Kommentar zum Wort des Jahres 2011: Stresstest

Für den Ohrfunk habe ich den folgenden Kommentar geschrieben.

Manchmal frage ich mich, warum das „Wort des Jahres“, das die Gesellschaft für deutsche Sprache jedes Jahr auswählt, nicht schon das „Unwort des Jahres“ geworden ist. Z. B. Wutbürger, das Wort des Jahres 2010. Der Begriff erlangte erst durch die Kür zum „Wort des Jahres“ seine große Berühmtheit, und nach 2 bis 3 Monaten war er in der Versenkung verschwunden. Es ist ein dehnbarer und unbestimmter Begriff, den man als Kompliment und Beschimpfung verstehen kann, der auf die politisch durchdachte und zielgerichtete Wut ebenso anzuwenden ist, wie auf das dumpfe Stammtischbrüten der ewig Unzufriedenen.

Oder das Wort Stresstest, auf das man sich 2011 geeinigt hat. Haben Sie die Nerven ihrer Nachbarn, Ihres Hausarztes, Ihres Anlageberaters oder Wahlkreisabgeordneten dieses Jahr auch schon mal einem Stresstest unterzogen? Halten Ihre Winterreifen den Stresstest durch? Besteht Ihre Geldanlage den Stresstest? Ihre Beziehung? Ihr selbst gemachter Apfelkuchen? Die deutschen Atomkraftwerke, Banken und Eisenbahnprojekte bestehen ihn offenbar, haben Kommissionen im Laufe des Jahres herausgefunden. Den Stresstest wegen der Umweltschäden hat das Bahnprojekt Stuttgart 21 allerdings offenbar gerade nicht bestanden, ein Gericht hat zumindest vorerst die Bauarbeiten gestoppt, und das, nachdem man den Stresstest Volksabstimmung so schön hinter sich gelassen hatte.

Wenn man das hört, kann man glatt wieder zum Wutbürger werden. Stresstest ist ein Modewort, auf alles und jedes angewendet soll es Qualität vermitteln, Vertrauen ausstrahlen. Stresstest bestanden, alles gut. Viele Menschen fallen auf solche verbalen Qualitätssicherungsmaßnahmen immer noch herein.

Und schließlich die Frage: Warum ausgerechnet Stresstest? Das zweite Wort wäre „hebeln“ gewesen, das im Zusammenhang mit der ständigen Erhöhung des sogenannten Rettungsschirmes benutzt wird, wenn ein Schirm mal wieder nicht ausreicht, wenn man noch einen drüber braucht, oder ihn ständig durch Aufstockung, eben jenes Hebeln, retten muss. Der gerettete Rettunggsschirm war dann den Sprachwissenschaftlern wohl doch zu suspekt, also lieber, statt Rettungsschirm selbst, das Wort Stresstest. Meiner Ansicht nach wäre das Wort „Fukushima“ allerdings viel angemessener gewesen. Dass es darüber überhaupt eine Diskussion gab, und dass Fukushima nicht einmal in die engere Wahl gezogen wurde, zeigt allerdings deutlich, wie wenig die japanischen Katastrophen im weltweiten Gedächtnis haften geblieben sind. Es bleibt nur ein Trost: Ich habe das Wort Stresstest erstmalig im Zusammenhang mit deutschen Atomkraftwerken gehört, die nach Fukushima einem solchen … na Sie wissen schon … unterzogen wurden.

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Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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