Der erste Spaziergang

Hiermit melde ich mich aus dem Urlaub zurück, und ich bringe die Positive Antwort auf ein 5 Jahre altes Posting mit dem Titel: Der letzte Spaziergang.

Lass uns wieder die Wege gehen, die so vertraut uns gewesen sind, und lass uns wieder in Gedanken sehen, wie das war, als ich noch Kind gewesen bin. Wieder und wieder, um den Neubeginn zu feiern.

Lass uns wieder dort von der Autobahn abfahren, die große, geschäftige Landstraße entlang, die selbst nachts nicht schweigt. Lass uns dann rechts abbiegen und schon die Stille spüren, als wären wir schon jetzt in einer anderen Welt. Lass uns aussteigen und den geraden, asphaltierten Weg entlang schlendern, der Weg, der keinen Bürgersteig hat, rechts und links von Wiesen und Sträuchern begrenzt. Lass uns hören, wie hinter uns die Geräusche der Straße leiser werden, und wie dann links das Blöken der Schafe und Ziegen zu uns herüberschallt. Lass uns wieder die Kinderstimmen hören, im Sommer, wenn die Kinder dort auf den Schaukeln sitzen und das Leben genießen. Und dann der Platz vor der Einfahrt. Links das Büro, die Verwaltung, die Rezeption. Weißt du noch, als hier der kleine Laden war, in dem wir immer Kleinigkeiten während unseres Urlaubes kaufen und ein Schwätzchen halten konnten? Heute Abend, wenn es dunkel ist, können wir wieder dort auf der Treppe sitzen und Händchen halten, und die Menschen werden fröhlich oder heiter und ruhig an uns vorbei schlendern. Lass uns mit ihnen den Sommer, das Leben und die ganze Welt umarmen und genießen.

Und geradeaus der Weg in die Felder. Lass schon mal den Hund von der Leine, damit das übermütige Mädchen sich tollt am Feldrand, sich voller Dreck macht, einsaut bis wir sie kaum noch wiedererkennen. Lass uns den Traktoren wieder lauschen, die dort im Feld ihre Saat ausbringen. Lass uns den Strahl der Sprinkleranlagen hören, den Duft des Dungs riechen, mit dem die Felder besprüht sind. Lass uns eine große Runde um die Felder drehen, vorbei an den Kühen, den Bauernhäusern. Weißt du noch, der kleine Hund, der uns jahrelang nachgelaufen ist, wenn wir mit unserer alten Hundedame vorbeigekommen sind? Lass uns wieder bei Jan und Christin anhalten, bei dem Bauernhaus, wo wir Obst, Eier, Käse, Kartoffeln kaufen konnten, und natürlich frische Milch. Auch wenn sie heute nicht mehr verkaufen, sie freuen sich bestimmt, wenn sie uns sehen. Vielleicht haben sie ein Gürkchen, das sie uns geben wollen. Lass uns das Bellen ihrer großen Hunde hören, das Rauschen ihrer Maschinen, den Kies auf dem Parkplatz vor ihrem Haus, wie früher, wenn ein Kunde kam, um Milch und Eier zu kaufen.

Und dann am Ende der Runde links die Hundewiese. Lass dir von Boa den schmalen Eingang zeigen, und vielleicht erwarten sie uns schon, die Anderen mit ihren Hunden, denen wir gesagt haben, dass wir heute kommen. Vielleicht tollen sie mit 5 oder mehr hunden über die Wiese, vielleicht wollen sie schwimmen gehen und nehmen uns mit unserer Boa gern mit. Jackie und Hummer, Shelly und Melly werden sich über Gesellschaft freuen und im Gegensatz zu unserer Boa viele Leckerchen verspeisen.

Lass uns wieder ins Büro gehen, wo uns Claudia herzlich begrüßt und uns den Schlüssel gibt. Ich weiß noch, wie meine Nichten mal hier Post holen sollten, und dann alle Briefe aus dem Postfach mit dem Buchstaben B herausgenommen haben, weil sie glaubten, es sei alles für uns. Und am allerersten Tag, vor fast 30 Jahren, stand ich hier und hörte zu, wie meine Eltern für ganz wenig Geld ein ganz kleines Häuschen kauften. Was für ein herrliches Gefühl, jetzt wieder hier zu stehen und den Schlüssel in Empfang zu nehmen.

Hinaus jetzt mit unserem Gepäck, links neben der Rezeption durch die Schranke vom kleinen alten Zeltplatz, auf dem längst Häuschen stehen. Wenige Schritte geradeaus, bis rechts ein Querweg kommt. Genau da steht auf der linken Seite das Häuschen mit der Nummer 3. Lass uns die Tür aufschließen und unser Gepäck hinein bringen, dem Hund einen Napf mit Wasser hinstellen und den Fernsehapparat deaktivieren. Wir brauchen ihn nicht.

Links ist eine Küchenzeile, ein Tisch mit 4 Stühlen, auf dem eine Brottrommel steht. Geradeaus führen drei Türen ins Bad und zwei Schlafzimmer, eines mit Etagenbett, eines mit Doppelbett und nicht viel mehr. Rechts ist eine große Couch mit einem Holzklotz mit Rädern als Couchtisch. Das Häuschen ist nicht mehr als 20 Quadratmeter groß, aber es ist schön, bringt Freude und ist schon so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Mehr brauchen wir nicht für einige Wochen. Nur die Anderen noch mit ihren Hunden und geselligem Beisammensein.

Und dann, wenn alles eingeräumt ist, machen wir einen Spaziergang auf den eigentlichen Platz. Lass uns endlich wieder Heelderpeel betreten, lass uns den noch asphaltierten Hauptweg entlang gehen, wo die Autos nur 10 Stundenkilometer fahren. Lass uns in der Abenddämmerung die kleinen Feuer riechen, das Lachen von den Grundstücken hören, wo sie sitzen und essen, schwatzen und singen. Lass sie uns wieder freundlich begrüßen, wie die Freunde aus vergangnen Tagen.

Lass uns rechts abbiegen auf den Sandweg. Schnupper mal. Dieser Sandgeruch ist unverwechselbar. Er ist Heimat. Rechts und links wieder die kleinen Häuschen mit den teilweise vertrauten Stimmen von Tier und Mensch. Lass uns langsam gehen, die Lieder hören, die sie singen, die Witze, über die sie lachen. Lass uns das Fleisch riechen, das sie grillen und braten über den Feuern. Dort vorn ist die Kreuzung mit dem Weg, der links zum See führt und rechts zur Kantine. Wie oft habe ich dort bei der Talentenjagd jeden Sommer mitgemacht, und wie oft sind wir in den letzten Jahren dort gewesen, um etwas zu essen, oder wir haben uns von dort etwas geholt. Lass uns wieder eine Pommes essen, am liebsten mit Mayo, und zwei dicke Frikandeln-Spezial. Und als Nachtisch kanns du dir ein Softeis holen.

Und nach dem Essen gehen wir die schmale, gemeingefährliche Treppe hinauf zu unserem alten Platz. Sie war schon immer so schräg und schmal, ausgetreten und unregelmäßig. Jahrzehnte lang hat sie jeder Erneuerung und Reparatur widerstanden. Von oben bellen uns Jackie und Hummer schon entgegen, und Froukje und Frank laden uns zu einem Kaffee ein. Das ist wunderbar, und wir nehmen das Angebot an.

Und dann, wenige Meter weiter, der Ort, an dem unser altes Häuschen stand. Lass uns einen Moment stehen bleiben und den Vögeln lauschen, die hier immer so zahlreich waren und sind. Ein paar Jahre war dieser Platz leer und gehörte nur den Vögeln, jetzt steht wieder ein fester Caravan da, wo wir früher auf unserer Terrasse saßen, Musik hörten, lasen und schrieben, aßen, sangen und spielten. Aber dieser Ort hat seine Seele nicht verloren, und sie begrüßt uns mit ihrem warmen Streicheln, ihrer Ruhe, ihrem Glück. Immer, immer wird hier ein Teil meines Herzens sein.

Und wenn wir uns satt gehört haben an den Stimmen der Vögel in der Luft und der Kinder im See, dann lass uns den Sandweg zurückgehen, den mein Vater immer wegen seiner Holprigkeit die „Schwangerschaftsunterbrechungsstrecke“ nannte. Zurück auf den Hauptweg, durch die Schranke und auf den anderen Platz, wo jetzt unser gemietetes Häuschen steht. Lass uns auf der Terrasse sitzen und warten, bis Helmy, Marij, Betsy und Froukje kommen, um mit den Hunden auf die Wiese zu gehen, und bis wir sie fragen können, ob sie mit uns einkaufen fahren, und ob sie morgen zum Frühstück kommen wollen. Lass uns die kleinen Boxen ins Fenster stellen und in der untergehenden Sonne Radio hören. Grüßen wir die Menschen, die vorbei gehen, genießen wir den Tag.

Und wenn wir bald wieder gehen, gehen wir nur kurz. Wir schauen immer mit Freude zurück, und jeder Blick zurück ist auch ein Blick in die Zukunft, dorthin, wo wir auch künftig eine Heimat haben werden.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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