Der letzte Flug der Atlantis Teil 3 – Touchdown

Es ist der letzte Tag des Space-Shuttle-Programms, in einer Stunde wird Atlantis ihre letzte Landung beginnen, und in etwas mehr als zweieinhalb Stunden ist alles vorbei. Viele mögen denken, dass das gut so ist, weil man das Geld auch sinnvoller ausgeben kann. Ich sehe das anders.

Viele Menschen wissen gar nicht, was die Raumfahrt alles an Entwicklungen ermöglicht hat. Dass die Teflonpfanne ein Nebenprodukt der Raumfahrt ist, mag ein Gerüchtt sein, aber in medizinischer Hinsicht zum Beispiel hat sie schon einiges gebracht. Außerdem wäre es in Zukunft vielleicht möglich, mit Hilfe der direkt eingefangenen Sonnenenergie, viele Energieprobleme hier auf der Erde zu lösen. Jim Lovell, der Kommandant von Apollo 13, hat einmal zu einem Abgeordneten gesagt, der ihn auf die hohen Kosten ansprach: „Was wäre, wenn Columbus nach der Entdeckung der neuen Welt nie wieder aufgebrochen wäre?“ Ich glaube, dass man immer Kosten und Mühen auf der einen Seite, und Nutzen auf der anderen Seite gegeneinander abwägen muss.

Der Funkverkehr ist gelassen und ruhig. Es ist die 135ste Landung, die 4 Astronautinnen und Astronauten beginnen damit, sich in ihren Sitzen in ihren Raumanzügen festzuschnallen, eine langwierige Prozedur. Das Wetter am Kennedy Space Center, wo der Shuttle landen wird, ist ausgezeichnet. Gleich werden die Mitglieder der Expedition eine Menge Flüssigkeit zu sich nehmen, um das Wiedereinwirken der Schwerkraft auf ihre Körper nach 13 Tagen gut zu überstehen. Bei allen Erfolgen, die man im Weltraum schon verbuchen konnte, bleibt der Kosmos doch ein lebensfeindlicher Raum für uns Menschen, genau wie die Welt unter Wasser.

„Von jetzt an leben wir in einer Welt, in der der Mensch den Mond betreten hat. Und es ist kein Wunder, wir haben uns einfach dazu entschlossen“, soll Jim Lovell heute vor 42 Jahren nach der ersten Mondlandung gesagt haben. Heute stellen die USA ihre ambitionierte, selbstständige bemannte Raumfahrt vorläufig ein. Ein Nachfolgeprogramm für das Shuttle ist derzeit noch nicht in Sicht. Ich habe meine Zweifel, ob ich in meiner Lebensspanne noch den Start einer bemannten Mission zum Mars oder noch einmal zum Mond erleben werde. Wir gehen, im Gegensatz zu Columbus, den Weg nicht konsequent weiter, obwohl wir das tun könnten, ohne ganze Völker auszurotten oder unermessliches Leid über Andere zu bringen.

Ich möchte am liebsten Schlafen, zumal nicht viel passiert. Heute Nacht habe ich eine Sendung produziert. Aber um nichts in der Welt möchte ich diese Landung verpassen. Es ist ein historischer Moment in der Geschichte der Raumfahrt.

10:49 Uhr: Manövertriebwerke des Shuttles zünden ein letztes mal, die Landung beginnt. In jeder Mitteilung des Presseoffiziers schwingt diese gewisse Wehmut, aber auch der Stolz mit. Zum letzten mal in 135 Flügen und 30 Jahren Geschichte geschieht heute Morgen alles, so hörte es sich die ganzen letzten Tage an, sieht man von den durchaus häufigen Routineberichten ab. Die Landung des Shuttles bedeutet ja auch nicht, dass es keine Amerikaner mehr im All gibt, allerdings fliegen sie mit russischen Sojus-Kapseln zur internationalen Raumstation.

Auch nach dem Beginn des Landemanövers ist es still im Funkverkehr, geredet wird nur, wenn es nötig ist, Höflichkeiten oder Smalltalk finden nicht statt.

50 Fahrzeuge etwa machen den Konvoi aus, der den Orbiter nach der Landung empfängt. Es geht darum, das Shuttle zu kühlen, und für Notfälle stehen Feuerwehrfahrzeuge und Krankenwagen bereit. Rund 40 Minuten nach der Landung wird die letzte Shuttle-Crew den Orbiter verlassen. Der Punkt, so höre ich gerade, wo das Raumschiff zum stehen kommt, soll markiert werden und eine Plakette oder ähnliches erhalten. Man schreibt Raumfahrtgeschichte heute. Dabei hat das Schiff auf seiner dreizehntägigen Reise eigentlich nicht viel mehr getan, als Güter zur internationalen Raumstation zu bringen.

Natürlich ist die Landung des Raumschiffs auch gefährlich. Ich erinnere mich an die allererste Shuttle-Landung am 14.04.1981 auf der Edwards Airforce Base in Californien. Dieter Kronzucker berichtete damals für das ZDF noch via Telefon von der Landung. Die Frage war, ob der Hitzeschild mit seinen besonderen Kacheln die hohen Temperaturen beim Wiedereintritt ausgehalten hatte. Diese Frage stellt sich bei jeder Landung, auch wieder in wenigen Minuten bei der letzten Shuttle-Landung. Dieser erste Shuttle Columbia ist dann auch im Jahre 2003 beim Wiedereintritt explodiert.

Und dann ist es plötzlich so weit. Beim verspäteten Frühstück höre ich die Landung. Unaufgeregt sprechen Chris Ferguson und Doug Hurley mit der Bodenstation, es scheint keine Verbindungsunterbrechung zu geben, die früher bei der Landung notwendig war und die die Angst aufkommen ließ, der Hitzeschild könne versagen. Selbst von der internationalen Raumstation aus konnte man die Atlantis landen sehen. Um 11:57:54 Uhr am 21. Juli 2011 stand der letzte Shuttle auf seinem letzten Standplatz, den er aus eigener Kraft erreichte. Eine für mich spannende und großartige Geschichte findet damit ihr Ende. Schade nur, dass die kurzen Wortwechsel von amerikanischem Patriotismus nur so strotzen. Dabei hätte man die Leistung des Menschen an sich rühmen und würdigen können. Doch immer kommt dieser erwartete Patriotismus, bei dem man sich fragt, wie nahe er am Nationalismus ist. „God bless the united States“ zum Beispiel.

Lange Perioden der Stille folgen der Landung. Ab und an ein paar Infos über Funk, Routinearbeiten zur Kühlung des Shuttles. Schneller als gedacht fährt der Wagen heran, mit dem die Astronauten in ihre Quartiere gebracht werden. Selbst der Presseoffizier schweigt lange. Die Spannung ist raus, der Rest ist Abspann.

12:46 Uhr: „All crew members are out of the orbiter, Elvis has left the building“, sagt der Typ vom Bodenpersonal, der den vier Astronauten herausgeholfen hat. Jetzt meldet sich auch der Pressesprecher wieder. Mission Control Center Houston wird nach 50 Jahren bemannter Raumfahrt durch eigene Fahrzeuge in diesen Minuten vorläufig schließen. Vielleicht gehört die Zukunft ja doch nicht der Raumfahrt und den großen Visionen. Vielleicht gehört sie doch den kleinen Kriegen und Intrigen hier auf der Erde.

Der Flugdirektor verabschiedet sich, das Team sei zum letzten mal zusammengekommen, und man könne stolz auf die Leistung sein. Es ist 12:55 Uhr.

Die Crew wird, bevor sie in ihre Quartiere zur Generaluntersuchung fährt, noch einmal zu fuß ihr Gefährt umrunden, so eine Art Tradition, die sich einbürgerte. Die Abfahrt von Chris Ferguson, Doug Hurley, Sandra Magnus und Rex Walheim ist dann endgültig der letzte Höhepunkt des heutigen Tages, der nicht rein technischer Natur ist. Im Kontrollraum feiern sie schon, die Stationen sind verlassen, mit Ausnahme der des Presseoffiziers, der die Bilder der feiernden kommentiert. Ich glaube, ich gehe schlafen.

Ich bin mit der Begeisterung für die Raumfahrt aufgewachsen, für mich ist es schade, dass sich der wiederverwendbare Raumtransporter nicht durchgesetzt hat, dass der Schritt hin zu einer mobileren Raumfahrt nicht funktionierte.

Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Vielleicht wird es ja eines Tages eine Raumfahrt mit neuen Technologien geben, die im Dienste der gesamten Menschheit steht.

signing off

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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