Wie ich den Tag der deutschen Einheit erlebte

Als die DDR der Bundesrepublik beitrat, also am 3. Oktober 1990, war ich in Berlin. Live und in Farbe habe ich die Stimmung miterlebt, interessante Gespräche geführt und um mein Leben gefürchtet.Damals war ich noch in der Schule, in der dreizehnten Klasse. Es war unser Leistungskurs Gemeinschaftskunde, mit dem wir die Reise nach Berlin antraten, um live dabei zu sein, wenn die Nachkriegsgeschichte Deutschlands tatsächlich endete. Natürlich waren wir alle sehr aufgeregt, als wir am späten Vormittag in Westberlin landeten. Es war der letzte Tag, an dem es West- und Ostberlin gab, und wir waren damit aufgewachsen und kannten es nicht anders. Es war ein interessantes und aufregendes Gefühl.

Nach den üblichen Präliminarien wie Einchecken im Hotel, gingen wir in einen nahegelegenen Döner-Imbis, wo ich den ersten Döner meines Lebens verspeiste, dem in den nächsten Tagen noch einige folgen sollten. Danach machten wir uns auf den Weg zur Mauer, irgendwo im Norden Berlins. Auch wir wollten Mauerspechte sein.

Ein schnurgerader Pfad führte zwischen 2 Mauern hindurch, man hatte gute Sicht, hier konnte eine Grenzpatrouille Streife gehen, die Hunde los lassen, die Scheinwerfer des Nachts auf alles richten, was sich bewegte. Ein unheimlicher Ort der Stille, denn zwischen den Mauern war man vom Stadtlärm praktisch abgeschirmt. Eine der Mauern war oben mit einer steilen Mauerkrone versehen, die es sehr schwer machte, sie zu überklettern, ohne abzurutschen. Die Andere wurde von Stacheldraht überspannt. Und dazwischen der Pfad mit den Grenzern, wo sich auch kein Flüchtling ausruhen konnte, weil die Hunde ihn hetzten. Noch wenige Jahre zuvor mochten sich solche Szenen hier abgespielt haben.

Und dann begann vor uns das Klappern und Hämmern. Wie Geier an ihrer Beute pickten die Mauerspechte an diesem Monument des Schreckens, und plötzlich wurde aus dem stillen und bedrückenden Ort der Vergangenheit ein hoffnungsvoller und fröhlicher Ort der Gegenwart und Zukunft. Menschen aus Ost und West standen gemeinsam an der Mauer, mit Hammer und Meißel bewaffnet, diesen Symbolen sozialistischer Arbeitsdisziplin, und brachen langsam kleine Steinchen aus den Mauern, zum Andenken an eine Zeit, die zuende ging. Wir beteiligten uns gern, wir waren an einem Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde, auch wenn es jüngeren Menschen heute kaum noch vorstellbar erscheinen mag.

So zogen wir denn mit unseren Souveniersteinchen los und machten uns auf den Weg in die Noch-DDR, um ihre letzten Stunden zu erleben. Mit der U-Bahn fuhren wir bis zur Friedrichstraße und machten uns auf den Weg, die Straße unter den Linden entlang in Richtung auf das brandenburger Tor. Das Fest zur Einheit hatte begonnen. Es war das erste mal, dass ich die DDR besuchte. Überall standen Buden, hörte man Musik aus Lautsprechern. An einem Stand wurden Kerzen verkauft mit dem Slogan: „Honeckers Staat existiert noch so lange, wie diese Kerzen brennen.“ Mein Freund Thorsten wurde von einem britischen oder kanadischen Fernsehsender zu seinen Gefühlen über die Wiedervereinigung befragt, überall kamen Menschen miteinander ins Gespräch. Eine ausgelassene Atmosphäre herrschte unter den Linden. Wir blieben einen Augenblick vor der sowjetischen Botschaft stehen, betrachteten das Antikriegsdenkmal und sahen dann, als wir uns einem Würstchenstand näherten, zwei Volkspolizisten am Straßenrand stehen. Neugierig gesellten wir uns zu ihnen, befragten sie nach ihren Gefühlen zur Einheit, denn sie waren doch eigentlich Ausführungsorgane der DDR. Sie bestanden auch darauf, dass sie noch bis Mitternacht Volkspolizisten seien, und dass sie diese Stunden sehr bewusst erlebten. Andererseits erzählten sie, dass sie noch in der Ausbildung steckten und schon seit Februar, also noch vor der Volkskammerwahl am 18. März, im Bundesrecht geschult wurden. In der Ausbildung der Volkspolizisten hatte man sich offenbar sehr früh auf die neue Situation eingestellt. Obwohl auch sie einfach da standen, ihr Würstchen aßen und den Abend genossen, trugen sie einen feierlichen Ernst zur Schau, der uns nicht entging.

Plötzlich, wir hatten uns gerade von den VoPos verabschiedet, sprach uns ein Mann an, wie es uns denn gefiele. Wir stellten uns vor, erklärten, dass es ein außerordentliches Gefühl war, heute in Berlin zu sein. Er stimmte uns zu und erzählte, dass er Berater des Bundeskanzleramtes im Amt des Ministerpräsidenten der DDR gewesen sei. Er habe ein knappes halbes Jahr bei Lothar de Maizierre gearbeitet, und es sei schon ein besonderes Gefühl gewesen, an diesem letzten Tag der DDR den Schreibtisch und das Büro abzuschließen, nachdem man seine Sachen geordnet habe. Das Amt des Ministerpräsidentten wurde in dieser Nacht zu einer Außenstelle des Bundeskanzleramtes. Er sprach fesselnd von diesem Hauch der Geschichte, den man an diesem Tag in der ganzen Stadt spürte. Aber er sprach auch davon, dass die PDS ihre finanziellen Schäfchen ins Trockene bringen und ihr Parteivermögen nicht angeben würde, dass er die Entstehung der blühenden Landschaften zumindest nicht sofort erwarte, und dass es eine Weile dauern würde, bis im Osten die Arbeitslosigkeit auf Westniveau gesunken wäre. Wir sollten in den kommenden Jahren noch viel an seine Worte denken.

Die ganze Zeit über war mir klar, dass dies mein einziger Besuch in der DDR sein würde. Schon in wenigen Stunden würde es sie nicht mehr geben. Ein besonderer Tag, dessen knisternde, freudige und gespannte Atmosphäre heute kaum noch zu vermitteln ist. Natürlich wollten wir dabei sein, wenn um 0 Uhr am Reichstag die Flagge gehisst wurde. Also gingen wir kurz ins Hotel, holten unsere Jacken, die wir über Tag nicht gebraucht hatten, und fuhren wieder zur Friedrichstraße. Wir waren 4: Hans, unser Gemeinschaftskundelehrer, Beate, eine weitere Begleitperson, mein Freund Thorsten und ich selbst. Abseits von der Straße unter den Linden führte uns Hans auf sogenannten Schleichwegen in Richtung Staatsgrenze. Diese Schleichwege hatte er auf dem Stadtplan entdeckt, sie sahen aus wie ein Trümmerfeld, überall lagen irgendwelche Sachen herum. Wir kamen langsamer voran, als wir dachten, und gegen zwanzig vor 12 hatten wir noch nicht das Brandenburger Tor erreicht, befanden uns aber wieder auf der Hauptstraße. Und es wurde immer voller. Menschenmassen, teils betrunken, in jedem Falle aber ziemlich enthemmt, feierten und rempelten sich gegenseitig an, es war praktisch kein Durchkommen mehr. Eingeklemmt und eingezwängt hörten wir nichts außer das Gejohle der Menschen um uns herum. Und immer weiter wurden wir auf das brandenburger Tor zugetrieben. Kurz bevor wir es erreichten sahen unsere Begleiter, wie die riesige DDR-Fahne an Luftballons in die Luft entschwebte, und ein Jubel und Johlen brach los, Menschen bahnten sich rücksichtslos ihren Weg. Erstmals rief unser Kursleiter bittend, man möge nicht so drängeln und Rücksicht nehmen. Es waren Millionen auf der Straße. Immer wichtiger wurde es, aus der Menschenmenge hinaus zu kommen, der Wunsch, die Flaggenhissung zu sehen, geriet immer mehr in den Hintergrund.

Und dann wurden wir in das Nadelör des brandenburger Tores gedrängt. Zwei Menschenströme durchdrangen sich hier, von beiden Seiten kommend. Wir wurden an die Wand gedrängt, ich schlug mit dem Kopf gegen den Stein, beinahe wären wir auseinandergerissen worden. Als Vollblinder wäre ich allein verloren gewesen. Vermutlich wäre ich zerquetscht worden. Und während wir in der Enge des Durchganges darum kämpften, zusammen zu bleiben, johlte die Menge plötzlich unbeschreiblich auf, Flaschen und Feuerwerkskörper flogen, einer traf unsere Begleiterin Beate am Kopf. Vermutlich war dies der Moment, in dem Deutschland tatsächlich wiedervereinigt wurde. Ich konnte es nicht nachprüfen, denn um auf die Uhr zu schauen, hätte ich meinen Arm bewegen müssen, der zwischen Leibern eingeklemmt war. Wir wollten nur noch weg!

Als wir endlich auf der anderen Seite ankamen, beruhigte sich die Menge etwas, denn alle blieben gebannt stehen, um das Feuerwerk zu verfolgen. Zwar konnten wir uns auch jetzt nicht weiter durch die Menge schieben, dafür stand sie zu dicht, aber für einen Moment konnten wir durchatmen und stehen bleiben. Hans zitterte, er musste Angst gehabt haben. Hätte er gewusst, dass es noch schlimmer kommen würde, …

Während des Feuerwerks waren wir auf dem Gelände des Tiergartens gelandet, zumindest sagte man uns das. Ein paar lange Kerls aus Hamburg standen dicht bei uns, besonnene Leute, die sich während der Böller und Jubelrufe kurz mit uns unterhielten. Dann war das Feuerwerk vorbei, und sofort wollten die Menschen den Ort des Geschehens verlassen und drängten auf die Polizeigatter los, die das Gelände, auf dem wir standen, abriegelten. Eine kleine Panik brach aus, als sich die Gatter nicht sofort öffneten, Menschenmassen stürmten weg vom Brandenburger Tor. Wir stolperten mit ihnen, Umhängetaschen wurden kaputt gerissen, wir hätten uns beinahe wieder verloren. Da bauten sich die riesigen hamburger Kerls um uns auf und riefen in die Menge: „Vorsicht, langsam“. Für einen Augenblick entstand um uns eine Zone relativer Ruhe, und wie ein Bollwerk schoben uns die Hamburger ruhig und besonnen, von ihren eigenen Körpern geschützt, durch die tobende Menge. Das ging so lange gut, bis am Rande des Platzes die Polizeigatter fielen und die Menschen das bemerkten. Von da an gab es kein Halten mehr, alle mussten Laufen, so sehr drängte die endlich befreite, panische Masse. Im Fernsehen, so erzählte man mir, habe man nichts von dieser Panik gesehen, aber in diesen Augenblicken fürchtete ich um mein Leben. Alle rannten, auch die Hamburger, die wir binnen Sekunden aus den Augen verloren. „Schneller“, trieb mich Hans in Panik an, aber ich konnte nicht noch schneller laufen, dachte ich. Und dann blieb ich für einen winzigen Augenblick in den niedergelegten Gattern hängen. Diese knappe Sekunde werde ich nie vergessen. Es war ein Moment, in dem ich vor Panik aufschrie und gleichzeitig mit meinem Leben abschloss. Ich war mir fast sicher, keine Chance mehr zu haben. Hans hielt mich fest, mein Arm wurde fast ausgekugelt, von hinten erhielt ich einen Stoß, und irgendwie löste sich mein Schuh aus den Gattern. Mit affenartiger Geschwindigkeit ergossen wir uns in das große, freie Gelände des Tiergartens, wo wir uns so verteilten, dass es uns möglich war, wieder Luft zu holen. Wir waren gerettet. Ein völlig fertiger Lehrer, der mit seinen Nerven am Ende war und Angst um unser Überleben gehabt hatte, und eine Begleiterin mit einer leichten Wunde an der Stirn, das war die Ausbeute dieser Nacht. und in dem ganzen Kampf um unsere Sicherheit war die Geschichte an uns vorbeigestreift, hatten wir die Worte des Bundespräsidenten und die Nationalhymne verpasst, verging die Flaggenhissung vor dem Reichstag ohne unsere Anwesenheit. Hauptsache, es war alles noch mal gut gegangen, dachten wir uns, als wir uns durch die Straßen des nun wiedervereinigten Deutschlands schleppten.

Um uns zu beruhigen gingen wir ganz langsam mehr als eine halbe Stunde durch den Tiergarten. Es wurde immer stiller um uns her, wir wollten, dass die Menge zuerst die U-Bahnen stürmte, damit wir dann später mehr Platz hatten und eine Panik vermieden. So war es schon weit nach 1 Uhr, als wir irgendwo in der Nähe der Siegessäule eine U-Bahnstation erreichten. Die Bahn war menschenleer. Plötzlich sagte Hans: „Dort sitzt Anttje Vollmer. Wisst ihr was? Wenn die nicht vor uns aussteigt, laden wir sie auf ein Getränk ein und plaudern mit ihr.“ Das war eine hervorragende Idee, das wäre der perfekte Abschluss für diesen Tag gewesen. Aber leider stieg sie eine Haltestelle vor uns aus, und wir machten uns auf den Weg zu unserem Hotel.

Am 3. Oktober 1990 gingen wir die Wege der Nacht noch einmal ab, um sie von ihrem Schrecken zu befreien. Außerdem kamen Freunde von Hans zu Besuch, und ich saß zum erstenmal in meinem Leben in einem Trabbi. Und oben auf dem berliner Fernsehturm trafen wir zufällig einen ehemaligen Schulkameraden von uns, der zufällig ebenfalls in Berlin war. Ansonsten war dieser Tag, der erste in einem vereinigten deutschen Staat, ein ruhiger, fast fauler Tag. Wir mussten uns erholen.

Eine zweite Gruppe unserer Leute war übrigens in der Nacht zur selben Zeit wie wir direkt zum Reichstag aufgebrochen, ohne Umwege, Schleichwege und sonstige Hindernisse. Sie waren pünktlich dort und bekamen alles mit, es war nicht einmal sonderlich voll. Immerhin hatten sie eine Aufnahme gemacht, die wir uns im nachhinein anhören konnten.

Der Tag der deutschen Einheit wird für mich immer mit diesem herrlichen und interessanten Abend, und mit dieser fürchterlichen Nacht verbunden bleiben, die wir in Berlin erlebten.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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