Die Wahrheit: Bin Laden, Deutschland und das Internet

Osama bin Laden ist tot, und Deutschland trauert. Nicht die Regierung, die neofaschistische, teuflische Regierung, aber die aufrechten Demokraten und Pazifisten. Ein Menschenleben wurde ausgelöscht, ein unschuldiger Mann wurde einfach so, ohne Grund und ohne Rücksicht, ohne Erbarmen und ohne Menschlichkeit, hingerichtet, ermordet, grausam exekutiert. Und außerdem: Der echte Osama ist ohnehin schon seit über 9 Jahren tot. So sagt es das allwissende und gerechte Internet, und wer sind wir, dem neuen Stammtisch zu widersprechen?Natürlich hat Angela Merkel, Gott sei ihrer armen Seele gnädig, etwas wirklich empörendes gesagt. Sie sagte, sie freue sich über den Tod Osama bin Ladens. Nachdem der Papst erklärt hat, dass sich ein Christenmensch nie über den Tod eines anderen Menschen freut, von Jesus selbst mal abgesehen, der mit seinem Tod immerhin die Sünden von den Menschen nahm, durfte Merkels Äußerung gerade in der eigenen Partei nicht unwidersprochen bleiben. Von überall her regnet es Kritik auf die Kanzlerin herab, und sie weiß nicht, wie ihr geschieht, wenn sich gute, brave Mitglieder ihrer Union auf einmal mit den Linken einig wissen. Wenn diese Einigkeit ein Gradmesser für die Berechtigung der Kritik ist, dann hat Angela Merkel sich wirklich um Kopf und Kragen geredet. Trotzdem möchte ich leise Zweifel anbringen. Oh nein, ich will Frau Merkel nicht verteidigen, ich schließe mich der Kritik sogar ausdrücklich an. Nur: Bei aller allgemeinen Ablehnung der merkelschen Äußerung darf man meiner Ansicht nach nicht vergessen, wem sie galt. Es war ein Mensch, dem Freiheit, Demokratie und Humanität vollkommen egal war. Er ging mit Schusswaffen und Bomben um, tötete Familien, Männer, Söhne, Väter, Frauen, Töchter und Mütter. Das rechtfertigt Angela Merkel nicht, aber es ändert die Proportionen. Es zeigt, dass Osama bin Laden nicht, wie es sich im Internet mancher Orts anhört, ein gutmütiger, armer, kranker, 54jähriger Familienvater war, der kein Wässerchen trüben konnte. Er war eben auch ein Massenmörder: Wie Hitler, wie Stalin, wie Bush. Der Hass, oft im Internet als gerechter Hass verstanden, gegen die böse, dekadente, mordlustige westliche Zivilisation rechtfertigt meiner bescheidenen Meinung nach eben nicht alles! Wie wäre wohl die Schimpfkanonade auf die Bundeskanzlerin ausgefallen, wenn sie lediglich gesagt hätte, dass sie sich freue, endlich den Chef der el Qaida los zu sein?

Natürlich hat Präsident Barack Obama, Gott sei seiner armen Seele gnädig, etwas wirklich empörendes getan. Er hat den unbewaffneten Osama bin Laden, immer vorausgesetzt, er war es tatsächlich, einfach erschießen lassen, statt ihn festzunehmen und vor ein ordentliches Gericht zu stellen. Natürlich hat er überhaupt nur angegriffen, um seine Wiederwahl zu sichern und von den wirtschaftlichen Problemen der USA abzulenken. Osama bin Laden, den die USA früher unterstützten, wurde jetzt zum Opfer des bösen faschistischen Westens, weil er sich gerechterweise weigerte, seinem ehemaligen Herrn und Meister weiterhin zu gehorchen. Denn Osama, so weiß es dass allweise und allwissende Internet, war ein Pazifist, ein gläubiger Pazifist, der die bösen machenschaften des Westens nur früher durchschaut hat als die ständig Cola trinkenden und Chips fressenden Konsumbürger des Westens, deren Intelligenz, von den Internetintellektuellen abgesehen, gleich null ist. Dass Osama bin Laden, der Held einer neuen Zeit, ein echter Pazifist war, sieht man schon daran, dass er keine Waffe trug. Und die USA, diese faschistische Großmacht, haben ihn einfach so umgebracht, ohne mit der Wimper zu zucken. Jetzt wissen wir, wer der wahre Menschheitsfeind ist, wenn wir es nicht ohnehin schon immer wussten. Trotzdem möchte ich leise Zweifel anbringen. Oh nein, ich will Herrn Obama nicht verteidigen, ich schließe mich der Kritik sogar ausdrücklich an. Nur: Bei aller Kritik am gewaltsamen Tod bin Ladens, wenn er es denn war, dürfen wir nicht vergessen, dass wir nicht alles wissen, auch wenn wir es glauben, weil uns das Internet zur Verfügung steht. Ich maße mir nicht an, zu wissen, dass Osama bin Laden kaltblütig errmordet wurde, auch wenn ich es für relativ wahrscheinlich halte, dass die USA über seinen Tod nicht unglücklich sind. In einer solchen Situation, wo jeder Beteiligte auch um sein Überleben besorgt ist, können viele Dinge passieren. Auch die Soldaten sind Menschen, selbst wenn manche Friedensaktivisten im Internet sie gern tot sehen möchten und der Pazifismus bei Soldaten und Polizisten plötzlich Grenzen hat. Ich kann nicht sagen, wie viele Menschen in dem Raum, in dem sich der mutmaßliche bin Laden aufgehalten hat, selbst geschossen haben, wie bedroht sich die Soldaten fühlten. Ich gebe zu, dass ich, hätte ich von der Aktion im Voraus gewusst, mit der Erschießung des Terroristen gerechnet hätte. Ich gebe auch zu, dass ich nach der Aktion sofort annahm, die USA würden ihre erste Darstellung nach und nach korrigieren, was ja auch geschah. Daraus allein aber zu schließen, der Einsatz sei auf eine ganz bestimmte Weise abgelaufen und als kaltblütige Exekution geplant gewesen, einfach weil die USA immer kaltblütig exekutieren, maße ich mir nicht an. Wie wäre wohl die Schimpf- und Hasskanonade gegen den US-Präsidenten ausgefallen, wenn man bin Laden lebend gefasst hätte?

Natürlich hat die westliche Welt, Gott sei ihrer armen Seele gnädig, etwas wirklich empörendes versucht. Sie versuchte, die souveräne Öffentlichkeit zu belügen. Diese böse, faschistische westliche Welt mit ihren Politikern, korrupten Wirtschaftsbonzen und konsumverliebten Alltagsfaschisten versuchte doch tatsächlich, der unbestechlichen Öffentlichkeit 2.0 glauben zu machen, Osama bin Laden sei noch am Leben gewesen, als er am 1. Mai erschossen wurde. Dabei wusste doch die allinformierte Informationselite genau, dass Osama bin Laden schon im Dezember 2001 schwer krank und gezeichnet in Afghanistan starb. Warum haben wir das bloß nicht alle gewusst? Da sieht man mal wieder, wie wir alle unseren Verstand abgeben, wenn die USA mit der Fahne winken. Sie haben also einen vollkommen Unschuldigen erschossen. Die Medien und die Politik sind schuld. Sie betrügen und belügen das Volk bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach Strich und Faden. Sie versuchen es zumindest. Geldgeilheit und Machtgier sind die Triebfeder dieses neofaschistischen Kapitalismus, Folter, Leid und Tot sind seine Folgen. Wie gut, dass wir das Internet voller Experten haben! Trotzdem möchte ich leise Zweifel anbringen. Oh nein, ich will die westliche Welt nicht verteidigen, ich schließe mich der Kritik sogar ausdrücklich an. Nur: Bei aller Kritik an den Scheinheiligkeiten und Lügengebäuden von Medien und Politik dürfen wir meiner Ansicht nach nicht den Fehler machen, uns selbst für Experten zu halten und zu glauben, wir wüssten alles besser. Wir waren nicht dabei, als die 79 Soldaten in Pakistan ihren Einsatz flogen, auch nicht, als im Dezember 2001 ein Mann beerdigt wurde, den Gerüchten zufolge eine Ägyptische Zeitung für bin Laden hielt. Wir glauben auch nur das, was Andere sagen.

Osama bin Laden ist tot. Nach meiner persönlichen Meinung ist er wohl vor wenigen Tagen in Pakistan gestorben. Ich kann es nicht beweisen, es kann auch anders gewesen sein. Vermutlich war er ein radikaler und rücksichtsloser Terrorist. Dafür sprechen für mich verschiedene Quellen, aber genau kann ich es nicht wissen. Ich kann in meinem Blog noch so schlaue Dinge sagen, ich bin keine originäre Quelle. Ich mache die Nachrichten nicht, ich begleite sie nur. Ich bin nicht dabei gewesen. Zu dieser Rolle passt Demut. Demut, weil ich mich vom Input anderer Menschen ernähre, im übertragenen Sinne, und weil ich mir ständig darüber im Klaren bin, dass nicht ich der Welt etwas zu sagen habe. Ich habe nur eine Meinung. Die wiederum kann für andere bereichernd sein, aber sie ist nicht mehr als eine Meinung, die ich mir bilde. Wahrheit habe ich trotz des Titels meines Blogs nicht zu bieten. Dieser Gedankengang stünde auch den Anderen an, die sich über das Geschehen her machen und es aus ihrem persönlichen und politischen Blickwinkel heraus betrachten. Und die Internetintellektuellen sind nun einmal amerikafeindlich eingestellt in Deutschland. Was immer sie gegen die USA finden können, das wird auch angeführt. Ich kritisiere das nicht, ich benenne es nur. Bei aller berechtigten oder unberechtigten Empörung, sagen wir, bei aller wichtigen Empörung, bei aller kritischen Realitätsbetrachtung, bei allem weltverändernden Elan sollten wir immer im Auge haben, dass die Wahrheit auch im Fall bin Laden niemand ganz genau kennt. Wir müssen mit dem als Wahrheit leben, was in unserer physisch-psychischen Umgebung das größte Beharrungsvermögen hat. Beeinflussen können wir das zwar, allerdings nur begrenzt.

Doch warum machen wir uns in Deutschland diese Gedanken überhaupt? Warum regen wir uns über Angela Merkel auf, die sich über das Ableben eines Terroristen freut? Hier ist meine Wahrheit: Nicht die christliche Kultur ist es, die viele gegen Merkel aufbringt, sondern ihre Abneigung gegen die westliche Zivilisation und Konsumgesellschaft. Diese Abneigung wird nie so stark, dass CDU und FDP mal unter die 5-Prozent-Hürde fallen, aber die falsch verstandene Humanität in Deutschland wird so stark, dass sie einen Massenmörder zum armen Opfer stilisiert. Und zwar, weil er ja nur Amerikaner ermordet hat. Und Amerikaner sind für viele in Deutschland keine Menschen, sondern Konsumterroristen und Faschisten. Damit will ich nicht die amerikanische Politik verteidigen. Ich will die amerikanischen Bürger verteidigen, die Opfer der Anschläge vom 11. September waren, die amerikanischen Bürger, die immer noch Bush und Obama wählen, obwohl sie Kriege anzetteln und die Welt beherrschen wollen. Ich verteidige diese Bürger eben trotz ihres politischen Unvermögens und ihrer Kurzsichtigkeit, trotz ihres Konsumverhaltens und der Unfähigkeit, mit Geld umzugehen. Denn sie sind Menschen. Und wer sind wir, ihnen das Mensch-Sein abzusprechen. Humanismus fängt bei Toleranz, oder zumindest bei Respekt an.

Angela Merkel hat etwas gesagt, was nicht tolerierbar ist. Sie hat es vielleicht gesagt, wenn wir ihr Positives unterstellen wollen, weil sie ein Gefühl der Erleichterung empfand. Es ist nicht richtig, einen Menschen zu exekutieren, auch das verstößt gegen die Menschlichkeit, ganz egal, was dieser Mensch vorher getan hat. Wir müssen uns nicht auf dieselbe Stufe mit ihm stellen. Aber wir dürfen ihn auch nicht zum Opfer machen. Wir müssen bei allem Respekt sehen, was er angerichtet hat und es verurteilen. Verurteilen mit den Mitteln, die unserer Gesellschaft zur Verfügung stehen, natürlich ohne die Todesstrafe anzuwenden, die selbst unmenschlich ist.

So trauere ich nicht um Osama bin Laden. Wer Hass sät, der wird auch Hass ernten. Ich bedaure die Tötung, ich verurteile die Tötung von Menschen, egal, welchen Namen sie tragen. Aber ich maße mir nicht an, zu beurteilen, ob diese Tötung kaltblütig oder bei dem Versuch erfolgte, Osama bin Laden festzunehmen. Ich weiß es nicht, ich kann es nur befürchten und traurig vermuten.

 

Und hier die Artikel, die mich zu diesem Beitrag inspirierten:

 

Desinformation: Ein Artikel von Sascha Lobo bei Spiegel Online

 

Osama bin Laden: Der Mann, der zweimal starb

 

Die Welt: Das deutsche Zartgefühl für einen Massenmörder

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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