vielleicht erinnert ihr euch gar nicht mehr…

In der ganzen Welt ist man jetzt entsetzt und schaut auf euch. Ich weiß, dass euch das nur trotzig macht und nichts hilft, liebe niederländischen Freunde. Alle glauben, eure Toleranz sei endgültig den Bach runter. Sie begreifen nicht, dass es mit eurer Toleranz nie so weit her war, zumindest nicht in der Politik und im Umgang mit anderen Völkern. Ihr gehörtet zu den schlimmsten Sklavenhändlern, Rassisten und Unterdrückern seinerzeit, einer Zeit, die ihr das „goldene Jahrhundert“ nennt. Außerdem habt ihr noch nach dem zweiten Weltkrieg, nachdem euch selbst gräßliches Leid angetan wurde, mit Brutalität und Gewalt versucht, euer Kolonialreich zu erhalten und die neue Republik Indonesien in die Knie zu zwingen. Eure Tradition ist, im Gegensatz zu unserer Deutschen, bis heute ungebrochen. Und ich selbst habe miterlebt, wie Palästinenser, nur weil sie Palästinenser waren, während des Golfkrieges komfortabel interniert wurden, weil die Palästinenser sich hinter Sadam Hussein stellten. Was man in der Welt mit Toleranz bezeichnet ist wohl eher eure Vielfalt im Innern. Sie begreifen nicht, wie sehr dieses Vorbild für alle multikulturellen Dramen West- und Mitteleuropas mit Gleichgültigkeit und Parallelgesellschaften zu tun hatte. Darauf habt ihr euch nämlich in Wirklichkeit gut verstanden: Eine Gesellschaft versäulen, und jeden in seiner Säule leben zu lassen, abgeschottet von den Anderen, bis die Säulen platzen und die Welt unterzugehen scheint. Das können wir Deutschen uns kaum vorstellen, wir kennen Versäulung nicht in derselben Weise.

Tja, und wenn das Fremde, das Andersartige nun in die eigene Säule eindringt, oder auch nur einzudringen droht, dann macht das Angst, schon klar. Aber müsst ihr deshalb gleich Geert Wilders wählen? Ihr neigt zu radikalen Lösungen. Habt ihr euch das schon mal überlegt? 2002 habt ihr Fortuyn gehabt, der wäre beinahe Regierungschef geworden. Er war auch schon ein radikaler Fremdenhasser, aber mit Charme, eine Eigenschaft, die Wilders völlig abgeht. Man konnte sich an ihm reiben, er war intolerant, aber er hatte Stil, alle liebten ihn. … Naja, fast alle, einer hat ihn kurz vor den Wahlen erschossen, der wollte mehr Toleranz mit intoleranten und intolerablen Mitteln durchsetzen. Seht ihr: Immer die radikalen Mittel und Lösungen. Und als kurz drauf Ayaan und Theo ihre kräftigen Attacken gegen den Islam lancierten, was ihr mit Stolz auf euren radikalen Clown quittiertet, wurde auch er, also Theo, umgebracht. Gut: Der Täter war ein Muslim, und die neigen nun einmal oft auch zu radikalen Lösungen, aber irgendwie war er auch einer von Euch, ein in Holland erzogener Mann der dritten Generation, der kaum arabisch, aber akzentfrei Niederländisch sprach. An all diesen Beispielen kann ich erkennen, dass eure Toleranz oft eure Radikalität verhüllt hat, dass eure Vielfalt Gleichgültigkeit war und dass euer derzeitiges Hauptgefühl Angst und Unsicherheit ist.

Eigentlich, liebe Niederländer, habt ihr den Fehler ja vor der Wahl gemacht. Warum habt ihr euch nicht eine Tüte gebaut, euch in aller Ruhe hingesetzt, die Entspannung abgewartet und seid dann zur Wahl gegangen? Dann hättet ihr doch bestimmt nicht so einen aufgeregten Hetzer wie Geert Wilders gewählt, oder? Ach so: Ihr habt ja gar keinen Stoff mehr gekriegt, wird ja alles immer schwieriger, bloß keine Toleranz.

Also gut! Dann, ich kann es euch nicht ersparen, müssen wir eben ernsthaft reden. Ihr beschämt die Welt mit Rassendünkel und Gewaltbereitschaft. Eure Soldaten benehmen sich sogar noch während einer UN-Aktion grausam gegenüber den Opfern eines Völkermordes, wie in Srebrenica geschehen. Es ist richtig, euch zu beobachten und Wilders und seine Wirkung auf Europa zu fürchten. Ihr habt einfach nicht gelernt, euren Komplex, nur noch ein kleines Land und ein kleines Licht zu sein, zu verarbeiten. Reißt euch gefälligst zusammen, spuckt in die Hände, packt an und schickt Wilders in die Wüste, in die er gehört! Er kann euch eure Träume von vollkommener Sicherheit, Arbeit und reiner Ethnie auch nicht erfüllen. Ihr lebt nun einmal mitten in Europa, wie wir alle. Findet euch damit ab und leistet euren Beitrag. Das sage ich euch als ein echter Freund, den ihr in Deutschland habt. Ein Freund, der euer Land liebt und es gern sehen würde, wenn ihr die Ideale, die man euch draußen zuschreibt, auch in der Politik verkörpern würdet. Nur: Ich kann kein Freund eines nationalistischen und rassistischen Staates sein, bedenkt das bitte. Und darum bin ich enttäuscht, weil Wilders nun eine erste Geige spielt, und weil fast 2 Millionen von euch diesem Scharlatan und Hetzer zujubeln. Das enttäuscht mich.

Was? Wie bitte? Warum ich euer Land immer noch liebe? Was für eine Frage! Seid ihr schon mal von außen nach Holland gekommen und habt im schönen Limburg auch nur eine einzige freundliche Geste gezeigt? Wer, wie ich, danach viele gute Freunde aus Holland hatte, wer jede Woche mit Fröhlichkeit, Herzlichkeit und Zuwendung empfangen wurde, der kann euch nur lieben. Der weiß nämlich, dass zwischen der Politik und den allermeisten Menschen ein Unterschied besteht. Man kann eure Künstler, eure Städte, vor allem aber eure Menschen kennenlernen. Man kann eure Meinungsfreiheit genießen, die fortschrittliche und solidarische Ansicht so vieler Menschen, die auch gegenüber Deutschen Versöhnung leben. Dann weiß man, dass eure politische Brutalität und euer politischer Rassismus nicht im Herzen der Menschen wohnt, nur in ihrer Angst. Dann weiß man, dass letztlich die Aufgeschlossenheit obsiegen wird, auch wenn es lange dauern mag. Ihr seid es selbst, die die Säulen aufbrechen müssen, und ihr könnt es. Ihr habt mich aus meiner Säule des Deutschen und des Behinderten geholt, und ich war – und bin – einer von euch. Und solange ich kann, werde ich an dieser einen Hoffnung festhalten: Ihr habt die LPF überlebt, die erste, ebenfalls rechtsradikale Partei Pim Fortuyns, ihr werdet auch Geert Wilders überstehen. Nichtdiskriminierung ist ein Verfassungsgrundsatz, euer Artikel 1 sogar. Dem wenigstens werdet ihr doch wohl treu bleiben, oder?

Leve de Koningin!

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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