Mit Geld spielt man nicht

Mit Geld spielt man nicht. Jedes Kind weiß das, nur den Großbanken muss man es noch beibringen.

Wenn ich mal so richtig gut leben möchte, so mit einer Reise, mit einer guten Haushaltshilfe, Reparaturen in der Wohnung und vielen CD’s und Büchern, und wenn ich mir dann noch spannende und interessante Hilfsmittel kaufen möchte, dann wünsche ich mir manchmal, ich würde beim Lotto eine Sofortrente in Höhe von 8000 Euro monatlich gewinnen. Und weil ich kein herzloser Mensch bin, stelle ich mir vor, auch meine besten Freunde, es sind 9, würden denselben Gewinn erhalten. Wir 10 könnten mit einem Monatsbudget von 80.000 Euro leben wie die Götter in Frankreich. Im Jahr würde das die Lottogesellschaft 960.000 Euro kosten. Was für ein Traum, nicht wahr? Stellen wir uns vor, meine 9 Freunde und ich würden noch 50 Jahre leben, und damit sind wir sehr optimistisch und Wetten auf die Zukunft und die gute medizinische Konjunktur, so wären 48 Millionen Euro nötig, um uns lebenslang jeden nur denkbaren Traum zu erfüllen.

Und jetzt kommt diese Szene aus Andreas Eschbachs Roman „Eine Billion Dollar“. Der Anwalt, der uns die gute Nachricht überbracht hat, schlägt den Aktendeckel um und sagt: „Es sind aber nicht 48 Millionen Euro, sondern 480 Millionen.“ Wir sind verblüfft, geschockt zunächst. Uns läuft es kalt den Rücken runter. Da wir nicht 500 Jahre alt werden können, beschließen wir, dass jeder von uns noch 9 Freunde sucht, die in unserem Alter sind und ebenfalls noch rund 50 Jahre leben. Plötzlich stehen wir mit 100 Mann erneut vor dem Anwalt: Für den Rest unser aller Leben sind wir jede Sorge los, haben nichts mehr zu arbeiten und können, mit ein bisschen Haushalten, alle drei Monate für drei Wochen im Süden Urlaub machen. Hundert Mann!

Da schlägt der Anwalt den Aktendeckel noch einmal um. „Würde jeder von Ihnen“, sagt er gelassen, „bitte noch einmal los ziehen? Diesmal bringen Sie aber bitte nur noch jeweils 2 weitere Freunde mit.“ Schock, dann ein Rennen, und kurz darauf sitzt ein halber Bundestag wieder in der Anwaltskanzlei. 300 Mann, Gesamtkosten: 1,44 Milliarden Euro für 50 Jahre. Dann kriegt der Anwalt noch die erstaunlich niedrige Provision von 100.000 Euro, und alles ist erledigt.

Und jetzt das traurige Ende der Geschichte: Diese Summe, 1,54 Milliarden Euro, hat die amerikanische Großbank JPMorgan Chase in kürzester Zeit bei riskanten Finanzwetten verloren, verzockt, verspielt, verwettet eben. Genug Geld, um 300 Menschen für ein halbes Jahrhundert wie Gott in Frankreich leben zu lassen. Das Unternehmen hat sich inzwischen bei den Analysten mit den Worten entschuldigt: „Wir werden das zugeben, wir werden aus Fehlern lernen und dann weiter gehen.“

Natürlich lohnt es eigentlich kaum, sich über diese kleine Summe aufzuregen. Sie beträgt nicht mal 1 % der jährlichen Deutschen Staatsausgaben. Und sie ist nicht größer als ein Tausendstel der deutschen Staatsschuld. Wenn jeder Deutsche der Bank JPMorgan Chase rund 20 Euro schenken würde, so hätte sie den Verlust mehr als wett gemacht. Wir könnten also hier zu einer mildtätigen Spende für eine arme Großbank aufrufen, und es würde uns nicht mal sonderlich weh tun, oder? Zeigen wir doch mal ein Herz für Spekulanten!

Nein, die 1,5 Milliarden Euro an Geldern, die auch Kleinsparer und einfache Bankkunden JPMorgan Chase treuhänderisch überlassen haben, sind nicht der Rede wert. Sie betragen, so habe ich es mal gehört, nur rund die Hälfte dessen, was pro Sekunde durch computer gesteuerte Finanztransaktionen auf der Welt verschoben wird.

Und noch ein Vergleich, aber es ist der Letzte, das verspreche ich. Ich selbst erhalte im Monat als Arbeitsloser einschließlich der Miete rund 500 Euro. Es ist etwas weniger, weil ich verheiratet bin. Seien wir nicht knauserig und gehen von einem ledigen Arbeitslosen aus, der tatsächlich den Höchstsatz von rund 850 Euro einschließlich Miete erhält. Sind pro Jahr 10.200 Euro, oder sagen wir 10.000 Euro. Ich könnte rund 154.000 Jahre von diesem Geld leben, oder rund 150.000 Arbeitslose ein ganzes Jahr lang. Ermutigt Sie das nicht zu einer 20-Euro-Spende an JPMorgan Chase?

Menschen arbeiten 40 Stunden pro Woche und mehr, bringen ihr mühsam erspartes Geld zur Bank, um es dort sicher zu verwahren. Die Bank spielt mit dem Geld, um sich selbst zu bereichern. Gewinnbeteiligung für die Kunden: Weniger als 1 %. Und dann verzockt die Bank das Geld einfach. Den anderthalb Milliarden Euro verlorenen Geldes stehen knapp 19 Milliarden Euro Gewinn im letzten Jahr gegenüber. Ist zu fassen, mit welchen Summen des von einfachen Menschen erarbeiteten Geldes dort spekuliert wird?

Es heißt, die Bank JPMorgan Chase habe auf die gut laufende amerikanische Konjunktur gewettet. Sie hat sich offenbar verrechnet. Welchen Nervenkitzel müssen die Spekulanten empfinden, wenn sie mit Geld spielen, das ihnen nicht gehört, dessen Gewinn sie aber, wenn sie glück haben, für ihr Unternehmen behalten dürfen? Welch ein zynisches und verbrecherisches Weltbild gehört dazu, kaltschnäuzig pro Sekunde Milliarden zu verschieben, um den Kontostand der eigenen Bank zu erhöhen? Und mit dem Gewinn wird dann erneut spekuliert. Menschenverachtend ist das, und die Politik schaut zu. Der Markt wird es schon richten und regulieren.

JPMorgan entschuldigt sich für seine Fehleinschätzung. Das ist richtig so. Aber bei wem entschuldigt sich das Unternehmen? Bei den Analysten und Großanlegern, bei den Unternehmen und Börsenmaklern. Das hingegen ist eine frechheit. Nicht die, die vielleicht weniger Gewinn erhalten, Gewinn wohl bemerkt, der keine Notwendigkeit ist, sondern die, deren Spareinlagen verzockt wurden und verloren sind, die verdienen eine Entschuldigung und eine persönliche Entschädigung. Und wenn derzeit keine Kleinsparer betroffen sind, weil das Unternehmen vorher große Gewinne gemacht hat, dann mag das ein Glücksfall sein, mehr aber auch nicht.

Spekulativer Handel sollte verboten, oder zumindest vom normalen Bankgeschäft getrennt werden.

Besonders empörend ist es, dass dieser Skandal sich 4 Jahre nach der Finanzkrise ereignet, in der sich die Banken von den Staaten haben retten lassen, um ihre hoch gefährlichen und hoch spekulativen Wettgeschäfte fortsetzen zu können. Keine Zurückhaltung war zu spüren, keine Vorsicht. Man setzte mal eben 1,5 Milliarden Euro in den Sand. Na und? Die Gewinne der Banken haben in den letzten beiden Jahren alles vorher erlebte überstiegen. Davor aber haben sie gejammert und Gelder von den Staaten kassiert. Das ist kriminelle Unverschämtheit.

Führt für die Sparer die Staatsbanken ein, die sich nicht an Spekulationen beteiligen dürfen!

 

Hier ein informativer Artikel der Süddeutschen Zeitung

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

2 Kommentare zu Mit Geld spielt man nicht

  1. Die größte Gemeinheit sind die „Boni“, die die Zocker von ihren Arbeitgebern kassieren dafür, dass sie deren – der Anleger – Geld riskieren. Erzielen sie große Gewinne, erhalten sie riesige Boni. Verzocken sie die Kohle, kriegen sie selbst trotzdem Kohle von den Banken.
    Das Ganze gibts übrigens zusätzlich zu einem üppigen Gehalt. Deswegen sind ja die Haben-Zinsen der „kleinen“ Anleger so klein.
    Damit die Staaten diese Banken „notfalls“ retten können, drehen sie den „kleinen“ Leuten die Daumenschrauben immer enger. Das geschieht in Griechenland genauso wie in Deutschland.
    Hartz IV heißt vermutlich so, weil am Ende nur noch vier Euro pro Tag übrig bleiben.
    Wer verdient an den Staatsschulden? Die Banken!
    Wer „rettet“ marode Banken? Die Staaten!
    Wie? Indem sie sich bei anderen Banken verschulden!
    Das nennt man „Neoliberalismus“: Der Staat muss „Die Märket“ machen lassen, was sie wollen. Regulieren ist streng verboten. Nur Retten ist Pflicht!
    Längst ist die Krise keine vorübergehende Erscheinung mehr, sondern der Abgesang eines Wirtschaftssystems, das den Namen „Soziale Marktwirtschaft“ ganz gewiss nicht verdient. Ludwig Erhard (CDU) würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das mitbekäme!
    fjh

  2. Zwischenzeitlich wurde ich darauf hingewiesen, dass Hartz IV deshalb so heißt, weil pro Jahr höchstens 4 Euro übrigbleiben. Was bleibt den Menschen da noch übrig?
    Chase JP Morgan dahin, wo unredliches und obszönes Handeln verpönt oder gar bestraft wird!
    fjh

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