Dauerbrennerthemen: Eine erstaunliche Beobachtung

Es heißt immer, wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Kein Thema kann so lange im Fokus der Aufmerksamkeit bleiben, dass man es richtig durchdenken und Veränderungen herbeiführen kann. Aber das stimmt gar nicht, fällt mir immer wieder auf.

Geschieht eine Umweltkatastrophe, werden Freidenker ermordet, bereichern sich Firmen ungestraft auf Kosten der Gesundheit vieler Bürger, kommt es in einem Atomkraftwerk zum Supergau, dann kocht es in den Medien hoch. Die Aufmerksamkeit der Bevölkerung wird geweckt, und nichts ist mehr so wie zuvor. Da kommen nach dem Supergau von Fukushima 1000 Menschen zu einer Anti-Atom-Demonstration in meiner Heimatstadt Marburg, und alle stimmen in den Ruf mit ein: Nie wieder Atomkraft. Und was ist vier Wochen später? Da sind es nur noch 10 Leute, denn die anderen beschäftigen sich schon wieder mit dem nächsten Krieg, den schlechten Wirtschaftszahlen, der nächsten Königshochzeit oder dem nächsten Parteienstreit.

Doch halt: Schlechte Wirtschaftszahlen gibt es immer. Jeden Monat, jede Woche geht es der Wirtschaft schlecht, und wir müssen unbedingt was für die Wirtschaft tun. Die Arbeitsagenturen feiern Erfolg auf Erfolg, aber der Wirtschaft geht es schlecht wie nie zuvor. Den Krieg in der Ukraine, die große weltpolitische Herausforderung unserer Zeit in Europa, den haben wir schon fast vollständig verdrängt, aber der Wirtschaft geht es schlecht. Griechenland auch, und auch das hören wir seit 5 Jahren. Es sind also nicht per se alle Themen, die nach kurzer Belichtungsdauer wieder in der Dunkelkammer der Geschichte verschwinden. Natürlich ist es nach 4 Sensationswochen nicht mehr wichtig, dass Flüchtlinge vom
Sicherheitspersonal von Flüchtlingsheimen misshandelt werden, dass im Mittelmeer hunderte hingeschlachtet werden um Europas Außengrenzen zu schützen, dass der nationalsozialistische Untergrund mit Hilfe des Verfassungsschutzes Mord auf Mord verübt hat. Gerade die Verstrickung der staatlichen Behörden, sowohl materiell wie auch moralisch, wird heruntergespielt. Aber dass die Griechen uns unser Geld klauen, dass die Eurokrise nie zu ende geht, und dass die Wirtschaft lahmt und nach Reformen verlangt, obwohl der Export boomt, das wird uns täglich unter die Nase gerieben.

Es geht also. Man kann Themen im Fokus halten, wenn ein bestimmtes Interesse besteht. Sollte es etwa ein propagandistisches Interesse sein? Aber Propaganda zur Meinungsbildung ist eines freien demokratischen Staates doch unwürdig, das gibt es doch nur bei Diktatoren?

Der Kabarettist Volker Pispers wird nicht müde, in seinen Programmen immer wieder zu betonen, dass er seit 30 Jahren Kabarett zu immer denselben Themen macht: Arbeitslosigkeit, Rentenproblematik, Gesundheitschaos, weltpolitische Missgriffe und Krisen, Krieg, Rüstung, Außenpolitik, die Lügen der politischen Klasse und das Primat der Wirtschaft. Das alles ist immer gleich geblieben, so schnell unsere Zeit auch voranschreitet. Ich finde das eine interessante Erkenntnis.

Für mich heißt das: Lassen wir uns nicht einreden, die Welt verändere sich so schnell, dass man nicht mehr mithalten kann. Das ist nämlich quatsch und ein plumpes Ablenkungsmanöver. Die eigentliche Frage unserer Existenz, die soziale Frage, ist immer noch nicht gelöst, wir sind ihrer Lösung in den letzten Jahrzehnten kaum näher gekommen, eher im Gegenteil. Der größte Teil der Welt versinkt in Armut und Hoffnungslosigkeit, der andere Teil der Welt tut so, als sehe er nichts davon und schottet sich ab. Die nächste Hochzeit, der nächste kleinkarierte Skandal, der Streit um einen Tiefbahnhof, um die Strompreise und andere Kleinigkeiten lenkt uns nur ab. Diese austauschbaren Themen lenken unsere Aufmerksamkeit weg davon, dass wir mit bestimmten Themen die ganze Zeit über beschallt werden, und das versucht wird, eine ganz bestimmte Überzeugung in uns hervorzurufen, dass nämlich nur der Neoliberalismus und eine rigide Sicherheitspolitik unser Leben schützen können. Diese Themen sind immer präsent. So sollten auch wir dafür sorgen, dass die Themen, die uns bewegen, immer präsent sind, eben die soziale Frage, die Gerechtigkeit, der Friede, der Respekt und der Kampf gegen die Atomkraft zum Beispiel. Was die können, das können wir auch. Die Welt ist gar nicht so unverständlich, wie viele glauben, weil man es ihnen immer wieder vorbetet. Einige Themen sind immer vorhanden und werden immer behandelt, und zwar auf beiden Seiten der ideologischen Mauern.

Über Jens Bertrams

Jahrgang 1969, Journalist bei www.ohrfunk.de, Fan der Niederlande und der SF-Serie Perry Rhodan.
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