Die letzten Masken fallen: offener Brief an alle

Alle Briefe sind offen, alle Telefongespräche werden mitgehört, alle Internetaktivitäten protokolliert. Also ist auch mein Brief an alle, die ihn lesen wollen, offen. Ich lade dazu die Schnüffler der NSA und des russischen, britischen und chinesischen Geheimdienstes ebenso ein wie die Kollegen aus dem Iran, Nord-Korea, Syrien und natürlich Israel. Auch Bundestagsabgeordneten mag er Freude bereiten, und allen Anderen da draußen nicht zuletzt.

Liebe Freunde weit jenseits des großen Teichs oder des Ärmelkanals. Ich frage mich, ob ihr auch wirklich mitlest? Damit euch nichts entgeht, was ich euch nun mitteilen möchte, lasst mich vorher noch einen Satz sagen, mit dessen Hilfe ich euch ins Netz gehe.

„Die USA ist eine faschistische Terrororganisation, die nicht besser ist als Usama bin Laden oder die Stasi.“

So, Freunde, jetzt solltet ihr alle interessiert mitlesen. Lasst mich euch ein letztes Mal Danke sagen. Danke für die Befreiung von Faschismus und Militarismus. Behaltet diesen Dank in euren Herzen, es ist mein letzter. Und jetzt packt euch! Ihr, die ihr die Demokratie zerstört, ihr seid es nicht wert, dass man euch duldet. Ihr habt keinen Respekt vor menschlicher Privatsphäre, damit vor der Einzigartigkeit jeder menschlichen Person, nicht vor ihrer Würde und nicht vor ihren Rechten. Ihr seid es nicht wert, dass man euch die Speerspitze einer Wehrhaften Demokratie nennt. Ihr seid Verbrecher, keine Beschützer. Ihr zerstört und vernichtet die Demokratie, anstatt sie zu verteidigen. Ihr seid, wie oben schon geschrieben, schlimmer als die Stasi, die hatte noch nicht so viele technische Möglichkeiten. Ich gebe zu, dass ihr auch schlauer als die Stasi seid. Ihr verhaftet nicht jeden, der eine andere Meinung hat. Solange er einen vollen Bauch und einen halbvollen Geldbeutel hat, kann er euch ohnehin nicht gefährlich werden, oder noch schlimmer: Er will euch nicht gefährlich werden. Macht euch weg, was habe ich mit euch Gesindel zu schaffen? Nichts! Ich weiß, dass ich euch nicht vertreiben kann. Dann habt euren voyeuristischen Spaß, benehmt euch wie die Spanner im Schlafzimmer und fühlt euch wie die Geschäftsführer eines Mafiaklans. Mich beeindruckt ihr nicht. Zugegeben: Ihr habt Macht, ihr könnt Angst und Schrecken verbreiten. Ihr könntet auch mir und all denen Angst machen, in deren Herzen noch ein Funke der Hoffnung auf Demokratie und Menschenrechte glimmt. Aber ihr könnt mich nicht zwingen euch zu achten. Nicht mehr jedenfalls, als es jedes menschliche Wesen verdient.

Und ihr, die ihr auserkoren seid, uns zu regieren? Ihr, die ihr unsere Interessen vertreten sollt? Ihr, die ihr die Regeln des Grundgesetzes als lästiges Übel begreift? Feige und gewissenlos seid ihr. Ihr habt seit Jahren von den regel- und gewohnheitsmäßigen Spitzelaktionen gewusst, ihr habt es für normal gehalten, ihr habt eure Amtseide mit Füßen getreten. Und jetzt noch erhebt ihr euch über die Bürger, lehnt den Asylantrag Edward Snowdens ab, der bei einer Verhaftung Einzelhaft wie sein Vorgänger Bradley Manning erdulden müsste, oder schlimmeres. Mit der Selbstgerechtigkeit feister Pfeffersäcke behauptet ihr, für eine Aufnahme des Whistleblowers gäbe es keine rechtlichen Voraussetzungen. Und dann tretet ihr das Völkerrecht mit Füßen, haltet das Oberhaupt eines souveränen Staates in Wien fest, den bolivianischen Präsidenten Morales, weil ihr glaubt, Edward Snowden könnte in seiner Maschine sein. Das ist mehr als der Verfassungsbruch in euren eigenen Ländern, es ist die Missachtung internationalen Rechts. So etwas werft ihr doch sonst nur faschistischen oder terroristischen Staaten vor. Heißt das nun, dass auch ihr faschistische oder terroristische Staatsoberhäupter bzw. Regierungschefs seid? Ihr könnt euch ins Fäustchen lachen, weil man euch zumindest in Deutschland im September wiederwählen wird. Den Deutschen ist die Politik egal, so weit habt ihr sie gebracht, und sie werden es euch mit ihrer Stimme danken. Langsam glaube ich, dass die Demokratie mit euch im Parlament und in den Regierungen ebenso eine Farce ist wie in Ägypten, dem Iran, Syrien oder Korea, um mal wahllos ein paar Nationen zu nennen. Tretet ab, löst die Geheimdienste auf. Aber nein, das werdet ihr nicht tun. Euch geht es um Macht. Ihr habt verinnerlicht, was längst jeder weiß: Macht ist allein die Macht über Menschen, ihre Hirne und ihre Gedanken. Das kann man auch erreichen, indem man diese Menschen lähmt oder ihnen die Hoffnung nimmt. Das betreibt ihr systematisch. Die Geheimdienste sind eine der Säulen, auf die ihr eure Macht baut. In Sonntagsreden ächtet ihr die Stasi und die Gestapo. Welch ein Hohn. Vor euch habe ich jeden politischen Respekt verloren.

Und all ihr Anderen da draußen? Was tut ihr, was tun wir, während Politik und Geheimagenten ihre letzten Masken fallen lassen, ihre letzten Skrupel verlieren? Ich schreibe und spreche, aber das wars. Einige gehen demonstrieren, andere geben ihr Facebook-Konto auf, in der Hoffnung, das würde etwas nützen. vor 30 Jahren haben die Älteren von euch erstritten, dass bei einer Volkszählung keine persönlichen Daten erhoben werden. Und heute? Heute gebt ihr Union, FDP, den Grünen oder SPD eure Stimme? Wir ziehen feige den Schwanz ein, hoffen, dass es uns nicht trifft, wenn der Hammer fällt und man uns unsere Meinung verbietet. Aber moment: Haben wir denn eine Meinung? Aber sicher! Unsere meinung lautet: „Lasst uns in Ruhe, wir können ohnehin nichts ändern!“ Oder wie Robert Long es formulierte: „Morgen sind wir tolerant! Wir finden selbst den größten Idioten interessant, und was uns stört in diesem Land, das wird ab morgen nicht mehr eine Schweinerei genannt. Ab morgen sind wir positiv und nicht mehr so auf dem Kiwif, wir rücken nichts mehr gerade, nein, wir lassen alles schief, na klar. Fortan glauben wir an Lügen, weil sie in der Zeitung stehn, greifen nichts mehr mit Kritik an, was geht uns die Politik an? Haben wir uns nicht schon oft genug die Finger dran verbrannt? Das wird anders, morgen sind wir tolerant!“

Was wir brauchen ist eine saubere Politik und eine Bevölkerung, die mit Demokratie, Menschenrechten und Menschenwürde etwas anfangen kann und will. Die verantwortlichen Spitzenfunktionäre der Geheimdienste, auch der Deutschen, müssten verhaftet werden, sie haben mindestens von den Ergebnissen unserer sogenannten Freunde profitiert. Dasselbe gilt für Politiker, vom Kontrollgremium über den Bundestag bis hin zur Bundesregierrung, die mir heute nicht erzählen können, sie hätten vom Ausspionieren Deutschlands durch die Verbündeten nichts gewusst. Die dreiste Frechheit, mit der Großbritannien und die USA Auskunft ablehnen, ist ein weiterer Beweis, dass wir es hier nicht mit moralisch handelnden Regierungen zu tun haben, sondern mit Machtorganisationen mafiosen Charakters. Die offiziellen Proteste Deutschlands lassen da nicht nur zu wünschen übrig, sie sind eine Feigheit, für die man sich schämen muss.

Wisst ihr, Freunde von BND und Verfassungsschutz: Ich weiß nun, dass ihr jeden von uns in Deutschland sechs mal pro Monat regelmäßig überwacht oder überwachen lasst, statistisch gesprochen. Ihr behauptet, ihr würdet das tun, um den Terrorismus zu bekämpfen. Und gleichzeitig helft ihr rechtsradikalen Mordkommandos bei der beschaffung von Waffen und bei anderen Verrichtungen im Untergrund, offiziell um sie dingfest machen zu können. Wie kann euch der sogenannte NSU durch die Lappen gegangen sein bei so lückenloser Überwachung? Habt ihr mit den Mördern sympathisiert? Ich frag ja nur mal.

Die letzten Masken sind gefallen, die Demokratie ist eine Farce, und trotzdem müssen wir weiter machen, auch wenn es keinen Schwanz kümmert.

 

p. S.: Hier ein klarer und ungeschminkter Beitrag aus dem Blog des alten Phönix.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

2 Kommentare zu Die letzten Masken fallen: offener Brief an alle

  1. Lieber Jens,
    ich teile Deine Wut. In allen wesentlichen Punkten hast Du recht.
    Alle, die nichts gewusst haben wollen, die mitgemacht oder weggeguckt haben, gehören zumindest ihrer Ämter enthoben oder gar hinter Gitter.
    Geheimdienste gehören verboten. Demokratisch kann man sie nicht kontrollieren.
    Am 22. September dürfen wir nur Politiker wählen, die glaubhaft für die Abschaffung aller Geheimdienste eintreten, für eine wirksame Kontrolle der Polizei und für eine echte Demokratie.
    Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.
    fjh

  2. Thorn sagt:

    Das ist von Mai 1998 und befasst sich stellenweise mit der Situation bis zurueck zu den 70ern – etwas laengerer Artikel:
    http://www.heise.de/ct/artikel/Abhoer-Dschungel-286194.html
    Man kann sich also folglich fragen, wieso unsere Politmafiosi heute so tuen, als ob das alles total neu und man total ueberrascht sei.
    Einige munkeln auch, dass der Quanten-Computer schon laengst bei den Verbrechern im Keller steht, eine Verschluesselung mit den heutigen Methoden also dort nicht weiter stoert. Mag sein oder auch nicht.
    Selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, bliebe noch die Unterstuetzung seitens unserer verbreiteten US-Betriebssysteme im Zusammenspiel mit schneller Netzverbindung. Wer kontrolliert schon die Datenmengen, geschweige die exakten Inhalte, die rauf und runter geschoben werden – zum Beispiel bei einem sogenannten Update? Da haette man viel zu tun.
    …und natuerlich der Bundestrojaner und seine Freunde.
    …und Merkel blubbert einen von „Neuland Internet“ – das ist nicht komisch.
    ===
    PS: Wuerden Politiker ihre Arbeit machen und den Willen des Volkes umsetzen, dann braeuchten wir keine Parteien, sagt die Killerbiene und das ist doch mal eine kurz-knappe und passende Analyse.
    Also, ich sehe niemanden zum waehlen. Das kleinere Uebel wird nach der Wahl das groesste – das ist von mir. 🙂

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