Gedankenprotokoll zu Japan 6 – Bangen, Hoffen, mit Anderen reden

Hier das sechste meiner GEdankenprotokolle zu Japan.16.03.11, 09:00 Uhr: Wie es scheint, treten Katastrophen immer in unserer Nacht ein. Es soll ein neues Erdbeben in der Nähe von Tokio gegeben haben, allerdings viel schwächer, und im Reaktor 4 von Fukushima 1 brennt es wieder. Vermutlich war das Feuer doch noch nicht ganz gelöscht. Wieder ein Tag, an dem ich fast glaube, es wird immer so weiter gehen, und wir werden uns an den japanischen Atomkampf gewöhnen wie an den Nahost-Konflikt.

11:00 Uhr: Mit einem befreundeten Journalisten und einem befreundeten Physiker sitze ich beim Frühstück. Wir sind alle Atomkraftgegner, und natürlich unterhalten wir uns über Japan, aber auch über die deutsche AKW-Bewegung. Der Journalist berichtet, dass er auch immer schon gegen die Atommüllendlager gekämpft hat. Ich frage ihn, wo der ganze Müll denn hin solle. Erste Antwort: das sei nicht seine Sache, er als Geisel der Atomlobby müsse den Verbrechern keinen Ausweg aus ihrer misslichen Laghe weisen. Weil es aber auch unsere missliche Lage ist, sollte sich jeder darum Gedanken machen, solange es nicht zu einem weiteren Vorwand zur Erhaltung der Kernenergie führt, sage ich. Daraufhin entsteht bei uns die Idee, in einer Wüste ein Endlager für die ganze Welt anzulegen, entsprechend parzelliert, damit es nicht zur Kettenreaktion kommen kann. Aber natürlich ist das undurchführbar, es sind ja nur Gedankenspiele, aber sie tun gut, vor allem, weil man mal mit anderen Menschen über das Thema spricht. Während ich vom Kampf erzähle, den ich durch die Medien wahrnehme, von dem ich nicht weiß, wie er ausgeht, meint unser Journalist, die Lage sei sehr sehr ernst und lasse das Schlimmste befürchten. Ich rege mich über die Medien auf, noch mehr, als er mir sagt, dass bei der marburger Mahnwache gegen Atomkraft 850 Menschen dabei waren. Das ist viel dafür, dass sie spontan organisiert war. In den Spitzenmedien hörte man nicht viel von den Mahnwachen, weswegen ich schon glaubte, es gäbe sie nicht. Ein gutes und aufschlussreiches Gespräch.

14:30 Uhr: In Japan hat sich der Kaiser geäußert. Er und seine Frau verzichten 2 Stunden täglich auf Strom, und er ruft das Volk zu Einheit und Geschlossenheit auf. Es war die erste Fernsehansprache des Kaisers überhaupt und ein ähnlich heftiger Einschnitt wie die Radioansprache seines Vaters zur Kapitulation. Das zeigt, wie heftig die Lage wirklich ist. Das Auffangbecken oder Abklingbecken von Reaktor 4 soll aus der Luft und mit einer Wasserkanone gefüllt werden. Die Strahlenbelastung ist extrem hoch: 400 Millisievert pro Stunde. In Deutschland kriegt man 1 bis 2 Millisievert pro Jahr mit. Aber es könnte sein, dass es recht schnell abklingt, wenn es sich in der Hauptsache um Jod 131 handelt.

16:00 Uhr: Gerade gelesen, dass das deutsche auswärtige Amt alle Deutschen in der Region Tokio auffordert, das Land zu verlassen. Der Euro-Kommissar für Energiefragen warnt vor einer Großkatastrophe in den kommenden Stunden, während man die Kühlung der Atomkraftwerksreaktoren nun mit Wasserwerfern versuchen will. Es soll das letzte Mittel sein. Es ist wie eine Schlinge, die sich jetzt langsam zuzieht: Der Kaiser spricht, selbst die Deutschen sollen das Land verlassen, und die EU-Kommission meldet sich. Und dann das mit den Wasserwerfern. Entweder es ist mal wieder so eine Mediensache, oder es spitzt sich wirklich dramatisch zu. Habe schon irgendwie einen Kloß im Hals, wenn ich daran denke. Tokio kann man nicht evakuieren, und es leben rund 35 Millionen Menschen dort. Im Süden sind die Hotels voll, aber nicht nur mit Ausländern, auch mit Japanern aus Tokio. Andererseits höre ich von einer Umfrage, dass 70 % der Deutschen Atomstrom für unverzichtbar halten. Das glaube ich einfach nicht, dass so viele so denken. Aber vielleicht stimmt es. Dann hätte sich mein journalistischer Freund heute morgen getäuscht, der behauptet hat, die Mehrheit der Bevölkerung sei dagegen.

16:40 Uhr: Auf Twitter gelesen: „Mit Wasserwerfern gegen AKWs – vor kurzem war das doch noch irgendwie anders?“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Vor ein paar Tagen hätte ich solch eine Bemerkung noch geschmacklos gefunden, jetzt löst sie nur ein sehr kleines Unbehagen aus.

19:20 Uhr: Kann Merkel aus dem Vertrag mit der Atomlobby nicht mehr raus? Stimmt: Man kann das Gesetz ändern, aber den Vertrag? Kann es sein, dass wir bis 2050 an die Atomkraft gebunden sind? – Anderes Thema: In Meldungen aus Japan ist immer häufiger von den letzten namenlosen 50 Helden die Rede, die sich gegen die Katastrophe stellen. Obwohl ich sie auch Helden genannt habe, stößt mir das bitter auf. Der Medienheld ist nicht das, was ich meine. Ich nenne sie darum opferbereite und sehr mutige Menschen, denen mein ganzes Mitgefühl gilt. Heute morgen sagte jemand: „Das sind Todeskandidaten.“ Ich weiß, wie viel Wahrheit darin steckt, aber ich möchte es nicht glauben, nicht einfach so annehmen. Sie mögen überleben und Stolz empfinden, weil sie geblieben sind, während sich die ganzen Banker, für die sie das unter Anderem getan haben, aus dem Staub gemacht haben, und während man sich sogar im fernen Deutschland Jodtabletten kaufte. Der befreundete Journalist dachte heute morgen darüber nach, Lebensmittel für einige Monate einzulagern, Konserven. Dabei ist das ein wirklich intelligenter Mann. Es sind mehr als 8000 Kilometer, viel kommt nicht an bei uns, selbst wenn einer oder 2 Reaktoren explodieren. Das klingt zynisch, aber wir beschäftigen uns so sehr mit unseren Ängsten, anstatt mit dem Leid in Japan. Klar: Unsere Ängste vor unseren eigenen Atomkraftwerken sind berechtigt, aber wir sollten jetzt nicht massenweise Jodtabletten schlucken.

21:15 Uhr: Jetzt könnte es vielleicht gelingen, eine neue Stromleitung an das Kraftwerk anzuschließen, die Brennstäbe zu kühlen und das Schlimmste noch zu verhindern! Das wird sich in den nächsten Stunden zeigen. Es gibt jedenfalls immer noch eine Hoffnung. Dasselbe möchte ich auch für die Millionen ohne Nahrung, Wasser und Medikamente sagen können, aber da stimmt es leider nicht. Und die Nächte sind im Augenblick dort entsetzlich kalt.

22:45 Uhr: „Keine Nachrichten aus Japan sind gute Nachrichten“, twitterte vor nicht ganz einer Stunde einer. Ich kann ihm nur recht geben. Es ist jetzt ruhig geworden, seit es heißt, dass man fast so weit ist, eine neue Stromleitung anzuschließen. So viel Hoffnung war nie in den letzten Tagen, und so viel Bangen auch nicht. Aber während es heute Mittag noch so aussah, als gäbe es keine Hoffnung mehr, scheint es jetzt eine konkrete Möglichkeit zu geben. Nun: Die Strahlungsmenge in der Nähe des Reaktors wird sich nur dann schnell verflüchtigen, wenn es sich um Jod 131 handelt. Ich habe gehört, dass die Halbwertszeit 8 Tage beträgt. Alles Andere ist natürlich viel heftiger, und man kann es ja nicht einfach wegschieben. Jahrzehnte wird man sich in der näheren Umgebung an diesen schrecklichen GAU erinnern.

23:25 Uhr: Ich gehe schlafen, aber mit gedrückten Daumen. Einer der Twitterer in meiner Zeitleiste regt sich sehr darüber auf, dass nicht auch Libyen derzeit Thema ist, da die deutsche Öffentlichkeit und die sonst überall eingesetzte Bundeswehr bei Gaddafi Komplizen eines Massenmörders würden. Unverständlich, warum sich Merkel gegen Flugverbotszone ausgesprochen hat, aber alle schauen nach Japan, so ungefähr der Twitterer sinngemäß. Natürlich hat er nicht ganz unrecht, auch Libyen muss verfolgt und behandelt werden, man darf das Thema nicht vergessen. Aber verständlich auch, dass es schwer ist, die Aufmerksamkeit so sehr zu teilen, wie es richtig wäre. Jetzt bin ich müde und gehe schlafen. Gute Nacht.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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