Eine virtuelle Hetzjagd

In der Virtualität kann die Welt zum Dorf werden. Das ist faszinierend und positiv, wenn Informationen in Sekunden schnelle über den großen Teich geschickt und Aktionen in den entferntesten Weltgegenden gemeinsam geplant und durchgeführt werden können. Es kann zu politischer Flexibilität, zu koordinierter Aktion in der Weltgemeinschaft führen. Allerdings hat auch dieses Weltdorf die typisch dörflichen Schattenseiten an sich. Denunziation, Angst vor dem Dorftrottel, Herdenbildung und Preisgabe der eigenen Verantwortung und der kritischen Meinung. Hier ein Beispiel.Am letzten Sonntag Abend las ich in meiner Timeline auf Twitter, sagen wir, dem Stammtisch des virtuellen Weltdorfes, oder dem Marktplatz, ganz wie Sie wollen, die Nachricht eines politischen Aktivisten. Er forderte dazu auf, einen anderen Twitteruser zu blockieren und beim Dienstbetreiber Twitter zu melden. Grund: Der entsprechende User habe ein Avatarbild, das wie Adolf Hitler aussehe, er sei also folglich ein Nazi. 2 weitere Twitteruser, beide blind und damit auf die Aussage des ersten angewiesen, folgten seiner Aufforderung. Sie meldeten den Missbrauch des Twitterdienstes an den Dienstbetreiber und blockierten den angeschwärzten User. Nach wenigen Minuten meldete der sich zu Wort: „Ich? Hitlerbild? Wie kommt ihr darauf, es handelt sich um „Big Brother“ aus 1984.“ Damit wolle er sich nur herausreden, erklärte der Anstifter, es handle sich eindeutig um ein Hitlerbild, und man müsse gegen Nazis vorgehen. „Vertraut mir“, riet er seinen Blinden Followern, „der Typ ist ein echter Nazi.“

Mich hat diese Episode, so klein sie scheinbar war, zutiefst erschreckt. Es werfen sich Fragen über den Umgang in der virtuellen Welt, aber auch zwischen Menschen allgemein auf.

Erstens: Wie kommt man überhaupt dazu, einen Menschen ausschließlich nach dem Bild zu beurteilen, das er öffentlich zeigt? Hat irgendjemand schon einmal darüber nachgedacht, dass Bilder auch eine Provokation sein können? Wenn der Account von Walter Moers gewesen wäre, der mit dem Film „Der Bonker“, dann hätte dieses Bild, wenn es denn ein Hitlerbild war, eine völlig andere Bedeutung gehabt.
Zweitens: Warum hat sich der Anstifter die Mühe nicht gemacht, die Herkunft des Bildes zu recherchieren? Ich habe es mit Hilfe einer sehenden Person getan. Das Bild taucht ausschließlich im Zusammenhang mit George Orwell und 1984 auf. Es gibt Ähnlichkeiten mit einem Hitlerportrait, aber das war vermutlich auch schon in 1984 so gewollt.
Drittens: Wie kann man dem Ausruf eines einzelnen Menschen blindlings folgen und einen anderen Menschen denunzieren, ohne zu wissen, ob die Denunziation gerechtfertigt ist? Wie kann man sein eigenes, gesundes Urteilsvermögen so abschalten, um gegen einen vermeintlichen Gegner vorgehen zu können?

Das kleine Schauspiel im virtuellen Dorf erinnert mich an das Buch „Die Welle“. In einer Schule diskutieren Schüler mit ihrem Lehrer über den Nationalsozialismus. Sie wähnen sich überlegen, ihnen könnte dasselbe nicht passieren, sie würden sich nicht von einer Ideologie einfangen lassen. Der Lehrer beweist ihnen das Gegenteil, in dem er zunächst ihren Gemeinschaftssinn fordert und ihnen dann Stück für Stück ein Korsett mit Regeln und Ehrenkodices überstreift. Sie folgen ihm wie einem Führer, wer anderer Meinung ist, wird beschimpft, sie halten ihre Gemeinschaft für etwas großes, bis der Lehrer ihnen sagt, dass sie sich wie die Nazis verhalten haben, denen sie sich überlegen wähnten.

So war es auch in unserem Twitterdorf. Gerade die politischen Aktivisten, die für Freiheit, eigene Meinung, und natürlich gegen die Nazis kämpften, benahmen sich wie die Herdentiere. Einer polterte gegen einen Anderen, die Anderen polterten mit und plapperten nach. Sie ließen sich sogar zur Anzeige hinreißen. Wer so inflationär wie diese Leute mit dem Begriff Nazis um sich wirft, der verharmlost den Nationalsozialismus. Und er hat offensichtlich keine Ahnung von den echten Nazis und ihren unglaublich vielen Opfern. Es ging um Tod, Folter, Verstümmelung und unvorstellbares Leid, nicht um die Frage, ob einer ein Bild verwendet, das einem Andern nicht passt.

Mich hat dieser Vorfall noch aus einem anderen Grund erschüttert: Jedem wäre es möglich gewesen, selbst zu ermitteln, was dieser angeschwärzte auf Twitter schreibt. Dazu musste man das Bild nicht sehen. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen, sagt ein christlicher Spruch. Da ist was wahres dran. Jeder mensch hat gerade im weltweit öffentlichen Internet die Pflicht, verantwortungsvoll zu handeln. Bevor man auf Treu und Glauben eine Anzeige beim Dienstbetreiber aufbaut, informiert man sich selbst über das, was das Opfer dieser Anzeige tatsächlich tut, und ob eine strafbare Handlung vorliegt. Aber genau so wie die Anschwärzer haben sich früher die braven Deutschen während der Herrschaft des Nationalsozialismus verhalten. Die Gründe waren zum Teil andere, es gehörte auch eine Menge Angst dazu, aber das Ergebnis war ähnlich. Gerade wenn man sich gegen Nazis engagieren will, müsste man doch anders handeln als sie, müsste man doch ein Vorbild an kritischer Meinung sein. Kritische Meinung erschöpft sich aber nicht darin, gegen den Staat zu sein. Es gehört auch Sorgfalt im täglichen Umgang dazu. Eine kritische Meinung sollte man auch und gerade gegenüber denen haben, die einem lautstark die Verfehlungen Anderer vorsetzen und sie beschimpfen. So haben nämlich auch die Nazis die Macht erhalten, über ein Feindbild. Demokratie verlangt Verantwortung und Überprüfung einer Aussage durch eigene Meinungsbildung. Und zwar nicht nur aufgrund des Augenscheins, sondern anhand des tatsächlich gesagten. Ein Bild allein reicht für die Verurteilung eines anderen Menschen nur in den seltensten Fällen aus.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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