Warum kracht es in London?

Nach tagelangen Straßenschlachten sieht der londoner Norden aus wie nach einem Bürgerkrieg. Die Gewalt, die Plünderungen kamen plötzlich, und eine Weile wusste niemand, woher.

„Hättest du mir das vor 2 Tagen gesagt, dann hätte ich geantwortet: „No way, das kann nicht passieren.“.“ Das sagte mir Christiane Link in einem Interview für ohrfunk.de. Es ging um die Plünderungen in London, die plötzlich und scheinbar zusammenhanglos auftraten, nachdem die Polizei einen jungen Mann in Tottenham erschoss. Doch diese Plünderungen haben kein politisches Ziel, sie richten sich nicht gegen Regierungsgebäude, Wirtschaftsunternehmen oder andere Einrichtungen des Staates oder des Kapitals. Sie richten sich gegen Geschäfte in der Nachbarschaft, Geschäfte mit Lebensmitteln, Bekleidung, Elektronikartikeln. Und eigentlich richteten sie sich auch nicht gegen Menschen. Es wurde keine Forderung gestellt, es gab keine Koordination, keine eigentliche Planung. Und doch sehen Teile Londons aus wie in einem Kriegsgebiet.

Das britische Parlament debattiert, die Regierung will die Benutzung der sozialen Netzwerke verbieten, weil einige Banden sich über Facebook abgestimmt haben sollen. Soll auch das Telefon, die E-Mail oder das Verfassen von Flugblättern verboten werden? Es sind die üblichen Repressalien gegen unliebsame Mitbürger, die aus dem vorgegebenen Rahmen fallen. Dabei müssten wir nur ein paar Schritte weiterdenken, und wir könnten die Grundprobleme dieser Menschen erkennen. Sie sind unser aller Grundprobleme, diese Plünderer sind wir. Verzerrt vielleicht, aber sie sind, in einem gewissen Sinne, Musterknaben in der Gesellschaft, wie ein Autor mit dem Namen „Mike“ in seinem Blogbeitrag „shopocalypse now“ eindrucksvoll erläutert.

Die Leute, die jetzt in Sportgeschäfte einbrechen oder HiFi-Anlagen stehlen, nehmen die Schießerei vermutlich nur zum Anlass für ihre Plünderungen, weil sie ein guter Aufhänger ist. Mittlerweile haben sich die Krawalle verselbständigt. Die zunächst meist jugendlichen Randalierer sind damit beschäftigt, ihre Steuern zurückzustehlen, sagt Mike. Von klein an sind sie als Konsumenten erzogen, in unserer Gesellschaft verdient nur der Konsument Respekt. Doch wenn es diese Jugendlichen nicht schaffen, einen Job zu bekommen, weil sie sich die teuer gewordene Bildung nicht leisten können, dann können sie die Früchte ihres verpassten sozialen Aufstiegs auch nicht ernten. Als Konsumenten, die Statussymbole brauchen, um sich einen Platz in der Gesellschaft erarbeiten zu können, der weder Prostitution, noch fast unbezahlte Lagerarbeit beinhaltet, nehmen sie jetzt den direkten Weg. Ihr gesamtes Selbstwertgefühl ist seit ihrer Geburt an den Konsum gebunden, sie wurden erzogen einzig und allein in Vorbereitung auf ihren Eintritt in den Wirtschaftskreislauf und in die Konsumgesellschaft. Und all dies, was ihren Wert ausmacht, bleibt ihnen jetzt versperrt. Ein Auszug aus „Shopocalypse now“: „In Cairo, during the uprising, it was the Egyptian youth who linked arms to protect the Museum of Antiquities, the cultural heritage of their long and respected history. Here in London, if any of these kids have been to a museum, it was after being dragged there by force during a field trip (if their school still had the budget or in fact a subject which included things you’d find in a museum). While there, they glumly trudged the halls, occasionally looking over the dusty artefacts of the past with dull eyes. After all, with a smartphone that has wi-fi and full colour interactive gaming, with Twitter, with Facebook, with Bebo, Myspace, Blackberry Messenger and YouTube, how the hell is a museum supposed to hold a young person’s attention unless they’ve been taught to respect and cherish a slow offering up of knowledge and beauty directly proportionate to the attention one pays? These people have been marketed at since birth. They have been groomed in a manner more insidious than the tactics of the most hungry-eyed paedophile. Their sense of self, their very existence, has been mediated by the economy into which they have been prepped for entry.“ Jedes Engagement, jede Erwerbung ist für diese Jugendlichen eine finanzielle Transaktion, jede, auch selbst entwickelte, Subkultur wird auf die Dauer zum Wirtschaftssektor. „Sie wurden als Konsumenten errzogen, nicht als Bürger“, sagt Mike. Wie kann man dann von ihnen bürgerliches Verhalten erwarten, oder die Befolgung von Werten, die für sie nur langweiliges Geschwätz sein müssen? Als Konsumenten leben sie in einer Gesellschaft ohne Gemeinschaftssinn, ohne produktive Arbeit, soziale Fairness, Gerechtigkeit und Gleichheit. Die Regierung verurteilt die Gewalt auf den londonner Straßen, aber gleichzeitig werden die erhöhten Steuern für Kriege in Afghanistan, Irak und Libyen gebraucht, anstatt sie in die eigene Infrastruktur zu stecken. Statt selbst mit vernünftigen Löhnen Waren zu produzieren, wird billige Elektronikware aus China eingeführt, wo sie für einen Hungerlohn hergestellt wird. Gewinn machen die westlichen Unternehmen. Die Lebensmittelmarktketten, die jetzt ausgeplündert werden, haben die heimischen, gut gehenden kleinen Nachbarschaftsbetriebe und Tante-Emma-Läden aus dem Geschäft verdrängt und machen Milliardengewinne. Sie sind die Hauptarbeitgeber in der Gegend und können den Lohn drücken.

So gibt es noch viele Beispiele, und in meiner Zusammenfassung hört sich das alles wie eine plumpe Kapitalismuskritik an. Aber „Shopocalypse now“ hat mich beeindruckt. Fazit ist vielleicht, dass irgendwann, wenn der direkte, der engagierte Protest gegen Fehlentwicklungen einer Gesellschaft bewusst überhört wird, wenn man ihn abtut mit der Arroganz der Mächtigen, die keine Wahl fürchten müssen, weil sie alle demselben obersten Ziel dienen, dem Konsum, dass dann der scheinbar indirekte Protest ausbricht, der sich gegen die direkten Ursachen, gegen das Naheliegende richtet und auf eine Weise vorgetragen wird, die die politisch ungebildeten Konsumenten beherrschen: Auf Konsumentenart nämlich, direkt in den Geschäften.

Wie sollen wir das Verhalten dieser Menschen bewerten? Wenn wir ihnen vorwerfen, keinen Gemeinschaftssinn innerhalb dieser Gesellschaft zu haben, fällt der Vorwurf auf uns selbst zurück. Haben wir sie denn einen solchen Gemeinschaftssinn gelehrt? Haben wir selbst einen, gegenüber den anderen Menschen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gesellschaft? Hat unsere Gesellschaft einen, gegenüber den anderen Gesellschaften auf der Welt?Werfen wir ihnen ein fehlendes moralisches Wertesystem vor, so müssen wir den Vorwurf unserer Gesellschaft machen. Sie ist es, die die Moral des Geldes lehrt, bewusst und unbewusst an Kinder und Jugendliche vermittelt. Sie wünschen, was sie nicht verdienten, und sie nehmen, was ihnen nicht gehört. Aber sind es nicht wir, ist es nicht unsere Gesellschaft, die genau dieses Verhalten vorlebt und von ihren Mitgliedern fordert? Wollen wir nicht das Öl der arabischen Welt, die billigen Arbeitskräfte Asiens und Lateinamerikas? Sind wir nicht bereit, uns mit Gewalt zu holen, was uns nicht gehört, indem wir unsere Freiheit am Hindukusch verteidigen und unsere Demokratie in den Irak und nach Libyen tragen? Ist uns für Kommerz, Konsum und Prestige nicht jede Ausbeutung, jeder Diebstahl recht? Und wenn wir ihnen vorwerfen, den Jugendlichen in London, dass sie die Schwäche Anderer mit Gewalt ausnutzen, dann sind wir es doch, die ihnen dieses Verhalten beigebracht haben. Der finanziell Clevere gewinnt, der, der die besten Tricks beherrscht, der sich eben nicht durch moralische Ketten an seinem wirtschaftlichen und damit gesellschaftlichen Erfolg hindern lässt. Verlierer ist der, der es nicht geschafft hat, der von Schulden trotz Arbeit, oder ohne sie, erdrückt wird, der die Statussymbole nicht besitzt, die er für ein würdiges und respektiertes Leben braucht. Und wenn er sie besitzt, dann besitzt er sie auf Kosten der Gesundheit seiner Kinder. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Silvia Schmidt erzählte mir einmal von Kindern aus armen Familien, die drei Handys besaßen, aber kaum eine warme Mahlzeit kannten.

Aber nicht wir sind es in der Hauptsache, die solche Anforderungen an unsere Kinder stellen. Selbst Eltern, die sich gegen den Konsumtrend stellen, haben kaum eine Chance, denn die Kinder, die ihm nicht folgen, werden gemobbt und ausgestoßen. Es sind die Firmen, die Bedürfnisse befriedigen, die sie zuvor selbstt kreiert haben, die durch Werbung Werte und Notwendigkeiten schaffen, die jeder realistischen Grundlage entbehren. Und Kinder und Jugendliche werden größtenteils vom Fernsehprogramm erzogen, die Eltern müssen schließlich arbeiten, um wenigstens das Abendessen auf den Tisch bringen und die nächsten Raten bezahlen zu können. Raten für Dinge, die nur begrenzt Notwendig sind. Und immer häufiger findet die Arbeit, wenn denn welche vorhanden ist, in mehreren Jobs gleichzeitig statt. Manche bejubeln diese Entwicklung als mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt, aber sie bedeutet neben der fast zwangsläufigen Vernachlässigung des eigenen Nachwuchses eben auch immer mehr Arbeitszeit für immer weniger Lohn. Was für eine Moral, um sie an unsere Kinder weiterzugeben. Und da wundern wir uns über die Krawalle von London?

Nein, ich verteufele die westliche Gesellschaft nicht. Ich übe erlaubte Kritik. Die Tatsache, dass eine Kritik als Verteufelung aufgefasst wird zeigt aber deutlich, wie notwendig diese Kritik ist, und wie sehr sie ungehört verhallt, wie sehr sie von denen ignoriert wird, die die Trendsetter unseres gesellschaftlichen Verhaltens sind.

London ist nicht die erste Stadt mit scheinbar anlasslosen Massenplünderungen. Vor ein paar Jahren trug sich etwas ähnliches in Paris zu. Und es wird wieder und wieder geschehen, bis wir gelernt haben, die Zeichen der Zeit zu erkennen und die Werte in uns selbst wieder zu suchen, die wir von unseren Jugendlichen zu beachten verlangen.

 

P. S.: Inzwischen hat auch Christiane Link einen eigenen Artikel über die Situation in London geschrieben.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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3 Antworten zu Warum kracht es in London?

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  2. Harlenberg sagt:

    die Leute sollen keine Fahrräder (wie Licht, Reifen, Bremsen, Schaltung) und Sachen, wie Kleidung und Schuhe kaputt machen

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