Goodbye Beatrix

Eigentlich hätte ich genau heute, an ihrem 75. Geburtstag, mit der Ankündigung von Königin Beatrix der Niederlande gerechnet, dass sie zum 30. April zurücktreten werde. Wenn ich das öffentlich gesagt hätte, und zwar vor Montagabend, hätte ich Chancen gehabt, ein Prophet zu werden. Mit der Abdankung der Königin geht in den Niederlanden eine Epoche zu ende.

Die Nachricht von der „Einhuldigung“ der Königin, wie es in der niederländischen Verfassung heißt, erlebte ich in einer Tagesschausendung mit. Es war eine kurze Meldung am 30. April 1980, in der mitgeteilt wurde, dass die strenge und unbeliebte Prinzessin Beatrix, die älteste Tochter der im Volk äußerst beliebten Mutter der Nation, Königin Juliana, in Amsterdam zur Königin gekrönt worden sei. Es habe dabei einen Skandal gegeben, denn ein Mitglied des Parlamentes habe gerufen: „Es lebe die Republik“. Auch habe sich der Beifall für die neue Monarchin in Grenzen gehalten. Das war symptomatisch für den Ruf, den die neue Königin in der Gesellschaft hatte: Streng, unnahbar und arrogant sollte sie sein.

Nach 33 Jahren Regierungszeit hat sich vieles verändert. Nicht nur ist ihr Ton blumiger und gravitätischer geworden, sie ist auch viel beliebter als im Jahre 1980. Das hat mit jenen Eigenschaften zu tun, die man ihr erst so übel anrechnete. Beatrix war ein Arbeitstier, eine nüchterne Frau, die ständig über die Politik informiert sein wollte. Sie hatte Staats- und Völkerrecht studiert und zeigte außerordentliches Interesse an politischen Angelegenheiten. Schnell wurde den herrschenden Politikern klar, dass Beatrix den ihr von der Verfassung belassenen Einfluss bis zum Äußersten auskosten wollte und würde. Jede Woche traf sie sich mit dem Ministerpräsidenten, der sie in groben Zügen über die Arbeit der Regierrung unterrichtete. Sie machte sich ausführlich Notizen, war immer über alles informiert, wies den Regierungschef auf Fehler, Alternativen und Probleme hin. Sie wollte ein Wort mitreden, wenn es einen Botschafter zu ernennen galt, oder auch einen Minister. Offiziell gehört die Monarchin oder der Monarch in den Niederlanden der Regierung an. Diese Arbeitswut und Disziplin war es, die Beatrix zu einer sehr gut unterrichteten Frau machte. Das bedeutete eben auch, dass sie bei Besuchen, die sie machte, die Situation der Menschen, die sie traf, entweder bereits kannte oder nicht mehr vergaß. Mit der Zeit wurde aus extrem guter Informiertheit Anteilnahme, als die Umgangsformen von Beatrix freundlicher wurden, den Menschen mehr zugewandt.

Man munkelt, wissen kann man es nicht, weil die Gespräche mit der Königin immer geheim blieben, dass sie sich auch in verschiedene Regierungsbildungen einmischte. Bis zu einem gewissen Punkt hatte sie bis letztes Jahr auch das Recht dazu. Sie benannte immer einen Berichterstatter, einen sogenannten Informateur, der eine bestimmte Koalitionsmöglichkeit ausloten sollte, die von den meisten Fraktionschefs nach einer Wahl favorisiert wurde. Manchmal aber hielt sie sich nicht an die Ratschläge, wenn keine der bisherigen ausgeloteten Möglichkeiten zu einer erfolgreichen Regierungsbildung geführt hatte. So beauftragte Beatrix 1994 Wim Kok überraschend mit der Bildung des sogenannten Lila-Kabinetts aus Sozialdemokraten, links- und rechtsliberalen, das immerhin 8 Jahre lang die Regierung stellte und bis 2012 das letzte wirklich stabile Kabinett des Landes war. Manche sagten, damit habe sie ihre Befugnisse überschritten.

Was die Königin mit der Zeit immer beliebter machte, obwohl auch der gutmütige Spott angesichts ihrer stets strengen und unwandelbaren Frisur nie aufhörte, war ihre Anteilnahme bei Katastrophen, mit der man wohl nicht gerechnet hatte. Bei Überschwemmungen, Zugunglücken und Anschlägen war sie immer da, fand tröstende Worte, kümmerte sich auch hinter den Kulissen um unbürokratische Hilfe, einfach durch ihre Kontakte, nicht aufgrund ihrer verfassungsmäßigen Möglichkeiten. Wegen ihres stringenten Arbeitens und ihres recht großen Einflusses nennt man die Königin bis heute die „Geschäftsführerin des Konzerns Niederlande“, obwohl das reichlich übertrieben ist, ihre Macht ist bei weitem geringer.

Die Königin ist vor allem ein Symbol, und das weiß sie auch. Jedes Jahr am 30. April, dem Königinnentag, fuhr sie los und besuchte zwei Orte, an denen kräftig gefeiert wurde, und mit der Zeit wurde aus der wohlwollend dreinblickenden Beobachterin eine Frau, die sich unter die Leute mischte, sich unterhielt und Anteil nahm. Am dritten Dienstag im September, dem sogenannten Prinsjesdag, las sie im Parlament die Thronrede vor, eine Art Regierungserklärung vor Einbringung des Staatshaushaltes des kommenden Jahres. Bei der Fahrt der goldenen Kutsche durch die Straßen den Haags jubelten hunderttausende der Monarchin und ihrer Familie zu, und auch die Thronrede wurde sogar von unpolitischen Geistern atemlos verfolgt. So brachte die Königin auch die Politik dem Volk näher, indem sie Tradition und aktuelle Politik gekonnt verband.

Und dann waren da natürlich die persönlichen Schicksalsschläge, die Beatrix im Volk zu einer Frau machten, die viel durchgemacht hat. Ihr Mann, Prinz Claus, war eigentlich während der letzten Jahrzehnte seines Lebens krank, nur selten war ein normales Familienleben möglich, er litt unter starken Depressionen. Einer ihrer Söhne heiratete eine Frau, der man kurzfristige Kontakte zu einem Unterweltboss nachsagte, ein anderer, der Kronprinz, die Tochter eines Mitglieds der argentinischen Militärjunta. Die Nichte der Königin heiratete einen zwielichtigen Geschäftsmann, kurz hintereinander starben ihre Eltern, und dann verunglückte ihr zweiter Sohn vor einem Jahr im Skiurlaub und liegt seither im Koma. Und schließlich war da noch der Anschlag am Königinnentag 2009, der der Königin selbst galt, aber fünf andere Menschen in den Tod riss. Dies alles nimmt die Niederländer für ihre Königin ein, die in letzter Zeit hin und wieder so erschien, als werde sie langsam alt, spätestens seit dem Unfall ihres Sohnes.

Seit Jahren rechneten einige Leute mit dem Rücktritt der Königin. Meistens hatten die bisherigen Monarchinnen ihren Rücktritt, ihre Abdankung, an ihrem oder ihrer Nachfolger Geburtstag mitgeteilt. Im Jahre 1980, im Alter von 71 Jahren, hatte Königin Juliana an Beatrix Geburtstag ihre Abdankung bekanntgegeben, am 31. Januar, und die Abdankung selbst fand am 30. April, Julianas eigenem Geburtstag, statt. Sie hatte gewartet, bis ihre Enkelkinder so alt geworden waren, dass sie eine recht normale Kindheit hatten erleben können. Deshalb rechnete ich damit, dass Königin Beatrix ebenfalls an einem 31. Januar ihren Rücktritt zum 30. April erklären würde. Ihr 75. Geburtstag bot sich da an. Allerdings verschätzte ich mich um 3 Tage, die Erklärung erfolgte am Abend des 28. Januar 2013. Mit diesem Rücktritt findet ein Generationswechsel statt. Auch in der Politik. Seit 2010 ist Mark Rutte Ministerpräsident, der der Generation des Kronprinzen angehört, der am 30. April als König Willem-Alexander zum ersten männlichen Staatsoberhaupt seit 123 Jahren werden wird. Dies war eine der Erwägungen beim Rücktritt der Königin. Sie sagte am Montag: „Wie Sie alle wissen, hoffe ich in den nächsten Tagen meinen 75. Geburtstag zu feiern. Ich bin dankbar, dass es mir vergönnt ist, diesem Tag bei guter Gesundheit entgegenzusehen. Am Ende dieses Jahres werden wir des 200jährigen Bestehens der Monarchie gedenken, wodurch in unserer Geschichte eine neue Epoche begann. Das Zusammenfallen dieser beiden besonderen Ereignisse ist für mich der Anlass gewesen die Entscheidung zu treffen, in diesem Jahr von meinem Amt zurückzutreten. Es scheint mir der richtige Moment zu sein, diesen Schritt, über den ich bereits einige Jahre nachdenke, jetzt auch tatsächlich zu tun. … Ich trete … nicht deshalb zurück, weil mir das Amt zu schwer fiele, sondern weil ich überzeugt bin, dass die Verantwortung für unser Land nun in den Händen einer neuen Generation liegen muss. … Ich fühle mich durch den Gedanken gestärkt, dass mein Rücktritt nicht bedeutet, dass ich von Ihnen allen Abschied nehme. Ich hoffe, dass ich vielen von Ihnen noch oft begegnen werde. Ich bin Ihnen zutiefst dankbar für das Vertrauen, dass Sie in mich gesetzt haben in den vielen Jahren, in denen ich Ihre Königin sein durfte.“ Und Regierungschef Rutte sprach wohl für die große Mehrheit seiner Landsleute, als er sagte: „In diesem besonderen Moment für die Königin und unser Land möchte ich zu allererst meinen großen Respekt und meine Bewunderung aussprechen. Respekt und Bewunderung für den außergewöhnlichen Einsatz der Königin in und für die Niederlande und unser Volk während der letzten mehr als 30 Jahre. Seit ihrer Thronbesteigung im Jahre 1980 hat sie sich mit Herz und Seele für unsere Gesellschaft eingesetzt: Sichtbar, mitfühlend und mit großer Energie. … Wir nehmen bald Abschied von einer Königin in der Mitte der Gesellschaft. Sie war immer da. Sie war bei den festlichen Momenten, bei sportlichen Erfolgen und kulturellen Höhepunkten, doch sie war auch und vor allem in den Schwierigen Augenblicken bei uns, z. B. als das Schicksal zuschlug (bei Flutkatastrophen, Zugunglücken und Attentaten). … Jeder, der die Königin getroffen oder erlebt hat wird bezeugen, dass sie mit ihrer großen Kenntnis und ihrer Erfahrung, mit Interesse und Anteilnahme die Menschen berührt und ihnen hilft. Auch im Ausland hinterließ sie bei zahllosen offiziellen Anlässen einen tiefen Eindruck. So entwickelte sich unsere Königin zur Ikone des Landes. Sie nahm ihre Aufgaben außergewöhnlich ernst, auch unter schwierigen Umständen, auch in den Jahren, in denen sie die Unterstützung ihres Mannes missen musste, und auch nach dem schrecklichen Skiunfall ihres Sohnes Prins Friso. Das macht unsere Wertschätzung für ihren außergewöhnlichen Einsatz nur noch größer. … Die Abdankung und die Thronbesteigung finden am 30. April statt. Lasst uns daraus im gesamten Königreich einen unvergesslichen Festtag machen, natürlich auf die nüchterne Weise, die in diese Zeit passt. Feiern wir ein Fest, dass unsere heutigen Gefühle ausdrückt: Gefühle der Verbundenheit mit dem Haus Oranien und tiefer Zuneigung zu einer Fürstin, die sich drei Jahrzehnte lang voller Hingabe für unser Land einsetzte.“

Was wird von der „Arbeitskönigin“ bleiben? Sie hat versucht, die Monarchie ins 20. und 21. Jahrhundert zu holen, das Hofzeremoniell fast ganz abzuschaffen und auf nüchterne Weise näher bei ihrem Volk zu sein. Ihre Mutter war genau deshalb beliebt gewesen, weil sie auf der einen Seite das höfisch prunkvolle aufrecht erhielt, auf der anderen Seite aber mit dem Fahrrad einkaufen fuhr und sich mit der Kassiererin im Supermarkt unterhielt. Beatrix wollte jeden Menschen ernst nehmen und offenbar nüchterner betrachten, dafür riss sie aber die Schranken zwischen Hof und Volk im Zeremoniell fast vollständig ein. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten scheint es ihr gelungen zu sein, das Haus Oranien auch im 21. Jahrhundert als integralen Bestandteil des Landes zu etablieren. Eine wenn auch schwache Institution, die über den Parteien steht, wird von den meisten Niederländern immer noch positiv betrachtet. Man darf gespannt sein, wie Willem-Alexander und seine Frau Maxima die Monarchie ausgestalten werden.

Zum letzten mal: Leve de Koningin!

Flattr this!

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
Dieser Beitrag wurde unter Die Niederlande, erlebte Geschichte, Leben, Politik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.
Nach oben

Comments

2 Kommentare zu Goodbye Beatrix

  1. Guten Tag Jens,

    das war wieder ein vom ersten bis zum letzten Wort hervorragend geschriebener Artikel über eine herausragende Persönlichkeit. Und wir erkennen wieder einmal, dass man sich nicht vom Schein trügen lassen soll, wenn es eben geht. In diesem Fal möchte ich herausstreichen, dass die Zitate, die in diesen Post eingefügt wurden, ebenfalls ausgesprochen gut gewählt sind. Es stört nicht, dass sie etwas ausführlich ausgefallen sind.
    Alles erdenklich Gute weiterhin für deine Arbeit im Radio und am Blog!

    Liebe Grüße

    Christiane

  2. Jan Kellendonk sagt:

    In der Schule lernten wir, dass wir Königin Juliana nicht mit „Majestät“ anreden durften, sondern mit „mevrouw“. Es ist leider bei dieser Trockenübung geblieben. Danke für den einfühlsamen Bericht!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.