Guttenberg- eine Nachbetrachtung

Auch wenn der Rücktritt dessen zu Guttenberg jetzt schon ein paar Tage her ist, so kann und sollte man doch darüber nachdenken, was bleibt, und warum er so viel Zustimmung erfuhr und erfährt.Er ist der erste deutsche Politiker seit Willy Brandt, für den es nach dessen Rücktritt Demonstrationen in mehreren Städten gab. Für die Masse der „Bild“-lesenden Deutschen ist Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ein Held. Die Doktorarbeit, deren größten Teil er gefälscht und zusammengeklaut hat, und die mit sehr gut bewertet wurde, ist eine Bagatelle oder Verleumdung. Guttenberg ist gutt, schreibt das Massenblatt aus dem Hause Springer, und die überwiegende Mehrheit im Volk stimmt begeistert zu. Guttenberg hat Charisma, und er ist glaubwürdig, unbestechlich, überparteilich und autentisch.

Ich war immer für direkte Demokratie, aber wenn ich die Volksmeinung über den Politiker Guttenberg höre, wird mir schlecht. Es kommt doch immer auf die Medienwirksamkeit der Menschen an, wie sehr und schnell man ihnen verzeiht. Die meisten anderen Politiker hätten einen Beliebtheitsdämpfer hinnehmen müssen, wenn die Fälschung einer Doktorarbeit herausgekommen wäre, nicht so der Freiherr aus dem Fränkischen. Warum eigentlich nicht? Wieso bezeichnen ihn die Menschen als glaubwürdig, obwohl er nicht nur seinen Doktorvater sieben Jahre lang betrogen hat? Wieso nennt man ihn überparteilich, wenn er doch ganz klar die Linie der CSU vertritt? Was ist so autentisch an einem Mann, der vor allem versteht, sich in Szene zu setzen? Und, nicht zuletzt: Wie steht es um unsere Demokratie, wenn ein fauler adliger Blender und Lügner zum Volkshelden avancieren kann?

Sagen Sie mir: Warum mögen Sie Karl-Theodor zu Guttenberg? Dass Sie ihn mögen, dafür gibt es eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit. Also? Sehen Sie? Es sind, meistens jedenfalls, keine inhaltlichen, sachlichen Gründe. Habe ich recht? Ist es nicht vielmehr sein Auftreten? Wie er da aus dem Ei gepellt in Afghanistan vor den Soldaten steht und sich deren Sorgen und Nöte anhört? Wie er es schafft, binnen weniger Wochen die Wehrpflicht, einen der Grundpfeiler unserer Wehrverfassung, auszusetzen? Wie er den Krieg in Afghanistan erstmals Krieg nennt? Finden Sie es nicht bewundernswert, wie er frei reden kann, ohne Manuskript, ohne vorbereitete Notizen? Mögen Sie nicht auch, dass er dem Volk so sehr nach dem Mund redet? Das alles ist Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg. Aber welche politische Meinung vertritt er, außer dem Anspruch an sich selbst, immer perfekt auszusehen und makellos jede Krise zu überstehen?

Die süddeutsche Zeitung hat in den letzten Wochen das Charisma des ehemaligen Verteidigungsministers beleuchtet. Weil er so volksnah redet, weil er nicht grau wirkt, weil er Tatkraft demonstriert, gilt er vielen Menschen als der Gesalbte, eine politische Lichtgestalt in Zeiten der Unzufriedenheit. Was kümmert einen da, dass er die Gesetze übertritt, es sind alles Lapalien und Bagatellen. In Italien betrachtet man mit gleicher Bewunderung den scherzhaft liebenswürdigen Silvio Berlusconi. Der Schein hebt diese Menschen hervor, die perfekte Haltung vor der Kamera und im persönlichen Gespräch, die richtigen Worte in der Kommunikation mit dem einfachen Bürger, ganz egal, welche politische Richtung sie vertreten, das ist zweitrangig. Das Auftreten ist das Charisma unserer heutigen Zeit, und vermutlich war das auch in früheren Epochen nicht anders. Mit unseren modernen Medien aber ist die oft leere Hülle des dramatischen Auftritts zum eigentlich Wichtigen geworden, nicht mehr das Programm, das vertreten werden soll.

Karl-Theodor zu Guttenberg konnte es sich leisten, Fehler zu machen, die keinem Anderen verziehen worden wären. Er konnte Staatssekretäre entlassen und übel beschimpfen, er konnte eine chaotische und unüberlegte Bundeswehrreform durchsetzen, er konnte einen Schiffskommandanten zu unrecht nach hause schicken. All dies wurde ihm als positiv, als Tatkraft und Mut ausgelegt, nicht als Sprunghaftigkeit, Ziellosigkeit und Geltungssucht. Guttenberg hat seine juristische Ausbildung abgebrochen, bei der Bundeswehr hat er es nicht zum Offizier gebracht, vor Untersuchungsausschüssen stammelt er und kann sich nicht erinnern, wie alle anderen Politiker auch. Nur bemerkt das im Lande keiner, und bei adeligen Politikern sind abgebrochene Ausbildungen ein Gütesiegel, kein Zeichen von Faulheit, wie bei gewöhnlichen Arbeitslosen und Bürgern. Für die einfachen Gemüter stellte sich Guttenberg gegen das ganze verknöcherte Politikestablishment, und er war damit genauso gefährlich wie Thielo Sarazin oder Geert Wilders.

Denn in der Demokratie fokussiert sich das Charisma und die politische Tatkraft nun einmal nicht auf eine einzige Lichtgestalt. Das bleibt den Königreichen absolutistischer Prägung vorbehalten und ist zugleich Stärke und Schwäche dieses Systems. Eine Demokratie lebt von den langsam gereiften Politikern, die im Parlament dröge Arbeiten verrichten, sich mit den Einzelheiten von Steuerrecht, Mitbestimmung und Polizeigesetzen befassen. Sie lebt von Menschen, die nicht über dem Gesetz stehen und gegen das Gesetz zupacken, sondern mit dem Gesetz dem wohl verstandenen Willen des Volkes zum Durchbruch verhelfen, nach reiflicher Diskussion und langwierigen Überlegungen. Das ist ein trockenes Brot und lässt die „Bild“-Leser schmollen. Sie wollen Action, sie wollen einen Macher, einen, der mit einem Federstrich ihre ganze miserable Lebenswirklichkeit umkrempelt und ihnen endlich Gerechtigkeit verschafft. Doch diese inzwischen massenhaft auftretenden Wutbürger übersehen dabei, dass ein Blender auch sie blendet, und dass er ihnen nur wegen des eigenen Machterhalts nach dem Mund redet. Karl-Theodor zu Guttenberg jedenfalls wusste immer, was er wollte, nämlich ausschließlich das, was die Meinungsumfragen ihm vorschrieben. Darum ist es gut, dass er endlich gegangen ist. Gut für die Demokratie, auch wenn sie ihren schönen Schein verliert.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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