Gedankenprotokolle zu Japan 7 – Grauen auf höherem Level

Inzwischen werden diese Einträge zu Tagesberichten. Ob sie wohl für Außenstehende langweilig sind? Hier jedenfalls meine heutigen Infos und Gedanken.17.03.11, 06:40 Uhr: Sie kämpfen mit Hubschraubern gegen die Strahlung, die Hitze, all das. 13.000 Menschen sind tot oder vermisst. Das Trauerspiel geht in den siebenten Tag. Aber: Sie kämpfen immer noch, obwohl die Strahlung inzwischen wohl wirklich hoch ist. Mir fällt auf, dass man zwar lange denken kann, dass sich in den letzten Tagen kaum etwas verändert hat, in Wahrheit pendelt sich die Katastrophe aber auf immer höherem Niveau ein. Wie lange werden wir uns noch täglich mit einem neuen Level des Grauens abfinden müssen, bis wir alle wirklich klar sehen?

08:10 Uhr: Als ich „Wir müssen uns mit einem immer höheren Katastrophenlevel abfinden“ auf Twitter schrieb, bekam ich einen Protest: „Wir armen Neugierigen, als ob wir ein Recht darauf hätten, alles detailgenau zu erfahren. Wichtig ist, dass man das in Japan in den Griff kriegt, dafür bete ich.“ Recht hat sie, aber missverstanden hat sie mich auch, die Twittererin, die das schrieb. Viele Staaten evakuieren jetzt ihre Bürger aus Japan, und ich fürchte, die Strahlung steigt ständig an. Sie kämpfen immer noch, aber was genau wollen sie erreichen? Die Schutzhülle mindestens eines Reaktors ist beschädigt, und der Kampf kann nur noch immer verzweifelter werden. Natürlich darf man ihn um gottes Willen nicht aufgeben, sonst brechen auch noch alle anderen Hüllen. Man hat erstmals leicht erhöhte Radioaktivität bei einem Flugzeug aus Japan entdeckt. Oh Mann, wenn es so weiter geht, bekommen die größten Pessimisten doch noch recht. Es wäre eine schreckliche Strafe dafür, die Atomkraft aus Profitgier genutzt zu haben, und eine Strafe, die die Falschen zahlen müssen.

08:45 Uhr: Und dann doch wieder die deutsche Hysterie. Aufgezeigt durch ein Blog aus Japan, das von einem Deutschen dort geschrieben wird. Er will in Japan bleiben. Die Botschaft mache zwar Terz, kümmere sich aber eigentlich nicht um die Leute, es finde kein Austausch statt. Außerdem würden keine Flüge oder so nach hause angeboten, könnte ja was kosten. Die Aussage des EU-Energiekommissars Oettinger gestern, man stehe kurz vor einer Katastrophe, entbehrte jeder Grundlage, er habe keine besonderen Zusatzinformationen, musste seine Sprecherin zugeben. Natürlich sei die Situation in Fukushima schlimm, aber er hofft immer noch, dass man es hin bekommt. Irgendwie beruhigend, mal jemanden vor Ort zu lesen. Und natürlich hat er recht, dass Erdbeben und Tsunami über die deutsche Atomdebatte völlig vergessen werden. Das Problem sei nicht in der Hauptsache, dass es kein Essen, keine Medikamente und keine Decken gebe, sondern es sei kaum möglich, die Sachen ins Krisengebiet zu bringen wegen der zerstörten Infrastruktur. Das finde ich auch heftig.

08:50 Uhr: Twitter spinnt, und es kommen keine neuen Tweets mehr. Ich werde wohl mal auffs Radio umsteigen? Das habe ich in all den Tagen noch nicht wirklich getan.

10:30 Uhr: Der Umstieg aufs Radio dauerte nicht lange, aber die Berichte von DRadio Wissen, die ich heute morgen hörte, waren sehr interessant. Eine Wissenschaftsjournalistin erklärte verständlich, was zum Beispiel der höchste bestätigte gemessene Strahlungswert von 400 Millisievert beim Reaktor selbst bedeutet. Der Bedeutet, dass ein Mensch 20 Kilometer entfernt ungefähr 20 Mikrosievert pro Stunde aufnimmt. Das wäre, wenn ich jetzt richtig rechne, ungefähr, ganz grob gerechnet, pro Jahr das vierfache von dem, was man hier in Deutschland aufnimmt. Ein japanischer Professor hat errklärt, dass sich bei diesen Menschen in ihren Häusern das Krebsrisiko nach 11 Jahren erhöhen würde, wenn die Strahlenbelastung nicht steigt. Bei den Arbeitern im Kraftwerk sieht es derzeit anders aus, Das Krebsrisiko sei derzeit um 1 % erhöht, aber auch nur, wenn die Strahlung nicht ansteigt. Offenbar ist es so, dass das Strahlungslevel zwar um einiges höher ist als normal, aber noch sehr sehr lange nicht mit dem von Tschernobyl zu vergleichen ist. Wieviele Sievert, da wird man ja nicht mehr von Millisievert sprechen können, da gewesen sind, weiß ich allerdings nicht.

13:40 Uhr: Der Zeit wurde von einem Deutschen die Domain www.Fukushima2011.com für 250.000 Euro angeboten. Da möchte man heulen vor Wut und Zorn, vor Scham und so vielem Anderen in einem, das man gar nicht auszusprechen wagt, wofür stellvertretend man das Wort „Mordlust“ nehmen kann. Natürlich ist Profit alles, was zählt. Außerdem habe ich einen mutigen Artikel von Spiegel-Online gelesen. Sascha Lobo erklärt, dass es in ihm angesichts der Reizüberflutung eine Stimme gab, er nannte sie „Benzini“, die endlich Klarheit haben wollte. Hunderte von Bildern und die zehnte, dann doch nicht geschehene Kernschmelze, ließen ihn Klarheit wünschen, auch aufgrund von zu wenig Information, obgleich die Medien immer so tun, als informieren sie wirklich gut. Möge sie doch endlich kommen, die Kernschmelze. Sehr mutig, dieser Artikel. Klarheit ist angesichts unserer Medien etwas, was ich mir auch oft wünsche. Natürlich will man nicht wirklich die Kernschmelze, man will eben Klarheit und Information.

13:50 Uhr: Wieder Dampf und Rauch im Reaktor Fukushima 1, Block 2. Wieder eine Eilmeldung, wieder aufgeregtes Geschnatter, wieder erst einmal innere Teilnahmslosigkeit, oder nein, innere Distanz.

14:45 Uhr: Regierungsparteien im Bundestag stimmten gegen, und verhinderten damit, die Sicherheitsüberprüfung deutscher AKW. Wie soll ich das denn mit dem Wort der Kanzlerin in Einklang bringen, dass die AKW überprüft werden? Am besten gar nicht. Es ist nur noch ein Trauerspiel, was die deutsche Politik und die deutschen Medien liefern. Habe bei Youtube eine Doku über Tschernobyl gefunden, die schon beim ersten Reinhören wieder eine Gänsehaut verursacht. Es gibt dort Orte, die nie wieder Leben hervorbringen werden. Selbst das rüttelt niemanden auf? Atomkraft wird wieder hoffähig, beklagen die Macher der Doku 2006. Außerdem hat ein Freund von mir ein Video auf Youtube hochgeladen mit einem von ihm selbst gespielten Lied, einer Improvisation für Japan. „A music piece for Japan, played on Piano“. Eine Mischung aus einem japanischen Volkslied, Tschernobyl von Wolf Maahn und Hiroshima von Wishfull Thinking. Dazu ein Aufruf zum Ausstieg aus der Kernkraft. Es ist nur eine Geste, aber sie gefällt mir.

16:15 Uhr: Das ZDF twittert: „Der japanische Fernsehsender NHK zeigt momentan vor allem Bilder von Evakuierungs- und Hilfsmaßnahmen. Unser Japan-Experte Gert Anhalt vermutet, dass diese Bilder angesichts der drohenden Atomkatastrophe durchaus bewusst eingesetzt werden. „Dieser Mantel des Schweigens kann gewollt sein, weil die Konsequenzen so schlimm sind, dass Panik ausbrechen könnte“, so Gert Anhalt im ZDF.“

23:40 Uhr: In den letzten Stunden hat sich, so sagt man, die Situation nicht verschlechtert. Aber jetzt haben sie wieder Strom in Fukushima, und das ist eine gute Nachricht. Andererseits ist auf einem Gebiet wie von Hamburg bis Heidelberg Strahlung zu messen, die ziemlich hoch ist. Die USA, Frankreich und Großbritannien stellen ihren Bürgern in Japan Flüge nach hause zur verfügung, Deutschland nicht. Während die Hysterie hier im Lande verrückte und kaum zu entschuldigende Proportionen angenommen hat, scheinen Politik und Diplomatie davon nicht angesteckt zu sein. Und ich? Ich habe mich wieder mehr gewöhnt und warte, aber hoffe auch wieder mehr. Und jetzt gehe ich schlafen.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

Ein Kommentar zu Gedankenprotokolle zu Japan 7 – Grauen auf höherem Level

  1. nbranx sagt:

    Vielen Dank für Deine Gedankenprotokolle – ich bin seit gestern dabei und verfolge und teile Deine Gedanken. Es ist wahnsinn was in Japan passiert ist, mir fehlen zeitweise die Worte und ich hoffe es wird nicht noch viel schlimmer werden.
    Unvorstellbarer Wahnsinn…

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