Die Musikplatte ist abgekabelt

So langsam klingt der Tag aus. In den letzten zwei Wochen haben wir viel gearbeitet. 6 Hörspielsendungen, ein Schwerpunkt, jede Woche 1 Candlelight-Sendung, 2 Zeitzonen, jeweils 2 aktuelle Berichte, eine Klangfarbensendung, drei historische Beiträge, 2 Literaturecken, und nebenbei der Anfang einer Arbeit zum Relaunch der Ohrfunkseite. Meine Liebste musste auch für den Blindenbund arbeiten, deren Vorsitzende sie in Marburg ist. Jetzt aber ist alles wesentliche einigermaßen erledigt, und ich könnte mich einfach mal hinsetzen und ein wenig Musik hören, aber meine Festplatte mit der Musik ist abgekabelt. Und obwohl das bedeutet, dass ich jetzt keine Musik höre, freut mich das ungemein.

Morgen werde ich früh aufstehen müssen. Die Zeitzone werde ich heute abend noch produzieren, obwohl ich das sonst immer morgens um 6 mache. Aber morgen werde ich um diese Zeit schon damit beschäftigt sein, einen Kaffee zu trinken, den Müll rauszutragen, noch mal zu spülen oder abzutrocknen, zu schauen, ob alle Fenster geschlossen sind, die letzten Dinge einzupacken. Darunter ist dann auch die Musikplatte, die ich heute abgekabelt habe. Denn morgen werde ich für 4 Wochen die Stadt und das Land verlassen. Endlich ist es wieder so weit: Wir fahren in die Niederlande, wo ich seit 33 Jahren mein zweites Zuhause habe, wo ein Teil meines Herzens für immer zurückgeblieben ist. Das Wetter soll in den nächsten Tagen ja gar nicht gut sein, uns wird es nicht kümmern. Es werden auch schöne Tage kommen, und wir werden sie genießen. Es ist neben dem Jahresfest unseres Freundeskreises der absolute Höhepunkt des Jahres für mich. Es ist eine “sentimental journey home”, eine Heimkehr an einen Ort, wo der Alltagsstress meistens nicht existiert. Von welchem Ort, an dem man mal die Hälfte seines Lebens verbracht hat, kann man das schon sagen?

Mitten im Hochwald, nahe eines Wassersportnaherholungsgebietes, inmitten der vogelreichsten Region West- und Mitteleuropas, liegt unser Urlaubsort Heelderpeel. Das Wort “Urlaubsort” kommt mir nur schwer über die Lippen, weil es sich für mich eben eigentlich nach Heimat anhört, auch wenn ich nur noch wenige Wochen im Jahr dort verbringe. Aber um diese Wochen zu ermöglichen bin ich bereit, auf viele Annehmlichkeiten zu verzichten, damit ich mir das auch finanziell leisten kann. Es ist die reinste Erholung und wohltuende Stille, die ich mir wünschen kann.

Bis ins Jahr 1999 haben wir eigentlich immer den ganzen Sommer dort verbracht. Noch heute fühle ich die Sonne auf meiner Haut, rieche den Duft des Waldes, der anders ist als der Duft des Feldes, den wir riechen, wenn wir nur ein paar hundert Meter ins Umland spazieren. Ich höre die Nachbarn noch Hämmern und Sägen, wenn an ihren kleinen Ferienhäuschen etwas ausgebessert werden muss. Das Radio bringt Popmusik, Nachrichten und Werbung, im See hinterm Haus planschen die Enten und Kinder, und sie jauchzen und lachen. Morgens begann damals der Tag mit fernem Hahnenschrei und dem Jubilieren unendlich vieler Vögel, und das werde ich ab übermorgen wieder erleben. Damals hatten wir dort selbst ein Haus, das meine Eltern gebaut hatten, aber wir mussten es 2006 abreißen lassen, nach 24 Jahren, weil es kaputt war und niemand mehr lebte, der es kostengünstig reparieren konnte. Doch wir können uns nicht trennen und fahren jedes Jahr hin, um dort Urlaub zu machen, wo wir früher jede, absolut jede freie Minute verbrachten. Das Schöne daran ist, dass wir auf der einen Seite nach hause kommen, die vertrauten Dinge wieder erleben, uns darüber freuen, dass auch in diesem Jahr an unserem gemieteten Häuschen, wir mieten immer dasselbe Häuschen, noch ein Spatzennest zu finden ist, dass wir aber andererseits den Urlaub als Urlaub genießen und völlig ohne Alltagssorgen die Zeit verbringen können. Wir können mit Nachbarn plaudern, die wir seit Jahren kennen, wir können ins Restaurant gehen, das neu eröffnet und sich damit verändert hat, wir können die Schönheit des Ortes bestaunen und als völlig
selbstverständlich zugleich erleben.

Morgens werden wir mit den Vögeln aufwachen, ihnen lauschen und uns wieder herumdrehen, wenn wir wollen. Dann werden wir in aller Ruhe frühstücken, und das kleine, dünnwandige Haus wird den Wind und den Regen abhalten, den Schall, die Rufe, das Vogelgezwitscher, den Klang des Oldtimers, der zweimal am Tag vorbei tuckert, aber durchlassen. Wir werden Musik, Bücher und Filme konsumieren, die wir übers Jahr haben liegen lassen, aber wir werden auch viel durch Wald und Feld spazieren, Menschen begegnen, die wir seit 30 Jahren kennen, die ganz normale Dinge erzählen, als wären wir nie weg gewesen.

Und wir werden abends am See sitzen, wo die Frösche ihr Konzert anstimmen, werden uns verzaubern lassen von ihrem alles füllenden gequake, werden bei einem Glas Wein die Herrschaft der Natur genießen.

Ein Computer? Ja, inzwischen reisen wir mit einem Laptop. Früher hatten wir weder Computer noch Telefon dort. Wenn wir anrufen wollten, standen wir manchmal eine halbe Stunde vor der Telefonzelle, bis sie frei war. Damals hat mich das genervt, heute empfinde ich eine wundervolle Nostalgie bei dieser Erinnerung. Also: Ja, wir haben einen Computer, und Freunde von uns lassen uns sogar über ihr WLan ins Internet. Aber das brauchen wir vor allem, um Radio zu hören, und ich werde in diesen Wochen über Mail nicht erreichbar sein. Und ja: Seit es die Telefonzelle nicht mehr gibt, haben wir für den Notfall auch ein Handy, doch es gibt höchstens vier Menschen, die unsere Nummer haben, und sie wissen, dass sie uns nur im Notfall anrufen sollen. Der Alltag ist verbannt.

Morgen gegen 8 Uhr kommt ein Freund von uns. Wir werden unser Gepäck in sein Auto laden, und dann wird es endlich so weit sein. Ich fühle schon, wie der Stress von mir abfällt, auch wenn ich gleich noch eine Sendung produzieren muss. Schon morgen abend könnten wir über den Campingplatz gehen, die kleinen Grillfeuer riechen, Menschen dabei zuhören, wie sie spielen, plaudern und lachen, durch Wald und Feld streifen und das Leben genießen. Und darauf freue ich mich schon jetzt.

Die Musikplatte ist abgekabelt. Wir haben eine riesige Menge an Lebensmitteln eingekauft, weil wir ja kein Auto haben und der nächste Supermarkt rund 6 Kilometer entfernt ist. Alles Andere ist bereits verpackt. Für 4 Wochen wird das marburger Ohrfunkstudio schweigen, aber den Hörern wird es nur begrenzt auffallen, einiges haben wir ja für unsere Urlaubszeit vorproduziert. Alles ist getan, der Urlaub kann beginnen.

Ich wünsche Ihnen und euch eine tolle Zeit, bis wir uns wieder lesen!

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

1 Response to Die Musikplatte ist abgekabelt

  1. Ich wünsche euch einen schönen Urlaub! Genießt die Zeit! Das Wetter wird sich sicher auch noch von der sonnigen und warme Seite zeigen. So, wie du die Örtlichkeit und die Umstände beschreibst, muss es einfach herrlich sein, dort vier Wochen zu verbringen.
    LG Michèle

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