Sind wir behindert oder werden wir behindert- sachliche Analyse

Gestern habe ich über eine Diskussion auf Twitter geschrieben, die sich zum Streit auswuchs. Natürlich konnte die Frage, ob Menschen mit Behinderung nun behindert sind oder behindert werden, nicht sachlich beantwortet werden. Darum hier mein sachlicher Beitrag zu diesem Thema.

Thema.„Behindert ist man nicht, behindert wird man“. Diesen Slogan werfen die politisch aktiven Vertreter der Behindertenbewegung der Gesellschaft entgegen. Ihnen geht die Integration bzw. Inklusion behinderter Menschen zu langsam in Deutschland, wenn man sie mit der Entwicklung in den USA und den skandinavischen Ländern vergleicht. Für sie steht fest, die Hauptbehinderung stellt für sie die Gesellschaft dar, die sich noch immer nicht an den Alltag mit behinderten Menschen gewöhnt hat. Wer eine Behinderung hat, ist und bleibt ein Exot, er muss ständig neugierige Fragen zu seiner Einschränkung beantworten, und oft hofft er vergebens, dass nachher ein besseres Verständnis füreinander herrscht oder er als ganz normaler Mensch angesehen wird. Außerdem besteht die Tendenz, dass Menschen mit Behinderung im Alltag oft bevormundet werden. Die Nichtbehinderten wissen natürlich besser, was für den Eingeschränkten gut ist. Diese Haltung begegnet uns nicht nur ab und an, sondern sie ist Teil des Alltags. Wen wundert es da, dass manch einer sich auch auf Seiten der behinderten Menschen zum Radikalen entwickelt, der es satt hat, immer nur lieb und geduldig zu sein? Eigentlich will man doch nur behandelt werden, wie jeder andere Mensch auch. Man will nicht ständig über seine Krankheit ausgefragt werden, jeder andere Mensch, der nur temporär krank ist, würde sich das verbitten. Man will nicht immer nur der hilfsbedürftige Exot sein. Insofern ist der Slogan, dass man behindert wird und nicht behindert ist, ganz gut zu verstehen. Politisch und gesellschaftlich hat er eine wichtige Funktion. Wir wollen nicht reduziert werden, wir sind nicht nur behindert, wir sind vor allem Mensch, Mensch wie du und ich, um es mal so zu sagen.

Um dieses Exotendasein zu beenden, müssen Menschen mit Behinderungen so früh wie möglich integriert werden. Eigentlich müssen sie von Anfang an ganz normal zur Gesellschaft gehören, sie stellen immerhin knapp 10 Prozent der Bevölkerung. Viele verlangen daher, dass Menschen mit Behinderung zu keiner Zeit ausgegrenzt oder in Sonderschulen und Sonderkindergärten verbracht werden. Meine Meinung zu diesem Thema ist gespalten, weil ich schon glaube, dass es manchmal auch befreiend und hilfreich sein kann, sich mit Anderen, die dieselbe Problematik kennen wie man selbst, auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Trotzdem bin ich natürlich dafür, eigentlich immer mitten in der Gemeinde zu leben, ein Teil der normalen Gesellschaft des heimatortes zu sein. Nur: dann müssen die Regelschulen auch sachlich und personell gut ausgerüstet sein. Nur so können gleichberechtigte Bildungschancen erreicht werden.

Wenn Menschen mit Behinderung von Anfang an zur Gesellschaft gehören, wenn ihr Anblick selbstverständlich ist, wenn man ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten kennt, wenn man weiß, wo sie Hilfe benötigen, dann ist der Umgang vielleicht auch einfacher. Das Unbehagen, das man beim Anblick eines Blinden oder eines Rollstuhlfahrers fühlt, ist vielleicht geringer, wenn man schon einen Blinden oder einen Rollstuhlfahrer in der Klasse hatte und zum Kindergeburtstag einlud. Die Gesellschaft, der Alltag würde einen weniger behindern als zur Zeit.

„Behindert ist man nicht, behindert wird man“, das istt ein guter und wichtiger Slogan. Man darf ihn nur nicht missverstehen. Er sagt aus: „Vermutlich können wir mit allen Einschränkungen fertig werden, das können Andere auch. Nur wenn uns unsere Umwelt nicht ernst nimmt, wenn sie uns bevormundet, wenn sie uns ausgrenzt, dann können wir uns nicht entfalten. Aber diese Entfaltung wird nicht verhindert durch unsere körperliche Einschränkung, die lässt sich größtenteils ausgleichen oder umgehen, aber die Missachtung der Gesellschaft können wir kaum ignorieren.“

„Behindert ist man nicht?“ Doch: Man hat eine körperliche Einschränkung, die man mit Hilfsmitteln umgehen muss. Aber wenn einem Mann mit einem gebrochenen Bein auch die Kletterpartie auf den Berg verwehrt bleibt, kann er doch im Auto hoch fahren. Das mag nicht dasselbe sein, ist aber eine akzeptable Lösung. Also gibt es objektive Einschränkungen, aber mit den geeigneten Nachteilsausgleichen können wir sie größtenteils umgehen. Die Einschränkungen, die wir bewusst oder unbewusst von außen erfahren, die können wir nicht ignorieren, nicht umgehen. Mit denen müssen wir leben.

Natürlich ist der Satz provokant. Es gibt Menschen, die sich gekränkt fühlen, wenn sie diesen Satz hören. Menschen, die gern Hilfe leisten und glauben, man macht sie verantwortlich für das Scheitern der Integration behinderter Menschen. Aber so ist der Satz einfach nicht gemeint. Auf beiden Seiten wird aber offt überreagiert. Behindertenaktivisten radikalisieren die Aussage des Slogans zu: „Wenn es die Gesellschaft nicht gäbe, hätten wir keinerlei Einschränkungen und bräuchten keinerlei Hilfestellung.“ Intelligente und engagierte Menschen auf Seiten der Nichtbehinderten vermuten, dass man nur immer die „böse Gesellschaft“ für alles verantwortlich machen wolle. Dabei zeigt der Satz nur, dass vieles einfacher wäre, wenn das gesellschaftliche Umfeld stimmen würde. Denn technisch sind unsere Hilfsmittel gut und machen einen Großteil der Einschränkungen wett. Natürlich nicht alles, aber vieles.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

2 Kommentare zu Sind wir behindert oder werden wir behindert- sachliche Analyse

  1. Susanne Aatz sagt:

    Selten habe ich was so kurz und knackiges gelesen, dass den nagel auf den Kopf trifft. In der Hitze der Debatte, ist die Synthese, wie sie hier gelungen ist, leider nie möglich, da sich beide Seiten zu sehr von der jeweils anderen bedroht fühlen. Es mag dahin gestellt sein, wer nun recht hat, oder wem mehr Spielraum für seine/ihre Meinung in dem Bereich gelassen wird! Mein Eindruck ist, dass sich die Positionen oft gerade deshalb bei behinderten Menschen radikalisieren, weil zusätzlich zum oben beschriebenen unsereiner die Behinderung noch quasi zum Vorhalt gemacht wird! Deine Bedürfnisse beeinträchtigen meinen Alltag und meinen Spaß am Leben! „Ich hab Dir aber heute schon vorgelesen, Dich zur KG gebracht, Dir beim Anziehen geholfen!“ Da kannst Du jetzt bitte so dankbar sein, dass Du mich wenigstens jetzt nicht mehr störst. Auf mich wirkt das wie die Annahme, ich hätte mir die Behinderung ausgesucht, um meine Umwelt zu ärgern und ihr bewußt den spaß am Leben zu verderben. Und im Zusammenhang mit dem oben geschilderten wird mancherorts quasi eine „Kosten-Nutzen-Rechnung“ aufgemacht. Dass ich hierbei als betroffene, die ihrre Bedürfnisse leider oft nur durch geradezu politische Penetranz durchbekommt, absolut den Kürzeren ziehe, scheint klar! Die der Behindertenbewegung oft zurecht vorgehaltene Radikalität rührt meiner Meinung nach genau daher! Wir tauchen meistens als lästiges Problem auf, nicht als Kunden oder ähnlichem! Oft bleibt uns nur der Hinweis auf die „Political Correctness“, um ein Minimum an Lebensqualität zu erreichen und zu erhalten, die für nichtbehinderte Leute normal ist. Wie oft wurde ich z. B. in Marburg gebeten an einer Veranstaltung zur Planung eines Programmes teilzunehmen. „Wir machen zwar dieses jahr nichts, aber Deine Anwesenheit soll die OrganisatorInnen daran erinnern, dass sie di eBedürfnisse behinderter Menschen nicht vergessen! Und genau das passiert Jahr für Jahr! Sind wir einmal nicht präsent und nerven, wirds auch promt wieder vergessen! Was bleibt, ist das Gefühl nicht nachlassen zu dürfen, weil es sonst zu Rückschritten des so mühsam erarbeitetem, erstrittenen und erkämpften kommt. Und das ist, so finde ich der Knackpunkt, wo die Fronten aufeinanderprallen! Es scheint mir kein zufall, dass es oft menschen sind, die ihre Behidnerung erst spät erworben haben, die glühende AnhängerInnen der Bewegung werden! Nicht, weil sie böse, verbitterte Menschen sind, sondern weil sie den Unterschied kennen! Ein ehemaliger Schulkamerad ist z´.b. durch einen Unfall erblindet und hat einmal in einer stillen stunde berichtet, dass er selbst nur hoffen kann, von sehenden Leuten nie so behandelt zu werden, wie er selbst blinde Leute behandelt hat, als er selbst noch nicht betroffen war. Manche bleiben ihere ncihtbheinderten Umwelt „treu“ und feinden behinderte Leute sogar an. Quasi: „Ich hab Euch nicht nötig!“ Andere steigen voll ein und wehren sich mit allen Mitteln gegen ihr soziales „Schicksal!“ Warum ist das so? Als ehemals Nichtbhehinderte müßten sie doch wissen, was sie der Gesellschaft „antun!“ und sie tun es trotzdem! Ist das nicht ein Grund zum Nachdenken? Dieser Kommentar kann ur ein Blitzlicht meienr Gedanken sein! Ich lebe, weil meine Eltern irgendwann hoffentlich mal 5 min Spaß hatten und nicht, weil ich jemanden mit meinen Bedürfnissen ärgernk, verletzen oder einengen will! Leider scheint gerade das bei manchen Leuten nciht anzukommen! Der blinde A ist doch so nett und verständig! Und wie bist Du? Nun, es ist angekommen, dass es ein aufeinander zugehen ist. Aber genausowenig, wie die Verantwortung für die Lebensqualität behindeter Menschen nicht alleine bei der Gesellschaft liegt, sind wir/bin ich nicht verantwortlich für alles, was in diesem Zusammenhang schief läuft! Nur leider macht Abhängigkeit sanktionierbar! Auf die Frage Sind wir behindert oder werden wir es? würde ich antworten: Wir haben klare körperliche, seelsiche oder geistige Einschränkungen, die uns behindern. Aber der allgemeine Umgang der Gesellschaft verschlimmert diese nicht wegzudiskutierende Situation mehr, als es nötig wäre!

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