„Was für ein schöner Sonntag“ – Kommentar zur Wahl von Joachim Gauck

Nun haben wir also ein neues Staatsoberhaupt. Damit ist die unseelige Affäre Wulff endgültig vorbei, und wir können uns der Zukunft zuwenden.

„Was für ein schöner Sonntag“, begann Joachim Gauck seine Rede nach der Wahl zum Bundespräsidenten, und er hatte recht damit, zumindest was das frühlingshafte Wetter betraf, aber auch bezüglich der Stimmung in der Bundesversammlung. Jedoch, Oh Wunder, Gauck meinte gar nicht diesen Sonntag, sondern den vor 22 Jahren, an dem er zum ersten mal in seinem Leben an einer freien Wahl teilnehmen durfte und gleichzeitig in die Volkskammer der DDR gewählt wurde. Er meinte den Tag, an dem er sich schwor, nie wieder eine Wahl zu versäumen, weil er das Glück fühlte, einfach nur Bürger sein zu dürfen.

Jede andere Einleitung seiner Rede hätte nicht zu Joachim Gauck gepasst. Er sprach über sich, über seine Vergangenheit, über seine Freiheit, die er allen Anderen nahebringen wolle. Und wie vorauszusehen gehörte zur Freiheit des Joachim Gauck die Verantwortung des Einzelnen als Pflicht und als Verheißung ebenfalls untrennbar dazu. Natürlich sah er diese Verantwortung auch für sich selbst nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten, und darum folgte ein zumindest für mich hoffnungsvoller satz: „Das heißt auch, dass ich mich neu auf Themen, Probleme und Perrsonen einlassen werde, auf eine Auseinandersetzung auch mit Fragen, die uns heute in Europa und in der Welt bewegen.“ Natürlich muss er das als Bundespräsident tun. Doch diese Aussage lässt mich auf die erste wirklich programmatische Rede bei seiner Vereidigung am Freitag hoffen.

Joachim Gauck ist der 11. Bundespräsident. Seine Rede zeigt, dass er die Kritik, die ihm vor allem in den letzten Wochen aus dem Internet entgegengebracht wurde, zumindest zur Kenntnis genommen hat. Damit steht er in einer Tradition mit vielen anderen Bundespräsidenten, die sich während ihrer Amtszeit von Zwängen und Meinungen befreiten, in denen sie vorher verhaftet waren. Theodor Heuss etwa, der im März 1933 das Ermächtigungsgesetz Hitlers unterstützte und einer der Totengräber der weimarer Demokratie war, machte sich in den fünfziger jahren um die Genesung der deutschen Seele verdient, engagierte sich aber auch, abgesehen von seinem eigenen Reichstagsvotum, gegen das Vergessen der Greuel der Nazi-Diktatur. Oder Richard von Weizsäcker: In jungen Jahren hat er seinen Vater, den Diplomaten Ernst Freiherr von Weizsäcker, in den nürnberger Kriegsverbrecherprozessen verteidigt. Ernst von Weizsäcker war der Staatssekretär des Nazi-Außenministers Joachim von Ribbentrop und zumindest teilweise an der Vorbereitung und Durchführung des Angriffskrieges Deutschlands gegen Polen und die Sowjetunion beteiligt. Und eben dieser Richard von Weizsäcker hielt am 8. Mai 1985 als Bundespräsident eine Rede, die Deutschland in seiner Vergangenheitsbewältigung erheblich voran gebracht und den Ruf unseres Landes in der Welt entscheidend verbessert hat.

Joachim Gauck ist ein guter Redner, so selbstverliebt und vergangenheitsbezogen man ihn auch empfinden mag. Wir werden sehen, ob er das Gespür besitzt, sich wie ein guter Pastor den Themen anzunähern, die in seiner Gemeinde den sozialen Frieden bedrohen. Eine gewisse Skepsis ist legitim, eine Vorverurteilung hingegen unredlich. Auch Joachim Gauck hat die Chance verdient, in seinem Amt eine ganz neue Freiheit zu entdecken: Die Freiheit, von einem Aussichtspunkt aus die verschiedenen Strömungen der Gesellschaft zu sehen und aufzugreifen. Auch um dem Amtt seine Funktion und Stabilität zurückzugeben, sollten wir ihm dabei viel Glück und Einfühlungsvermögen wünschen.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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