Für einen schnellen Atomausstieg

Ganz unabhängig vom Moratorium der Kanzlerin habe ich gestern mir allgemeine Gedanken über einen Atomausstieg gemacht.Jede Epoche der Menschheitsgeschichte kannte die Angst vor dem Fortschritt ebenso wie die Fortschrittsgläubigkeit. Wirtschaft, Wissenschaft und Atheismus standen technischen Neuerungen in der Regel viel aufgeschlossener gegenüber als der Klerus und die von ihm beeinflusste Generation. Und trotz der viel gepriesenen modernen Zeiten hat sich daran bis heute nicht viel geändert. Der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann, ein verantwortungsbewusster Staats- und Kirchenmann, brachte es auf den Punkt, als er Anfang der siebziger Jahre sagte, dass nicht alles, was technisch möglich sei, auch getan werden müsse. Der Fortschritt des Menschen im Geiste, so schwingt in diesen Worten doch mit, drückt sich auch durch ein gestiegenes moralisches Verantwortungsbewusstsein aus. Damit wollte Heinemann, der gleichzeitig progressiv und religiös war, den wissenschaftlichen Fortschritt keinesfalls generell verteufeln. Er appellierte lediglich an den menschlichen Verstand und sein Verantwortungsbewusstsein für die Menschheit als Ganzes, eine Abwägung zu treffen. Erfolg zeitigten seine Worte allerdings kaum.

Die Abwägung, die wir heute treffen müssen, hat mit der Atomkraft zu tun. Hätten wir diese Technologie wegen ihrer Gefährlichkeit vor 50 Jahren gar nicht erst zugelassen, wäre die Sache einfach. Heute fällt die Abwägung leider viel schwerer, als uns die Grünen, die Piraten und die anderen AKW-Gegner, die moralisch auf der „richtigen Seite“ stehen, glauben machen wollen. Denn als Folge der allzu lang gehegten Fortschrittsgläubigkeit sind die Alternativen heute viel geringer geworden. Schalten wir in nächster zeit die Atomkraftwerke ab, bleibt uns nämlich vorerst nichts anderes übrig, als zu den umweltverschmutzenden Technologien zurückzukehren, die durch die Atomkraft abgelöst werden sollten. Technologien wie Kohlekraft, gegen welche sich dieselben Parteien und Organisationen als Umweltschützer ebenfalls wenden. Nicht umsonst lautete ein Wahlspruch der Atomlobby immer: „Atomkraft ist sauber.“ Das ist, solange es keine Störfälle gibt, unbestreitbar. Kohle aber ist nur noch begrenzt vorhanden, und darum müsste nicht nur mit einer Verteuerung der Energie gerechnet werden, sondern man müsste auch massiv den Energieverbrauch einschränken. Und das in einem hochindustrialisierten Land wie Deutschland.

Damit jetzt kein Missverständnis aufkommt: Ich rede der Kernenergie nicht das Wort. Für mein Verständnis ist sie gefährlich und muss abgeschafft werden, besser heute als morgen. Allerdings wird dies nicht ohne Schmerzen möglich sein, und Schmerzen wollen Politiker ungern auferlegen, es gefährdet ihre Wiederwahl.

Kanzlerin Angela Merkel hat immer behauptet, sie befürworte die Atomenergie als Brückentechnologie. Folgt man dieser Argumentation, dann wäre die logische Konsequenz, dass man massiv die endgültigen, erneuerbaren und nachhaltigen Energiequellen und ihre Verwertung fördert, die Forschung großzügig unterstützt und ihre Erschließung vorantreibt. Genau das ist aber nicht geschehen. Gelder für alternative Energien wurden zugunsten der Atomkraft eingefroren oder gekürzt, und die Sicherheitsstandards der Atomkraftwerke wurden herabgesetzt, bei gleichzeitiger Verlängerung der Laufzeit. Der Grund ist einfach: Atomkraftwerke bringen der Wirtschaft hohe Gewinne und dem Staat höhere Steuereinnahmen ein, was gerade nach der Finanz- und Wirtschaftskrise wichtig ist. Kein Gedanke also an die moralische Vertretbarkeit der Weiternutzung der Kernenergie.

Die Menschen sind in der Lage, sich selbst auszurotten. Ihr technischer Verstand reicht dazu vollkommen aus. Hierzu bedarf es keines Krieges, menschliches Versagen genügt. Die Entscheidung, die jede Regierung fällen muss, besteht darin, die Atomkraftwerke so schnell wie möglich abzuschalten und auf Geld und Popularität zu verzichten, die Energiepreise zu erhöhen, Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Abschwung zu riskieren und gleichzeitig massiv Geld für neue Energien auszugeben, oder das Spiel mit dem Feuer noch eine Weile fortzusetzen und der Bevölkerung keine harten Einschnitte abzuverlangen, aber vor allem die Wirtschaft nicht gegen sich aufzubringen. Doch spätestens seit letztem Wochenende sollte allen Beteiligten klar sein, dass man nicht alles auch tatsächlich tun sollte, was technisch möglich ist.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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