Deutschland vor der Zeitenwende: Mein Liveblog zur Bundestagswahl

Am 24. September 2017 wurde der 19. deutsche Bundestag gewählt. Hier lesen Sie mein Liveblog zum Tag der Wahl. Dies ist die Endfassung, wobei die Uhrzeiten leider um eine Stunde zurückversetzt sind, wogegen ich nichts tun kann. – Der Kampf geht weiter!

Jens Bertrams 23.09.201723:01

Herzlich willkommen zu diesem Liveblog. Ich werde den Tag der Bundestagswahl begleiten. Obwohl der Wahlkampf eher lau war, ist dies ein historischer Tag, und viele scheinen sich dessen gar nicht bewusst zu sein. Zum ersten mal seit den 50er Jahren zieht heute vermutlich eine offen rechtsradikale Partei in den deutschen Bundestag ein. Eine Partei, die in den letzten Jahren den öffentlichen Diskurs in diesem Land vollkommen beherrschte. Keine andere Partei war in der Lage, ihre Themen zu setzen, und die Medien, auch ich, sind immer wieder auf die Provokationen dieser Partei angesprungen. Eine Partei, die den Holocaust vergessen will, wenn es nach Björn Höcke geht, die das positive an den Hitlersoldaten ins Gedächtnis rufen will, wie Alexander Gauland fordert, die auf Flüchtlinge an der Grenze schießen lassen will, wie Beatrix von Storch verlangt, die mit den Worten von Alexander Gauland die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung „in Anatolien entsorgen“ will, diese Partei könnte mehr als 10 % der Stimmen und bis zu 15 % der Sitze des deutschen Bundestages erhalten. Für Deutschland ist dies eine Zeitenwende. Wenn Sie das so beunruhigt wie mich, dann gehen Sie doch bitte wählen, und wählen Sie nicht die AfD. Morgen werden die Weichen für morgen gestellt, schrieb Franz-Josef Hanke. Dieses Morgen ist heute. Und auch ich habe einen Wahlaufruf für die Bundestagswahl geschrieben. Bis 18 Uhr sind alle Möglichkeiten noch offen, es liegt alles noch in unserer Macht.

Jens Bertrams 23.09.201723:08

Zum Tagesbeginn habe ich die HR-Nachrichten gehört. Jetzt hat er also angefangen, der große Wahltag. – Ich sitze in meinem Studio und weiß, dass sich heute einiges ändern wird. Wie seit 1990 üblich versammeln sich einige Freunde heute Nachmittag zu einer kleinen Wahlparty, auf der wir gemeinsam das Ergebnis entgegennehmen. Es ist die achte ihrer Art. Am Abend um 22 Uhr moderiere ich dann die Sendung Candlelight auf ohrfunk.de mit heute mal politischer Musik. Vielleicht ist bis dahin die Spannung schon raus, vielleicht auch noch nicht.

Jens Bertrams 23.09.201723:10

Pünktlich zum Beginn des Wahltages hat sich auch der Bundespräsident gemeldet. Die DPA schrieb dazu:
„Berlin (dpa) – Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Deutschen aufgerufen, sich heute an der Bundestagswahl zu beteiligen. „Wahlrecht ist Bürgerrecht. Für mich ist es in einer Demokratie vornehmste Bürgerpflicht. Gehen Sie zur Wahl!“, schrieb das Staatsoberhaupt in der „Bild am Sonntag“. „Wer nicht wählt, lässt nur andere über die Zukunft unseres Landes entscheiden“, warnte Steinmeier. Es sei vielleicht noch nie so spürbar wie jetzt gewesen, dass es in Wahlen „auch um die Zukunft der Demokratie und die Zukunft Europas“ gehe. „Jede Stimme zählt – Ihre Stimme zählt“, betonte der Bundespräsident.“
Er scheint einige meiner Befürchtungen zu teilen.

Jens Bertrams 23.09.201723:14

In diesen letzten Stunden vor der Öffnung der Wahllokale fragen sich sicher viele Menschen: „Was soll ich denn wählen?“ Oder vielleicht lautet die Frage auch: „Was soll ich wählen, um die AfD zu verhindern?“ Darauf gibt es natürlich keine eindeutige Antwort. Franz-Josef Hanke, Dr. Eckart Fuchs und ich haben am vergangenen Mittwoch in der 49. Folge unseres Lagebesprech-Podcasts darüber debattiert. Franz-Josef Hanke plädiert noch stärker als ich für ein taktisches Wählen, also eine der kleineren Bundestagsparteien wie FDP, Grüne oder Linke. Ich hingegen denke auch, dass man nicht immer so wählen kann, weil dann andere Parteien wie die Piraten überhaupt keine Chance mehr haben. Das taktische Wählen verhindert auch mehr Vielfalt im Bundestag. Dabei kann ich Franz-Josef in seiner Argumentation gut verstehen, und ich habe selbst auch schon taktisch gewählt. Auch die Campagnenplattform Campact fordert zum taktischen Wählen auf, was den ehemaligen NRW-Piratenabgeordneten Oliver Bayer verärgert. Er verlangt: Statement setzen statt strategisch wählen.

Jens Bertrams 23.09.201723:20

Es ist ja leider nicht nur die Bundestagswahl, die uns heute beschäftigt, sondern auch die Atomkriegsdrohung in Nordkorea. Der dortige Machthaber Kim Jong Un hatte Donald Trump einen dementen Greis genannt, daraufhin ließen die USA Bomber an der Grenze des Landes fliegen, und jetzt sagte der Außenminister Nordkoreas, ein Raketenangriff auf die USA sei unvermeidlich. Das schürt die Angst vor einem drohenden Atomkrieg. Zusammen mit den Radikalen, die jetzt wohl in den Bundestag einziehen, markiert dieser Tag symbolisch das Ende einer Zeit, in der die Welt wenigstens mehr oder weniger versucht hat, friedliche Problemlösungen zu finden. Zugegeben, es gab immer Quertreiber, nichts hat geglänzt, aber jetzt sieht es doch für uns alle sehr finster aus.

Jens Bertrams 23.09.201723:28

Ab sofort werden keine Umfragen mehr veröffentlicht, die Fernseh- und Radioanstalten haben also bis 18 Uhr nichts zu tun. Sie können nur spekulieren. Zum Beispiel die Tagesthemen. Sie stellen die Frage: Könnte es Überraschungen am Wahlabend geben? Und ich antworte darauf: Ja, könnte es. Umfragen sind keine Wahl, auch wenn sie oft als selbsterfüllende Prophezeiung angesehen werden müssen.

Jens Bertrams 23.09.201723:46

In diesen Zeiten hat vermutlich jeder seinen Nazi. Auch ich habe einen Halbnazi, der immer wieder anonym auf meine Beiträge reagiert, aber sich nicht traut, mit mir in ein Gespräch zu treten. Manchmal sagt er ganz witzige Sachen, manche Missstände verurteilt er ebenso wie ich, manchmal ist er beleidigend, und manchmal klingt es fast humorvoll, was er mir an den Kopf wirft. Er ist zum Beispiel der irrigen Annahme, ich würde Brathähnchen mögen, die ich gar nicht mag. Ich finde es immer schade, wenn gewiefte, intelligente Menschen zu Verschwörungstheoretikern werden, wenn sie alles besser wissen, auf alles eine Antwort haben. Natürlich ist ein echter Meinungsaustausch dann schwierig. Die meisten AfD-Anhänger, oder auch Anhänger anderer rechtsradikaler Parteien, werden dann im Gespräch aggressiv und fangen sofort mit dem Pöbeln an. Das tut dieser Mensch nicht. Klar, er nimmt mich nicht ernst, weil ich eine andere Meinung habe als er. Er spottet und lacht, aber er ist selten beleidigend, und das finde ich positiv. Warum ist es gerade diesen Menschen so schwer, in einen echten Dialog einzutreten? Was hat unsere Gesellschaft so kaputt gemacht, dass wir uns nur noch mit Hass oder Abneigung begegnen? Heißt eine unterschiedliche politische Ansicht, dass man einen Menschen umbringen, entsorgen, verbannen, verprügeln oder bespucken muss? Was ist in dieser Gesellschaft geschehen, dass Nazis wieder so weit kommen konnten? Welche Ängste machen sie sich zunutze, während 80 % der Deutschen sagen, es gehe ihnen wirtschaftlich gut? Die Arbeitslosigkeit spielte im Wahlkampf nur für 8 % offiziell eine Rolle. Das muss man mit Vorsicht genießen, weil AfD und Konsorten die Themen eben anders gesetzt haben und wir ihnen nachgelaufen sind, aber ein Trend ist doch erkennbar. Es wäre einfach, das Problem nur den Regierenden in die Schuhe zu schieben. Natürlich haben sie Fehler gemacht, aber wir sind doch für unser eigenes jeweiliges Handeln verantwortlich? Warum muss man Menschen, die eine positive Vision haben, rot-grün-links-versiffte Gutmenschen nennen? Ich werde es nie verstehen, selbst mit Brathähnchen würde mir das nicht gelingen.

Jens Bertrams 24.09.201700:00

Gerade habe ich einen guten Artikel in der New York Times gelesen, über das Ende des Tabus einer faschistischen Partei im Bundestag. Ein paar Angaben sind falsch, zum Beispiel die, dass es noch nie Faschisten im Bundestag gegeben hätte. In allen Parteien gab es nach dem Krieg ehemalige Nazis, und erst im Jahre 1998 trat ein Bundestag zusammen, in dem keine dieser alten Parteigenossen mehr vertreten waren. Zum Anderen gab es im ersten Bundestag die sogenannte sozialistische Reichspartei (SRP), die klar eine Nachfolgeorganisation der NSDAP war und 1951 vom Bundesverfassungsgericht verboten wurde. Damals gab es noch keine 5-%-Hürde, die wurde erst 1953 eingeführt. Jedenfalls wird auch in den USA der mögliche Einzug der AfD in den Bundestag als Tabubruch wahrgenommen.

Jens Bertrams 24.09.201700:07

Was hat die SPD im Wahlkampf eigentlich falsch gemacht? Der Journalist Gordon Repinski hat auf Twitter 10 Erkenntnisse gesammelt.

Jens Bertrams 24.09.201700:16

Übrigens: In den letzten Stunden bombardiert die SPD uns auf Twitter noch mal mit Werbung, Selbstlob und krampfhafter guter Stimmung. Die langen Gesichter wird es wieder am Abend geben. Das war schon bei den letzten Wahlen immer so. Eine tatsächliche Änderung der Verhältnisse ist nicht in sicht. Ich sitze hier und habe eigentlich kaum noch Lust, den Wahlabend zu erleben. Ich wurde schon gefragt, ob wir genug Alkohol im Haus hätten, aber wegen Candlelight kann zumindest ich mir das nicht leisten. Ich weiß noch, dass wir bei der Wahlparty 2002, als es eine ganze Weile so schien, als habe Edmund Stoiber die Wahl gewonnen, früh mit dem Trinken begannen, und dann plötzlich wieder munter wurden, als sich zeigte, dass rot-grün doch weiterregieren konnte. Wir haben gejubelt, mangels besserer Alternativen. Und wie haben sie es uns gedankt? Mit der sogenannten hartz-Gesetzgebung u. A. – Seither ist mein Verhältnis zur SPD nicht mehr besonders gut. Ihre Lobhudelei und ihre Werbung ärgern mich, obwohl ich Martin Schulz im Grunde für einen soliden Mann halte, der als Bürgermeister auch die Sorgen und Nöte der sogenannten einfachen Leute kennengelernt haben dürfte.

Jens Bertrams 24.09.201700:48

Es ist immer wieder spannend, deutsche Ereignisse aus einem ausländischen Blickwinkel zu betrachten. So habe ich jetzt mal die Ausgabe von „Met het Oog op Morgen“ gehört, meiner niederländischen Lieblingssendung, die sich mit den wichtigsten Themen des Tages befasst. Da diskutierten zwei Deutschlandexperten mit dem Moderator über die deutschen Wahlen. Ihre Meinung war: Merkel gewinnt, aber sie wird ein Problem haben. Vermutlich wird die große Koalition fortgesetzt, auch wenn die SPD das nicht wollen kann. Doch AfD und FDP sind im Bundestag, und die AfD könnte Oppositionsführerin werden. Merkel muss dann auf sie Rücksicht nehmen, und obwohl die AfD auch mit sich selbst befasst sein wird, weil sie sich in mehrere Flügel spalten könnte, würde ihr Einfluss steigen, er sei schon jetzt größer, als es den Anschein habe. Außerdem würde Deutschland in ein Trauma fallen, weil tatsächlich eine teilweise offen faschistische Partei wieder im Bundestag sitze, und damit müsse man erst einmal umgehen. Obwohl bei einer Fortsetzung der großen Koalition die Mehrheitsverhältnisse klar seien, müsste sich Deutschland auf eine Periode der Destabilisierung gefasst machen. Union und SPD würden stärker noch als bislang und gefördert durch die Oppositionsführerin AfD als ein Establishment wahrgenommen. Das Vertrauen in die Politik würde noch mehr erschüttert. Martin Schulz habe die Chance vertan, auf das Thema der sozialen Ungleichheit, die eigentlich die AfD erst so stark hätte werden lassen, deutlich hinzuweisen und Lösungen anzubieten. Die größte Angst der Deutschen wird demnach nicht die Nazi-Partei sein, sondern eine Art von Unregierbarkeit. Das ist ohnehin das große Trauma, die sogenannten weimarer Verhältnisse, selbst wenn eine stabile Regierung im Amt ist. Interessant jedenfalls, diese Einschätzung zu hören.

Jens Bertrams 24.09.201700:49

Die AfD wird bald im Bundestag sitzen, und Rot-Rot-Grün ist eine Illusion schrieb die Taz 3 Tage vor der Wahl. Damit hat sie fraglos recht. Sie blickt sogar ein wenig beruhigend auf die entstehende Szene: Wenn die AfD 10 % bekommt, so bedeutet das gleichzeitig, dass 90 % der Wähler ihr die Stimme nicht gegeben haben, meint die Taz. Das stimmt zwar, ist aber nach meiner Auffassung nicht besonders beruhigend. Für mich stimmt auffallend, was die New York Times unter dem Titel How the far-right party AfD has shifted the entire German political landscape erklärte: Der gesamte Diskurs ist weit nach rechts gerückt. SPD und Grüne, sogar Sahra Wagenknecht von den Linken fordern inzwischen Abschiebungen, Zuzugsbegrenzungen, mehr Polizei, Einschränkungen von Freiheitsrechten und andere repressive Maßnahmen. Das geht so weit, dass die AfD sich beschwert, die anderen parteien übernähmen zu viele ihrer Positionen. Ich habe noch nie einen Beitrag gelesen, der so deutlich macht, dass es hier nicht darum geht, eine rechte Partei zu verhindern, sondern eine rechte Gesellschaft, die sich aus Angst vor dem Terror und den fremden Flüchtlingen entwickelt. Aber es ist eben nicht nur eine Angstgesellschaft, sondern eine mit knallhartem Rassismus. Warum wir die AfD unbedingt verhindern müssen, zeigt ein berührender, persönlicher und ins Herz stechender Artikel in der Taz. Die Autorin, in Deutschland geboren, Schwäbin durch und durch, aber wegen ihres Vaters aus Burundi mit dunkler Hautfarbe, berichtet von Alltagsrassismus während einer einjährigen Reise durch Deutschland. Im besten Falle wird sie mitleidig gefragt, ob sie denn nach dem Projekt wieder nach hause müsse, oder ob sich jemand für sie einsetze, oder man lobt ihr deutsch. Dass sie Deutsche sein könnte, kommt niemandem in den Sinn. Ich bin sicher, dass ich anders gehandelt hätte, aber es ist erschreckend, was heute in Deutschland geschieht. Und bald muss sie sich rassistische Äußerungen im Bundestag anhören, für die die Abgeordneten nicht belangt werden dürfen. „Es bricht in den von mir als geschützt wahrgenommenen Raum ein“, schreibt sie sinngemäß. Wir müssen genau jetzt dieser Entwicklung einhalt gebieten!

Jens Bertrams 24.09.201700:56

Ein Stück Musik in der Nacht gefällig? Konstantin Wecker singt auf dem folgenden Video das Lied: Den Parolen keine Chance. Er singt es im Zirkus Krone in München, dem Ort, an dem auch Adolf Hitler viele seiner Erfolge der ersten Jahre feierte. Toll, dass es jetzt ein so entschiedener Nazigegner tut.

Jens Bertrams 24.09.201701:30

Es ist mitten in der Nacht, halb drei, um genau zu sein, und auf meinem Twitterprofil tut sich nichts mehr. Nahezu alle sind schlafen gegangen. Es wird Zeit, dass ich das auch tue. Irgendwann nach sieben Uhr werde ich dann wieder hier sein. Wesentliches wird bis dahin ohnehin niemand verpassen. Schlaft also noch einmal gut mit dem Wissen, dass noch keine Faschisten im Parlament sitzen.

Jens Bertrams 24.09.201705:48

Rund 4 Stunden sind vorbei, ich habe ein wenig geschlafen. Noch fühle ich mich müde, noch hatte ich keinen Kaffee. Auch werde ich irgendwann im Laufe des Vormittags aufräumen müssen, damit unsere Partygäste Platz haben werden. Und jetzt werde ich erst einmal nachlesen, was die Medien während der kurzen Nacht so getrieben haben!

Jens Bertrams 24.09.201706:01

Der Hass wird ins Parlament einziehen, schreibt die süddeutsche Zeitung und erklärt, wie sich das politische Klima verändern wird. Eine gute Analyse. Demokratische und respektvolle Gepflogenheiten werden in Frage gestellt werden, Pöbelei und Beleidigung werden an der Tagesordnung sein. Regierungsbildungen werden künftig extrem schwierig. Was alle für einen Durchlauf halten, für eine laue Wahl, wird ein echtes Problem aufwerfen. Es gibt Koalitionen, die sich ausschließen. Vermutlich wird es diesmal noch eine große Koalition geben, obwohl die Sozialdemokraten die Opposition brauchen, um sich zu sammeln. Aber die Umstände könnten SPD und Union zusammenschweißen. Künftig gibt es jedenfalls, bei 6 Parteien im Parlament, Koalitionen, die nicht gehen, weil die Unterschiede zu groß sind, und weil uns allgemein die Kompromissfähigkeit abhanden gekommen ist. Wir werden uns auf eine Form der Politik einstellen müssen, die es bislang in der Bundesrepublik nicht gab und die uns – ganz leise nur – an Weimar erinnern wird. Schon unser Grundgesetz ist mit seinem Gesetzgebungsnotstand und anderen Maßnahmen so auf Sicherheit getrimmt, auf Regierbarkeit, dass es vielleicht mit dieser Situation schwer wird umgehen können. Aber das bleibt abzuwarten. Jedenfalls wird der Ton rauher werden, und viele werden sich noch unsicherer fühlen als bislang.

Jens Bertrams 24.09.201706:12

Seit 2 Uhr in der vergangenen Nacht versuche ich auf Twitter meine Follower auf die Notwendigkeit aufmerksam zu machen, heute unbedingt demokratisch wählen zu gehen. Jede Stunde setze ich einen Tweet ab. Der Text verändert sich mit der Zeit leicht, aber bis in diese Nacht klang er ungefähr so: „Es ist 12 Uhr. In 30 Stunden sitzen vermutlich wieder Nazis im deutschen Bundestag. Wehret den Anfängen! btw17.“ Ich weiß nicht, ob ich damit jemanden erreiche. Eine liebe Freundin hat mir schon mitgeteilt, dass ich sie zumindest so nicht vom Sofa locken würde, um die Wahlkabine aufzusuchen. Ich kann nur hoffen, dass es vielleicht bei Anderen wirkt, die sich einfach nicht sicher waren oder sind. Was aber machen wir, wenn die AfD tatsächlich in den Bundestag kommt? Wie gehen wir mit ihr um? Der sogenannte Interneterklärbär Sascha Lobo hat dazu am Mittwoch bei Spiegel Online eine Kolumne geschrieben mit dem Titel: Die AfD verstehen, ohne Verständnis zu entwickeln. 2 Tage später legte er mit einem vertiefenden Podcast nach. Es hilft nichts, die AFD zu ignorieren oder sich von ihr die Themen diktieren zu lassen. Lobo hat hervorragend herausgearbeitet, wie die AfD-Kommunikation funktioniert, dass zum Beispiel die von der partei so oft gescholtenen Massenmedien unbedingt erforderlich sind, um den Hype zu produzieren, dass AfD-Kandidaten zum Beispiel in Talkshows eigentlich nicht mit den anderen Teilnehmern debattieren, sondern sich permanent an ihre Anhänger oder schwankende Wähler wenden und an ihr Bauchgefühl appellieren. Auch lebt die AfD von der Empörung der Gegenseite, sie generiert Aufmerksamkeit und sorgt für ein Gefühl permanenten missverstanden werdens. Eine einzige Gegenstrategie gibt es nach Sascha Lobo nicht. Vielmehr muss man seiner Ansicht nach klare rote Linien benennen, muss deutlich machen, dass die AfD keine Partei wie jede andere ist, und muss bei einzelnen Unterstützern im persönlichen Gespräch Zweifel wecken, und zwar durch geduldige, ausführliche Diskussion und Erklärung, solange der Andere zum Zuhören überhaupt bereit ist. Und natürlich, so schiebt Lobo im Podcast nach, ist es unbedingt erforderlich, die tatsächlich vorhandenen Probleme anzugehen und zu lösen. Natürlich gibt es Probleme mit Kriminalität, mit Migration, mit Terrorismus. Man muss darüber reden und sie im sinne einer liberalen Demokratie lösen, meint Sascha Lobo. Auch Franz-Josef Hanke hat sich in seinen Journalismustipps geäußert. Er prangert die Handlungsweise der Medien gegenüber der AfD an. Sein Beitrag heißt Auf Krawall gebürstet: Medien machten AfD-Aufstieg möglich.

Jens Bertrams 24.09.201706:21

In einem Video erklärt die Tagesschau das Entstehen der 18-Uhr-Prognose, und ich finde, sie erklärt es gut. In 624 Wahlkreisen lässt Infratest-Dimap die Wähler noch einmal abstimmen, wenn sie aus der Wahlkabine kommen. Stündlich werden diese Wahlboxen, die in sehr unterschiedlichen Wahlbezirken stehen, während des Tages geleert und ihre Ergebnisse an die Zentrale durchgegeben. Außerdem werden bis zu einem gewissen Grad Erfahrungswerte mit einberechnet. Die 18-Uhr-Prognose entsteht also nicht aufgrund einer Umfrage, sondern aufgrund der Aussage der Leute, die aus dem Wahllokal kommen. Diese Aussage machen sie, wie in der Wahlkabine, geheim und anonym, und das in 624 Wahllokalen in ganz Deutschland. Das ist der Grund, warum die Prognose oft zumindest schon ziemlich nah am Ergebnis ist. Natürlich kann sich noch was verschieben, es ist noch keine echte Hochrechnung, aber sie ist zumindest richtungweisend.

Jens Bertrams 24.09.201706:28

Golineh Atai, bekannte deutsche Journalistin und Russlandkorrespondentin iranischer Abstammung, schrieb auf Twitter: „Wenn du aufwachst und denkst: Dieses Auf-der-Hut-Sein wirst du nach deiner Rückkehr von Russland nach Deutschland nicht ablegen. Das bleibt.“ Dieser Satz einer guten, einfachen Journalistin lässt mich sprachlos zurück. Er zeigt deutlich die Veränderungen in unserem Land.

Jens Bertrams 24.09.201706:45

„Die Zeit“ wirft in einem extrem lesenswerten Beitrag die Frage auf, warum die AfD sich eigentlich nicht mit dem Erreichten zufrieden gibt. Die Flüchtlingszahlen seit Beginn 2016 belegen: Europa schottet sich ab, das „Wir schaffen das“ der Kanzlerin war ein kurzes Strohfeuer, die AfD hat ihr Ziel erreicht, dass kaum noch nennenswert Flüchtlinge zu uns kommen. Das beruhigt sie aber nicht, sie gesteht es nicht einmal offen ein. Die Zeit führt aus, dass es der AfD um mehr geht, um das Ende der Bundesrepublik, wie wir sie kennen. Schonungslos fasst der Beitrag all die verfassungswidrigen Aussagen und Tendenzen zusammen und belegt sie, die deutlich machen, das die Partei einen offen rassistischen und faschistischen Staat will. Wenn man eine Politikerin wegen einer Haltung, zu der man ja unterschiedlicher Meinung sein kann, gleich entsorgen will, die Leistungen deutscher Weltkriegssoldaten lobt und so weiter, dann will man das Grundgesetz entkernen, denn wenn man sich in den Kernwerten einig wäre, würde man das nicht sagen. Und: Was würde unter AfD-Herrschaft mit den Millionen Deutschen *ohne Migrationshintergrund* geschehen, die anderer Meinung wären als die AfD? Auch verbannen oder entsorgen?

Jens Bertrams 24.09.201707:00

Die Wahllokale öffnen. Mehr als 61 Millionen Deutsche sind zur Stimmabgabe aufgerufen. Ich selbst habe schon gewählt. Ich ging am Mittwoch ins Wahlamt in unserem Rathaus und gab meine Stimme ab. Deshalb muss ich heute nicht aus dem Haus. Bei meinem Besuch sagten mir die Wahlhelfer, es hätten schon rund 14.000 Menschen in Marburg per Brief abgestimmt, das sind mehr als früher. Das ist ein allgemeiner Trend, scheinbar geben rund 10 bis 20 % der Menschen ihr Wählervotum per Brief ab, zumindest schließe ich das aus den Zahlen für Marburg. Ich frage mich, warum das so ist. Was für Vorteile hat die Briefwahl? Ich habe es gemacht, damit ich den ganzen Tag hier sein kann, und jetzt frage ich mich, ob ich überhaupt den ganzen Tag über etwas zu berichten haben werde. Heute schweigt der Wahlkampf und die Prognosenflut. Endlich. Apropos: Heribert Prantl, einer der besten Journalisten Deutschlands, wenn man mich fragt, behauptet in einem Artikel in der SZ sinngemäß, dass die dauernden Prognosen das Verhalten der Wähler beeinflussen und somit zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. In anderen Ländern gebe es ein Umfragenverbot von bis zu einem Monat vor der Wahl, meint Prantl. Ich finde, das sollte man in Deutschland auch einführen. Viele Wähler, die Umfragen hören, denken, es sei ohnehin alles gelaufen und sie könnten nichts mehr ausrichten. Somit werden die Umfragen gefühlt zur eigentlichen Wahl, was fatal für den demokratischen Prozess ist.

Jens Bertrams 24.09.201707:09

Draußen ist es sonntäglich still, die Sonne, die sonst oft morgens durch mein Fenster scheint, lässt sich nicht blicken. In einer Stunde werden erstmals die Kirchenglocken läuten. Es ist Zeit für einen Kaffee und ein Brötchen. Das Leben geht schließlich weiter, die Welt bleibt nicht stehen. In 8 Stunden werden Thorsten, Nico, Thomas, Jochen, vielleicht Annette und natürlich meine liebste Bianca hier sein. Wir werden über die Wahl und ihren Ausgang reden, werden hoffentlich interessante Ideen und Ansichten austauschen und gemütlich essen. Dieser tag ist nicht mit dem 30. Januar 1933 vergleichbar, aber ich frage mich oft, wie sich Menschen, die später wegen ihrer Meinung verfolgt wurden, an diesem Tag gefühlt haben. Viele haben – das weiß man heute- die Brisanz gar nicht erkannt, trotz der jubelnden Rundfunkberichte und Fackelzüge. Heute wird es keinen Fackelzug geben, und wir werden in unserer Wohlstandsblase sitzen und essen, noch geschützt von den Rechten des Grundgesetzes. Und draußen werden die, die ihre Wut konservieren, vielleicht hupend und johlend durch die Städte ziehen? Vielleicht aber auch nicht. Ich jedenfalls brauche jetzt einen kaffee und ein Brötchen.

Jens Bertrams 24.09.201707:53

Was mich ein wenig beruhigt: Inzwischen fahren auch viele etablierte Medien keinen Schmusekurs mehr mit der AfD. Auf Spiegel Online fragt Christian Stöcker in seinem Artikel Wollen Sie das wirklich? die Leser ab, welchen Positionen sie zustimmen, damit Sie AfD wählen. Da stehen dann Fragen wie:
„Glauben Sie, dass es Ihr Leben und das Ihrer Verwandten und Freunde verbessern wird, wenn wir alle jetzt anfangen, „stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“, so wie AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland? Oder glauben Sie, so wie der Kaiserslauterner AfD-Direktkandidat Stefan Scheil, dass Polen eigentlich Deutschland erobern wollte, damals, 1939? Dass Hitler dem Feind bloß zuvorkam? Glauben Sie, so wie zum Beispiel der niedersächsische AfD-Kandidat Wilhelm von Gottberg, der Holocaust werde hierzulande wie ein „Mythos“ behandelt, als „ein Dogma, das jeder freien Geschichtsforschung entzogen bleibt“? Kurz: Finden Sie auch, dass das ganze Erinnern an den von Deutschen verübten industriellen Massenmord jetzt aber mal beendet gehört? Möchten Sie eine Partei im Bundestag sehen, die sich, ihrem Tübinger Direktkandidaten Dubravko Mandic zufolge, „vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte“ von der rechtsextremen NPD unterscheidet? Halten Sie diese sogenannte Identitäre Bewegung, die der Verfassungsschutz beobachtet, weil er dort „Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ erkennt, so wie der Münchner AfD-Direktkandidat Petr Bystron für eine „tolle Organisation“? Glauben Sie, dass die deutsche Gesellschaft Integrationsprobleme am besten in den Griff bekommt, wenn sie sich nicht scheut, so wie der AfD-Direktkandidat Thomas Seitz (Kreis Emmerdingen-Lahr) das vorschlägt, „Menschen mit schwarzer Hautfarbe weiterhin Neger“ zu nennen? Dass man dunkelhäutige Menschen am besten begrüßt, indem man ihnen eine Banane schenkt, so wie der bayerische AfD-Kandidat Benjamin Nolte – auch genannt „Bananen-Nolte“? Glauben Sie, so wie zum Beispiel der bayerische AfD-Kandidat Peter Boehringer, dass sowohl die Bundesregierung als auch die Uno in Wirklichkeit von einer geheimnisvollen Organisation namens New World Order – das ist das neue Wort für die jüdische Weltverschwörung – gesteuert werden? Glauben Sie, so wie Boehringer, aber zum Beispiel auch der sächsische AfD-Kandidat Göbel und diverse andere in der Partei, dass solche dunklen Mächte eine „Umvolkung“ Deutschlands anstreben?“ Das sind nur einige der Fragen, es gibt noch mehr. Am Ende schreibt Stöcker: „Wenn Sie mehrere der obigen Fragen ohne zu Zögern mit „Ja“ beantworten können, sind Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Rechtsradikaler mit Hang zu paranoiden Verschwörungstheorien. In diesem Fall wäre es mir persönlich am liebsten, Sie gingen einfach gar nicht zur Wahl. Aber wenn es unbedingt sein muss: Machen Sie mal, wählen Sie die AfD, dann wissen wir wenigstens, mit wie vielen von Ihrer Sorte wir es hierzulande tatsächlich zu tun haben. So zu tun, als gäbe es Sie nicht, hilft ja auf die Dauer auch nichts.“ Erfrischend deutlich. Und für uns normale Wähler hat er auch noch einen Tipp parat: „Noch unentschlossen, was Sie heute machen sollen? Mein Ratschlag wäre: Gehen Sie ins Wahllokal und wählen Sie, falls Sie das nicht schon per Brief getan haben. Vergessen Sie Wahlschein und Ausweis nicht. Nehmen Sie, so vorhanden, Ihre Kinder mit, damit die schon einmal sehen können, wie gelebte Demokratie aussieht. Verteilen Sie anschließend Süßigkeiten, um positive Assoziationen zum Thema zu etablieren. Und: Wählen Sie nicht die AfD.“ Das erinnert mich an meine erste Wahl. Das muss 1976 gewesen sein, ich war sieben, und ich fand es spannend, mit der ganzen Familie ins Wahllokal zu gehen. Ich wusste noch nicht so genau, was Wählen ist, das kannte ich bislang nur von der Telefonwählscheibe, aber es war etwas wichtiges. Und alle gingen mit: Papa, der Herzkrank war, Mama, Oma und mein Bruder und meine Schwester, die beide über 18 waren. Und wir liefen mehr als einen Kilometer in die Bienenhalle auf der Burgerlandstraße, ein richtig langer Weg. Süßigkeiten gab es zwar keine, aber die irgendwie feierliche Stimmung ist mir im Gedächtnis geblieben. Und wir haben alle SPD gewählt, also ich jetzt nicht, aber alle Anderen, obwohl Walter Scheel von der FDP, der jetzt Bundespräsident war, aus meiner Heimatstadt Solingen kam. So war das damals.

Jens Bertrams 24.09.201708:32

Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Niederlande widmet sich der Wahl in Deutschland. Interessant sind einige Videos, die Korrespondenten in Deutschland gemacht haben, und die erklären, wo große Unterschiede zwischen beiden Ländern liegen. Deutschland ist das reichste Land der EU, es hat einen Haushaltsüberschuss von 24 Milliarden Euro dieses Jahr, aber viele kriegen nichts davon ab. Während die Armut in den niederländischen Grenzregionen bei knapp 10 % liegt, liegt sie in NRW bei knapp 16 %, und das in einem so reichen Land. Auch gibt es in Deutschland, so die Niederländer, fast keine öffentliche Rente. Jeder muss für seine eigene Rente sorgen, deshalb werden immer wieder alte Menschen beim Flaschensammeln beobachtet, was es in den Niederlanden eigentlich nicht gibt, sie haben stabile Altersbezüge. Und das, obwohl es ihnen wirtschaftlich nicht ganz so gut geht wie den deutschen Nachbarn.

Jens Bertrams 24.09.201708:52

Die israelische Zeitung Haaretz befasst sich auch mit der deutschen Wahl. Unter der Überschrift Nazis in the Reichstag gibt sie der weit verbreiteten Furcht vor einem Wiedererstarken der Faschisten eine Stimme. Die ganze Welt werde sich heute um 18 Uhr nur für eine Frage interessieren: Kehren die Faschisten zurück in den deutschen Bundestag? Dabei befürchtet die Zeitung, die Stimmenanzahl der AfD könnte höher sein als von den Umfragen erwartet. Viele Menschen, so Haaretz, würden nicht öffentlich sagen wollen, was sie wählen, darum würden die Umfragen verzerrt.

Jens Bertrams 24.09.201709:01

Um dieses Liveblog füllen zu können, schaue ich mir natürlich auch andere Seiten an, wie zum Beispiel das Newsblog des Spiegel. Dort steht, dass dieses Jahr rund 30 % der Wählerinnen und Wähler ihre Stimme per Brief abgeben werden oder abgegeben haben. So ungefähr hatte ich mir das gedacht, aber die folgende Zahl verblüffte mich: 2013 waren es laut Spiegel auch schon 24,3 %. Ich hätte mit erheblich weniger gerechnet.

Jens Bertrams 24.09.201709:34

Wenn ich jetzt sagen sollte, wie hoch die Wahlbeteiligung werden wird, muss ich zugeben, dass ich keine Ahnung hab. Die hohe Briefwahlbeteiligung legt ja eigentlich auch eine hohe Wahlbeteiligung nahe, was natürlich gut wäre. Aber ich weiß noch, wie wir vor 4 Jahren ins Wahllokal gingen und bis zum späten Nachmittag von langen Schlangen vor den Wahllokalen hörten und dann feststellen mussten, dass viel weniger Leute gewählt hatten als 2009. Der persönliche Eindruck kann täuschen. Ich hatte zum Beispiel gestern und vorgestern den Eindruck, die SPD zieht noch mal kräftig an, aber auch das kann täuschen. Sehr viele Leute kamen zu ihren Wahlveranstaltungen. Aber das heißt natürlich nichts.

Jens Bertrams 24.09.201709:41

Heute bleibe ich ja am Wahltag zuhause, weil ich Briefwahl gemacht habe. Aber ich vermisse die kleinen Gespräche mit Wählerinnen und Wählern oder Wahlhelferinnen und Wahlhelfern im Wahllokal. Es liegt bei uns im Gemeindehaus der Kirche in unserer Straße. Für mich als blinder Wähler war es eine unglaubliche Genugtuung, mit meiner Wahlschablone dort ganz ohne Hilfe meine Stimme abgeben zu können. Es ist nämlich ganz schön beeinträchtigend, wenn man jemandem sagen muss, wen man wählt. Es kommen dafür nur sehr gute Freunde in Frage, und auch dann weiß man ja nicht, wie sie denken. Meine Liebste, die auf einer Tagung in Kassel ist, hat die Wahlschablone mitgenommen und wird auf dem Rückweg wählen. Dieser Spaziergang zum Wahllokal vermittelte irgendwie auch etwas von der Stimmung des Wahltages. Heute empfinde ich alles hier nur einfach als still. Klar: Nachher wird sich das ändern, wenn meine Freunde kommen, aber jetzt ist es noch so.

Jens Bertrams 24.09.201710:02

Die SZ fragte, wie man so den Wahltag verbringt. ich habe darauf mal geantwortet. Mal sehen, ob sie das interessant finden. Technisch war es aber sehr schwierig. – Und jetzt möchte ich noch einen Kaffee, aber ich fürchte, ich muss ihn erst kochen. Und eigentlich müsste ich auch mal ein wenig aufräumen, ohne dazu Lust zu verspüren. Den Wahltag allein zu verbringen ist zwar gut fürs Liveblog, aber nicht für meine Lust und Laune.

Jens Bertrams 24.09.201711:01

Der Spiegel macht in einem Artikel die öffentlich-rechtlichen Medien und speziell die Talk-Shows für den Aufstieg der AfD mit verantwortlich. „An diesem Sonntag wird eine rechtspopulistische Partei mit in Teilen rechtsradikalen Mitgliedern in den Bundestag gewählt werden. Es ist ein Bruch im Selbstverständnis dieses Landes. Und die seltsame Stille, ja Apathie vor diesem Geschichtsbeben ist bedrückend“, schreibt Georg Diez. „Die Erfolge der AfD haben auch die Plasbergs dieser Welt mitzuverantworten. Denn die öffentlich-rechtlichen Talker haben den reaktionären Kräften schon früh und dann immer wieder eine Bühne geboten“, lautet der Vorwurf. Zum Teil kann ich das nachvollziehen, aber in meiner Twitter-Timeline wiesen einige richtigerweise darauf hin, dass es nicht das Forum Talk-Show ist, das die Probleme macht, sondern die Quotengeilheit aller Medien, auch der Printmedien wie der Spiegel selbst. Es ist billig, sich selbst reinzuwaschen von der Verantwortung für diese Entwicklung und die Schuld allein bei den Talk-shows zu suchen.

Jens Bertrams 24.09.201711:10

Als Blinder kriegt man ja nicht so viel von den Wahlplakaten mit. Ich stelle mir immer gern vor, sie bringen knapp die wichtigsten Werte der Partei rüber, verschlagworten sozusagen das komplizierte Politikgeschäft. Weit gefehlt. Angela Merkel beispielsweise fährt sehr gut mit ihrem völlig inhaltsleeren Wahlkampf. Ihr Hauptplakat: Ein Bild der Kanzlerin mit dem Spruch: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ Das öffentlich-rechtliche Radio NOS in den Niederlanden behauptet, die Kanzlerin lasse jede Woche eine geheime Umfrage durchführen, welches Thema gerade wichtig im Volk ist, und wie die herrschende Meinung dazu ist, und dann regiert sie entsprechend, oder äußert sich zumindest so. Kritiker der Kanzlerin behaupten, sie habe überhaupt keine feste, eigene Meinung. Die Plakate könnten das bestätigen.

Jens Bertrams 24.09.201711:24

42 Parteien stehen diesmal zur Wahl. Zum Vergleich: 2002 waren es noch 24. Das klingt eigentlich erst mal gut, doch die Wochenzeitung „Die Zeit“ sieht darin eine massive Zunahme des Individualismus, wie sie in einem sehr interessanten Artikel schreibt. Dieser Individualismus ziehe sich durch die ganze Gesellschaft, niemand sei mehr bereit, Kompromisse einzugehen, dabei sei die Demokratie kein Menü a la Carte, sondern eher ein Buffet, mit dem möglichst vielen Menschen Rechnung getragen werden soll, schreibt „die Zeit“. Damit gibt sie Franz-Josef Hanke und Campact recht, die sich für Kompromisse und das taktische Wählen aussprechen. Sicher: Einige Parteien vertreten wirklich kleine Interessengruppen, aber ist nicht auch die 5-Prozent-Hürde mitschuld? 1983 kamen die sogenannten sonstigen Parteien zusammen auf 0,5 % der Stimmen, 2013 waren es 15,7 %, und ohne FDP und AfD immerhin 6,2 %. Der Trend ist klar erkennbar, aber ich weiß nicht, ob die Lösung ist, nur noch für große Parteien die Stimme abzugeben.

Jens Bertrams 24.09.201711:44

Immer mehr Leute auf Twitter treiben jetzt ihre Follower an, doch noch Wählen zu gehen, noch ist Zeit. Ich sage das schon seit 35 Stunden immer wieder. Die Twittererin Gilda Sahebi schreibt: „Heute ist der letzte Tag, an dem man als Deutscher sagen kann: Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt.“ Es tut weh, das zu lesen. Was würden wohl heute meine Eltern sagen? Meine Mutter würde sich Sorgen machen und resignieren, fürchte ich, obwohl das früher vielleicht mal anders gewesen wäre. Mein Vater würde seinem Ärger lautstark Luft machen. Er würde die AfD-Leute nicht Nazis und nicht rassisten nennen, sondern schlicht Verrückte und Idioten.

Jens Bertrams 24.09.201712:02

Die Hälfte der Wahlzeit ist vorbei! Noch 5 Stunden. Immerhin scheint es, als wäre die Wahlbeteiligung nicht so gering wie bei der letzten Wahl, aber verlässliche Zahlen gibt es erst im Laufe des nachmittags. Ich habe jetzt endgültig mal einen Kaffee aufgesetzt, und gleich werde ich mich ernsthaft ans Aufräumen machen, damit meine Freunde Platz finden bei unserer Wahlparty.

Jens Bertrams 24.09.201712:12

Das internationale Auschwitz Komitee, gegründet Anfang der 50er Jahre von Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz Birkenau, hat vor dem Einzug der AfD in den Bundestag gewarnt. Nach all den Jahrzehnten des mühsamen Schuldanerkenntnisses werde nun der Konsens über das Nicht-Vergessen der Nazigreuel aufgekündigt, heißt es in einer Presseerklärung sinngemäß. Ich kann dies alles nicht begreifen. Meine Eltern machten als Jugendliche die Naziherrschaft mit, sie waren begeistert, später geschockt und noch später schamvoll ablehnend. Sicher: Sie haben immer ihre private Kindheit verteidigt, aber das ist legitim. Doch sie haben mich dazu gebracht, mich so vor der Wiederkehr der Nazis zu fürchten, als hätte ich es selbst miterlebt. Was tun wir, die wir in Wohlstand und Glück leben, im Gegensatz zum Großteil der restlichen Welt, unserem Land an? Was wollen wir denn noch mehr, um zufrieden und glücklich zu sein? Leben wir nicht schon genug auf Kosten Anderer? Warum sehen so viele Menschen das nicht?

Jens Bertrams 24.09.201713:04

Ich bin immer noch nicht dazu gekommen, einen Kaffee zu trinken. Jetzt rufen dauernd meine späteren Gäste an, um mit mir zu koordinieren, wann sie kommen sollen, und wen ich wo abholen soll. Und ein Freund von mir hat Probleme mit seinem Outlook und fragt mich um Hilfe. Es ist dumm, eine Wahlparty zu organisieren ohne Getränke und Knabberzeug, aber es entstand fast spontan. – Nun gut: Eigentlich wollte ich ja von etwas Anderem berichten. Während sich die befürchteten russischen Hacker zurückhalten, macht jetzt die AfD einen riesigen Wirbel und behauptet vorsorglich, es gäbe Wahlbetrug. Vor ein paar Tagen twitterte ein möglicher Linker, er sei zum Wahlhelfer ernannt worden und werde AfD-Stimmen ungültig machen. Sofort wurde ihm nach eigenen Angaben das Mandat wieder entzogen, und man weiß auch nicht, ob der Typ echt war oder eine Provokation der AfD, die sich seither aufregt, sie werde unterdrückt und es gebe Wahlbetrug. Das war doch zu erwarten gewesen, nicht wahr? Ohne Opferrolle ist die AfD nicht glücklich, und so kriegt sie noch ein paar Stimmen in letzter Minute.

Jens Bertrams 24.09.201713:38

Ein interessanter Trend, der vielleicht ein wenig Hoffnung geben könnte. Die Wahlbeteiligung scheint höher zu sein als vor 4 Jahren. Zumindest gilt das für den Westen der Republik. Im Osten dagegen stagniert sie scheinbar, oder geht mancherorts sogar zurück. Nun muss das nicht heißen, dass die AfD-Wähler daheim geblieben sind, aber man wird doch wohl mal träumen dürfen. Für alle die, die sich noch nicht entschieden haben, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt raus zu gehen, die Temperaturen liegen in Marburg bei 15 Grad, also fast angenehm. Ich würde das auch tun, wenn ich nicht dieses Blog am Laufen halten wollte. Allerdings sind jetzt die Stunden, in denen nicht viel passiert, außer dass die Spannung steigt. Gegen die Nervosität habe ich mir gerade tatsächlich den ersten Kaffee des Tages gegönnt. Ich habe ihn recht stark gemacht, offenbar rechnet mein Unterbewusstsein mit einer langen Nacht.

Jens Bertrams 24.09.201713:56

1958 hielt der Schriftsteller Erich Kästner eine Rede, in der er unter Anderem sagte: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf …“ Dies zitierte die Taz in einem Artikel unter dem Titel: Politische Stimmung zur Wahl: Nicht in der eigenen Blase abwarten. Es ist ein richtiger und wichtiger Appell, die Probleme, die die AfD in den Bundestag bringen werden, und auch die demokratiefeindliche Haltung der Ultrarechten jetzt ernstzunehmen und zu bekämpfen. Später ist es zu spät. Deshalb sitze ich hier und schreibe mir einen Wolf. Natürlich ist die AfD *noch* nicht übergroß, noch steht kein Hitler auf, um die Macht zu übernehmen. Aber das war auch 1928 so. Hitler gab es zwar, aber er war nur der Boss einer Splitterpartei, wie Alexander Gauland und Björn Höcke Bosse einer etwas größeren Splitterpartei sind. Wir haben nicht 1933, sondern 1928, aber wir müssen jetzt etwas tun, vor der nächsten Wirtschaftskrise, vor der nächsten Gleichgültigkeitswelle, vor dem nächsten Korruptionsskandal.

Jens Bertrams 24.09.201714:08

Das Recherchekollektiv Correctiv.org hat in einem Beitrag die Fakes am Wahltag benannt. Auf Twitter wird behauptet, in Wahllokalen lägen teilweise Bleistifte aus, mit denen eine Stimme ungültig würde, oder der Bundeswahlleiter habe die Anweisung gegeben, dass man das Kreuz nicht über den markierten Kreis hinaus machen dürfe. Das sind Fakes, die von AfD-Anhängern verbreitet werden, um zu erklären, dass man versucht, die AfD zu unterdrücken. Fakt ist aber: Jeder darf seinen Stift in die Wahlkabine mitnehmen, Bleistifte sind okay, auch Filzstifte zum Beispiel. Und man darf auch über den Kreis für das Kreuz hinaus malen, es muss nur eindeutig einer Partei oder einem Kandidaten zugeordnet werden können. Mit diesen Fakes wird mal wieder Wut und Unsicherheit geschürt. Und es ist eigentlich alles so durchsichtig!

Jens Bertrams 24.09.201714:41

Der Tagesspiegel hat eine Dokumentation über die wahrscheinlichen künftigen AfD-Bundestagsabgeordneten veröffentlicht. Holocaust-leugner, Verschwörungstheoretiker, Umvolkungspropheten, Homo- und Frauenhasser übelster Sorte, Hitlerfans und Judenhasser ohne Ende. Zu all diesen Leuten und deren Aktivitäten gibt es Belege, weil sie selbst ganz offen mit ihrer Gesinnung umgehen und es gar nicht leugnen. Das ist heute wieder in Deutschland möglich. Und in 140 Minuten wird feststehen, dass sie im Bundestag sitzen werden, vielleicht mit 70 bis 80 Rassisten und Menschenhassern. Kann das wirklich wahr sein? Je länger dieser Tag dauert, desto größer wird mein Entsetzen! Deutschland macht es möglich. Aber was wäre, wenn auch nur ein einziger Linker, der mal ein Auto angezündet haben könnte, für den Bundestag kandidiert?

Jens Bertrams 24.09.201714:59

Gerade ist meine Liebste nach Hause gekommen. Sie war wählen, das Wahllokal ist im Kindergarten auf unserer Straße. Zwei alte Damen kamen heraus, als sie hinein ging, ein weiterer herr war mit ihr im Wahllokal. Offenbar war der Andrang mittelmäßig, so die Wahlhelfer. Meine Liebste hat mit ihrer Schablone gewählt, was erstaunlich leicht geht. An uns wird es nicht gelegen haben. Eine Schlange vor dem Wahllokal gab es leider nicht. Anders als vor ich glaube 8 oder 12 Jahren, als wir wählen gingen. Damals war es recht voll.

Jens Bertrams 24.09.201715:03

Gerade hab ich die Zahlen zur Wahlbeteiligung gelesen. Bis jetzt liegt sie um 0,3 % niedriger als 2013. Damals gingen bis 14 Uhr 41,4 % wählen, heute sind es 41,1 %. Die Briefwähler sind da nicht berücksichtigt, sie könnten die niedrigere Wahlbeteiligung ausgleichen. Von einem großen Anstieg kann man aber nicht sprechen.

Jens Bertrams 24.09.201715:14

Bei uns meldet sich ein erster Gast, ein Anderer hat abgesagt. Von jetzt an werde ich zwischen unserer Kaffeetafel und dem Computer hin und her laufen, abe ich bin immer auch halb hier!

Jens Bertrams 24.09.201715:36

Einer unserer gäste ist jetzt da. Aber Politik ist noch kein Thema, es geht um die sogenannte kleine Politik im Blindenverband. Und hier eine kleine Nachricht: Weil es so unendlich viele Briefwähler diesmal gibt, sind die Zahlen der 18-Uhr-Prognose, die vor Wahllokalen erstellt wird, weniger belastbar als früher. Die Zahlen um 18 Uhr könnten – müssen aber nicht – sich von den späteren Hochrechnungen noch signifikant unterscheiden. In diesem Sinne werde ich jetzt mal den Streuselkuchen rausholen.

Jens Bertrams 24.09.201716:40

Inzwischen sind zwei Gäste da, der dritte fehlt noch, aber wir haben schon heftig debattiert. Meine Liebste findet, wir sollten uns nicht so sehr auf die AfD konzentrieren, sondern auch über das Klima reden, das wäre ähnlich wichtig. Da hat sie recht. Unser Gast Thomas erzählte, dass er in seiner näheren Umgebung einen AfD-Wähler hat, der auch Verschwörungstheorien anhängt. Es werden immer mehr. Wir warten jetzt auf das Ergebnis, und während ich dieses Update schreibe, sitzen die anderen drüben im Wohnzimmer bei Kaffee und Streuselkuchen und debattieren die wichtigen politischen Themen.

Jens Bertrams 24.09.201717:10

Mein Gott, ich bin schockiert, und mit mir alle, die hier versammelt sind. Die Prognose um 18 Uhr war furchtbar niederschmetternd. Vorher hatten wir noch spekuliert, dass die SPD vielleicht profitieren könnte davon, dass man gegen die AfD keine Partei wählt, die nicht in den Bundestag kommt. Jetzt ist das alles hinfällig: Union rund 32 %, SPD 20%, AfD knapp 14 %, FDP und Grüne rund 10 % und Linke 9 %. Da ist die Linke, die einzige partei, die sich irgendwie für soziale Gerechtigkeit einsetzt, die schwächste Partei geworden.

Jens Bertrams 24.09.201717:15

Es geht schon los: Hasnain Kazim, Journalist mit Migrationshintergrund, erklärt auf Twitter: „Anonymer AfD-Fan schreibt: „Ab heute gibt es für Leute wie dich nur noch einen Platz in Deutschland: AM GALGEN!!!!“ So weit sind wir wieder. Und die SPD geht in die Opposition, sagt Manuela Schwesig. Das ist wenigstens konsequent. Was für ein schwarzer Tag in Deutschland.

Jens Bertrams 24.09.201718:00

Ich will ehrlich sein: Der ganze Wahlpoker, und ob Jamaika klappt und all das, all das interessiert mich nicht mehr. Ich bin wirklich niedergeschlagen von dem AfD-Ergebnis, und das, obwohl ich mich gut darauf vorbereitet habe. Bianca, Jochen, Thorsten, Thomas und ich haben jetzt lange debattiert. Wir alle wollen gern glauben, dass die AfD im parlament schon genauer beobachtet wird, dass sie eingehegt wird, dass sie sich dann zähmen muss. Wir alle wollen gern glauben, dass sie sich dann ihre rassistischen Attitüden nicht mehr wird leisten können. Wir alle wollen glauben, dass sie in 4 Jahren ihre Wähler enttäuscht haben wird. Doch die Wahrheit ist: Ich glaube es nicht. Alle werden noch mehr versuchen, Politik wie die AfD zu machen, um Wähler von ihr zurück gewinnen zu können. Wir leben jetzt wirklich in einem neuen, einem anderen Deutschland. Viele werden es nicht glauben, ich weiß einige, die sagen werden, ich sehe das zu schwarz. Aber die Zukunft verlangt von uns, wie Bianca sagt, dass wir viel mehr Präsenz zeigen, dass wir kämpfen, dass wir arbeiten.

Jens Bertrams 24.09.201718:08

Die AfD wird wohl 88 Sitze voller Holocaustleugner und Verschwörungstheoretiker stellen. Faschismus ist in Deutschland wieder hoffähig. Das ist eine echte Katastrophe! 23 % Nichtwähler sind zwar weniger als beim letzten mal, aber sie sind die zweitstärkste Kraft im Land, sozusagen. Stärker als die SPD. Was für eine Schande. Wir werden kämpfen müssen, aber wie? Wie kann man gegen diesen Hass, gegen diese Bösartigkeit an?

Jens Bertrams 24.09.201718:51

Franz-Josef Hanke hat schon auf den Erfolg der AfD reagiert. Er prophezeit mehr Arbeit für Demokraten. Damit hat er recht. Auf Twitter rede ich mit Bekannten, die mir sagen, wir müssen zusammen stehen. Und wenn ich sage, ich schäme mich wieder dafür, ein Deutscher zu sein, sagen sie, dass wir die AfD nicht wählten und uns nicht schämen müssen. Wir können und müssen aufrecht bleiben. Meine Liebste sagte gerade, wir müssen Straftaten und andere Übergriffe der AfD-Anhänger viel mehr dokumentieren, damit an der Welt nicht vorbei gehen kann, wenn ein Flüchtlingsheim brennt oder ähnliches. Wir werden kämpfen, und haben wir auch noch so bescheidene Mittel.

Jens Bertrams 24.09.201720:23

Die Elefantenrunde ist vorbei. Neue Erkenntnisse gab es kaum, nur dass Martin Schulz Angela Merkel beim heftigen Debattieren nicht gewachsen ist. Auch die Medien haben weiter nur über die AfD reden wollen, erst später änderte sich das ein wenig. Noch haben sie nicht viel gelernt. Katja Kipping war die vernünftigste, aber Respekt konnte ich auch einigen Anderen abgewinnen.

Jens Bertrams 24.09.201720:26

In 35 Minuten beginnt meine Sendung Candlelight auf http://www.ohrfunk.de – Hören Sie doch zu? Es wird politisch.

Jens Bertrams 24.09.201720:37

Inzwischen ist auch unsere Freundin Mirien eingetroffen. zwei unserer Gäste haben Hunde, und es hat gerade richtig gut getan, mit den Hunden zu spielen. Ich denke an die Musik, die ich gleich spiele, während die Gespräche im Wohnzimmer zunehmend normaler werden. Ausgelassen wäre vielleicht übertrieben, aber normal schon. Das ist auch okay, irgendwie muss man weiter machen. Viel ändern wird sich an den Hochrechnungen ja nicht mehr.

Jens Bertrams 24.09.201720:42

Ich habe alle Ticker und ähnliches abgeschaltet. Jetzt wird es Zeit, mich auf meine Sendung zu konzentrieren. Nur Twitter wird weiterlaufen. Hoffentlich kriege ich das hin, ich bin immer noch geschockt.

Jens Bertrams 24.09.201720:57

In 4 Minuten beginnt meine Sendung. Jetzt heißt es tief durchatmen und mich wappnen. Das Blog bleibt noch bis zum Ende der Sendung geöffnet und auch darüber hinaus, falls es noch neues gibt.

Jens Bertrams 24.09.201721:10

Die Sendung hat begonnen. Heute fühle ich mich aufgeregt wie selten. Ich hab schon vergessen, den Hörern eine Mailadresse zu geben für Reaktionen. Vielleicht sollte ich mich doch erst nach der Sendung um neue Hochrechnungen kümmern.

Jens Bertrams 24.09.201722:24

In meiner Sendung spiele ich Musik für den Widerstand. Ich kriege so langsam mit, dass die Auszählung noch andauert. Auch in Marburg ist die AfD drittstärkste Kragt geworden. Die SPD ist etwas besser als im Bundesdurchschnitt. <a href="http://www.marburg-biedenkopf.de/wahlen/barrierefrei/BT-2017-ZWEIT/wahl.htmlgr014„>Hier das Ergebnis von Marburg.

Jens Bertrams 24.09.201722:30

Vermutlich muss ich gleich doch noch mal nach den Hochrechnungen schauen. Auch über die Sitzverteilung weiß ich noch nichts. Unsere Gäste sind weg, und ich bin noch mitten in der Sendung. Wir haben es nicht mehr geschafft, eine gemeinsame Abschlussrunde zustande zu bringen. Alles etwas chaotisch.

Jens Bertrams 24.09.201722:39

Frauke Petry ist per Direktmandat in den Bundestag gekommen, der rund 690 Mitglieder haben wird und der größte aller Zeiten wird. Und ich freue mich, dass in vielen deutschen Städten kleine Demos gegen den Einzug der AfD stattfinden! Gut so!

Jens Bertrams 24.09.201723:06

Katharina Nokun hat ein kluges Wort zum Wahlsonntag geschrieben. Jetzt müssen kleine Differenzen zurückstehen, um die großen Dinge wie Freiheit und Demokratie zu erhalten. Heute war scheiße, ob es morgen besser wird, liegt allein an uns, meint sie. Und außerdem ist sie nicht sicher, ob die AfD stabil bleibt, da werden wohl noch Rechnungen beglichen, meint die Campaignerin. Aber hilft uns das? Sicher: Das konkrete Problem wäre dann gelöst, vorübergehend, aber der Hass, der sich in unsere Gesellschaft gefressen hat, der dürfte ein langfristiges Problem sein. An dem werden wir gemeinsam arbeiten müssen, von jetzt an bis zu unserem Sieg!

Jens Bertrams 24.09.201723:28

Die Hochrechnung von Mitternacht sieht so aus: Union: 32,9 Prozent, SPD: 20,5 Prozent, Linkspartei: 9,2 Prozent, Grüne: 8,9 Prozent, FDP: 10,7 Prozent, AfD: 12,9 Prozent. Es ist die letzte vor dem Ergebnis heute Nacht. Auf die endgültige Sitzverteilung müssen wir ohnehin noch warten. Es ist wieder still wie am Anfang, wie letzte Nacht, als ich dieses Blog begann. Ich sitze allein hier, meine Liebste schläft, die Sendung ist gelaufen, nur spülen muss ich morgen noch viel, weil meine Liebste wegen einer verbrannten Hand nicht helfen kann. Heute Abend war es ein Schock, und die Gedanken blieben immer bei mir, aber jetzt so langsam sacken die Folgen ein. Es kann nicht so bleiben, wie es war. Sicher, aus meiner zweiten Heimat, den Niederlanden, bin ich diese Situation gewohnt, und dort geht man inzwischen recht locker damit um, dass Rassisten im parlament sitzen. Oder sagen wir relativ entspannt. Hier muss man das erst noch lernen. Es ist ein absoluter Tabubruch, eine echte Zeitenwende. Es betrifft uns alle, die wir uns haben manipulieren oder beiseite schieben lassen. Darüber muss man gründlich nachdenken und dann die Konsequenzen ziehen.

Jens Bertrams 24.09.201723:41

Ich bin müde, ich muss jetzt schlafen, um 7 Uhr ist die Nacht wohl zuende. Und morgen – oder heute – muss ich für den Ohrfunk einen Kommentar zu dieser Wahl schreiben. Hoffentlich fallen mir irgendwelche Worte ein. Vielleicht sollte ich damit anfangen, womit ich jetzt hier aufhöre:
„2000 Menschen demonstrierten allein in Berlin gegen den Einzug der AFD in den Bundestag. Sie störten die Siegesfeier.“ Eine Frau warf ein Ei, sofort war die Polizei da. Passiert das auch, wenn von rechts Eier geworfen werden? Egal. Eigentlich wollte ich nur sagen: Danke für das Engagement. Das macht ein wenig Hoffnung. – Und jetzt höre ich lieber auf, bevor ich im Sitzen einschlafe.
Gute Nacht und kämpft, wenn es sein muss!!!
Jens Bertrams.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

3 Kommentare zu Deutschland vor der Zeitenwende: Mein Liveblog zur Bundestagswahl

  1. Willi sagt:

    Mein Lieber Jens, was meinst Du denn, ziert sich die SPD noch, bevor sie wieder in die GroKo geht? Dass ein Schwarz-grün-gelbes Regierungsprogramm zustande kommt, glaube ich derzeit nämlich nicht.

  2. Goenner sagt:

    AFD-Ergebnis ist solala ok, Linke koennte besser sein (als FDP vor allem), SPD-Opposition ist okay, CDU-Gruene-FDP kacke. Naja alles wie erwartet… ein paar Bierchen geschluerft, geh‘ jetzt pennen.

  3. Hi Willi, sie kommen nicht mehr raus. Sie werden in der Opposition bleiben müssen. In diese Hinsicht eifen sie Gott sei dank ihren niederländischen Kollegen nach. Sie müssen sich in der Opposition sammeln!

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