Manchmal hab ich wirklich keine Lust mehr

Es gibt so Tage, da frage ich mich, warum ich mit meinem Blog und mit meinem Engagement bei Ohrfunk noch weiter mache. Geld kriege ich ohnehin nicht für meine Arbeit, und manchmal scheint es, als ob die Mühe nicht lohnt. Lesen Sie einen selbstmitleidigen Artikel auf diesem Blog, jetzt!

Teamtalk ist eine Konferenzsoftware, die von einigen befreundeten Radiostationen genutzt wird, um eine Sendung gemeinsam zu moderieren, obwohl man sich nicht am selben Ort befindet. Tolle Technik. Wir haben es bislang schon über Skype versucht, aber die Qualität ist gemeinsam mit den Internetresourcen, die man fürs Senden braucht, zu schlecht. Der Unterschied zwischen Skype und Teamtalk ist dann auch noch, dass Jeder sich einen Server aufbauen kann, der dann nur für wenige Leute freigegeben wird, was die Qualität natürlich verbessert, man befindet sich nicht in einem Netzwerk mit gleichzeitig 25 Millionen anderer Nutzer. Mir gefiel die Idee, und ich habe mich mal auf verschiedenen Servern umgesehen: Dem offiziellen, der vom Entwickler gebaut wurde, und dem, auf dem die befreundeten Radiostationen laufen. Dort traf ich eine Runde von Leuten, die sich in verschiedenen Räumen zwanglos unterhielten. Nun bin ich kein Chat-Junkie, aber ich ging mal hinein, um die Möglichkeiten des Programms zu testen. 5 Leute waren außer mir da. Einige von ihnen sind selbst auch blind und arbeiten für die befreundeten Radiostationen. Ich kannte keinen von Ihnen. Die Qualität war gut, sie halfen gerade einem, der das programm noch nicht kannte. Ich stellte mich vor, man sah meinen Nick „Radiojens“.
„Für welches Radio arbeitest du denn?“ kam eine Frage.
„Für www.ohrfunk.de„, war meine Antwort.
„Würg, kotz!“ kriegte ich zu hören. Ich war erstaunt.
„Wir sind arm und blind, sagt ihr in euren Sendungen“, erklärte mir einer, und zwei weitere stimmten zu.

Nun ist ohrfunk.de alles andere, nur kein typisches Blindenradio. Das wird uns aber immer wieder unterstellt, wenn Leute erfahren, dass die Betreiber blind oder sehbehindert sind. Etwas anderes können sich viele Menschen kaum vorstellen. Dabei ist es unser Ziel, Radio für alle zu machen. Unsere Sendungen unterscheiden sich kaum von den Sendungen der öffentlich-rechtlichen Radiostationen, nur sind unsere Interviews und Wortstrecken länger, und es gibt keine Werbung. Und natürlich, das verstecken wir auch nicht, legen wir Wert auf Nachrichten aus dem Sozialbereich. Wenn 15 % unserer Themen Blindenthemen sind, dann ist das viel. Und gerade dann wollen wir ganz bestimmt nicht aussagen: „Ich bin arm und blind“, sondern im Gegenteil: „Ich bin wie du. Du hast es im Rücken, ich habs mit den Augen, na und?“ So die Theorie. Und im Großen und Ganzen gelingt es uns glaube ich auch recht gut. Ich selbst bin für viele der sogenannten Infobeiträge verantwortlich, und ich bemühe mich, sogenannte „Behindertenthemen“ nur dann anzubringen, wenn die Information wirklich sinn- und wertvoll ist. Dafür interessiere ich mich viel zu sehr für andere politische Gebiete und mache die Behindertenpolitik nur deshalb, weil kein Anderer da ist. Ich kann mit dem zerstrittenen, immer wieder auch selbstsüchtigen und uneffektiven Klüngel der Verbände oft nichts anfangen. Gerade deshalb trafen mich die Anfeindungen.

Also versuchte ich, mit den Leuten zu debattieren, sie zu fragen, welche Sendungen sie gehört hätten, was für Beispiele es gebe. „Ganz ehrlich“, sagten sie, „mir wird schlecht, wenn ich einschalte. Die technische Qualität ist ja ganz gut, aber inhaltlich ist es graußlich.“ Ich versuchte weiterhin, sachlich zu debattieren, mich interessierte ein Beleg, eine fundierte Meinung. Lachen war die Antwort, kleine Beleidigungen wie „Wir haben Musik für euch: Tränen lügen nicht“, von wegen der Tränendrüse, auf die der Sender als Blindenfunk drücken würde. Einer kommentierte unsere Diskussion im Stil eines Sportreporters, wer die besseren, vor allem schlagenderen Argumente habe und ähnliches. Eine sachliche Diskussion war unmöglich. Ich bin irgendwann gegangen, als sie nicht einmal dann aufhörten, als ich nichts mehr sagte.

Nun bin ich nicht der Typ, der keine Kritik ertragen kann. Aber ich mag es nicht, wenn sie so emotional, grundlos, verletzend und unsachlich ist. Und ich mag es nicht, wenn sie bei denen, die es besser wissen könnten, wenn sie es denn wollten, nach 6 Jahren noch besteht. Natürlich frage ich mich dann schon, was wir falsch machen, insbesondere ich selbst, der ich dieses Bild ja durch meine Infoberichterstattung maßgeblich prägen muss. An Musik kann man das nicht ablesen. Wenn das ist, was nach 6 Jahren Arbeit heraus kommt, und sei es nur bei blinden Menschen, die keine Tränendrüsen mögen, oder gerade bei denen, dann muss ich schon erschrecken. Die Form der Kritik hat mir weh getan, aber wie berechtigt sie ist, kann ich natürlich selbst nicht sagen. Ich würde sie, hörte ich den Ohrfunk unvoreingenommen, überhaupt nicht als berechtigt empfinden. Aber wenn das die Wahrnehmung unserer und meiner Arbeit ist, dann sollte ich aufhören. Das denke ich manchmal. Auch, weil ich mich nicht so verletzen lassen und so behandeln lassen möchte, aber auch, weil ich offenbar keine Macht habe, dieses Bild, das in bestimmten Kreisen über uns herrscht, zu verändern. Da die anderen Kreise uns trotz unserer langen und ehrenamtlichen Arbeit ohnehin kaum wahrnehmen, muss ich mich an diese mehreren Stimmen halten, und Gott sei dank an die, die vereinzelt mit Lob aufklingen.

Warum aber konnten mir die Kritiker nicht sachlich gegenübertreten und ihre Meinung sagen? Es gibt Tage, da hab ich echt keine Lust mehr, da möchte ich den ganzen Kram hinschmeißen und einfach tun, wonach mir ist. Ein demokratischer Vorgang. Mag jeder, der will, seine Rummelplatzsender hören, seine Vorurteile schüren.

Das musste mal raus, und jetzt weiter im Text!

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
Dieser Beitrag wurde unter Behinderung, Geschichten aus dem Radio, Leben abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.
Nach oben

Comments

3 Kommentare zu Manchmal hab ich wirklich keine Lust mehr

  1. Sammelmappe sagt:

    So wie du die Situation beschreibst, war die Form der Kritik wirklich unter der Gürtellinie. Mich erinnert das etwas an die Frauen-Männer-Diskussion bei den Blogs, da heißt es auch manchmal, die Frauen gingen manchen Diskussionen aus dem Weg, weil der Umgangston zu rüde ist. Und im Kern ging es bei der Diskussion, die du beschreibst ja auch darum. Ein rüder Umgangston mit dem man nicht bis zur sachlichen Ebene durchkommt. Ich habe den Artikel zweimal lesen müssen, weil ich mich dann fragte, was das für Menschen war. Zum Teil blind hatte ich behalten, aber dass sie auch Radio machen, das habe ich beim ersten Mal überlesen oder nicht wahrgenommen. Dabei ist das eigentlich das Wichtigste. Diese Menschen machen also auch Radio. Welches? Ist die Qualität so, wie ihr Umgangston? Sprach da Konkurenz mit? Oder geht es ihnen einfach nur darum, dass sie sich wohler fühlen, wenn niemand weiß, dass sie blind oder sehbehindert sind?

  2. Naja, weil sie auf dem Server waren, wusste ich schon, dass sie blind oder sehbeindert sind, und nicht alle von ihnen machen Radio. Die, die etwa sagten, waren wohl eher die, die selbst nur wenig bis kein Radio machen, aber das kann ich nicht sicher sagen. Es war eben genau der Umgang, der mich störte. Gegen eine sachliche Diskussion hätte ich nichts gehabt, durchaus auch gern mit Kritik.

  3. Sammelmappe sagt:

    So sehr du dich auch ärgerst, im Prinzip lässt sich das Erlebnis nur abharken unter dem Aspekt, dass du unhöfliche Menschen nicht zur Höflichkeit zwingen kannst. Manchmal ist Unhöflichkeit ja ein Versehen, aber wenn sie so unter dem Aspekt der Gruppendynamik entsteht, dann sehe ich da keine Möglichkeit.

    Das ist ein bisschen so als wolltest du mit Hooligans, die gerade die gegnerische Mannschaft anpöbeln, über den Spielverlauf diskutieren. Das wird auch nicht funktionieren. Also lieber die Kritik dort abholen, wo eine Diskussion auch tatsächlich möglich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.