Plädoyer für eine neue Kultur des Erinnerns

In den letzten Tagen erinnerte sich die Welt auf die immer gleiche Weise an das Ende des zweiten Weltkrieges. Es gab Gedenkveranstaltungen mit hochtrabenden Friedensworten, und es gab Militärparaden. Während in den befreiten Ländern das Erinnern an die Befreiung dominierte, galt der Haupttenor in Deutschland der Mahnung vor der Wiederkehr des faschistischen Völkermords. Viele Menschen in Deutschland, die so über Jahre und Jahrzehnte gemahnt wurden, wünschen sich ein Ende der Erinnerung, ein Ende des von ihnen so empfundenen Fingerzeigs auf Deutschland, und genau in diesen Kreisen blüht der neue Revanchismus auf. Will man ihn bekämpfen, brauchen wir eine neue, veränderte Kultur des Erinnerns.

Warum, so fragen intelligente junge Deutsche, müssen wir uns Jahr für Jahr die Greuel unserer Großväter vor Augen führen lassen. Wir, die jungen Deutschen, haben mit diesen Verbrechen nichts mehr zu tun, sagen sie. Sie empören sich darüber, dass die Vorhaltungen und Fingerzeige ausgerechnet von Regierungen kommen, die selbst das Völker- und Menschenrecht mit Füßen treten. CIA-Gefängnisse in Europa und russische Arbeitslager und der Umgang mit Regimekritikern sind hierfür beredte Beispiele. Welches moralische Recht haben sie, oder auch der Staat Israel, mit dem Finger auf Deutschland zu zeigen, fragen sie. Wir geben darauf die immer gleichen, für diese Menschen unbefriedigenden Antworten, dass nämlich das nationalsozialistische Verbrechen ohne Beispiel ist, alles Andere in den Schatten stellt, und dass deshalb eine Mahnung nötig ist, damit es nie wieder ausbrechen kann, um die Völker der Welt zu verschlingen. Und ohne es zu sagen implizieren wir damit, dass es irgendwo in der deutschen Seele verborgen liegt, dass Pegida, Sarrazin und NSU Beweise für die Unbelehrbarkeit des deutschen Geistes sind. So fügen wir in der Diskussion einen neuen, oft allerdings unausgesprochenen Schuldvorwurf hinzu. So verständlich diese Argumente sind, so wenig taugen sie dazu, die Notwendigkeit des Erinnerns über die Generationen hinaus zu erklären, die es erlebten oder direkt davon betroffen sind.

Die Geschichte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zeigt uns heute deutlich, wie Massenbeeinflussung funktioniert, wie Menschen in gruppendynamische Prozesse eingebunden und Stück für Stück enthemmt werden, wie die schweigende Mehrheit durch zunehmenden Druck mit Terror und Repressionen marginalisiert wird, wie ein verbrecherisches System unter den Augen der Öffentlichkeit entstehen kann und die brutalsten Elemente nach oben gespült werden und die Macht über die Anderen erhalten. Die NS-Vernichtungsmaschinerie führt uns vor Augen, wie man eingefleischte, gehorsame Beamte zu Bürokraten des Todes machen konnte, wie Soldaten, für die ihre Ehre der Maßstab aller Dinge war, zu Handlangern der ehrlosesten Verbrechen wurden, und zwar durchaus unter schweren Gewissensqualen. Dies alles können wir verstehen lernen, wenn wir uns erinnern und hören, was Menschen, die damals lebten, uns dazu zu sagen haben. Dieses Verständnis ist wichtig, weil diese Verbrechen heute immer noch geschehen. Sie geschehen im Informationskrieg in der Ukraine und Russland, sie geschehen im Krieg des IS gegen die Staaten der Levante, im Terrorregime in Syrien, bei den Massakern in Nigeria, sie geschehen in Guantanamo, in Palästina und Israel, und an vielen anderen Orten der Welt. Und sie geschehen überall dort, wo sich Menschen anderen überlegen fühlen, die aus einem anderen Land kommen, die eine andere Hautfarbe oder Religion haben, die ein anderes Geschlecht besitzen, eine Behinderung haben oder sich sexuell anders als die Mehrzahl orientieren. Wenn wir beginnen, uns anderen Menschen überlegen zu fühlen, wird die Saat für jene schweren Verbrechen gelegt, an die wir uns erinnern sollten. Diese Verbrechen sind kein deutsches Phänomen, sie geschehen überall auf der Welt, und zwar heute noch. Solange sie aber geschehen, haben wir keinen Grund, uns nicht jener vergangenen Verbrechen zu erinnern, die so gut dokumentiert sind, dass wir daraus etwas lernen können.

Sich an etwas zu erinnern ist nicht gleichbedeutend mit einer Schuldzuweisung. Menschen, die heute lebenden Deutschen eine Schuld zuweisen, handeln aus falsch verstandener und nicht vorhandener moralischer Überlegenheit. Es geht beim Erinnern, wie ich es verstehe, um die Gegenwart, die wir mit dem Wissen um die Vergangenheit verändern können, die wir beeinflussen können. Es geht darum, vorbereitet zu sein, um nicht so einfach manipuliert zu werden. Unabhängig von offiziellen Erinnerungszeremonien sollte dieses Erinnern von jedem Menschen ausgehen. Schon das offizielle Erinnern ist wieder politische Propaganda. Die einen garnieren es mit hochtrabenden Friedensworten, die anderen mit Militärparaden, während überall der Krieg und die Vernichtung anderer Menschen vorbereitet und in die Politik einkalkuliert werden. Deshalb sind wir gefragt uns dessen zu erinnern, was wir auf keinen Fall mehr wollen, überall auf der Welt. Unser Erinnern ist wichtig, denn wer die Schreckensbilder kennt, der möchte verhindern, dass so etwas je wieder geschieht.

So brauchen wir meiner Ansicht nach eine andere Erinnerungskultur. Eine, die nicht von der Politik instrumentalisiert wird, um sich moralisch über Andere zu erheben, sondern eine, die persönlicher ist, die nicht nach der Schuld sucht, sondern nach der Erkenntnis und nach dem Mittel, künftig solche Greuel zu verhindern. Wer sich gebrandmarkt fühlt, ohne selbst Schuld auf sich geladen zu haben, ist kein hilfreicher Mitstreiter gegen Menschenhass und Völkermord. Wenn wir glaubten, dass die Verbrechen des
Nationalsozialismus einzigarttig seien, bräuchten wir uns kaum zu erinnern, denn sie könnten ja nie wieder geschehen. Das Gegenteil ist der Fall: Solche Verbrechen sind immer wieder möglich, und sie geschehen auch heute noch. Der Unterschied ist die Perfektion, die bürokratische Kälte und die Allumfassendheit dieser Verbrechen damals. Kein Regime hat je wieder diesen Grad an organisierter, regulierter Entmenschlichung erreicht. Meistens geschehen Verbrechen des Völkermordes im heißen Herzen, selten mit einem kühlen Kopf. Aber auch diese Art der Entmenschlichung ist heute denkbar. Um dies in der Zukunft zu verhindern, ist die Erinnerung an die Vergangenheit unerlässlich. Nicht bestimmte Menschen, Staaten oder Gruppen sind anfällig für eine menschenverachtende Geisteshaltung, sondern potentiell jeder Mensch. Jeder muss sich erinnern, jeder Mensch ist gefragt, nicht die einen mehr, die anderen weniger. Es gibt keine moralische Überlegenheit per se, es gibt keine besseren und keine schlechteren Menschengruppen. Die Erinnerung an Greuel, Tod, Krieg, Unmenschlichkeit und Terror sollte Allgemeingut sein, überall auf der Welt. Sie sollte Mahnung für die Gegenwart und Zukunft sein. Wir Menschen sind zu solchen Greueltaten fähig. Es ist unser aller Aufgabe, unsere manipulierbare Natur zu zügeln. Dann, vielleicht, können wir wirklich aus der Vergangenheit lernen.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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Comments

1 Antwort zu Plädoyer für eine neue Kultur des Erinnerns

  1. ronald wolf sagt:

    Ja, es gibt die Pflicht für uns Deutsche die Erinnerung zu wahren und die Welt vor faschistoiden Tendenzen zu warnen. Es ist nicht leicht mit so einem geschichtlichen
    Erbe zu leben. Es waren unsere Großväter und Urgroßväter die sich in einen irrsinnigen Krieg hetzen ließen. Wer kann für seine Verwandten die Hand ins Feuer legen, dass sie nicht bei Kriegsverbrechen dabei waren ? Vielleicht verständlich, dass da Einige lieber vergessen wollen. Als DDR-Bürger hatte man das Gefühl zu den Siegern über den Faschismus zu gehören und mit der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft seinen Anteil am Geschichtsgedenken ordentlich zu tätigen. Eigentlich eine gefährliche Betrachtung, denn man stiel sich doch irgendwie aus der Verantwortung für den brutalen Krieg des deutschen Volkes.
    Der Beitrag stellt komplexe Zusammenhänge dar und ich staune immer wieder, was es für kluge und intelligente Menschen gibt. Leider sind die aber in der Minderheit.
    Die nachfolgenden Generationen sind politisch und geschichtlich größtenteils desinteressiert und die Klugen werden durch eine kampagnenartige Mainstreampresse zu Anschauungen geführt, die sie jederzeit wieder in einen Krieg ziehen könnten. Das macht mir Sorgen, ist aber nicht zu ändern.
    Für mich ist übrigens der 8.Mai ohne wenn und aber ein Tag der Befreiung im wahrsten Sinne des Wortes. Für Westdeutsche schwer zu verstehen.
    Gruß aus Sachsen.

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