Twitter sprach als erstes mit dem Toten – Kommentar zur Erschießung Osama bin Ladens

Den folgenden Kommentar habe ich heute bei ohrfunk.de veröffentlicht.„Ein Hubschrauber, der Nachts um 1 Uhr über Abbotabad schwebt, ist ein seltenes Ereignis“, schrieb der IT-Spezialist Sohaib Athar kurz nach 23 Uhr am 1. Mai 2011 auf Twitter. Und er fügte hinzu: „Verschwinde, Hubschrauber, bevor ich meine riesige Fliegenklatsche hole!“
Wenige Minuten später schrieb er: „Ein Knall, der die Fenster vibrieren lässt. Ich hoffe, es ist nicht der Beginn von etwas Unangenehmem.“
Ungefähr zur selben Zeit schrieb wenige Kilometer entfernt Mohcin Shah: „In Abbotabad nimmt niemand das Telefon ab, nicht einmal das Festnetz funktioniert. Ich sprach mit Familienangehörigen in Abbotabad, sie hörten drei Explosionen hintereinander, aber niemand weiß, was passiert ist.“
Dann kamen die beiden ins Gespräch, und Shah fragte Athar: „Können Sie sagen, wie weit das entfernt war und ob es Opfer gab?“
„Der Hubschrauber ist weg, meine Fliegenklatsche funktionierte also. Die wenigen Leute, die derzeit online sind, sagen, dass einer der Hubschrauber kein pakistanischer Hubschrauber war“, antwortete Athar. Er machte auch anderen Leuten gegenüber noch Witze über seine Fliegenklatsche gegen Hubschrauber. Auch über UFOs wurde gewitzelt, aber im Hintergrund die Sorge, es könne etwas schlimmes gewesen sein. In Athars Worten: „Weil die Taliban kaum Helikopter haben und behaupten, sie wären es nicht gewesen, fürchte ich, dass eine komplizierte Situation entsteht.“
Gerüchte gab es, es handle sich um ein Armeetraining, eine Spionagemission, ein Hubschrauber sei abgeschossen worden. Dann meldete Athar ein Flugzeug über der Stadt. Dann war alles still, und vermutlich schlief Athar 4 Stunden. Als er sich auf Twitter wieder meldete sprach er von „interessanten Gerüchten“. Ein Taxifahrer erzählte, die Armee habe die Absturzstelle des Hubschraubers abgesperrt und führe Hausdurchsuchungen durch. Noch ein Gerücht: 2 Hubschrauber, die hinter dem abgestürzten her geflogen seien, seien ausländische Cobras gewesen und entkommen. Und dann kam die sensationelle Nachricht aus Washington: Osama bin Laden sei in der Nacht in Abbotabad, Pakistan, erschossen worden. Athars Kommentar: „Oh ha, so viel zur tollen Nachbarschaft.“

Shah und Athar haben unwissentlich ein paar Einzelheiten der amerikanischen Operation zur Ergreifung bin Ladens auf Twitter beschrieben und sozusagen eine unvollständige Liveberichterstattung ermöglicht. Natürlich stürzten sich die klassischen Medien auf sie, aber schon in ein paar Tagen werden sie, wenn alles gut geht, wieder normale Twitterer sein.

Wenden wir uns also den wichtigen Fragen zu. Was bedeutet der Tod Osama bin Ladens? Nun: Er hat symbolische Wirkung auf das amerikanische Selbstbewusstsein. Man hat den Mann gefasst, auf den Medien und Politik die Anschläge vom 11. September 2001 verdichtet haben. Natürlich hat man ihn nicht lebend gefasst, das wäre zu gefährlich gewesen. Wer weiß, was dieser Mann vor Gericht noch alles hätte aussagen können. Nicht auszudenken, wenn die Welt aus seinem Munde erfahren hätte, wie sehr ihn die Amerikaner einst unterstützten, als es ihnen politisch in den Kram passte. So wurde aus der Operation zur Ergreifung des Terroristen ein Feuergefecht mit Todesfolge. Dass El Qaida den Tod Osamas dementiert, war ebenfalls zu erwarten. Für den Kampf gegen den Terrorismus bedeutet die gezielte Ermordung Osama bin Ladens nichts. Er hat das Terrornetzwerk initiiert, er hat es beraten, aber gelenkt haben es inzwischen Andere, und für jeden abgeschlagenen Kopf wachsen dem Terrorismus so lange sieben neue Köpfe nach, bis die Rahmenbedingungen und Grundvoraussetzungen für seine Entstehung sich geändert haben. Also, liebe Europäer und Amerikaner, es gibt keinen Grund zum Jubeln.

Apropos Jubeln: Erinnern Sie sich noch an den Abend des 11. September 2001? Damals zeigten die Fernsehbilder ein paar jubelnde Palästinenser, die Bilder von Osama schwenkten und amerikanische Flaggen verbrannten. Wissen Sie noch, wie abscheulich alle diese Bilder fanden? Und gestern morgen? Gestern morgen zeigten die Fernsehbilder Hunderte von Menschen vor dem weißen Haus und am Ground Zero, die den Tod bin Ladens bejubelten und „USA! USA!“ skandierten. Sind diese Bilder moralisch gerechtfertigter? Wenn nicht, warum regt sich dann niemand über sie auf? Wird hier nicht mit zweierlei Maß gemessen?

Der Tod des Terroristenführers sei die Nachricht des Jahrzehnts, sagen amerikanische Quellen. 2 Kriege, eine Million Tote und unendliches Leid hat es gebraucht, bis diese Nachricht verbreitet werden konnte. Den Lauf der Welt ändert sie nicht, und das Verhalten der Amerikaner zeigt, wie sittlich und moralisch hochstehend die westliche Kultur wirklich ist. Ich schäme mich für diesen ekelhaften Jubel. Stilles Gedenken an die Opfer des Terroristen wäre angebrachter gewesen.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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