Was für ein Wochenende!

Im folgenden, für den Ohrfunk geschriebenen Kommentar geht es ums Wetter, um Fußball, um Volksaufstände und drei unterschiedliche Wahlen. Und natürlich um die Märkte und die Krise, wie sollte es auch anders sein.

Was für ein Wochenende, oder? Endlich zeigt sich die Sonne von ihrer besten Seite, nachdem es in strömen geregnet hat. Pünktlich zum Sommeranfang ist endlich wieder Kurze-Hosen-Zeit, wie ein begeisterter Sonnenanbeter auf Twitter schrieb. In Duisburg jubelt die SPD, weil sie ihren Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters fast im ersten Wahlgang durchbrachte, auch wenn es eine so geringe Wahlbeteiligung gab, dass man selbst in Duisburg von der Wahl kaum etwas merkte. Bundespräsident Gauck, der Neue, war in seinem Element und wird uns vermutlich jetzt jedes Jahr mit einem Hohen Lied auf die Freiheit zur Erinnerung an den Volksaufstand in der DDR 1953 beglücken. In Frankreich hingegen gibt es sogar richtig gute politische Nachrichten für das linke Herz: Die Sozialisten haben die Wahl zur Nationalversammlung gewonnen, sie können allein regieren! Die Sozialisten, eine halb linke Partei, und das in Westeuropa, ich bitte Sie!

Und außerdem ist das deutsche Fußballherz ganz oben auf. 9 Punkte in 3 Spielen bei mittelmäßiger Leistung, das muss uns erst einmal einer nachmachen. Da kümmert es auch wenig, dass ein Radioreporter verkündete, als nächstes finde für die deutsche Mannschaft ein „Heimspiel in Danzig“ statt. Hätte dies Katrin Müller-Hohenstein gesagt, die Sportkanone vom ZDF, wäre ein Sturm der Entrüstung losgebrochen, wie damals, als sie in einer Halbzeitpause vom „inneren Reichsparteitag“ faselte. Aber einem echten Sportreporter lässt man auch ein „Heimspiel in Danzig“ für Deutschland durchgehen, und so ist unsere Fußballwelt in Ordnung. Und am Freitag können wir den Griechen zeigen, wo der Hammer hängt, auch wenn die Mauern, das tun sie ja immer und gewohnheitsmäßig.

Obwohl: Eigentlich tut man Ihnen da unrecht. Haben Sie nicht auch das kollektive Seufzen der Welt gehört, als die Griechen endlich das gewählt haben, was Europa von ihnen zu wählen verlangte, als sie also endlich wieder „demokratisch“ gewählt haben? Vernünftig geworden in letzter Sekunde, würde ich sagen. Die Griechen, im Mutterland der Demokratie lebend, haben sich endlich wieder auf diese Regierungsform und die Tugend der klugen Wahl besonnen, einer Wahl, die freilich keine Wahl war, wenn man Geld haben wollte. So ist es recht, ihr braven Griechen, zeigt uns, dass ihr Angst hattet, und dass Angst stärker ist als Zorn. Wo kämen wir da auch hin, wenn man in der Demokratie abstimmen könnte, wie man wollte. Und wenn’s beim ersten mal nicht funktioniert, dann macht man eben noch eine zweite Wahl, bis es passt.

Haben Sie beim nächtlichen Seufzer genau zugehört, wo er am lautesten war? Na? Kommen Sie drauf? Richtig: Bei den Märkten. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wo die Märkte stehen, aber ich habe sie ganz deutlich seufzen gehört. Und danach waren sie zwar weiterhin skeptisch, aber vorübergehend beruhigt. Was für eine Erleichterung. Quatsch: Arbeitslosigkeit, Armut, Schuldenspirale: Alles uninteressant. Hauptsache die Märkte seufzen erleichtert auf. Zwar sei, so heißt es, die griechische Kuh nicht vom Eis, aber es gebe wieder Hoffnung. Und der Euro stieg sogar, welch eine Pracht!

Richten soll es jetzt übrigens der Vorsitzende der konservativen griechischen „Nea Dimokratia“, Antonis Samaras. Eben jener Samaras, der die Bemühungen der sozialistischen Regierung um eine Krisenbegrenzung zwei Jahre lang torpedierte, der in Zeiten parlamentarischer Stabilität ohne Not Neuwahlen verlangte, aus parteitaktischen Gründen. Ausgerechnet Samaras soll das griechische Staatsschiff jetzt aus dem Strudel rudern? Da sind die Märkte aber die Einzigen, die erleichtert seufzen.

Übrigens: Angst ist kein guter Ratgeber in einer Demokratie!

Schöne Krise!

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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