There’s another Train – eine wahre Reise mit der deutschen Bahn

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen. Und tut er sie noch mit der deutschen Bahn, so ergeben sich hin und wieder die unglaublichsten Geschichten. Hier ist so eine Geschichte.Sonntag, 4. Juni, 15:34 Uhr, Berlin Hauptbahnhof: Der Bahnsteig bei Gleis 13 ist voller Menschen. Der ICE nach München über Braunschweig, Kassel, Frankfurt und Stuttgart fährt ein. Es entsteht ein großes Gedränge, weil unglaublich viele Leute ihren reservierten Platz suchen und nicht finden können. Massen schieben sich durch die schon überfüllten Gänge. Endlich, der Zug ist gerade abgefahren, erscheint eine Schaffnerin und erklärt gelassen, man habe einen Ersatzzug einsetzen müssen, der anders aufgebaut sei als der eigentlich vorgesehene zug.

15:40 Uhr: Bei seiner Begrüßung weist der Zugführer freundlich auf das Problem hin, erklärt sämtliche Reservierungen für ungültig und beruhigt die Fahrgäste: Die Reservierungsgebühr werde gegen Vorlage einer Bescheinigung, die im Zug bei der Fahrkartenkontrolle ausgestellt werde, zurückerstattet. Das Geschiebe auf den Gängen nimmt zwar kein Ende, der aufkeimende Unmut aber legt sich mit der Zeit wieder.

15:45 Uhr: Nach dem Halt in Berlin-Spandau erhöht sich die Zahl der Mitreisenden erheblich, die Gänge stehen voll.

16:56 Uhr: Der volle Zug hält in Braunschweig, durchaus pünktlich. Eine große Gruppe weiterer Fahrgäste steigt ungehindert zu. Aus ihren atemlos vorgebrachten Erklärungen entnimmt der geneigte Zuhörer, dass ein anderer Zug, ebenfalls aus Berlin kommend und Stuttgart ansteuernd, mit einer defekten Klimaanlage bei mehr als 31 Grad im Schatten angekommen war. Viele Reisende wechselten in den hiesigen Zug über.

17:05 Uhr: Der Zugchef verkündet, der Zug sei zu voll, er dürfe und könne so die Fahrt nicht fortsetzen. Er bitte darum, dass einige Reisende den Zug verließen und auf andere ICE-Züge auswichen. Nur wenige folgen seiner freundlichen Aufforderung.

17:10 Uhr: Mit etwas mehr Deutlichkeit erklärt der Zugchef, der Zug könne immer noch nicht weiterfahren, Reisende müssten Aussteigen. Um ihnen diesen Schritt zu erleichtern werde die Bahn jedem Passagier, der nachweisen könne, aus diesem Zug ausgestiegen zu sein, um in einen anderen überzuwechseln, einen Gutschein von 25 Euro auszahlen. Wieder verlassen ein paar Wenige den Zug, die Meisten bleiben sitzen. 25 Euro ist ihnen zu wenig. Erste Unmutsäußerungen und Befürchtungen über starke Verspätungen klingen auf.

17:15 Uhr: eine leicht hysterische Frauenstimme verkündet über den Lautsprecher des Zuges, alle Reisenden ohne Reservierungen müssten den Zug jetzt verlassen. Dabei sind doch alle Reservierungen für ungültig erklärt worden. Das Angebot der 25 Euro wird wiederholt. Die Passagiere reagieren inzwischen gelassen. Ein Mann kommt mit seinen Nachbarn ins Gespräch. Er will noch bis Basel, und wenn es so weitergeht, verpasst er seinen letzten Anschlusszug. eine dreizehnköpfige Reisegruppe erwägt den Übertritt in einen anderen ICE, entscheidet sich aber dann dagegen. Erste Handys werden gezückt, Angehörige und Freunde über die Verspätung informiert.

17:21 Uhr: Der Zug könne immer noch nicht seine Reise fortsetzen, verkündet der Zugchef, doch er habe auf vielfachen Wunsch eine Ersatzverbindung herausgesucht. Reisende könnten um 17:51 Uhr einen Zug nach Hannover nehmen, von dort aus bestehe ein Anschluss nach Stuttgart mit einem anderen ICE. Viele Reagieren gar nicht, andere lachen offen. „Sitzen bleiben“, sagt der Chef der dreizehnköpfigen Reisegruppe und fügt hinzu: „Das ist jetzt eine Machtprobe.“

17:30 Uhr: „Wie ist die Stimmung draußen“, fragt der Reisegruppenchef eine Frau, die kurz ausgestiegen ist. „Schlecht“, antwortet sie. „Viele Menschen stehen am Schalter und wollen ihre 25 Euro ausgezahlt bekommen, es geht aber nicht voran.“ Ein möglicher Ersatzzug sei ebenfalls überfüllt, das Personal habe keine Passagiere mehr aufgenommen. Die Überfüllung verdanke man einem Triebwerksschaden bei einem weiteren ICE, heißt es. Im Zugabteil sind inzwischen rege Gespräche entstanden. Erste Flaschen werden geöffnet und auch unter wildfremden Mitreisenden verteilt.

17:40 Uhr: Langsam kommt Volksfeststimmung auf. Konstantin, ein russisches Mitglied der Reisegruppe, prostet mit dem Wortführer und seiner Frau. Draußen klingen Lautsprecherdurchsagen auf, die die Ankunft verschiedener Züge auf geänderten Gleisen bekannt geben, weil unser Zug fahrplanwidrig noch immer im Bahnhof steht. Einzeln steigen noch Leute zu, sie laufen schnell von der Tür weg durch den Gang. Der Lautsprecher schweigt, die Zugführung hat nichts weiter bekannt zu geben.

17:53 Uhr: Inzwischen ist es richtig gemütlich geworden und Konstantin lässt ab und an sein dröhnendes Lachen erklingen, aber von einer bevorstehenden Abfahrt ist nichts zu spüren. Doch dann tauchen einige Leute auf, die versuchten, in den Zug nach Hannover zu kommen, den der Zugführer angegeben hatte. Der Zug sei, wie sollte es anders sein, ebenfalls überfüllt, teilen sie mit. Warum die Bundesbahn keinen Ersatzzug einsetzt, wird nun Gegenstand zunehmend gereizter Unterhaltungen. Nur der Reisegruppenleiter steuert gegen und verliert seine heitere Gelassenheit nicht. „Warum haben sie in Spandau und hier in Braunschweig überhaupt noch Leute rein gelassen“, fragen sich einige Reisende. Ein Anderer erwartet scherzhaft, dass die Bahnpolizei käme und die überzähligen aus dem Zug schleife. Vereinzelt wird sogar die Meinung laut, als Staatsunternehmen hätte die Bahn einen Ersatzzug eingesetzt.

18:00 Uhr: „Ich habe mit dem Zugführer gesprochen“, sagt einer, „es soll gleich weiter gehen.“ Skepsis breitet sich wie Morgennebel aus. „Ich wäre ausgestiegen, wenn sie mir 250 Euro gezahlt hätten, und eine Übernachtung“, sagt der Mann, der noch nach Basel will. Das käme die Bahn allerdings teuer, und schließlich ist man ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen.

18:10 Uhr: Plötzlich schließen sich die Zugtüren, und der Zug rollt an. Langsam verlässt er den Bahnhof in Braunschweig. Wenig später erscheint ein Bahnbediensteter und gibt jedem Reisenden als Entschädigung eine Tüte Kranenberger. Reinstes Wasser aus dem Wasserhahn. Mehr kann sich ein privatwirtschaftlich organisiertes Großunternehmen einfach nicht leisten. Die Treue zur einzigen Alternative wird belohnt, man erhält keinen 25 Euro Gutschein. Wäre man ausgestiegen, in keinen Zug mehr gekommen, und hätte man irgendwo übernachten müssen, so wären die 25 Euro schnell verbraucht gewesen. Immerhin entwickelten sich interessante Gespräche zwischen den wildfremden Mitreisenden: Über den Atomausstieg und andere Energieformen zum Beispiel. Bahnfahren verbindet.

Vielen Dank für Ihre Reise mit der Deutschen Bahn.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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