Der Tag, an dem alles anfing

Der 7. Mai 2002 war ein Dienstag. Ich war allein an diesem Tag. Als ich aufwachte, griff ich zu meinem neben dem Bett stehenden Kassettenrekorder und drückte die Kurzwellentaste des Radioteils. Noch hatte ich kein DSL, also suchte ich auf Kurzwelle den niederländischen Weltrundfunk, um mal wieder zu hören, was es in meiner Wahlheimat neues gab. Als ich endlich, begleitet vom Rauschen, piepsen und Hintergrundschnattern der Kurzwelle, den Sender fand und die dünnen Stimmen der Moderatoren hörte, traf mich der Schlag. Am Abend zuvor hatte es in den Niederlanden einen Mord gegeben.

Seit etwas mehr als einem halben Jahr hatte er von sich reden gemacht. Er war ein gutaussehender, teuer gekleideter, extravaganter und schlagfertiger Soziologieprofessor von 54 Jahren, der seine Karriere politisch einmal in der Sozialdemokratie begonnen hatte. Jetzt aber prangerte er den Politikbetrieb, die Vetternwirtschaft, die mangelnde Volksbeteiligung, die ungebremste Zuwanderung und die lasche Haltung gegenüber islamistischem Terror an. Er hielt Politiker für blutarme Verwalter ohne herz, Humor und Lebensfreude, sah das Volk um seine Arbeit betrogen und verkündete in einem provokanten Buch, die eigentlich erfolgreiche Lila-Regierung unter Premier Wim Kok habe nur einen Scherbenhaufen hinterlassen. Während zuvor nichts für eine Wechselstimmung sprach, wusste dieser gewitzte, intelligente Mann, der jedem Redner gewachsen war und alle themen provokant zuspitzte, eine Massenbewegung ins Leben zu rufen. Der Name dieses Mannes war Pim Fortuyn, und ihm flogen die Herzen und die Stimmen zu. Denn am 15. Mai sollten Parlamentswahlen stattfinden. Aus dem Nichts heraus sagten die Demoskopen seiner Liste Pim Fortuyn einen kometenhaften Aufstieg voraus. Es wäre möglich gewesen, dass sie die stärkste Partei des Landes geworden wäre. Doch am Abend des 6. Mai, um 18:09 Uhr, wurde er von einem linken Umweltaktivisten auf dem Parkplatz des Mediaparks in Hilversum erschossen. Das Land stand unter Schock. Ein linker Wirrkopf hatte ihnen den Messias genommen, der die Politik verändern, die Demokratie retten und das Land aus der Krise führen wollte. In den Augen vieler Niederländer war die Regierung unter Führung des braven Sozialdemokraten Kok mitschuldig am Tod ihres Helden.

Heute, 15 Jahre später, spricht man in den Niederlanden kaum noch von Pim Fortuyn. Seine Partei verfiel erst in unendliche Skandale, wurde von enttäuschten Wählern verlassen und löste sich nach wenigen Jahren auf. Aber sie war die erste rechtspopulistische Partei, die in den Niederlanden bei den Wahlen nach der Ermordung Fortuyns fast 20 % der Stimmen bekam und das Parteiensystem destabilisierte, wovon es sich bis heute nicht erholt hat. Die gesellschaftliche Spaltung, die sich heute durch ganz Europa zieht, wurde erstmals mit dieser Bluttat deutlich sichtbar.

Als ich Fortuyn erstmals reden hörte, im Februar 2002, war ich angetan von ihm, ich muss es zugeben. Nicht von allem, was er sagte, aber von seiner Klarheit, von seiner scheinbaren Einfachheit, von seinem Humor, von seiner schonungslosen Analyse des Politikbetriebs. Nach meinem ersten Eindruck hätte ich ihn weder rechts noch links einordnen können. Er war ein bekennender Homosexueller und setzte sich für die gleichgeschlechtliche Ehe ein, für Menschen mit Behinderungen, für die Gleichbehandlung der Geschlechter. Nur seine Forderung nach einem vollkommenen Einwanderungsstopp stieß bei mir auf Widerstand. Die Leute aber, die ihm Islamfeindlichkeit vorwarfen, wusste er geschickt auszumanövrieren, denn auf seiner Liste gab es Muslime auf sehr aussichtsreichen Plätzen. Es dauerte eine ganze Weile, bis mir klar wurde, dass Pim Fortuyn ein hervorragender Propagandist war, ein Populist erster Güte, kein klassischer Rechter, sondern einer von einer neuen, erfrischenden, volksnahen und im Ton eher humorvollen und auch selbstironischen Art, der schwer zu packen war. Die Politiker, die gegen ihn wetterten, ließ er in den Talkshows alt aussehen, warf ihnen mit spitzer Zunge ihre Versäumnisse vor, brachte sie zur Weißglut und reichte ihnen beim Abschied die Hand. Er konnte trotzig sein wie ein Kind, wenn ihm etwas nicht passte, er hielt sich an keine Konvention, aber das war Teil seines Programms und für viele gerade das Erfrischende. – Und es war gefährlich. Fortuyn war ein extravaganter, reicher Volkstribun, dagegen ist Geert Wilders ein hetzender, giftiger, asketischer Hühne ohne jeden Humor. Sein einziger Vorteil ist die Brutalität seiner Worte.

Pim Fortuyn hätte nie irgendwelche Leute in Lager gesteckt, wäre nie auf die Idee gekommen, auf irgendwen schießen zu lassen, hätte keinem Menschen persönlich seinen Respekt verweigert. Trotzdem stand er kurz davor, das land in eine rechte Revolution von oben zu führen. Er war kein klassischer Rassist, obwohl es ihm viele vorwarfen. Sein Konter: „Ich habe nichts gegen junge, hübsche Marokkaner.“ Auch das war Teil seiner Provokation, auf die die eher geruhsame Politik in den Haag nicht vorbereitet war.

Als er im März sein Buch vorstellte, flogen ihm Torten mit Exkrementen ins Gesicht, kurz darauf kamen die Morddrohungen. Der Mann aber, der ihn später erschoss, hatte sich nie zuvor an Aktionen beteiligt. Seine Tat aber zeigt, dass viele das Gefühl hatten, dem stürmenden Wirbelwind, den fortuyn verkörperte, nichts entgegensetzen zu können.

Am Nachmittag des 6. Mai war fortuyn Gast des beliebten Radiomoderators Ruud de Wild. Er war so schlagfertig, zuspitzend und angriffslustig wie immer. Um 18 Uhr ging die Sendung zuende, und er gab einer Journalistin im Vorbeigehen noch ein kleines Interview. 2 Minuten nach Beendigung der aufzeichnung im Foyer des Mediaparks, fielen auf dem Parkplatz die tödlichen Schüsse. Sie stießen die Niederlande, und nach ihnen ganz Europa, in eine tiefgreifende gesellschaftliche Krise. Fortuyn war es, der die islamische Terrorgefahr nach dem 11. September stärker redete, als sie tatsächlich war, der Angst machte, um seine Einwanderungspolitik durchsetzen zu können. Nach seiner Ermordung wurde diese Angst zum Selbstläufer, obwohl es kein Islamist war, der ihn erschossen hatte. Der Hass richtete sich denn auch vorerst gegen das linke Establishment, bis zweieinhalb Jahre später ein weiterer Mord geschah. Und diesmal war es ein Islamist, der den Filmemacher Theo van Gogh bestialisch ermordete.

Pim fortuyn war der erste einer langen Reihe von Rechtspopulisten, die in europa an die Macht drängten. Im gegensatz zu seinen Nachfolgern war fortuyn bereit, mit anderen Parteien gemeinsam zu regieren und über diese Regierung auch zu verhandeln und Kompromisse einzugehen. Inhaltlich war er weniger gefährlich als seine Nachfolger, doch sein Umgang, seine Selbstinszenierung, seine extrem hohe Intelligenz und sein nicht zu unterschätzender scharfer Humor ließen ihm die Menschen zufliegen, nicht nur die unzufriedenen Protestwähler, die er mit seinen Büchern und Kolumnen vorher aufgeweckt hatte. Vielleicht zündete er die Lunte nicht, die in Europa an unseren demokratischen Gesellschaften liegt, denn fortuyn war ganz klar ein Demokrat und hatte keinerlei diktatorische Ideen, aber er machte die Probleme erstmals sichtbar, die seither an den Grundpfeilern unserer Gesellschaften nagen. Wer weiß: Wenn er nicht ermordet worden wäre, vielleicht hätte er eine gemäßigte rechte Strömung begründet, die inzwischen ins politische Establishment eingezogen wäre.

Für mich war der Mord an Fortuyn damals ein Schock. Ich spürte die Veränderung, spürte die Furcht vor einer Art von Bürgerkrieg, vor Hass gegen Marokkaner, Muslime und Linke. Ich spürte Angst vor dieser neuen, radikalisierten Partei, die sich ohne ihren charismatischen Führer aber als heillos zerstritten entpuppte. Doch ich wusste, dass sich tatsächlich etwas verändert hatte, dass der demokratische und menschenrechtliche Grundkonsens aufgekündigt war, und das war das Schlimmste.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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