Gedankenprotokoll IV – Höhen, Tiefen und deutsche Verhältnisse

Wieder antderthalb Tage in meinen Gedankenprotokollen zur japanischen Katastrophe.13.03.2011, 13:30 Uhr: Wir haben gefrühstückt und einen Text für den Ohrfunk gelesen. Jetzt arbeite ich die Tweets der letzten Stunden auf. Zum Beispiel den Folgenden, der eine gute Maxime sein könnte: „Das Schlimme ertragen, das Schöne sehen, das Richtige tun. Klingt einfach, geht unendlich schwer, wenn’s gelingt heißt es Glück.“ Es tauchen Youtube-Videos auf. Eines habe ich gehört. Das Gefühl ist kaum zu beschreiben, es ist surreal. Alles wird weggespült, die Flut kommt, die Leute werden immer panischer, und doch wird weiter gefilmt. Die Menschen, die es erleben, werden es ihr leben lang nicht vergessen.

13:45 Uhr: „Sitze fassungslos vorm Monitor und lese, schaue. Es ist unmöglich für mich, zu begreifen, welches Ausmaß diese Katastrophe hat. Unfassbar!“ Das schreibt eine absolut großartige Informationsquelle auf Twitter. So langsam, während der Reaktor immer noch schmilzt, oder doch nicht, oder während man das Ergebnis dieser Entwicklung abwartet, kommen auch wieder andere Teile der Katastrophe ins Bild: Die Flut, die verzweifelten Menschen, die zerstörten Städte, der Hunger und die Flucht.

14:30 Uhr: Langes Telefongespräch mit meinem Ohrfunk-Chef. Wir wollen die aktuelle Situation in unserem Programm berücksichtigen. Schade, dass wir in der Inforedaktion so wenig Leute sind.

14:35 Uhr: Auf Twitter erscheint ein Aufruf, noch mal schnell miteinander zu schlafen, weil vielleicht morgen schon keine Möglichkeit mehr sei. Einer meiner Bekannten stimmte zu, eine Andere bezeichnete dies als geschmacklos angesichts der Katastrophe. Ich weiß nicht: Es wird nicht so ernst gemeint gewesen sein. Unnötig war es aber schon.

14:40 Uhr: Was für eine Leistung. Ich lese gerade, dass die Rettungskräfte seit Freitag 12.000 Menschen lebend gerettet haben. Unglaublich und Hut ab.

14:45 Uhr: Auf Twitter lese ich: „In der Katastrophenregion selbst überwiegt bisher die Organisation des Überlebens die Furcht vor dem AKW. An eine Flucht ist nicht zu denken. Die Tankstellen sind leergetankt. Es funktioniert in großen Teilen der Präfekturen Tochigi und Fukushima praktisch: nichts mehr. Es gibt keinen Strom, kein Handynetz, keine befahrbaren Straßen oder Schienen und kein Gas mehr.“ Frankreich zieht seinen Botschafter aus Tokio wegen der unklaren Lage in Fukushima zurück. Ausgerechnet Frankreich, das auch keine Probleme mit der Atomkraft hat. Jetzt haben sie Angst? Mein Chef will mit mir wetten, dass die Laufzeitverlängerung gekippt ist. Ich halte dagegen: Die Regierung zieht das durch. Das ist ja das schlimme. Frau Merkel und ihre Richtlinienkompetenz, wenn’s drauf ankommt. Nur Wahlen und Wahlergebnisse können daran etwas ändern.

14:50 Uhr: Was ist das jetzt wieder? Wieder nimmt der japanische Regierungssprecher seine Aussagen über Kernschmelze zurück. Doch keine? Was denn nun? Die Desinformation geht weiter. Ich wiederhole mich.

15:10 Uhr: Sollte mein Chef doch gewinnen? Habe ich richtig gehört, dass Merkel offiziell die Laufzeitverlängerung in frage stellt? Oder nur bis nach den Wahlen? Interessant! Und jetzt ist vom zweiten AKW mit Notstand die Rede: „Die IAEA teilte mit, dass für das AKW Onagawa wegen überhöhter Werte die niedrigste Notstandstufe erklärt wurde“, erklärte das ZDF. Es hört nicht auf. Gleichzeitig bricht im Süden Japans ein Vulkan aus. Das kann man doch alles nicht mehr verarbeiten!

20:00 Uhr: Es hat keinen Sinn, mehr zu schreiben. Weitere Reaktoren fallen halb oder ganz aus, widersprüchliche Meldungen bleiben. Der Kampf wegen der Kernschmelze geht weiter. Durch die Zufuhr von Meerwasser wird der Prozess verlangsamt, aber offenbar nicht gestoppt.

23:35 Uhr: Ich lese nur noch sporadisch Nachrichten. Alle paar Stunden überfliege ich die Infoquellen auf Twitter. Nicht, weil mein Interesse nachgelassen hätte, sondern weil die Informationslage undurchsichtig bleibt, trotz aller Medienberichte und Sondersendungen, die es gestern und heute genug gab. Es scheint, als wolle sich die Medienlandschaft rächen ob meiner am Freitag abend voreilig ausgesprochenen Schelte, dass man die Nachrichten aus Japan schon wieder verdränge. Bitte, liebe deutsche Medien, es war nur an die holländischen Aktuellen gerichtet, ich leiste euch Abbitte, ihr vertreibt euch den ganzen Tag mit sinnloser Berichterstattung, niemand wirft euch mangelhaftes Interesse vor. Unterstützt nur die Regierung, stumpft die Menschen ab, bis sie nicht mehr interessiert, was in deutschen Atomkraftwerken passiert, bis sie nicht mehr spenden, um dem japanischen Volk zu helfen.

23:45 Uhr: Ich bin müde, wenn auch nicht abgestumpft. Ich habe mir vorgenommen, für Japan zu spenden. Ich gehöre zu den vielen Arbeitslosen, zumindest offiziell und was den Verdienst angeht, aber ich werde trotzdem ein paar Euro abgeben können für Menschen, die es weit schlimmer getroffen hat als mich. Solidarität ist gefragt, wir haben sie auch erhofft und erhalten, zumindest in den schweren Zeiten nach dem zweiten Weltkrieg. Das ist zwar keine Verpflichtung, aber es kann Leitbild sein, Vorbild.

14.03.11, 06:45 Uhr: An Meeren und Flüssen werden ständig Tote an Land gespült. Wieder eine Explosion in Fukushima, aber nicht gefährlich, immer noch Meerwasserkampf um Kühlung der Atomreaktoren. Inzwischen beginnt dieser Kampf ein gewohntes Bild zu werden. Diese allmähliche, schleichende Gewöhnung wird auch auf die deutsche Diskussion Auswirkungen haben. Es war ja alles nicht so schlimm, ein Vorfall wie in Tschernobyl ist es nicht, uns selbst betrifft er nicht. Ich erinnere mich noch daran, dass wir uns damals nicht so oft im Freien aufhalten sollten, dass frische Lebensmittel zum Großteil für eine Weile nicht für den Verzehr geeignet waren, dass es Befürchtungen gab, auch in Deutschland setze sich Radioaktivität im Boden fest, dass wir sogar in der Schule an Geigerzählern saßen. Jetzt, 3 Tage nach Beginn des Kampfes um die Atomkraftwerke, beginnt in Deutschland der Alltag. Der Ölpreis sinkt sogar, weil Japan derzeit viel weniger Öl abnimmt, und das Einzige, was den deutschen Mittelständlern Sorgen bereitet, ist die Börse. Die Welt ist doch in Ordnung, solange man über die Börse spricht, oder? Selbst die Explosionen des Reaktorgebäudes zerstören die Sicherheitshülle des Reaktors selbst nicht, heißt es, alles halb so wild. Bei diesem Unterschied zu Tschernobyl in der deutschen Wahrnehmung wird die Regierung an der Laufzeitverlängerung und den niedrigen Sicherheitsstandards festhalten können.

09:00 Uhr: Ich arbeite und beschäftige mich zwischendurch mit ganz anderen Sachen, der Kampf und das Elend gehen weiter. Hat auch mich die Gewöhnung erfasst? Nein, immer noch nicht, aber eine gewisse Resignation. Bei allen Gedanken an das Leid in Japan, ich hatte auch Gedanken an die deutsche Situation, an den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg. Aber jetzt habe ich wieder eine Ahnung, wie diese Geschichte verläuft. Die Zyniker auf Twitter würden sagen, dass eine echte Katastrophe, ein verlorener Kampf in Fukushima, der deutschen Anti-AKW-Bewegung gut getan hätte. Ich sage, dass die Regierung ihre Laufzeitverlängerung durchkriegt, wenn sie die Welle der Empörung einfach ein paar Tage aussitzt. Es ging uns nicht genug an die Nieren und in die Knochen, in ein paar Tagen ist die Medienaufmerksamkeit zurückgegangen, und vielleicht wird der Super-GAU ja wirklich verhindert, dann sind die Atomleute auch noch Helden, Pioniere und so weiter. Ich gräme mich darüber, in welcher Art von Demokratie wir leben, wenn diese Vorgehensweise zieht.

10:30 Uhr: In Tokio wurde der Strom abgeschaltet und rationiert, wie bei uns nach dem 2. Weltkrieg. Aber für effektive Hilfe und für die täglichen Bedürfnisse wird der Strom ja benötigt. Ich stelle mir einen Alltag ohne Strom vor und stelle fest, dass ich das nicht kann. Und wenn dann noch Wasser fehlt, die Straßen kaputt sind, keine Busse fahren, die Supermärkte geschlossen haben: Was für eine Katastrophe. Ich möchte für den Ohrfunk einen Kommentar schreiben, aber ich finde noch nicht die richtigen Worte.

10:40 Uhr: Eine DPA-Meldung: Bundesregierung erwägt Aussetzung der Laufzeitverlängerung. Sollte mein Chef doch recht behalten? Sollte ich noch eben zu pessimistisch gewesen sein?

11:51 Uhr: „Essenz aus 48 Stunden hartem Denken: Die Welt wird erst besser, wenn globale Unternehmen wieder eine beherrschbare Größe haben“, twitterte jemand. Da ist was dran, aber wie will man es erreichen?

12:15 Uhr: Zwei Tweets auf Twitter: „+++ „Reaktorkühlung mit Meerwasser erfolgreich“ +++ Erste Offshore-Atomkraftwerke geplant +++“ und „So langsam gewöhn ich mich ja an explodierende Atomkraftwerke…“. – Beides verstehe ich. Ich habe jetzt auch für den Sender einen Kommentar zum Ausstieg geschrieben.

12:30 Uhr: Mein Gott, jetzt droht der Kampf doch verloren zu gehen. In einem Reaktor liegen die Brennstäbe trocken. Vielleicht wieder nur eine Fehlmeldung, vielleicht wieder ein Dementi, aber es könnte ja auch stimmen. Und dann? Das wäre wirklich schrecklich. Ich drücke die Daumen!

13:00 Uhr: Und wieder Schweigen. Stattdessen ein guter Blogbeitrag über den Kapitalismus und die international agierenden Konzerne und die Wirtschaftsethik, ganz ohne Ideologie. Und der Satz: „Atommeiler sind die Minarette des fundamentalistischen Kapitalismus.“

14:05 Uhr: Und wieder Dramatik: In allen drei Meilern von Fukushima 1 droht Kernschmelze, weil Kühlen mit Meerwasser nicht funktioniert hat. Wenn man dies scheibchenweise zugibt, und wenn das seit ein paar Stunden drohte, könnte die japanische Regierung die Verbündeten informiert haben. Das erklärt die von Grünenpolitikern beobachtete Hast beim plötzlichen Umschwenken bei der Laufzeitverlängerung. Merkel will sie jetzt aussetzen, was immer das heißt. Aber eigentlich geht es um Japan. So lange haben sie gekämpft, und wenn jetzt die Kernschmelze mit voller Wucht geschieht, dann sind Millionen von Menschen betroffen, denn der Wind weht Richtung Tokio.

15:15 Uhr: Ich höre, dass die japanische Regierung jetzt ernste Töne anschlägt. 3 Reaktoren ohne Kühlwasser, sie sind aufgegeben, sagen die ersten Medien. Alles läuft auf eine entsetzliche Katastrophe hinaus. „Die evakuierten Menschen werden nicht zurückkehren können“, wurde inzwischen mitgeteilt. Wieder denke ich an das Buch „Die Wolke“, und jetzt scheint es konkret zu werden. Auf diese Weise meine Heimat zu verlieren stelle ich mir grausam vor, obwohl ich vermutlich dankbar für mein Leben wäre. Eine ungute Spannung ist in der Luft neben der Verrichtung alltäglicher Dinge.

15:20 Uhr: „Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt explodiert, wird die Stimme eines Experten sein, der sagt: „Das ist technisch unmöglich!“.“ – Das stammt von Peter Ustinow. Im Augenblick laufen wohl viele Experten durch die Fernsehsendungen. Auf Twitter in meinem Verfolgerkreis gibt es auch ein paar Wissenschaftsgläubige, die sich schon genervt zeigen über die „Strahlenhysterie“ der Anderen. Ob sie noch so denken, wenn drei Reaktoren explodieren sollten?

15:30 Uhr: Reaktor 2 in Fukushima 1 wieder mehr unter Kontrolle. Ich höre das japanische Fernsehen mit Übersetzung des ZDF.

16:10 Uhr: Merkel will die Laufzeitverlängerung für deutsche AKW nur für 3 Monate aussetzen. Das sagt sie, nachdem leichte Entwarnung kommt. Dieses bösartig grausame Schauspiel kann ich mir kaum noch anhören!

18:15 Uhr: Ausgesetzt für drei Monate? Was heißt denn das? Wen will sie damit eigentlich für Dumm verkaufen? Ich meine: Für drei Monate die Laufzeitverlängerung aussetzen, was heißt das konkret?

18:45 Uhr: Vor dem Kanzleramt sind nur ein paar hundert Atomkraftgegner versammelt. Das hätte ich nicht gedacht. Ist denn alles sinnlos? Ich hole immer noch Tweets der letzten Stunden nach und kann nicht richtig nachfühlen, was ich empfinde. Enttäuschung und Zorn. Dabei wusste ich doch, dass die Atomvorfälle in Japan, zumal sie im Augenblick relativ glimpflich abzulaufen scheinen, keinen Deutschen hinterm Ofen hervorlocken, außer den Hardlinern, die immer gehen.

20:35 Uhr: Warte auf Interview mit meinem Chef für die morgige Sendung. Es bleibt alles wie in den letzten Tagen im Bezug auf Fukushima: Hiobsbotschaften wechseln mit Beruhigung, auch wenn sogenannte definitive Aussagen gemacht werden. Die deutsche Politik weiß das und richtet sich danach. Das soll und will ich im Interview sagen. Hoffentlich ist es bald so weit, bin nicht mehr besonders aufnahmebereit.

21:25 Uhr: Interview geschafft. Jetzt reichts mir für diesen Tag. Ich mache schluss. Auch ich habe, leider, schon wieder die Lust, mir neben den Opfern in Japan und den schrecklichen Verhältnissen, in denen sie jetzt schon die vierte Nacht verbringen, auch über das perfide Wahltaktikmanöver von Merkel Gedanken zu machen. Es ist ein solches Trauerspiel, dass ich darüber nicht nachdenken will. So zwiespältig sind meine Gedanken und Gefühle. Ich werde morgen einen Großteil des Tages nicht mit diesem Thema verbringen. Ich will etwas Anderes tun, aber ich will auch einen klaren Kopf bekommen: Frei von Medienberichten und politischer Paranoia. Gute Nacht.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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