Sind wir behindert, oder werden wir behindert?

Sind oder werden wir behindert? Das ist eine Frage, mit der zumindest ich mich immer wieder beschäftige. Selten so aktiv wie in den letzten Tagen, als eine Twitterdiskussion zu diesem Thema vollkommen außer Kontrolle geriet. Selten so, dass ich eine Behindertenideologie erlebte, die mich teilweise erschreckte, und die für ein gutes und gleichberechtigtes Miteinander schädlich ist.Es fing alles ganz harmlos an. Für den Ohrfunk las ich einen Artikel der Kobinet-Nachrichten, in dem Karin Kestner mitteilte, dass das Sozialgericht Frankfurt am Main per einstweiliger Anordnung einem gehörlosen Kind einen Gebärdensprachdolmetscher in der Regelschule zugesprochen hatte. Hierzu wollte ich mit Frau Kestner ein Interview führen und bereitete mich systematisch vor. Im Urteil (pdf) stand, dass die Eltern die Wahl zwischen dem sogenannten Cochleaimplantat und der Gebärdensprache hätten. Also informierte ich mich endlich mal oberflächlich über dieses Implantat. Im zugehörigen Wikipedia-Artikel stieß ich auf folgendes Zitat: „Die Implantation wird von einem Teil der Menschen abgelehnt, die sich der Gehörlosenkultur zugehörig oder verbunden fühlen. Dabei wird von der Befürchtung ausgegangen, dass in der anschließenden Rehabilitation der Einsatz der Gebärdensprache hinter die Förderung der Lautsprache zurückgestellt wird. Dem tauben Kind solle nicht durch die Implantation der Weg in die Gehörlosenkultur verbaut werden. Kritiker aus diesem Kreis bewerten die Propagierung des CI als gezielte Nicht-Akzeptanz von Taubheit und vom Leben mit Taubheit, welche sie positiv bewerten. Harlan L. Lane bezeichnet die Befürworter des CI sogar als audistisch. Er betrachtet Gehörlose nicht als Behinderte, sondern als Mitglieder einer ethnischen Gruppe.“ Dies fand ich zumindest seltsam, also las ich den Artikel zur Gehörlosenkultur. Auch dort fand ich ein interessantes Zitat, das über das erste noch weit hinaus ging: „Deafhood oder Taubsein ist ein vom gehörlosen britischen Wissenschaftler Dr. Patrick (Paddy) Ladd entwickelter Begriff. Er soll dem negativen Begriff der Taubheit (Deafness) einen positiven Begriff entgegensetzen. Taubsein wird nicht als ein Defizit verstanden, sondern als ein Lebensgefühl, vergleichbar etwa mit Frausein, Christsein oder Jüdischsein. Ladd betrachtet die Gehörlosen nicht als Behinderte, sondern als Angehörige einer kulturellen Gruppe, ohne die die Welt ärmer an Vielfalt wäre. Er fordert die Gehörlosen auf, sich ihrer gemeinsamen Werte und ihrer Geschichte bewusst zu werden und ihre Kinder (sofern sie auch gehörlos sind) zu stolzen Mitgliedern ihrer Gemeinschaft zu erziehen. Taubsein solle als Lebensgefühl gefeiert werden. Aus diesen Überlegungen leitet Ladd auch seine umstrittene Forderung ab, bei Kindern auf Cochleaimplantate zu verzichten. … Ebenfalls umstritten ist Ladds positive Bewertung gehörloser Designerbabys, die durch die absichtliche Auswahl eines gehörlosen Samenspenders gezeugt werden. Ladd spricht von der „Kolonisierung“ der Gehörlosen durch die Hörenden. Es gelte, der Betrachtungsweise als hilflose, passive Opfer Widerstand entgegenzusetzen und sich gegen die Kolonisierung zu wehren. Hörende könnten in diesem Prozess Allies (Verbündete) der Tauben werden, wenn sie lernten, Taubsein nicht als Behinderung zu betrachten.“

Ich muss zugeben, dass mich diese Betrachtungsweise schockiert hat. Es ist eine Sache, wenn gehörlose Eltern die Möglichkeit, oder auch eine hohe Wahrscheinlichkeit, für die Taubheit ihres Kindes akzeptieren und sich über ihr Kind freuen, ganz egal, ob es eine Behinderung hat oder nicht. Eine ganz andere Sache ist es, bewusst einen Samenspender zu suchen, damit das Kind ebenfalls gehörlos wird. Wenn gehörlose Menschen tatsächlich eine eigene Ethnie sind, dann wäre das mit einer gewissen Eugenik und ethnischer Säuberung bzw nationalistischem Gedankengut gleichzusetzen. Wir würden jeden Deutschen ablehnen, der sagen würde, dass er nur rein deutsche, oder sagen wir arische, Kinder haben will. Wenn die Gehörlosen sich als eigene Ethnie begreifen, müsste man an sie dieselben Maßstäbe anlegen. Übrigens: Wenn man konsequent Gehörlosigkeit als Behinderung ablehnt, dann verlieren Mitglieder dieser Ethnie, also Volksgruppe, die Ansprüche, die ihnen aus der Behinderung als Nachteilsausgleich entstünden. Dies aber würden dieselben Leute ablehnen. Allerdings bin ich dafür, Elemente der Betrachtung als Ethnie bewusst zu fördern. So ist die Gehörlosenkultur im Bereich der Kunst und des Theaters eine echte Bereicherung, und die Gebärdensprache ist unzweifelhaft eine eigene Sprache, die es zu fördern gilt. Gehörlose müssen einen Anspruch auf Erlernen, Pflege und Ausbau ihrer eigenen Sprache und Kultur haben, das steht für mich vollkommen außer Frage.

Der zweite Punkt, der mich an der Betrachtung als Ethnie störte, ist die Tatsache, dass es so wichtig ist, sich nicht als Menschen mit Behinderung sehen zu müssen. Ganz abgesehen davon, dass dann z. B. die Behindertenrechtskonvention auf Gehörlose nicht mehr anwendbar wäre und sie einige Rechte verlieren, zeigt die Ideologie der Befürworter der Volksgruppenthese einen herablassenden Blick auf behinderte Menschen. Man will auf keinen Fall dazu gehören. Man ist etwas Besseres, man gehört einer eigenen Volksgruppe an, aber natürlich nicht den Menschen mit Handicap oder Einschränkung, denn im eigenen Selbstverständnis gibt es ja keine Einschränkung. Alle Einschränkungen die im tatsächlichen Leben zu beobachten sind, sind nach den Anhängern dieser radikalen Theorie durch die Gesellschaft verschuldet, die den Mitgliedern der Gehörlosenethnie keine Unterstützung gewährt.

Nachdem ich mir diese Gedanken gemacht hatte, schrieb ich eine Twitternachricht: „Oha: Ob ich wohl in den nächsten Tagen zu einem Diskriminierer gestempelt werde? Komme an einem schwierigen Thema vorbei: Gehörlosenkultur. Also nicht die Gehörlosenkultur ist das Schwierige, das ist eher bewundernswert. Nur: Sind Gehörlose behindert oder, wie Ossis, eine Ethnie? Und wenn, warum? Um nicht behindert sein zu müssen? Wie ist dann deren Auffassung von Behinderung? – Sind so Gedanken bei meiner Arbeit.“ Eigentlich gehöre ich nicht zu den Menschen, deren Twitternachrichten viel gelesen werden, schon gar nicht zu denen, auf deren Nachrichten viel reagiert wird. Diesmal aber begann schnell eine Diskussion. Eine Hauptteilnehmerin des späteren Streits war die Betreiberin des Blogs Rückspiegel. Sie schrieb schon einleitend deutlich: „Ich kann nur sagen, daß Gehörlose, die gezielt ein taubes Kind haben wollen, i.m.h.o. nicht ganz dicht sind, und keine Ethnie. Mag sein, daß aus der Behinderung eine Kultur entsteht. Aber am Anfang steht ein körperliches Defizit, ob einem das paßt oder nicht.“ Auf der anderen Seite war eine Gehörlose anwesend, die die Auffassung vertrat, dass die Eltern das alleinige Entscheidungsrecht haben, ob ihr Kind gehörlos sein soll oder nicht. Und es sei unbedingt erforderlich, die Bildungschancen für Gehörlose zu verbessern. Eine dritte, mehrfachbehinderte Teilnehmerin, stimmte der Bloggerin bei ihrer Ablehnung der Gehörlosenethnie zu, vertrat aber ansonsten die Ansicht, dass die Gesellschaft immer danach strebe, den behinderten Menschen zu reparieren, anstatt ihn wie er ist zu akzeptieren und sich auf ihn einzustellen. Alle Teilnehmer lehnten das sogenannte medizinische Modell von Behinderung ab, wobei die Bloggerin klar sagte, dass der Ursprung einer Behinderung ein körperliches Defizit sei, was den Menschen aber keineswegs abwerte oder definiere. Trotz guter Integration behinderter Menschen blieben, so zusammengefasst ihre Meinung, Defizite, die die Gesellschaft nicht reparieren könne. Einem Gehörlosen werde immer der Eindruck raschelnder Blätter, einem Blinden immer das Bild eines Regenbogens fehlen. Dies könne die Gesellschaft nicht zu 100 Prozent ausgleichen. Daher verbaue man einem neugeborenen Kind Chancen, wenn man von vorneherein festlege, dass es eine Behinderung haben solle. „Und es ist höchst bedenklich, immer die böse Gesellschaft zu beklagen, ohne die der behinderte ja gar nicht behindert wäre.“, fügte die Bloggerin hinzu. Die Gegenposition wurde am Anfang von der gehörlosen Teilnehmerin eloquent vertreten: „Wenn die Gesellschaft gleiche Bedingungen für alle schafft, ist es egal, ob man behindert ist oder nicht.“

Beide Positionen erzeugen ein Spannungsfeld, in dem viele behinderte Menschen leben. Wie viel von dem, was durch Behinderung an Einschränkung spürbar ist, kann durch die Gesellschaft durch welche Maßnahmen wettgemacht werden? Hier trafen aber zwei völlig verschiedene Sichtweisen aufeinander. Eine Frau, die von ihren Alltagserfahrungen ausging und klar sagte: „Keine Gesellschaft kann dir die Hör- oder Seheindrücke zurückgeben, selbst wenn du hervorragend integriert bist.“ Dem kann ich nur zustimmen, und das muss man akzeptieren. Es ist die grundlegende Akzeptanz der eigenen Situation. Ich bin blind, ich sehe nichts, und das ist ein Faktum. Noch so viel Geld, noch so viele Schilder an Türeingängen, noch so viele Hörbücher und Hörzeitschriften können mir das Augenlicht und die damit gemachten Eindrücke und Empfindungen nicht zurückgeben. Sicher: Ich mache andere Erfahrungen, die Menschen mit Augenlicht auch machen könnten, aber oft nicht wollen, weil die Reizüberflutung sie hindert. Aber sie haben die Chance, diese Erfahrungen zu machen. Ich hingegen werde für immer auf den berühmten Regenbogen verzichten müssen. Eine ganz andere Frage ist, ob ich mich deswegen schlecht fühle, bedrückt oder minderwertig. Das tue ich ganz und gar nicht, ich kann damit gut leben, und niemand in der Diskussion stellte dies in Frage. Auf der anderen Seite waren zwei durch lange Arbeit in der Behindertenpolitik und -Selbsthilfe gestählte Aktivistinnen, die immer und zu jeder zeit politisch korrekt argumentierten. Für sie gibt es keine natürliche Behinderung, weil dies für sie Einschränkung ihrer Ganzheit ist, weil dies eine gesellschaftliche Stigmatisierung bedeutet. Sie fühlen sich nur dann akzeptiert, wenn man ihnen bestätigt, dass sie in keiner Weise eingeschränkt sind, und wenn man ihnen dazu verhilft, sich so zu fühlen. Dies ist Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft, die die Mittel dazu hat. „Behindert ist man nicht, behindert wird man“, erklären sie. Der Regenbogen ist ihnen egal, die Blätter auch. Sie gleichen diese fehlenden Empfindungen durch andere Stärken aus, die von der Gesellschaft nicht wahrgenommen werden. Sie wollen nicht auf ihre Behinderung reduziert werden, und jede Erwähnung einer körperlichen Einschränkung trifft sie bis ins Mark ihres Selbstverständnisses. Sie haben, so meine Meinung, keinerlei gelassenen Umgang mit ihrer Situation, obwohl sie kämpfen und die Interessen behinderter Menschen vertreten wollen. Sie argwöhnen fast überall eine persönliche Herabsetzung oder ein auf Medizin basierendes Behinderungsverständnis, auch dann, wenn es eigentlich um einprägsame Alltagsempfindungen geht.

Zum Streit wurde eine bis dahin durchaus interessante Diskussion erst, als die Bloggerin sagte: „Ich finde es kontraproduktiv, immer wieder zu beharren, es seien ja nur die anderen schuld, wenn was noch nicht klappt. Das liest sich immer wie „Wir wären ja gar nicht behindert, wenn Ihr nicht so böse wärt“. Da vergeht mir die Lust zu Helfen. … Ich bin ja selber mit und unter Blinden großgeworden. Und egal wieviel Mühe man sich gibt, manches geht halt nicht. Aber dann auch noch gesagt zu bekommen: „Du gibst dir nur nicht genug Mühe“, das erschöpft dann total und läßt resignieren. Es wäre schön, wenn auch mal das Erreichte gewürdigt würde, statt daß immer noch neue Forderungen im barschen Ton folgen.“ Antwort der mehrfachbehinderten Aktivistin: „Das kann ich gut verstehen! Ich stemme aber täglich 100 Nichtbehinderte! Wieviele Behinderte stemmst Du pro Tag?“ Für einen Moment redeten sie aneinander vorbei. Die Bloggerin wiederholte: Selbst mit viel Mühe gehen bestimmte Dinge nicht, die Aktivistin erwiderte, dass es z. B. sehr wohl gehe, wenn man lange genug kämpfe, vor einem Haus eine Rollstuhlrampe anzulegen und ähnliches, man müsse nur kämpfen. Vermutlich hörten sie da auf, einander zuzuhören, denn sie sprachen von verschiedenen Dingen. Die Rollstuhlrampe geht, der Regenbogen nicht. Und als die Bloggerin auch noch sagte, dass sie auch keine Rampe würde bauen können, wenn sie gerade erst zum Vermieter geworden sei, verhärteten sich die Positionen. Und ich stand dabei und fasste nicht, wie aus der Debatte über die Ethnie der Gehörlosen ein solches Streitgespräch hatte werden können.

Ich gehöre zu den Menschen, die Hörfilme mögen. Als Blinder finde ich, dass mir die Bildbeschreibungen viel über einen Film verraten, was ich sonst nicht gewusst hätte. Bewegungen und Aussehen der Charaktere, Szenen, in denen nicht gesprochen wird und ähnliche Dinge. Auch diese Bildbeschreibung kann mir den Sinneseindruck meiner Augen nicht zu 100 Prozent ersetzen, ich werde den Film immer noch anders wahrnehmen als der voll sehende Zuschauer. Für mich kann es eine Einschränkung sein, mir den Film beschreiben lassen zu müssen, aber die Bloggerin wies in der Debatte noch auf einen anderen Umstand hin: Sie fände es nervig, wenn bei einem Film die Filmbeschreibung laufe oder jemand einem Blinden den Film erkläre. Und weiter: „Ich weiß, daß ich das hinnehmen muß, aber für mich verliert der Film dann an Qualität. Sowas wird auch oft nicht anerkannt. Es ist nicht so, daß der Nichtbehinderte sich nur aktiv Mühe geben muß, er muß auch auf einiges verzichten. Wird gerne vergessen. Und deshalb fände ich ein wenig mehr gegenseitige(!) Anerkennung und Respekt angebracht, statt nur einseitiger Forderungen.“ Ein Aspekt, über den ich nie nachgedacht habe, der mir aber logisch erscheint. Auf die Nachfrage der Aktivistin, worauf die Bloggerin verzichte, wenn sie einen Film mit Bildbeschreibung schaue oder einem Blinden den Film erkläre, antwortete diese: „Ich verzichte auf die Möglichkeit, den Film selber ohne Störung schauen zu können. Während ich A erkläre, verpasse ich B.“ Sinn dieser Aussage war meiner Meinung nach, klarzumachen, dass es immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen ist. Wenn sich nichtbehinderte Menschen bemühen, Behinderten eine gleichberechtigte Teilhabe am Gesellschaftsleben zu ermöglichen, nehmen sie bewusst und gern, wie die Bloggerin auch noch mal betonte, eigene Einschränkungen in kauf. Aber das werde von den radikalen Behindertenaktivisten nicht wahrgenommen, die immer nur noch mehr Anstrengungen von der Gesellschaft verlangten, um die Behinderung zu 100 Prozent auszugleichen, was gar nicht möglich sei. Die Aktivistin fragte, ob die Bloggerin denn lieber auf den behinderten Menschen oder auf den Film verzichten würde bzw. darauf, den Film störungsfrei zu sehen. Dies qualifizierte die Bloggerin als emotionale Erpressung. Nun erreichte die Auseinandersetzung einen ihrer Höhepunkte: „Was glaubst Du, wie sich unsereins dabei fühlt. Einen film zu gucken, den ich nur mit hilfen wahrnehmen kann, ist wichtiger als die Beziehung zu mir? Eine typisch deutsche Debatte, die mir so schon häufiger begegnet ist“, sagte die Aktivistin. „Ich nehme es hin, weil mir der behinderte Mensch wichtig ist, stören darf es mich aber dennoch“, lautete die Antwort. Das war leider das Ende der sachlichen Diskussion. Dabei berührt sie Punkte, über die man sich Gedanken machen muss. Da Menschen mit und ohne Behinderung gegenseitig aufeinander zugehen sollten, ist es auch wichtig, die Einschränkungen zu akzeptieren, die ein Nichtbehinderter auf sich nimmt, wenn er, wie gern auch immer, einem Menschen mit Behinderung hilft. Als ich später das Wort Dankbarkeit von seiten der behinderten Menschen in die Debatte warf, wehrte die Bloggerin ab: Sie wolle keine Dankbarkeit, es reiche, wenn gegenseitiges Bewusstsein dafür herrsche. Anstatt über die Frage des Films mit Bildbeschreibung weiter zu debattierren, antwortete die Aktivistin: „Na ja! Alles Weitere würde sich wirklich hochschaukeln. Aber bevor Du andere Blinde oder Behinderte weiter dafür sanktionierst, dass sie die sind, die sie sind, lassen wir es besser! vor allem, bevor du oder Andere sich von meinen unortodoxen ansichten noch mehr bedroht fühlen müssen! Bestrafe bitte keinen Behinderten Menschen dafür, dass er sein Leben so gut meistert, wie es geht, und dafür ab und an Deine Hilfe braucht, auch, wenn er noch selbständig denken kann und ne Meinung hat!“ Das machte die Bloggerin wütend.

Dieses Diskussionsende zeigt aber, wie schwer es ist, miteinander offen und ehrlich zu reden. Wie oft auch bei Religionen werden kritische Äußerungen, selbst wenn sie überhaupt nicht abwertend oder herabwürdigend gemeint sind, von manchen Behinderten oft als Ehrverletzung empfunden. Bis zu einem gewissen Punkt ist das verständlich, sie begegnen oft Menschen, die sie bevormunden, die glauben besser zu wissen, was für sie gut und richtig ist. Dies ist falsch, zunächst einmal sind Menschen mit Behinderung Experten in eigener Sache. Trotzdem gehört zu gegenseitigem Verständnis auch das offene Ohr für die Menschen, die selbst keine Behinderung haben und im Alltag ganz normal eine Hilfestellung leisten, gar nicht viel darüber nachdenken, sondern einfach tun, was getan werden muss. Menschen, die den Menschen mit Behinderung eben nicht über seine Einschränkung definieren, sonst würden sie sich gar nicht lange mit ihm auseinandersetzen. Menschen, die ehrlich genug sind, auch mitzuteilen, dass ihre Hilfeleistung sie auch etwas kostet. Zumindest dann sollten sie es mitteilen, wenn sie zu hören bekommen, dass sie sich nicht genug um Menschen mit Behinderung bemühen. Und natürlich sollte man diese Mitteilung nicht machen, um nun für den Rest seines Lebens vom Behinderten demütige Dankbarkeit zu erwarten. Aber die Wahrheit ist nun einmal, dass alle Menschen persönliche Interessen haben, egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Wenn alle auf alle Interessen Rücksicht nehmen, dann nähern wir uns nach und nach einem Zustand an, in dem so viele durch die Behinderung erlittene Einschränkungen wie möglich von der Gesellschaft, oder sagen wir vom alltäglichen Miteinander, aufgehoben werden. Aber dass auch Nichtbehinderte einfach nur Menschen mit ihren Ideen, Bedürfnissen und Vorlieben sind, dass sollten auch die behinderten Menschen akzeptieren, die sich zurecht Nachteilsausgleiche von der Gesellschaft, hier vor allem von der Politik, erwarten. Eine solche politische Erwartungshaltung aber auf alle Privatpersonen zu übertragen, finde ich fatal.

Am nächsten Tag hat die Bloggerin in ihrem Blog ihre Sichtweise zu dieser Diskussion geschrieben, und zwar unter dem Titel: Die Gesellschaft, dein Feind und Helfer. In diesem Blog entwickelte sich eine interessante und fruchtbare Diskussion.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

4 Kommentare zu Sind wir behindert, oder werden wir behindert?

  1. Ute sagt:

    Wow, ist der Text gut! Dem gibt es zumindest von meiner Seite nichts mehr hinzuzufügen. Ich werde den Link mal umgehend an meine Eltern schicken (Du erinnerst Dich: Vater blind, 1. Mutter blind, 2. Mutter Blindenlehrerin. *g*). Denn das hier ist wirklich das Beste, das ich seit langer Zeit zu dem Thema gehört oder gelesen habe. Chapeau!

  2. Marco Zehe sagt:

    Ein sehr guter Eintrag, Jens! Ich danke Dir dafür! Ich habe die Diskussion auf Twitter auch verfolgt und zu einigen Punkten auch etwas geschrieben, aber das ganze lief dann so aus dem Ruder, dass ich mich ausgeklinkt habe.

    Einen Punkt noch: Ich bin ja selbst blind und daher Nutznießer von Hörfilmen. Aber ich kann Utes Punkt genauso nachvollziehen, denn es gibt Filme wie z. B. den Film „Dancer In The Dark“ mit der Sängerin Björk, den ich mir einmal mit Audiodescription auf DVD angeschaut habe und dann nochmal ohne. Denn dieser Film lebt auch sehr von der Musik, und um diese Musiksequenzen ungestört genießen zu können, muss man auch als Blinder auf die Audiodescription verzichten bzw. sie ausschalten. Denn die Musiksequenzen sind Traumsequenzen, die natürlich beschrieben werden müssen, aber allein die Musik ist so wundervoll anzuhören, dass man diese Beschreibung wahrlich nicht jedesmal braucht. Ich bin sehr froh darüber, dass die DVD mir beide Tonspuren liefert. 🙂

  3. Ute sagt:

    Zum Thema „Ist dir der Film wichtiger oder die Person“ meinte mein Vater übrigens ziemlich konsterniert, daß dieses Pseudoargument“ schließlich genausogut vom Nichtbehinderten kommen könnte und keine Grundlage für eine auch nur annähernd intelligente Diskussion sei.

    Was übrigens die Designerbabys angeht, bereitet auch mir das einige Bauchschmerzen.

    1. muß ich davon ausgehen, daß die Genschäden sich ja auch auf die Enkel übertragen. Was aber, wenn die eigenen Kinder selber nach Möglichkeit lieber nichtbehinderte Kinder hätten? Ich sehe schon den ersten Fall kommen, wo die behinderten Designerkinder ihre Eltern auf Bezahlung der notwenigen künstlichen Befruchtung mit PID oder gar auf Schmerzensgeld verklagen. Meines Erachtens zu Recht.

    2. Soll das Ganze etwa heißen, ein hörendes Kind gehöre automatisch einer anderen Ethnie an als seine gehörlosen Eltern? Da wird’s dann vollends bizarr.

  4. 666 sagt:

    Und dann kommen die Schielenden, die sind dann auch nicht behindert und gehören einer ethnischen Mindeheit an … und dann die Rollstuhlfahrer, die Bucklingen und Lahmen. Da kann man sich nur an den Kopf langen, wie gestört die Gesellschaft ist!

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